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16 Februar 2025

Günter Grass: Katz und Maus

Verlagstext:
»... doch soll nicht von mir die Rede sein, sondern von Mahlke oder von Mahlke und mir, aber immer im Hinblick auf Mahlke, denn er hatte den Mittelscheitel, er trug hohe Schuhe, er hatte mal dieses mal jenes am Hals hängen, um die ewige Katze von der ewigen Maus abzulenken, er kniete vor dem Marienaltar, war der Taucher mit dem frischen Sonnenbrand, war uns immer, wenn auch häßlich verkrampft, ein Stückchen voraus und wollte, kaum hatte er das Schwimmen gelernt, später einmal, nach der Schule und so weiter, Clown in einem Zirkus werden und die Leute zum Lachen bringen.« Mit sarkastischer Ironie erinnert sich der Ich-Erzähler in dieser Novelle, die der Westberliner Schriftsteller Günter Grass, geboren 1927, im Jahre 1961 schrieb, an den einst bewunderten Gymnasiasten Mahlke und seine Geschichte. Die »ewige Maus« – das war dessen herausfordernd großer Adamsapfel, Symbol frühreifer Männlichkeit. Mahlke suchte nach Möglichkeiten, diese »Maus« tanzen zu lassen, ohne die »ewige Katze« herauszufordern. Im faschistischen Danzig während der Zeit des Krieges bietet sich ihm schließlich das Ritterkreuz als angemessene Deckung. Daß Mahlke sich damit etwas an den Hals geholt hat, was ihn doch noch, wenn auch gegen seinen Willen und auf mörderische Weise, zum Clown werden läßt, erscheint als tragischer Bodensatz der Novelle, die dank der hohen Erzählkunst von Günter Grass auch heute noch als gültige künstlerische Auseinandersetzung mit dem deutschen Kleinbürgertum in seiner Anfälligkeit für den Faschismus zu lesen ist.

Buchanfang:
... und einmal, als Mahlke schon schwimmen konnte, lagen wir neben dem Schlagballfeld im Gras. Ich hätte zum Zahnarzt gehen sollen, aber sie ließen. mich nicht, weil ich als Tickspieler schwer zu ersetzen war. Mein Zahn lärmte. Eine Katze strich diagonal durch die Wiese und wurde nicht beworfen. Einige kauten oder zupften Halme. Die Katze gehörte dem Platzverwalter und war schwarz. Hotten Sonntag rieb sein Schlagholz mit einem Wollstrumpf. Mein Zahn trat auf der Stelle. Das Turnier dauerte schon zwei Stunden. Wir hatten hoch verloren und warteten nun auf das Gegenspiel. Jung war die Katze, aber kein Kätzchen. Im Stadion wurden oft und wechselseitig Handballtore geworfen. Mein Zahn wiederholte ein einziges Wort. Auf der Aschenbahn übten Hundertmeterläufer das Starten oder waren nervös. Die Katze machte Umwege. Über den Himmel kroch langsam und laut ein dreimotoriges Flugzeug, konnte aber meinen Zahn nicht übertönen. Die schwarze Katze des Platzverwalters zeigte hinter Grashalmen ein weißes Lätzchen. Mahlke schlief. Das Krematorium zwischen den Vereinigten Friedhöfen und der Technischen Hochschule arbeitete bei Ostwind. Studienrat Mallenbrandt pfiff: Wechsel Fangball übergetreten. Die Katze übte. Mahlke schlief oder sah so aus. Neben ihm hatte ich Zahnschmerzen. Die Katze kam übend näher. Mahlkes Adamsapfel fiel auf, weil er groß war, immer in Bewegung und einen Schatten warf. Des Platzverwalters schwarze Katze spannte sich zwischen mir und Mahlke zum Sprung. Wir bildeten ein Dreieck. ........

Einbandentwurf: Lothar Reher

Verlag Volk und Welt, Berlin
Reihe:
›Volk und Welt Spektrum‹ 192
1. Auflage 1984  

17 Februar 2024

Alberto Moravia: Das Paradies – Erzählungen

Verlagstext:
Alberto Moravia, geboren 1907, meistübersetzter italienischer Schriftsteller der Gegenwart, verdankt seine bereits über Jahrzehnte anhaltende Popularität nicht allein dem griffigen, salopp-ironischen Stil seiner Prosa, sondern in gleichem Maße einem ausgeprägten Sinn für aktuelle Probleme, für Themen, die „in der Luft liegen“. Seit seinem aufsehenerregenden Erstling „Die Gleichgültigen“ (1929) hat es Moravia immer wieder verstanden, ein aus der historischen Situation erwachsendes Lebens- und Zeitgefühl in anschauliche Bilder zu fassen. Im „Paradies“ betreibt er die luzid-sarkastische Analyse menschlicher Beziehungen, die durch die Macht der Dinge, die Regeln einer auf Besitz gegründeten Welt, vergiftet sind. Vierunddreißig bürgerliche Frauen kommen hier zu Wort, jede erzählt in der ersten Person ihre Geschichte. Ausgangspunkt ist stets ein gestörtes Verhältnis zur Umwelt, zur Familie, zum Mitmenschen, das in den Frauen seltsame Reaktionen bewirkt. Um sich von Frustrationen und Ängsten zu befreien, um ihre innere Leere und Isolation ertragen zu können, konzentrieren sie sich auf eine fixe Idee, ein Verhaltensmuster, das ihrem Dasein, wenn schon nicht einen Sinn, so doch eine lebbare Form geben soll. Was im einzelnen Fall als eigenartiger Tick erscheinen könnte, wird im Zusammenhang als neurotische Reaktion auf einen unerträglichen Zustand begreifbar. Das Exzentrische erweist sich als das Normale, die heillose Schrulle enthüllt sich als Antwort auf eine defekte Welt

Buchanfang:
Kalkuliertes Risiko
Er sagt oft: „Mach mich nicht wild“, und dann schaue ich ihn an und sehe, daß er alles andere ist, nur kein wildes Tier. Zumindest nicht so eins, wie er es meint, wenn er sagt: „Mach mich nicht wild.“ Er ist ein kräftiger junger Mann, brünett, mit hellen Augen, und er ist so stark behaart, daß die Haare seine Armbanduhr am Handgelenk überwuchern; aber er ist ein gesitteter, beherrschter, höflicher, wohlerzogener Mensch. Gekleidet wie ein Künstler, wenn man so will, mit Pullover, Anorak, Niethosen, Wildweststiefeln; aber alles neu, picksauber, wie bei einer Schaufensterpuppe in einem Konfektionsgeschäft. Ich sage zu ihm: „Was heißt wild, wo ist da was Wildes? Weißt du, was du bist? Ein Kavalier aus dem achtzehnten. Jahrhundert, ein Galan, ein Schönling. Dir fehlt nur noch der Degen an der Seite, die Perücke mit den langen Haaren hast du ja schon.“ Immerhin sage ich all das ohne Boshaftigkeit, als herzlich zugetane, verliebte Ehefrau, die ich ja bin.
Aber ich langweile mich bei ihm; und wenn wir sonntags geruhsam Arm in Arm spazierengehen, dann merke ich, daß mein Blick unwillkürlich in der Menge umherschweift und nach anderen Gesichtern, anderen Physiognomien Ausschau hält. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Der da, der mit der niedrigen Stirn, der gebogenen Nase und dem breiten, hin und wieder zuckenden Kinn, würde der mir eine Ohrfeige geben? Oder der andere da, der mit dem hageren, bleichen, ausgemergelten Gesicht, dem lippenlosen Mund, der schmalen Nase und den stahlgrauen Augen, würde der mir ganz langsam den Arm umdrehen, bis mir vor Schmerz die Sinne schwinden? Fast als erriete er meine Gedanken, spüre ich ab und zu an meinem Arm, daß sich seine mächtigen Muskeln (er ist stark, bärenstark, er trainiert dauernd, auf dem Sportplatz, im Schwimmbad, auf dem Tiber) erregt straffen. Sie ziehen sich zusammen, als wollten sie mir sagen: Wir sind da, gib acht, wir sind wirklich da. Aber ich bin nahe daran, die Achseln zu zucken: Ach, da wäre was anderes vonnöten als ein paar gestraffte Muskeln.

Titel der Originalausgabe: IL PARADISO
Aus dem Italienischen von E.-A. Nicklas
Einbandentwurf: Lothar Reher

Verlag Volk und Welt, Berlin
Reihe:
Volk und Welt Spektrum Nr. 58
1. Auflage 1973
2. Auflage 1974

28 Januar 2024

Erzsébet Galgóczi: Der Krieg ist lange vorbei | Minenfeld – Zwei Fernsehspiele

Der Krieg ist lange vorbei, und doch liegt sein Schatten über dem Leben zweier Frauen. Die 25jährige Annus lebt einsam auf dem Dorf, kein Bursche wagt es, sich mit dem hübschen Mädchen in der Öffentlichkeit zu zeigen, denn ihre Mutter ist eine Zuchthäuslerin. Vor zwanzig Jahren, im ersten Weltkrieg, soll sie gemeinsam mit ihrem Liebhaber, einem italienischen Kriegsgefangenen, ihren Mann umgebracht haben, als er von der Front auf Urlaub kam.
Auch Frau Töröks Mann mußte in den Krieg ziehen, in den zweiten Weltkrieg. Er ist nicht wiedergekommen, wie viele Männer des Dorfes, aber Frau Török lebt 15 Jahre hindurch nur in der Hoffnung auf seine Rückkehr. Als ihr Sohn Jani den Boden in die LPG einbringen will, kommt es zum Konflikt. Frau Török, für die ein Verzicht auf das Land den Verlust jeder Hoffnung bedeuten würde, hebt die Axt gegen Jani.
Die Entscheidung des Mädchens Annus, die nach 20 Jahren – in einem Augenblick, da sie die Möglichkeit für ein eigenes bescheidenes Glück sieht – ihrer Mutter gegenübersteht, sowie die Gerichtsverhandlung gegen Frau Török sind der Inhalt der beiden Fernsehspiele, die mehr zeigen als das durch den Krieg zerstörte Leben zweier Frauen. Denn Erzsébet Galgóczi veranschaulicht auch die Wandlung des ungarischen Dorfes und der zwischenmenschlichen Beziehungen, der gesellschaftlichen Verhältnisse also, die sich u. a. in der sozialistischen Rechtssprechung spiegeln.
Erzsébet Galgóczi, Erzählerin und Dramatikerin, 1930 in einem nordungarischen Dorf geboren, studierte Dramaturgie und arbeitete dann für Presse und Film. Sie debütierte mit Novellen. Für ihre Werke u. a. den Erzählungsband „Fünf Stiegen aufwärts“ (1965), die vor allem Probleme des neuen sozialistischen Dorfes behandeln, erhielt sie den Attila-József-Preis.

Originaltitel: Aknamező
entnommen dem Band Inkább fájjon,
Régen volt a háború erschienen im Verlag Szépirodalmi Könyvkiadó, Budapest 1969

Aus dem Ungarischen von Ita Szent-Iványi
Einbandentwurf: Lothar Reher

Verlag Volk und Welt, Berlin
Reihe: Volk-und-Welt-Spektrum Nr. 38 

1. Auflage 1971 

Jannis Ritsos: Was für seltsame Dinge – Roman?

Verlagstext:
Die kleinen Dinge des Alltags zu erfassen, im scheinbar Nebensächlichen den Keim des Wesentlichen zu endecken – eine mühevolle, aber beglückende Aufgabe, der sich nur ein Dichter zu unterziehen wagt. Um »das Komplizierte und Unendliche, das Tyrannische und Bewunderungswürdige der äußeren und inneren Welt« zu ergründen, formte Jannis Ritsos aus der Fülle seiner Erinnerungen und aus aktuellen Eindrücken ein farbiges Mosaik, das Spiegelbild seines eigenen, bewegten Lebens ist. Immer wieder sind es die geringfügigen, die unbeachteten Dinge, die Erlebtes wachrufen und den Sinn für das Grundsätzliche schärfen: ein Stuhl, ein Schuh, ein Vogel, die Papierdrachen in den Bäumen, die Regentropfen auf den Zeltdächern der Verbannten von Ai-Strati und die Blüten im Schaufenster des Athener Blumenhändlers Stephanos.
Was für seltsame Dinge, die, von der Phantasie verzaubert, neue Dimensionen erhalten. Was für seltsame Dinge, die, ihrer Nichtigkeit entrissen, dem Betrachter Vergangenes wie Gegenwärtiges nahebringen.
Der griechische Dichter Jannis Ritsos bezeichnete sein tiefgründiges Selbstgespräch als »Roman«, versah diese Genrebezeichnung aber sogleich mit einem Fragezeichen. Er wurde 1909 in Monemwassia auf der Halbinsel Peloponnes geboren. Im Verlag Volk und Welt erschienen seine Gedichtbände »Die Wurzeln der Welt« (1970), »Kleine Suite in rotem Dur« (1982) und »Erotika« (1983).

Buchanfang:
Dieses und das andere
Seltsame Dinge sind es, ganz ohne Sinn, völlig unbedeutend, nenn sie dumm; und trotzdem, ich weiß nicht wie und warum, haben sie für mich eine gewisse nein, nicht nur eine gewisse, sondern eine große, einzigartige Bedeutung: Die Tatsache, daß sie unbedeutend (und seltsam) sind, zwingt mich vielleicht nicht, nach Sinninhalten, Ideen, Zielen, Erklärungen, Rechtfertigungen, Spitzfindigkeiten, Pflichten, Einschränkungen, Verboten zu suchen. Ich begaffe sie bloß und erhole mich dabei. Als schliefe ich und all dies geschähe von selbst, ohne mein Eingreifen, selbst dann, wenn sie mich betreffen, wenn sich zwischen meinen Beinen Bindfäden verstricken, Kisten, Steine, Wasser, ein Fangeisen, ein alter Papageienkäfig, ein harter, vorsintflutlicher weißer Stehkragen mit Rostflecken, ein abgeschnittenes Hühnerbein, das lustig die Krallen bewegt; damals in der Sommerfrische, zu Mittag, im großen Weinberg (was für ein Licht, und diese Zikaden, auch ein Rebhuhn gab es und einen kleinen Fluß, ertränkt in Korbweiden und Brombeersträuchern), damals also zerrten wir an dem oberen Ende des Hühnerbeins, wir zupften an der harten Haut, an den Nerven (oder an den Sehnen – ich weiß nicht, wie sie heißen), ja, und sie bewegten sich sehr lustig, die Krallen mit den langen, krummen Nägeln – Bewegungen waren das, als bekreuzigten sich Greise – nein, nein, es war eher wie ein komisches Nachäffen dieser greisenhaften Gebärden, als verscheuche man eine Fliege von der Stirn einer kranken, ......

Aus dem Neugriechischen von Thomas Nicolaou
Einbandentwurf: Lothar Reher

Verlag Volk und Welt, Berlin
Volk-und-Welt-Spektrum Nr. 200

1. Auflage 1985 

19 Juli 2023

Wladimir Makanin: Der Ausreißer

»Bürger Ausreißer« nennen den 50jährigen Kostjukow die Hubschrauberpiloten, die ihn seit Jahren in die entlegensten Winkel des Landes bringen. Auf der Flucht vor zu intensiven Bindungen stürzte sich Kostjukow in immer neue Abenteuer. Keiner Arbeit verschrieb er sich je mit Haut und Haaren, keine Frau konnte ihn halten. Wenn es zu heiß wurde, machte er sich aus dem Staub. Nur seine unehelichen Söhne sind ihm ständig auf den Fersen, verlangen Geld oder wollen einfach in der Nähe ihres romantischen Idols sein. Erst kurz vor seinem Tod findet Kostjukow die Kraft, sich einzugestehen, daß seine Berührungsängste stets alles zerstört haben. Nun quält ihn der Gedanke, nicht einmal zu elementaren menschlichen Kontakten fähig gewesen zu sein.

Wladimir Makanin (geb. 1937) lebt in Moskau und hat sich in den letzten Jahren zu einem der interessantesten sowjetischen Gegenwartsautoren profiliert. Seine Werke lösen bei Lesern und Literaturkritik oft heftige Debatten aus. In der DDR sind bisher seine Romane »Alte Bücher oder Das Porträt einer jungen Frau«, 1979, »Der Wunderdoktor«, 1984, und »Der Mann mit den zwei Gesichtern«, 1986, sowie die Erzählungen »Der Mann aus der ›Suite‹«, 1985, und »Wo der Himmel die Hügel berührt«, 1986, erschienen. Ursprünglich ein Schüler Juri Trifonows, sieht Makanin die Problematik des Großstadtalltags aus dem Blickwinkel der nachrückenden Generation. Er bringt seine Figuren meist in ungewöhnliche Situationen, die sie aus ihrem eingefahrenen Trott herausreißen und über ihr bisheriges Leben nachdenken lassen. Makanin erzählt mit ironischer Distanz, ohne dabei seine innerlich zerrissenen Helden zu denunzieren.

Inhalt
Der Ausreißer • Deutsch von Ingeborg Kolinko
Kljutscharjow und Alimuschkin  • Deutsch von Ingeborg Kolinko
Der Fluß mit der reißenden Strömung  • Deutsch von Harry Burck
Der Antileader  • Deutsch von Ingeborg Kolinko

Aus dem Russischen von Harry Burck und Ingeborg Kolinko

Verlag Volk und Welt, Berlin
Spektrum Nr. 221

1. Auflage 1987  

Michael Krüger: Warum Peking? • Wieso ich? – Zwei Erzählungen

Die Helden dieser beiden satirischen Erzählungen sind Opfer mütterlicher Intensiverziehung. Unruhig, intelligent, aber ohne Ambitionen, bleiben sie unfähig, ihr Leben zu meistern.
Total verstrickt sich der China-Reisende in eine Kette unglücklicher Zufälle. Gerade er, der kaum einen Satz von Konfuzius gelesen hat, soll vor einem internationalen Gremium über den großen Philosophen sprechen. Nichts, selbst eine perfekte Akupunktur nicht, versetzt ihn in die Lage, diese Aufgabe durchzustehen. Erfolgreich ist er nur als geistiger Vater der Dissertation seiner Geliebten. Der Lohn: sie wird befördert, er bleibt allein zurück.
Mit äußerster Kraftanstrengung rettet sich der geplagte Ich-Erzähler des zweiten Textes nach Bayern, weit fort von seinen drei altjüngferlichen Schwestern und der despotischen Mutter. Er schlägt sich als Sekretär bei einem Insektenforscher durch, bis ihn eines Tages der Tod der Mutter aus seinem Trott reißt. Die hämischen Schwestern verlangen, daß er die Totenrede hält: »Wieso ich?«
Zweimal bundesdeutsches Intellektuellenelend von Michael Krüger (geb. 1943), Schriftsteller und Verleger aus München, tragisch-skurril verpackt, so daß man »trotzdem lacht«.

Verlag Volk und Welt, Berlin
Spektrum Nr. 251

1. Auflage 1989

Wolfgang Koeppen: Jugend

Wolfgang Koeppen (geb. 1906 in Greifswald) wird auf der Literaturszene der BRD als Einzelgänger teils beschrien, teils bewundert. Die Erzählung „Jugend“ ist seit seinen gewichtigen Romanen „Tauben im Gras“ (1951), „Das Treibhaus“ (1953), „Der Tod in Rom“ (1954) und einigen literarischen Reisebüchern Koeppens erste größere Arbeit nach langer Zeit des Schweigens.
Eine muffige Kleinstadt, in der nicht nur der Mörtel von den Fassaden bröckelt, untertänig beschränkte Beamtenmoral, eine auf sturen Drill orientierte Erziehung, die Novemberrevolution (als Abenteuer und Keim einer alternativen Zukunft erfahren), die Kintopptraumwelt und expressionistische Literatur – diesen Taumel erregender Eindrücke gestaltet Koeppen als einen Balanceakt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Hoffnung und Angst.
Hinter dem Titel „Jugend“ verbirgt sich kein autobiographischer Bericht. Das „Ich“ der Erzählung spricht nicht für Koeppen allein, es spricht für die Jugend seiner Generation. „Ich glaubte damals aufzuwachen, aber die Wahrheit ist wohl, daß mein Schlaf sich in einem Traum verlor.“ Dieser Traum ist ein Alptraum, wenn er sich erinnert, und eine düstere Ahnung von „großen Untergängen, die kommen sollten“.
Die Ideale und Hoffnungen der Jugend blieben unerfüllt, die Untergänge kamen. In der Zeit des Faschismus wie in der Zeit des kalten Krieges verstummte Koeppen zeitweise. Aber immer wieder meldet sich der Humanist und Mahner mit bedeutenden literarischen Leistungen zu Wort. Die Erzählung „Jugend“ ist ein Dokument der aufbrechenden bürgerlichen Jugend unseres Jahrhunderts, ihres bedingungslosen Hoffens über die Zeitläufe und zugleich ein Beispiel hoher Sprachkunst.

Verlag Volk und Welt Berlin
Spektrum Nr. 117

1. Auflage 1978

20 Oktober 2022

Autorengemeinschaft: Das verhaßte Alter. Erzählungen

Sechs zeitgenössische Erzähler aus Japan, deren Bedeutung in ihrer Heimat unumstritten ist, kommen in diesem Band zu Wort. Gegenstand ihrer zwischen 1931 und 1970 erstmals veröffentlichten Prosatexte ist die gefährdete, zerrüttete oder eben erst entstehende Beziehung zwischen Menschen – Eheleuten, Liebenden, Jungen und Alten, Angestellten und Dienstherren. Charakter, Ton und Atmosphäre der sechs Erzählungen sind denkbar unterschiedlich. Neben der lyrisch verhaltenen Schilderung steht die klinisch nüchterne Bestandsaufnahme, die kritisch-realistische Beobachtung, die subtile, unterkühlte Beschreibung. Erstaunlich unsentimental und mit deutlichem Gespür für Zwischentöne gestalten die Autoren komplizierte psychische Situationen, wobei sie sich der Verletzlichkeit jeder menschlichen Beziehung bewußt sind. Die Gedanken und Gefühle der in der Wirklichkeit des modernen Japan verwurzelten Figuren sind für uns nicht immer nachvollziehbar, und ihre uns weitgehend unbekannte Welt mutet zuweilen exotisch an. Die Texte sind charakteristische Beispiele japanischer Erzählkunst, in ihnen haben sich die ästhetischen Auffassungen japanischer Autoren zur modernen Kurzprosa niedergeschlagen.


Buchanfang

Masuji Ibuse

Leben bei Herrn Tange

Herr Tange züchtigte seinen Diener. (Herr Tange ist siebenundsechzig, sein Diener siebenundfünfzig.) Der hinfällige Alte erlaubte sich fortwährend Nickerchen am hellichten Tage, und Herr Tange sagte, man müsse ihn dazu bringen, sich gründlich zu ändern. Nie zuvor hatte ich Herrn Tange so aufgebracht gesehen.

Um die Ecke des Badehauses spähend, beobachtete ich den Verlauf der Züchtigung. Herr Tange holte drei Strohmatten aus dem Schuppen und breitete sie unter dem Dattelpflaumenbaum auf dem Boden aus. "Leg dich auf die Matten!" herrschte er den Diener an.

Der klammerte sich fest an den Baumstamm; vor Aufregung stand ihm ein wenig Schaum vor dem Mund. Eine Züchtigung, selbst in einer so abgelegenen ländlichen Gegend, ist eine sehr ernste Sache. Herr Tange zog einen Tabaksbeutel aus der Schärpe des Dieners und legte ihn auf die Matte. Dann sagte er ernst: "Du legst dich hierher, auf den Rücken, und rauchst deine Pfeife. Wir sehen dir dabei zu. Das tust du ja ohnehin immer, nicht wahr – legst die linke Ferse oben auf den Knorren des Dattelpflaumenbaums, streckst dich aus, legst die rechte Ferse auf das linke Schienbein und schmauchst gemütlich bis zum Einbruch der Dämmerung. Wir werden uns also jetzt dorthin stellen und dir zusehen, wie du großartig deine Pfeife rauchst. Wagst du es etwa, dich nicht ganz schnell dorthin zu legen, obwohl ich es dich heiße?"

Der Diener, einen Arm dorthin pressend, wo der Tabaksbeutel in der Schärpe gesteckt hatte, und sich mit dem anderen an den Dattelpflaumenbaum klammernd, traf keine erkennbaren Anstalten, dem Befehl zu gehorchen ...


Über die Autoren:

Furui, Yoshikichi 1937 in Tokyo geboren. Studium der Germanistik an der Tokyo-Universität, 1960 Abschluß. Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Rikkyo-Universität, Übersetzung einiger Werke Brochs und Musils. Seit 1970 freiberuflicher Schriftsteller. Schrieb Romane ("Yoko", 1971; "Flammender Kamm", 1974 u. a.), Erzählungen und Kurzgeschichten.

Ibuse, Masuji 1898 in Hiroshima geboren. Studium der französischen Literatur an der Waseda-Universität und der Malerei an der Kunstakademie, Tokyo. Veröffentlichte seit 1923 zahlreiche Kurzgeschichten und Erzählungen sowie Romane ("Usaburo, der Schiffbrüchige", 1956; "Schwarzer Regen", 1965 u. a.), Essays, Gedichte. Wurde mit verschiedenen Literaturpreisen geehrt.

Kono, Taeko 1926 als Tochter eines Kaufmanns in Osaka geboren. Besuchte das College für Frauen in Osaka. Abbruch ihrer Ausbildung durch den Krieg, Arbeit in einem Rüstungsbetrieb. Begann nach Kriegsende zu schreiben. Veröffentlichte Romane (»Hinter den Mauern«, 1962; »Der Dunst des Grases«, 1969; »Die Drehtür«, 1970 u. a.) sowie fünf Kurzgeschichtenbände.

Niwa, Fumio 1904 als Sohn eines buddhistischen Priesters in Yotsukaichi, Präfektur Mie, geboren. Studierte 1926-1929 japanische Literatur an der Waseda-Universität. Wurde buddhistischer Priester in seiner Heimatstadt. Seit 1932 freiberuflicher Schriftsteller in Tokyo. Scheiterte an den faschistischen Zensurbestimmungen, seit Mitte der dreißiger Jahre bis 1945 keine Veröffentlichungen. Verfaßte Erzählungen, Kurzgeschichten und Romane (»Der Buddhabaum«, 1956; »Ein Weg«, 1966; »Shinran«, 1969 u. a.). Herausgeber der Literaturzeitschrift Bungakusha, Präsident der Japanischen Schriftstellervereinigung.

Oe, Kenzaburo 1935 in Ose, Präfektur Ehime, auf Shikoku geboren. Studierte französische Literatur an der Tokyo-Universität. Veröffentlichte als Student seine ersten Erzählungen (»Ein seltsamer Job«, 1957; »Der Stolz der Toten«, 1957). Sein umfangreiches, mehrfach preisgekröntes Werk umfaßt außer Kurzprosa Romane (»Knospen abreißen, Kinder erschießen«, 1958; »Unsere Zeit«, 1959; »Eine persönliche Erfahrung«, 1964; »Der stumme Schrei«, 1967 u. a.), die Reportage »Notizen über Hiroshima« (1965) sowie die Essaysammlung »Phantasien im Atomzeitalter« (1970).

Yasuoka, Shotaro 1920 in Kochi auf Shikoku als Sohn eines Militärarztes geboren. 1931 Übersiedelung nach Tokyo. Seit 1941 Studium an der Keio-Universität. 1944 Militärdienst, wegen Krankheit entlassen. Veröffentlichte Kurzgeschichten, Essays, literaturkritische Arbeiten sowie den Roman »Blick auf den Strand« (1969).


Inhalt

5 .... Masuji Ibuse - Leben bei Herrn Tange / Übersetzt von Ingrid Rönsch

22 .... Fumio Niwa - Das verhaßte Alter / Übersetzt von Monique Humbert

58 .... Shotaro Yasuoka - Die Frau des Pfandleihers / Übersetzt von Liane Wagner

69 .... Kenzaburo Oe - Agui, das Himmelsungeheuer / Übersetzt von Ingrid Rönsch

110 .... Taeko Kono - Fleischbröckchen / Übersetzt von Ingrid Rönsch

129 .... Yoshikichi Furui - Ehebande / Übersetzt von Ingrid Rönsch

192 .... Über die Autoren


Verlag Volk und Welt, Berlin 1981
Aus dem Englischen von Ingrid Rönsch, Monique Humbert und Liane Wagner
1. Auflage

Die Erzählungen wurden mit Genehmigung folgender Autoren und Verlage den nachstehenden Quellen entnommen:

Masuji Ibuse, Leben bei Herrn Tange aus: Masuji Ibuse, Lieutenant Lookeast, Kodan sha International LTD., Tokyo 1971; Copyright © 1971 by Kodansha International LTD. Fumio Nivea, Das verbaßte Alter aus: Nippon. Moderne Erzählungen aus Japan von Mori Ogai bis Mishima Yukio. Auswahl und Einleitung von Ivan Morris, Diogenes Verlag. Zürich 1956: UNESCO Collection of Represen- tative Works UNESCO (einschließlich deutscher Übersetzung). Shotaro Yasuoka, Die Frau des Pfandleibers aus: New Writing in Japan. Edited by Yukio Mishima and Geoffrey Bownas, Penguin Books Ltd., Harmondsworth 1972; Copyright © Geoffrey Bownas and the Estate of Yukio Mishima, 1972. Kenzaburo Oe, Agui, das Himmelsungeheuer, Tacko Kono, Fleischbückchen und Yoshikichi Fumi, Ele bande aus: Contemporary Japanese Literature. Edited by Howard Hibbett, Alfred A. Knopf, New York 1977; Copyright © 1977 by Alfred A. Knopf, Inc.

DDR 3,60 M
Spektrum Nr. 156

05 April 2022

Elias Canetti: Der Ohrenzeuge - Fünfzig Charaktere

Charakter-Bilder stehen als literarische Form in einer langen Tradition. Theophrast, La Bruyère, Balzac geben mit ihren Typisierungen soziologisch aufschlußreiche Bilder ihrer Zeit. Auch Elias Canetti (geb. 1905) reiht sich mit Charakteren wie "Der Namenlecker" oder "Der Hinterbringer" in diese Tradition ein. Sie sind leicht erkennbare Grundtypen einer Gesellschaft, die nur noch dem Eigennutz verpflichtet ist. Mit anderen Charakteren - mit dem "Schadenfrischen" etwa, dem "Papiersäufer" oder dem "Vermachten" - bevölkert Canetti ein Panoptikum: skurrile Typen, schwer zu entschlüsseln, scheinbar nicht von dieser Welt. Dann aber, auf den zweiten oder dritten Blick lassen sich auch diese Fabelwesen entziffern. Es sind bewußt überzeichnete Deformationen bürgerlicher Endzeit. Canetti führt Zweibeiner vor, deren ganzes Leben und Auftreten von einer einzigen alles überwuchernden Funktion bestimmt wird. Die Rolle, die sich das Individuum in einer deformierten Welt zulegen mußte, weil sie ihr durch die gesellschaftlichen Verhältnisse aufgezwungen worden ist, hat sie verstümmelt.

Die Marionetten und Lemuren dieses Buches sind nur scheinbar zeitlos, und das verbindet sie mit den anderen Gestalten von Elias Canetti. Wie schon in seinem Roman "Die Blendung" (Volk und Welt 1969 und 1974) sind die vorgestellten, in einem engen Verhaltenskorsett sich bewegenden Typen Opfer einer illusionären Bürgerwelt. Wieder erweist sich Canetti als der Schriftsteller hohen Ranges, von dem schon seinerzeit Thomas Mann angetan war - wegen der "erbitterten Großartigkeit seines Wurfs, seiner dichterischen Unerschrockenheit, seiner Traurigkeit und seinem Übermut".

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1976
Spektrum
 

20 Januar 2022

V. Schklowski, J. Tynjanow u.a.: Sprache und Stil Lenins. Sechs Essays

Majakowski fand Lenins Forderung nach überlegtem Umgang mit der Sprache, nach exaktem Ausdruck, nach Synthese von Volkstümlichkeit und hohem Anspruch an Verstand und Gefühl des Hörers auch für die literarische Arbeit vorbildlich. Schon früh verkörperten Lenins Arbeiten die neue Qualität sozialistischer Literatur, "die Tatsachen zu entwirren, die Welt zu systematisieren". 1924 regte er sechs sowjetische Schriftsteller und Philologen zu einer Untersuchung der Sprache Lenins an.

Die faszinierenden politischen Analysen und Prognosen Lenins standen immer wieder im Zentrum der sowjetischen Lenin-Darstellung: von Majakowskis Poem und Gorkis Porträt bis zu Jutkewitschsw Film "Lenin in Polen" oder Schatrows Dokumentarstücken. Gorki empfand die materielle Gewalt seiner Argumentation und Polemik, als käme sie "nicht von ihm, sondern als spräche wirklich durch ihn die Geschichte".

Die sechs Essays untersuchen Sprachgewalt und rhetorische Kunst Lenins an Hauptwerken sozialistischer Programmatik und Gesellschaftsführung. Sie zeigen für Komposition, Satzbau und Wortwahl, was Tynjanow als Fazit seiner Arbeit formulierte: "Lenins polemische Prinzipien, die im revolutionären Kampf entstanden, waren eine Revolution auch auf dem Gebiet der Rhetorik und des Zeitungsstils."

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1970
Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Fritz Mierau
Aus dem Russischen von Inge Bandoly, Leon Nebenzahl, Gerhard Neusser, Brigitta Schröder
Einbandentwurf: Lothar Reher
Spektrum

 

19 Juni 2021

E. A. Whitehead: Alpha Beta / Barry Hines: Der Teilhaber – Zwei Stücke

Alltagsbegebenheiten auf der Bühne – und was könnte alltäglicher sein als eine auf den Klippen sozialer und emotionaler Frustration scheiternde Ehe, als ein Kohlentrimmer, dem die Arbeit Spaß macht? „Ich habe jeden Grund zur Scheidung! Ich bin verheiratet!“ verkündet der Möchtegern-Playboy in E. A. Whiteheads Tragikomödie. „Ich bin mein eigner Boß, kann mit meiner Zeit machen, was ich will. Das reicht grade zum Leben, und ich bin zufrieden“ – diese Maxime setzt der Kohlentrimmer Billy im parabel-ähnlichen Stück von Barry Hines der demonstrativen Wohlstandstüchtigkeit entgegen. Alltagsbegebenheiten in einer Welt, in der das Image wichtiger ist als das Wesen, wo die Ehe zur „Farce einer Farce“ wird und wo sich hinter dem Wort „Freizügigkeit“ entwürdigende gesellschaftliche und private Beziehungen verbergen. Dort dauert eine mit aller Raffinesse geführte Eheschlacht, ein zermürbendes Catch-as-catch-can neun Jahre, Zeichen einer Scheinmoral, die den wirklichen Möglichkeiten des Menschen im Weg steht. Und da rettet sich der seines Lebensinhalts beraubte Kohlentrimmer in anarchisches Aufbegehren, weil er sich nicht einreihen lassen will in die endlose Kolonne manipulierter Verbraucher.

Am Beispiel dieser Duodramen wird deutlich: Das englische Theater unserer Zeit ist lebendig und zeitnah, vor allem dann, wenn die Stückeschreiber sich weigern, Vertrautes heiligzusprechen. Witz und Ironie, Einfallsreichtum und Sparsamkeit der Mittel, realistische Präzision der dramatischen Gestaltung, der Dialogführung und des Figurenaufbaus zeichnen diese Stücke aus und machen sie zu einem nicht alltäglichen Leseerlebnis.

Verlag Volk und Welt, Berlin 1975
Spektrum

 

18 Juni 2021

Grete Weil: Meine Schwester Antigone

Am Abend ihres Lebens von Schuldgefühlen und Angst bedrängt, ringt die Ich-Erzählerin in diesem Roman mit jener sagenhaften Gestalt aus der griechischen Mythologie, die ihr Schicksal durch eigenständiges Handeln selbst bestimmte: Antigone wußte, daß sie mit dem heimlichen Begräbnis des Bruders wider das Gesetz handelt und mit dem Tode bestraft wird. Dieser Mut, diese Kompromißlosigkeit fordern die alte Frau immer wieder dazu heraus, das eigene Leben nach versäumten Möglichkeiten des Widerstands zu befragen. Jahrzehnte nach dem Tod des geliebten Mannes, der den Faschisten zum Opfer fiel, lebt sie in ihrer Komfortwohnung, einsam und – vergessen? Als eine der wenigen davongekommenen Jüdinnen bemerkt sie mit gesteigerter Aufmerksamkeit, was in ihrem Lande an unheilvollen Entwicklungen vor sich geht. Ihre Angst vermehrt sich mit der Furcht vor dem Tod, und sie muß sich fragen, ob sie nicht umsonst überlebt hat. Antigones trotzigen Satz: »Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich« – kann sie ihn annehmen, gibt er ihr die Kraft, das Rechte zutun, wenn plötzlich ein junges Mädchen vor der Tür steht, das als »Sympathisantin« verfolgt wird?

Grete Weil, geboren 1906, jüdischer Herkunft, emigrierte mit ihrem Mann nach Holland. Im Gefolge der Kapitulation der Niederlande wurde ihr Mann im KZ Mauthausen ermordet. Grete Weil arbeitete im Jüdischen Rat und konnte später untertauchen. Sie lebt seit 1947 in Westdeutschland. Als Schriftstellerin mit der Erzählung »Ans Ende der Welt« (Verlag Volk und Welt, Berlin 1949) erstmalig hervorgetreten, begegnet sie dem Leser in ihrem neuen, autobiographischen Roman unmittelbar und glaubwürdig, indem sie ihre rückhaltlose Selbstbefragung mit einem authentischen Bericht und literarischer Erfindung kunstvoll verknüpft. Nicht allein die äußeren Fakten eines vielfach bedrohten Menschenlebens machen die Lektüre so nachhaltig: vor allem ist es die bohrende Frage nach dem Sinn des Opfermuts, nach Formen des Widerstands gegenüber unmenschlichen Gesetzen.

Verlag Volk und Welt, 1982
Spektrum Nr. 162

 

09 Juni 2021

Feng Jicai: Ach!

Die absurd anmutenden Ereignisse in einem Forschungsinstitut stehen im Mittelpunkt dieses preisgekrönten Kurzromans, der als Beitrag zur Geschichtsbewältigung in China Aufsehen erregte. Präzis und einfühlsam gestaltete Feng Jicai die tragikomischen Verstrickungen eines jungen Wissenschaftlers, der durch seine Erfahrungen während der Hundert-Blumen-Bewegung ein ängstlicher, verschlossener Mensch und ein Meister der Anpassung geworden ist. Dank seiner unterwürfigen Zurückhaltung hat er die Wirren der Kulturrevolution bisher unbeschadet überstanden, jetzt, in einer neuen politischen Kampagne im Frühjahr 1968, wird ihm ein Brief zum Verhängnis. Persönlichkeitsverlust und die Zerstörung menschlicher Beziehungen sind der Preis, den er für seine Schwäche zahlen muß. „Um unserer Zukunft willen müssen wir die Vergangenheit ewig im Gedächtnis bewahren“ – dies ist die Botschaft, die Feng Jicai beteiligt und mit der Distanz des wahrheitsuchenden Chronisten vorträgt.

Feng Jicai, 1942 in Tianjin geboren, war nach Absolvierung der Oberschule Baseballspieler. Anschließend arbeitete er zunächst als Kopist traditioneller chinesischer Malerei und war später im Kunsthandwerk und Kunstgewerbe sowie eine Zeitlang als Lehrer tätig. Bereits in den sechziger Jahren begann er zu schreiben. Seit 1977 veröffentlichte er zwei historische Romane, mehrere Kurzromane, zahlreiche Kurzgeschichten sowie literaturkritische Aufsätze und zwei Drehbücher.

Spektrum Nr. 249, Volk und Welt, 1989

 

01 Juni 2021

Jewgeni Jewtuschenko: Fuku!


 Shenja, gib Geld!«
Anfangs zwar mußte ich lächeln,
doch später
schreckte mich dieser düstere Chor »Shenja, gib Geld!
Dinero, Shenja!« –
zu viele trugen die Bitte vor.
Als ich erniedrigt umhergeirrt früher war ich nicht Shenja,
der Shenka war ich, Landstreicher, Strauchdiebe sagten zu mir: »Dulde nur, Shenka, gedulde dich.
Der Herrgott sieht alles – dein Kreuz mußt du tragen, der Hunger bleibt treu,
das Schwein frißt dich schon nicht.« Das Kreuz war mir unter die Haut geschlagen,
der Hunger blieb treu,
das Schwein übte Verzicht.
Ich gab mich modisch, für manchen zuviel, es hungerte dennoch mein Selbstgefühl bei all der Not, die sich weltweit dehnt und wie ein furchtbarer Abgrund gähnt. Drum ihr, die ihr glaubt,
ich wäre reich, sollt wissen, ich bin den Armen gleich. Ich würde –
könnt so aus dem Elend finden mit all ihren hungrigen Shenkas die Welt – den Druck meiner Verse sehr gern unterbinden und würde nichts anderes drucken als Geld. Ich würde, Menschheit,
um dich zu ernähren,
selbst Falschmünzer werden,
doch will ich wehren
der Wohltätigkeit, diesem süßlichen Trug. Wie vor der Sünde gilt’s da sich zu hüten, oder hat nicht die Geschichte genug


Spektrum Nr. 230, Volk und Welt
(Bei diesem Heftchen vergaß man offensichtlich, einen ganzen Bogen einzubinden. Beginnt erst mit Seite 17.)

20 Mai 2021

Marguerite Duras: Hiroshima mon amour – Filmszenarium

Hiroshima, Sommer 1957. Eine Französin ist in diese Stadt gekommen, um einen Film zum Gedenken an die Opfer der Atombombenkatastrophe zu drehen. Am Vorabend ihrer Rückkehr nach Frankreich begegnet sie einem Japaner. Sie erleben eine kurze Liebesgeschichte miteinander, eine Geschichte, wie sie tausendmal an jedem Tag geschieht. Doch in Hiroshima kann es kein gewöhnliches, banales Abenteuer geben. Hier, in der Stadt, über der noch immer das Grauen des Atomtods lastet, weckt diese Begegnung in der Französin die Erinnerung an einen anderen Ort, an Nevers, den Schauplatz ihrer ersten tragischen Liebe im Sommer 1944.

„Wie du habe auch ich versucht, mit allen meinen Kräften gegen das Vergessen anzukämpfen. Wie du habe ich mir ein untröstbares Erinnern gewünscht, ein Erinnern an Schatten und Stein“, sagt die Französin zu dem Japaner. Sie spricht damit aus, was die Autorin des Szenariums, die französische Schriftstellerin Marguerite Duras, und den Filmregisseur Alain Resnais bewegte, als sie im Jahre 1958 ihren inzwischen weltberühmten Film „Hiroshima mon amour“ drehten: sie wollten die Erinnerung an die entsetzlichen Geschehnisse des zweiten Weltkrieges wachhalten und an das Gewissen aller Menschen appellieren, eine Wiederholung derartiger Greuel zu verhindern.

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1970
Deutsch von Walter Maria Guggenheimer
Mit einer Nachbemerkung von Ruth Herlinghaus
Spektrum

 

17 März 2021

ohne Autor*in: Ein Mord zur rechten Zeit - Kriminalerzählungen

Sie scheint unendlich zu sein, die Faszination, die Kriminalliteratur immer wieder auf die Leser ausübt, genauso unendlich wie die Fähigkeit ihrer Autoren, unentwegt neue Fälle in allen Bereichen des Lebens aufzuspüren. In den vorliegenden sieben Beispielen aus dem letzten Dutzend Jahren werden Bereiche der Wirklichkeit ausgeleuchtet, wie sie heutzutage in der Welt des Kapitalismus durchaus nicht untypisch sind: der Drang, möglichst schnell zum großen Geld zu kommen, sei es durch simplen Schwindel, Entführung oder Mord; das Leben in jener »Grauzone« der Gesellschaft, die man auch die Drogenszene nennt; die trotz sehr angeschmutzter Weste reputierliche Existenz in Kreisen der Manager und Bosse. Die Handschriften der -ky (Ernst Bosetzky, geb. 1938, wirkt als Hochschullehrer in Westberlin), Hansjörg Martin (geb. 1920, bisher acht Kriminalromane und drei Bände Erzählungen, auch Verfasser von Kinder- und Jugendbüchern, Hör- und Fernsehspielen, lebt in Wedel/Holstein), Irene Roc/rian (geb. 1937, ehemalige Werbeberaterin, Trägerin des Edgar-Wallace-Preises 1967, auch erfolgreich mit Kinderliteratur und Fernsehfilmen, heute in München ansässig) und Friedhelm Werremeier (geb. 1930, auf Gerichtsreportage und Probleme der Kriminalität spezialisierter Journalist und Schriftsteller, Drehbuchautor, wohnhaft in Bad Bevensen), sind sehr verschieden, erinnern an Raymond Chandler, Patricia Highsmith oder Sjöwall/Wahlöö, gemeinsam aber ist diesen Autoren der wache, kritische Blick auf die vielgestaltige soziale Szenerie. Sie rechnen zwischen Kiel und München, Aachen und Braunschweig zu den gewichtigsten Vertretern des so umfangreichen Genres Kriminalliteratur.


Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1983
Spektrum Nr. 180

15 Februar 2021

Wladimir Solouchin: Das Urteil


 Ein Mann verbringt einen Traumurlaub am Schwarzen Meer. Sonne, Strand, Wein, Gastfreundschaft und die Liebe einer schönen jungen Frau lassen den beliebten, berühmten Schriftsteller wieder jung werden. Da versucht ein neidischer Rivale ihm einzureden, eine Hautunebenheit an seinem Oberschenkel sei Krebs. Nach einigem Zögern begibt sich der Mann in Behandlung, und die unsichere Reaktion der Ärzte läßt ihn das Schlimmste befürchten.

Wladimir Solouchin, geb. 1924, von dem wir „Ein Tropfen Tau“ sowie den Erzählungsband „Und der Stern spricht mit dem Stern“ kennen, nennt sein autobiographisches Buch eine „lyrische Reportage“. Die brillant geschriebene Plauderei streift viele Bereiche aus dem Leben des Autors: die Moskauer Literaturszene, Erinnerungen an Erlebnisse und Zeitgenossen, amouröse Begegnungen, Arbeitsmethoden des Schriftstellers und Lyrikers, Behandlungsmethoden der sowjetischen Medizin und vieles andere mehr, und sie gewinnt philosophische Tiefe, wenn Solouchin auf Fragen von Leben und Tod zu sprechen kommt und seine eigenen Überlegungen zum unvermeidlichen Ende poetisch verallgemeinert. Ganz unversehens gerät ihm das Werk zu einem Selbstporträt, das die Stärken und Schwächen des Menschen und Dichters ungemein plastisch hervortreten läßt.

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1979
Spektrum

17 Juni 2020

Friedrich Dürrenmatt: Es steht geschrieben / Die Wiedertäufer - Zwei Dramen


Zur Einführung
Friedrich Dürrenmatt, Schweizer des Jahrgangs 1921, hat wenige seiner Arbeiten ungeschoren gelassen. Verschiedene Fassungen seiner Bühnenwerke, oft von einer Inszenierung zur anderen verändert, Umsetzungen vom Hörspiel in die Prosa, vom Film in den Roman beweisen das. Dürrenmatts Werk lebt auch in dem Verständnis, daß selbst das einmal an die Öffentlichkeit Gestellte nicht endgültige Aussage transportiert. Die Kategorie des Spiels, der in Dürrenmatts Ästhetik eine entscheidende Stellung zukommt, des Spiels als der systematischen Erprobung von Möglichkeiten legt eine wiederholte Beschäftigung des Autors mit der einmal geformten Materie nahe, ja provoziert sie. Dürrenmatts Äußerung, er habe in den „Wiedertäufern" „noch einmal das alte Spiel bewußter jetzt durchgespielt", deutet auf die Konsequenz eines Systems hin, das Weiterarbeit am scheinbar Fertigen fordert. Wenn nicht die Notwendigkeit solchen Vorgehens behauptet werden kann, so muß doch die vom Autor gern genutzte Möglichkeit betont werden.
Besonders augenfällig ist die Schaffensmethode, einmal Gestaltetes wieder in Frage zu stellen, an den beiden Fassungen des Wiedertäuferstoffs, die in diesem Band vereint sind. Zwischen der Uraufführung des Stücks „Es steht geschrieben" am 19. April 1947 am Züricher Schauspielhaus und der Premiere des Stücks „Die Wiedertäufer" am 16. März 1967 am selben Theater liegen zwanzig Jahre, ausgefüllt mit immer wieder, namentlich mit theatralischen Mitteln unternommener Musterung und Demonstration von drängenden Daseinsproblemen. Die Lektüre der beiden Dramen wird erweisen, in welchem Maße Friedrich Dürrenmatt im Lauf von zwanzig Jahren nicht nur an Reife gewonnen hat, einen historischen Stoff dramatisch zu gestalten; auch seine unterschiedlichen Positionen zur Welt der Realitäten werden deutlich ablesbar.

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1972
Mit erläuternden Betrachtungen von Karl Heinz Berger
Spektrum Nr. 45