Einbandtext:
Vergil (70-19 v. u. Z.), in der „Aeneis“ Mahner seines Volkes, ruft, nachdem unter dem Kaiser Augustus die Zeit der Wirren überwunden schien, auf: „Du, Römer, bedenke, daß du mit deiner Macht die Völker lenken sollst! In den Frieden sollst du Gesittung pflanzen.“ Und ließe sich fortsetzen nimm alle Mühen auf dich, denen sich einst Aeneas unterwarf, als er ein neues Troja und mit Rom ein Weltreich auf ewig errichtete. Aber dieser Ruf traf längst nicht mehr ein Volk, das vom gemeinschaftlichen Wollen aller beseelt war. Den altrömischen Tugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Fleiß neue Geltung zu verschaffen, auf sie ein Goldenes Zeitalter zu gründen, blieb unter Voraussetzungen, die andere Völker in den Status von Barbaren versetzten und große Teile der Provinzbevölkerung in ein rechtliches Abseits zwangen, eine Utopie. Denn auch der Kaiser selbst sah sich allzu schnell in Widerspruch zur eigenen Propaganda geraten, die den ethischen Postulaten des Dichters Vergil entsprochen hatte, als dieser nach 29 v. u. Z. mit der Ausarbeitung seines Epos begann. Nach späterer Überlieferung habe Vergil die „Aeneis“ dem Kaiser verweigern, sie zurücknehmen wollen, ihre humanistische Botschaft erreicht indessen noch unsere Zeit.
Buchanfang:
ERSTES BUCH
Von Waffentaten erzähle ich und von dem heldenmütigen Mann, welcher der erste war, der, ein Flüchtling, die Küste Trojas verließ, wie es sein Schicksal wollte, und nach Italien kam und am Strand von Lavinium landete. Unablässig trieb göttliche Gewalt ihn um über Länder und Meere, denn noch war der Zorn der grimmigen Juno nicht erloschen. Vieles auch litt er durch Krieg, bis ihm vergönnt war, eine Stadt zu gründen und in Latium den Göttern eine neue Heimat zu geben, die Stadt, aus der das Volk der Latiner und die Vorväter von Alba und schließlich die hochragenden Mauern Roms hervorgingen.
Muse, erkläre mir die Gründe: Welchem göttlichen Willen hatte sich dieser Mann widersetzt, wodurch war die Königin der Götter so tief gekränkt, daß sie ihm, der die Götter doch immer beispielhaft geehrt hatte, so viel Unglück, so viel Leid zu tragen auferlegte? Fühlen denn Himmlische solch unerbittlichen Zorn?
Es war eine uralte Stadt, bewohnt von tyrischen Siedlern: Karthago, gegen Italien hin gelegen und von der Tibermündung weit entfernt, reich an Schätzen und überaus rauh in ihrem Kriegseifer. Es ist überliefert, daß Juno ihrer allein sich angenommen hatte vor allen Ländern, mehr noch als Samos. Hier befanden sich ihre Wehr und hier ihr Wagen. Und diese Stadt zur Herrscherin über die Völker zu machen, wenn es der Lauf der Dinge irgend zuließ, war damals schon der sehnlichste Wunsch der Göttin.
Aber sie hatte auch vernommen, aus trojanischem Blut werde ein Geschlecht erstehen, das dereinst die tyrischen Festen niederreißen sollte; ein Volk werde daraus kommen, das, Herr über weite Gebiete und hochmütig durch Kriegsglück, Libyen den Untergang bringen werde. So laufe der Faden der Parzen. Dies fürchtete die Tochter des Saturn, denn sie entsann sich des einstigen Krieges, den sie, allen voran, für ihr geliebtes Argos vor Troja geführt hatte. Noch immer hatte sie, was sie erzürnte, nicht verwunden .........
Aus dem Lateinischen
Prosaübersetzung, Essay und Namensverzeichnis von Volker Ebersbach
Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig
Reihe: Reclams Universal-Bibliothek, Band 929 ; Belletristik
1. Auflage 1982
2. Auflage 1987
Bücher und Schriftsteller, die in der DDR gelesen wurden. Schaut bitte nicht nur danach, ob hier jeden Tag Beiträge auflaufen, nutzt diesen Blog auch wie ein Lexikon. Er ist ein Langzeitprojekt, da ist es sicherlich verständlich, wenn zwischendurch immer mal wieder pausiert wird. Sei es, um nicht die Lust daran zu verlieren, aber auch, weil die Beiträge auch regelmäßig vorbereitet werden müssen. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Stöbern und Erinnern oder neu entdecken.

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