02 November 2026

Asmus Petersen: Die Gräser - als Kulturpflanzen und Unkräuter auf Wiese, Weide und Acker

Klappentext:
Das vorliegende Buch ist eine Neubearbeitung von Waltraut Petersen und Günther Wacker unter Zugrundelegung der in mehreren Auflagen erschienenen Bücher „Die Gräser als Kulturpflanzen und Unkräuter auf Wiese, Weide und Acker“ und „Das Kleine Gräserbuch“ sowie unter Berücksichtigung noch von Asmus Petersen angefertigter Bearbeitungen. Es werden über 100 Gräser behandelt, und zwar Kulturgräser, Ungräser, Waldgräser und Wildgräser neben Gräsern fremder Erdteile, deren Kultivierung bei uns empfohlen wurde. Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil ermöglicht die Bestimmung der Gräser. Hier ist besonderer Wert gelegt auf die Erläuterung der Bestimmungsmethode der Gräser im blütenlosen Zustand auf Grund von einfachen Gruppen nach Blattmerkmalen, wie sie von Asmus Petersen gelehrt und eingeführt wurde. Im zweiten Teil werden 105 Gräser abgebildet, im Blatt, in der Blüte und von den angebauten Gräsern auch der Same, mit genauer botanischer Beschreibung. Der dritte Teil bringt die spezielle Beschreibung aller behandelten Gräser im Hinblick auf ihre landwirtschaftliche und landeskulturelle Bedeutung, und zwar unter Einbeziehung züchterischer Fragen. Im vierten Teil werden die Gräser des Salzgraslandes und der Sanddünen der Meeresküsten betrachtet.
Durch die Neuanfertigung sämtlicher Instruktions- und Bildtafeln wird die Bestimmung der Gräser erleichtert und die Qualität der neuen Auflage erheblich verbessert.

Buchanfang:
„Laßt die Gräser einmal von unserem Erdteile 
verschwinden, und wir verschmachten bei 
allem unserem sonstigen Reichtume vor Hunger“.

                                     ADALBERT STIFTER 
                                     (aus „Der Nachsommer“)

„Es ist die Rasenbildung ein so großer 
Vorzug, den die nördlichen Klimate vor 
den heißen voraushaben, daß wir wohl 
Ursache haben, dahin zu streben, diesen 
natürlichen Vorzug auch auf das Beste 
zu nutzen“.

                                     G. MEISTER
                                     (in A. v. LENGERKE „Anleitung zum praktischen Wiesenbau“ 1844)

Vorwort zur 5. Auflage
Das „Kleine Gräserbuch“ von ASMUS PETERSEN, 1. Auflage 1961, 2. Auflage 1965, sowie „Die Gräser als Kulturpflanzen und Unkräuter auf Wiese, Weide und Acker“, in größerer Form, 1. Auflage 1936, 4. und letzte Auflage 1954, sind seit Jahren vergriffen. Da von vielen Seiten, insbesondere von allen, die mit diesen Büchern gearbeitet haben, immer wieder der Wunsch nach einer Neuauflage ausgesprochen wurde, habe ich mich entschlossen, „Die Gräser als Kulturpflanzen und Unkräuter auf Wiese, Weide und Acker“ als 5. Auflage herauszugeben unter Berücksichtigung des „Kleinen Gräserbuches“ sowie der von meinem Mann noch vorliegenden Neubearbeitungen.
Die Herausgabe des Buches geschah in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. G. WACKER, einem Schüler und langjährigen Mitarbeiter meines Mannes, ohne dessen Hilfe die Neubearbeitung in dieser Form nicht hätte zustandekommen können. Ich möchte ihm an dieser Stelle meinen großen Dank dafür aussprechen.
Die Bilder stammen von dem Kunstmaler FRITZ MARLIER, teilweise konnten aber auch noch die ursprünglichen, von dem Kunstmaler FRANZ SUSEMIHL hergestellten, Verwendung finden. Die photographische Wiedergabe der Wurzelbilder übernahm G. DRASCHÉ, Paulinenaue.
Dem Akademie-Verlag bin ich für die immer gleichbleibende Hilfe und Unterstützung bei der Herausgabe der Bücher meines Mannes sehr verbunden und möchte auch diesem meinen Dank sagen.
WALTRAUT PETERSEN

Vorwort zur 6. Auflage
Die 6. Auflage hat sich im allgemeinen nicht wesentlich geändert. Abgesehen von Verbesserungen ist insbesondere der dritte, beschreibende Teil auf den neuesten Erkenntnisstand gebracht worden, ebenso die im Anhang befindlichen Tabellen. Alle Instruktions- und Bildtafeln sind von KARL ABEL neu gefertigt worden. Die deutlicheren Abbildungen erleichtern das Bestimmen der Gräser und haben diese 6. Auflage in der Qualität wesentlich verbessert.
WALTRAUT PETERSEN    GÜNTHER WACKER

Inhalt:
PDF



Akademie-Verlag Berlin

1. Auflage 1936 
2. Auflage 1950 
3. verb. u. erw. Auflage 1953
4. verb. u. erw. Auflage 1954 
5. bearb. Auflage 1981
6. bearb. Auflage 1988
7. berichtigte Auflage 1992

01 November 2026

Otto Emersleben: Sturmnacht am Großen Steinkap

Im späten Frühjahr 1648 herrscht an der Mündung des sibirischen Kolyma Aufbruchstimmung: Händler, Kosaken und Abenteurer hoffen auf reiche Pelztiere am sagenhaften Fluß Pogitscha. Nicht auf den von Tschuktschen gewiesenen Landwegen, sondern über die weithin unerforschte See wollen sie das Gebiet mit ihren Einmastern erreichen. Deshnjow, der Leiter der Expedition, sieht sich plötzlich ungeahnten Schwierigkeiten gegenübergestellt. Eigentlich müßte er nun mit seiner Besatzung offen reden, aber die Auseinandersetzungen zwischen ihm und Ankudinow, dem tatsächlichen Kommandanten, belasten die Beziehungen untereinander schon erheblich. Mit dem ersten Schneetreiben kündigt sich ein erbarmungsloser Winter an …

Lesepobe:
Das russische Fort an der Kolyma erwachte zu mittsommerlicher Regsamkeit. Vom Liegeplatz am Fluß scholl das Hämmern der Schiffszimmerleute herauf, und am Tor, vor der Palisade, ordneten Händler ihre Warenstapel –Eisenbeschläge, Seilzeug, Nägel, Äxte –, wuchteten Träger Korn- und Salzsäcke. Unberührt blieben allein die Ballen von Fellen, die auf diesem Markt wie überall im sibirischen Osten als Münze für das Lebensnotwendige dienten.
Semjon Deshnjow, Kosak, Anfang Vierzig, stand noch nicht wieder ganz fest auf den Beinen an diesem Morgen. Bis weit nach Mitternacht hatten ihn ein paar Pelzhändler mit Wodka traktiert, abenteuerliche, im Grunde wohl aber doch undurchsichtige Typen, die er vorher hier an der Kolyma noch nicht bemerkt hatte. Ja, seit er von Wtoroj Gawrilow, dem Leiter der Niederlassung an der Kolyma und so gut wie des Zaren Stellvertreter unter diesem verdammt hohen Nordhimmel, zum Befehlshaber der Expedition eingesetzt worden war, suchten sie seine Bekanntschaft und sein Wohlwollen, auch weniger undurchsichtige Typen als die von gestern abend.
Für ein paar Atemzüge mußte Deshnjow sich am Pfosten des Tores stützen, mit der freien Hand fuhr er sich durch den Bart. Als ihn einer der Träger grüßte, winkte er, schon im Weiterwanken, leutselig zurück. Ja, er war nicht mehr irgendein namenloser lausiger Kosak, dessen Schicksal allein vom Willen Gottes und den Befehlen von Väterchen Zar im Moskauer Kreml abhing – er war ER, ein Herr über eine Handvoll Schiffe, deren Kurs und die Plätze an Bord. Er, Semejka Deshnjow! Die Zeiten hatten sich gründlich geändert. Nicht, was er bisher getan, sondern was ihm jetzt zu tun bevorstand, würde ihn bekannt machen. Und, verdammt, es begann ja schon damit. Wie viele andere Kosaken, die davon träumten, Sibiriens Weite wäre ein vollwertiger Ersatz für die freien Steppen der einstigen Heimat im Süden, war er in seiner Jugend in dieses Land gekommen, voller Tatendrang, bald aber schon eingefangen von der abstumpfenden Alltäglichkeit. Und wie sie alle den geliebten Pferden entsagt hatten, weil es auf deren Rücken nicht weiterging durch die Sümpfe, die undurchdringlichen Wälder und steilen Schluchten, mußten sie auch ihre Träume absatteln und abhalftern.
Der Dienst für den Zaren war hart, und der einzelne konnte dabei nur dann bestehen, wenn das, was er leistete, für alle sichtbar und weit über den Erfolgen der anderen lag.
Im allmählich verfliegenden Rausch spürte Deshnjow, daß seine Zeit nun gekommen war. Und er war entschlossen, sie nicht ungenutzt vergehen zu lassen.
Vor der Umfriedung des Forts, das jetzt im Morgenlicht lag, blieb er erneut stehen. Stützte die Hände in die Seiten, strich dann sein weites Tuchkleid glatt und schirmte mit der flachen Linken den Blick gegen die Morgensonne. Die Rechte fuhr abermals durch den Bart, sank schließlich gedankenverloren herab.
Sie würden den Fluß hinab und durch die nahe Mündung ins Kalte Meer fahren, und dann immer der Sonne entgegen, nach Osten, so wie sie auch hierher, an die Kolyma, gekommen waren: immer nach Osten. Und irgendwo dort gelangten sie an die Mündung des Flusses Pogitscha, wo es Zobel und Eichhorn und Marder die Fülle gab – sprachen die Tschuktschen nicht dauernd von den sagenhaft pelzreichen Wäldern an diesem sagenhaften Fluß Irgendwo? 

Illustrationen von Michael Gundermann

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer 433
1. Auflage 1982

Tschingis Aitmatow: Das Kamelauge


Leseprobe:

Kaum hatte ich einen halben Eimer Wasser aus dem Brunnen geschöpft, als ohrenbetäubendes Gebrüll durch die Steppe dröhnte: „He-e! Akademiker, ich schlag dir die Fresse grün und blau!“
Ich erstarrte. Lauschte. Eigentlich heiße ich Kemel, aber hier hat man mir den Spitznamen „Akademiker“ gegeben. So war's: Der Traktor drüben schwieg unheilschwer. Der da verkündete, mir die Fresse grün und blau zu schlagen, war Abakir. Wieder würde er mich anbrüllen, mich ausschimpfen, ja sogar die Hand gegen mich erheben.
Traktoren gab es hier zwei, doch ich war allein. Und ich mußte für sie mit dieser einspännigen Fuhre da Wasser, Treibstoff, Schmieröl und was, weiß ich noch alles heranschaffen. Die Traktoren rollten täglich immer weiter von dem einzigen Brunnen in der Gegend weg. Mehr und mehr entfernten sie sich von unserem Feldlager, wo in einem Tankwagen der Treibstoff aufbewahrt wurde. Man hatte beabsichtigt, das Feldlager woanders aufzuschlagen, aber das ging nicht, es war auch ans Wasser gebunden. Doch Abakir wollte von alldem nichts wissen: „Ich schlag dir die Fresse grün und blau für den dauernden Stillstand! Soll ich mich hier zu Tode rackern wegen eines lächerlichen Studentleins, das mir die Zeit stiehlt!“
Dabei war ich gar kein Student. Ich hatte nicht einmal versucht, ein Institut zu beziehen. Kaum hatte ich die Schule beendet, da war ich sofort hierhergekommen, nach dem Anarchai. Auf der Abschiedsversammlung hieß es, wir, folglich auch ich, seien „ruhmreiche Neuland bezwinger, kühne Pioniere der zu neuem Leben erweckten Gebiete“. Das war ich gewesen. Und jetzt? Offen gestanden, könnte man sich schämen: ein „Akademiker“. Den Spitznamen hatte mir Abakir angehängt. Ich bin selbst an allem schuld. Ich kann meine Gedanken nicht verheimlichen, träume laut wie ein kleiner Junge, und die Leute lachen mich nachher aus. Doch wenn sie wüßten, daß weniger ich der Schuldige war, sondern vielmehr unser Geschichtslehrer Aldijarow. Der Landeskundige! Mehr als genug hatte ich unserem Landeskundigen zugehört, und nun mußte ich büßen.
Ohne die Tonne vollgefüllt zu haben, fuhr ich durch die Niederung auf den Weg. Eigentlich war hier noch nie ein Weg gewesen. Den hatte erst ich mit meiner Wasserfuhre eingefahren.
Der Traktor stand am Ende des riesigen schwarzen Ackers. Und oben auf dem Fahrersitz thronte Abakir. Mit den Fäusten fuchtelnd, fluchte er immer noch auf mich, schimpfte wie ein Rohrspatz. 
Ich trieb den Gaul an. Das Wasser in der Tonne schwappte gegen meinen Rücken, doch ich stürmte in vollem Galopp dahin.
Ich hatte mich ja selber hierhergedrängt. Niemand hatte mich gezwungen. Die anderen waren nach Kasachstan gefahren, in ein richtiges Neuland, von dem die Zeitungen berichteten. Nach dem Anarchai war nur ich gegangen.
Hier hatte man erst in diesem Frühjahr mit der Arbeit begonnen, und das nur mit zwei Traktoren. Ein Jahr zuvor hatte der Agronom Sorokin, er war hier unser aller Vorgesetzter, auf einem kleinen, unbewässerten Feld versuchsweise Gerste gesät. Wie's hieß, nicht ohne Erfolg. Sollte sie auch weiterhin so gedeihen, dann würde man es vielleicht schaffen, das Futterproblem in der Anarchaisteppe zu lösen. 
Doch einstweilen mußte man noch mit Umsicht vorgehen. Gar zu große Hitze und Dürre herrschten im Sommer im Anarchai. Sogar die Spitzkletten, ja, auch das kam vor, vertrockneten bis auf die Wurzeln. Die Kolchose, die im Herbst ihr Vieh zum Überwintern hierhertrieben, wagten es vorläufig noch nicht, zu säen, sie warteten ab: Wollen mal sehen, sagten sie sich, was bei den anderen rauskommt. Deshalb auch konnte man uns hier an den Fingern abzählen: zwei Traktoristen, zwei Geräteführer, die Köchin, ich, der Wasserfahrer, und der Agronom Sorokin. Das war die ganze Armee der Neulandbezwinger. Von uns hörte wohl kaum jemand etwas, aber auch wir wußten nicht, was in der Welt geschah. Hin und wieder brachte Sorokin eine Neuigkeit. Er pflegte ins Nachbartal zu den Hirten zu reiten; dort zankte er sich über die Funkstation mit den Behörden und gab Rechenschaftsberichte durch.

Ins Deutsche übertragen von Halina Wiegershausen 
Umschlag und Illustrationen von Günther Lück

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer 432 
1. Auflage 1982  

Wolfgang Mittmann: Das Kartenhaus


Der Streifenwagen „Lina 18" fährt durch die dunklen Straßen der Vorstadt. Plötzlich stoppt Oberwachtmeister Wengler. Ein unbeleuchteter W 50, der mitten auf der Straße steht, und ein Bündel, das neben dem LKW liegt, haben seine Aufmerksamkeit erregt. Ein Unfall? Wengler und sein Begleiter eilen zu dem Fahrzeug, da erkennen sie, daß vor ihnen auf der Straße der Fahrer liegt. Jemand hat ihn gefesselt und geknebelt, aus einer Kopfwunde sickert Blut. Auch der Laderaum ist durchwühlt. Wengler ruft die Genossen von der K.

Leseprobe:
Ein grün-weißer Wolga zuckelte im Vierzigkilometertempo durch die nächtlich stillen Straßen der Vorstadt. Nur wenige Passanten waren um diese Zeit noch unterwegs. Ab und zu ein entgegenkommendes Auto oder das schwankende Licht eines von der Spätschicht heimwärts strampelnden Radfahrers. Dann war der Wolga am Ende der Allee, die den Schillerpark von der gegenüberliegenden Häuserzeile abgrenzte, und bog, den Blinker setzend, nach rechts in die Bergmannstraße ein. Die Lichtreflexe der Peitschenmastlampen glitten über den farbigen Volkspolizeistern an den vorderen Wagentüren. Kaum zu erkennen war die kurze Antennenrute auf dem Dach des Wolgas, unübersehbar aber die beiden Buckel aus blauem Glas, die wie Hörner wirkten und nur im Einsatzfall zu rotierenden Sondersignalen wurden. Kein Mensch nahm sonderlich Notiz von dem Wolga; seit Jahr und Tag gehörte Lina 18 zum Straßenbild des Stadtrandbezirks.
Obermeister Wengler, der Kommandant des Funkstreifenwagens, hatte den Sprechhörer am Ohr. „Lina achtzehn für Leitstelle. – Kommen!“
„Leitstelle hört.“
„Lina achtzehn mit Standort Bergmannstraße. Fahre in Richtung Heinrich-Heine-Platz. – Kommen!“
„Leitstelle verstanden. – Ende.“
Wengler drückte den Hörer in die Halterung am Armaturenbrett. Sein Gesicht wandte sich wieder dem Mann am Steuer zu, während er erneut den Gesprächsfaden aufnahm. „Tja, sage ich da zu meiner Frau, wir müssen uns eben mit der Tatsache abfinden. Unsere Tochter wird im Herbst achtzehn. Daß sie schon einen festen Freund hat, läßt sich nicht mehr verleugnen. Da hilft kein Schimpfen und keine Moralpredigt.“
Hauptwachtmeister Sell trat auf die Kupplung, hantierte mit dem Schalthebel und erhöhte die Geschwindigkeit. Das Verkehrszeichen am Beginn der Hauptstraße gebot ein Mindesttempo von sechzig Kilometern je Stunde. Der dichte Fahrzeugstrom, der hier am Tage stadtauswärts tobte, hatte die städtischen Verkehrsplaner zu
dieser Regelung bewogen. 
„Und was hat deine Frau gesagt?“ wollte der achtundzwanzigjährige Sell, dem solche pädagogischen Probleme noch unbekannt waren, von seinem älteren Kommandanten wissen. Der kleine Sell bereitete sich erst auf den Eintritt in den Kindergarten vor.
„Daß sie noch keine Lust habe, Großmutter zu werden.“ 
Sell schmunzelte. „Und du?“
„Ich hab Vertrauen zu unserer Tochter. Und dann...“, Wengler mußte nun auch lachen, „dann habe ich meine Frau daran erinnert, daß sie auch nicht viel älter war, als wir uns zum erstenmal heimlich im Schillerpark getroffen haben.“
„Alle Achtung, ein überzeugendes Argument.“
„Genau das hat meine Frau auch gesagt.“
Hauptwachtmeister Sell wußte nichts zu erwidern, und so war das Gespräch der beiden Männer erschöpft. Sie versanken wieder in Schweigen. Unzählige Stunden hatten sie gemeinsam im Funkstreifenwagen verbracht. Da kannte jeder die Probleme des anderen, wußte um dessen Charakterschwächen und -stärken, vor allem aber, daß sie sich in jeder Situation aufeinander verlassen konnten. Nicht immer verlief der Dienst so ruhig und reibungslos wie in dieser Nacht.
Sell brauchte nur an den, „Frauenschreck“ zu denken, den sie vor einem Dreivierteljahr im Schillerpark gejagt hatten. Oder an die jugendlichen Rowdys, die ein paarmal an den Wochenenden versucht hatten, die Tanzveranstaltungen im „Wandelhof“ zu stören. Sogar als Geburtshelfer waren Wengler und Sell in ihrem Streifenwagen schon eingesprungen.
Aus dem Lautsprecher des Funkgerätes drang verzerrt die Stimme des Lageoffiziers in der Funkleitstelle. Lina 23 wurde gerufen, der Streifenwagen im Nachbarbezirk. Die Besatzung meldete sich sofort, als hätte sie nur auf diesen Anruf gewartet.
„Lina dreiundzwanzig, übernehmen Sie Auftrag! Fahren Sie Notrufmelder Eichenweg. Schwerer Verkehrsunfall. Lebensgefahr. Sie werden am Notruf erwartet, dort alles Weitere. – Kommen!"
Lina 23 bestätigte den Auftrag. Dann trat erneut Funkstille ein. 
Obermeister Wengler warf einen Blick auf die Borduhr am Armaturenbrett. Es ging auf Viertel nach elf. Noch zwei Stunden, dann hatten sie Schichtpause. Zum Bereitschaftsraum der Inspektion gehörte eine kleine Kantine, in der sie sich mit Kaffee und Bockwurst stärken konnten.
Der Heinrich-Heine-Platz war erreicht.
„Zur Autobahnauffahrt“, sagte Wengler.
Ohne den Blick von der Fahrbahn zu wenden, nickte Sell. Er hatte kein anderes Kommando erwartet.

Illustrationen von Karl Fischer 

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer 426 
1. Auflage 1982 
 

30 Oktober 2026

Karl-Heinz Tuschel: Das Geheimnis der Mascons

Heftanfang:
Die Sache kam Inspektor Pit Holland denkbar ungelegen. Vor zweieinhalb Jahrzehnten, als seine Kinder aus erster Ehe geboren wurden, war er jedesmal auf großer Fahrt gewesen, das eine Mal im Asteroidengürtel, das andere Mal in der Nähe des Merkurs. Jetzt stand seine junge Frau kurz vor ihrer ersten Entbindung, und wenn sie schon so bescheiden war, keinen diesbezüglichen Wunsch zu äußern, so hatte er sich doch geschworen, die Entwicklung dieses seines Kindes von der ersten Stunde an mitzuerleben. Und er wußte selbstverständlich, daß Jana sich nichts sehnlicher wünschte. Und der Chef der Raumsicherheit wußte das alles auch, und Pit wußte, daß der es wußte, und so war dieses Gespräch beiden unangenehm.
„Hast du denn wirklich keinen anderen?“ fragte Pit. „Guck doch wenigstens mal rein!“ bat der Chef.
Pit Holland sah sich die Archivnummern an. „Das Reingucken dauert allein drei Tage, bei dem Umfang. Und wenn die vorbei sind, sagst du, jetzt ist es zu spät, daß ein anderer sich einarbeitet.“
Der Chef seufzte. „Hab ich dich schon jemals ausgetrickst?“ fragte er. Eine Antwort war überflüssig. „Wie lange dauert's noch bei euch?“ fragte er weiter.
„Eine Woche, sagen die Ärzte. Aber was die sagen...“
Der Chef seufzte noch einmal. In einer Woche war die Sache nicht zu schaffen.
„Norris?“ schlug Pit Holland vor, selbst nicht sehr überzeugt. 
Der Chef schüttelte den Kopf. „Von allen, die damals das Sicherungssystem für die Mondtouristik ausgearbeitet haben, bist du der einzige, der in Frage kommt. Der noch bei uns ist. Und einer von uns muß es selbstverständlich tun.“ 
Pit Holland schwieg.
„Ab wann läuft dein Urlaub?“ fragte der Chef.
„Ab nächsten Donnerstag, weißt du doch!“ Pit sagte es bedrückt, nicht bockig.
„Ja, ich weiß“, sagte der Chef. „Heute ist Sonnabend.“ Er seufzte zum drittenmal; das hatte Pit noch nicht erlebt, solange sie sich kannten, und sie kannten sich sehr lange.
„Ich könnte dich unter der Dringlichkeitsklausel verpflichten“, sagte der Chef entschlossen, „aber ich tu das nicht. Ich weise an: Du übernimmst den Fall, organisierst die Arbeit. Es wird notwendig sein, drei oder vier Arbeits-gruppen zu bilden. Bis Dienstag wird sich ein Schwerpunkt herausgebildet haben. Am Mittwoch übergibst du die Leitung an denjenigen, in dessen Arbeitsgruppe der Schwerpunkt fällt, und kommst zurück. Davon abgesehen, fällt die ganze Sache trotzdem unter Dringlichkeit. Du kriegst alles, was du benötigst, und jeden, den du brauchst. Start heute abend.“ 
Er winkte ab, und sie gingen auseinander, zwar nicht gerade mißgestimmt, aber auch nicht ausgesprochen fröhlich.

Die Direktion Mondtouristik hatte Schließung auf unbestimmte Zeit beantragt, die Inspektion Raumsicherheit sollte ein Urteil dazu abgeben so scheinbar harmlos war dieser Auftrag entstanden. Dienstwege sind manchmal Umwege, aber der Dienstweg ließ in diesem Punkt nichts anderes zu, obwohl kein Mensch bisher zu Schaden gekommen war und kein einziger Vorfall ungeklärt war oder unklärbar schien.
Im ersten Augenblick hatte Pit Holland die Forderung der Direktion für übertrieben gehalten, aber schon die Zahl der Fälle, in denen der normale Ablauf der Touristik gestört wurde, und der Umfang des materiellen Schadens belehrten ihn eines anderen. Daß niemand auch nur verletzt worden war, sprach für das Sicherungssystem; aber daß es in den letzten vierzehn Tagen öfter blockierte als in den acht Jahren seit Beginn der Mondtouristik, erforderte gründliche Untersuchung: siebenundvierzig Fälle, in denen eine Landung oder ein Start verzögert, ein Ausflug gesperrt oder andere Sicherheitsmaßnahmen verhängt werden mußten. Die Direktion hatte wohl recht, wenn sie darin mehr als eine Häufung von Zufällen befürchtete. Wer konnte schließlich wissen, ob die Sache nicht eskalierte; man durfte nicht warten, bis einmal wirklich ein Opfer zu beklagen war – gar nicht davon zu reden, daß das Umdirigieren, die Fahrplanänderungen, die Erfüllung von Ersatzansprüchen einen Riesenaufwand erforderten. Schließlich lagen keine Gleise vom Mond bis zur Erde, auf denen man zu jeder Stunde in derselben Weise verkehren konnte. Und was allein ein Sicherheitsalarm kostete!
Hilflosigkeit sprach aus der Art, wie die Direktion den Antrag formuliert hatte, und auch Ratlosigkeit. Einerseits konnte niemand glauben, auch Pit nicht, daß es sich um eine Zufallsserie handelte, andererseits waren ja alle Einzelfälle untersucht worden, und nirgends gab es auch nur den geringfügigsten Hinweis für Zusammenhänge. Bemerkenswert schien lediglich, daß alle Fälle sich auf der erdzugewandten Seite des Mondes abgespielt hatten, aber das war eigentlich selbstverständlich, denn auf der Rückseite lagen keine Touristikhäfen und keine Reiseziele. 

Illustrationen von Jutta de Maizière

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer 430
1. Auflage 1982  

29 Oktober 2026

Frank Fiedler, Günter Gurst (Hrsg.: Jugendlexikon Philosophie

Vorwort:
Liebe Jugendfreunde!
In diesem Jahr erscheint bereits die 9. Auflage des „Jugendlexikons a-z", einem einbändigen allgemeinen Wissensspeicher, der speziell für Euch entwickelt worden ist.
Um jenen interessierten Jugendlichen entgegenzukommen, die zu einem bestimmten Wissensgebiet mehr und ausführlichere Informationen suchen, haben wir beschlossen, eine Reihe von Fach- und Taschenlexika für Jugendliche zu bestimmten Wissensgebieten, Schulfächern oder anderen Themen herauszugeben. Innerhalb der Taschenlexika erscheinen drei einzelne Bändchen zu den Bestandteilen des Marxismus-Leninismus, der Weltanschauung der Arbeiterklasse: die Jugendlexika Philosophie, Wissenschaftlicher Kommunismus, Politische Ökonomie.
Das vorliegende Bändchen behandelt philosophische Begriffe, Richtungen und Persönlichkeiten und soll bei der Aneignung der Philosophie des Marxismus-Leninismus eine Hilfe sein. Es soll durch klare und faßliche Informationen die propagandistische und agitatorische Arbeit des Jugendverbandes unterstützen. Letztlich soll es zur Festigung eines marxistisch-leninistisch fundierten Weltbildes und zum schöpferischen Denken und selbständigen Handeln eines jeden jungen Menschen bei der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft in unserer Republik nach den Beschlüssen der marxistisch-leninistischen Partei der Arbeiterklasse beitragen.
Natürlich kann Euch die Arbeit mit diesem Lexikon das Studium der Werke der Klassiker Marx, Engels und Lenin nicht abnehmen. Unsere Philosophie ist eine Wissenschaft und muß wie jede Wissenschaft anhand ihrer Quellen studiert werden. Da aber in den Schriften der Begründer unserer Weltanschauung viele philosophische Begriffe und die Namen vieler philosophischer Richtungen und auch der Philosophen selbst auftauchen, die Ihr noch nicht kennt, kann Euch dieses Buch von Nutzen sein.
Wir waren gemeinsam mit den Autoren der einzelnen Artikel bemüht, den philosophischen Wortschatz auf Eure Bedürfnisse bezogen möglichst reichhaltig darzubieten und verständlich zu erklären. Das war nicht immer leicht; wir wollten aber auf der anderen Seite keine unzulässigen Vereinfachungen vornehmen. Es schien uns wichtig, nicht nur die philosophischen Begriffe und Richtungen zu erläutern, sondern auch die wichtigsten Philosophen selbst vorzustellen, um Euch ein anschauliches Bild von der langen Geschichte des philosophischen Denkens und vom Kampf zwischen Materialismus und Idealismus geben zu können.
Für Hinweise, Verbesserungsvorschläge und Mitteilungen von Erfahrungen bei der Verwendung des Buches sind wir stets dankbar. 
Wir wünschen Euch erfolgreiche Studien und grüßen Euch
Die Herausgeber
Der Verlag


VEB Bibliographisches Institut Leipzig
Reihe:
Jugendlexikon
1. Auflage 1979
2. Auflage 1981
3. neubearb. Auflage 1985
4. durchges. Auflage 1986
5. durchges. Auflage 1987
6. durchges. Auflage 1988
 

Hella Brock, Christoph Kleinschmidt (Hrsg.): Jugendlexikon Musik

Vorwort
Dieses Buch gehört zu einer Reihe von Taschenlexika für Jugendliche zu bestimmten Sachgebieten. Unter den Freizeitinteressen Jugendlicher steht die Musik an erster Stelle.
Unser Lexikon will – davon ausgehend – einen möglichst großen Gesichtskreis der Beschäftigung mit Musik erfassen. Mehr als 2000 Stichwörter enthalten Informationen über Rockmusik, Schlager und Chanson, Jazz, Ballett und Tanz, Folklore, Chorgesang, politisches Lied und Singebewegung, sinfonische und Kammermusik, Oper, Operette und Musical, Instrumente und deren Technik, Akustik, gesetzliche Bestimmungen auf dem Gebiet der Musik und des Veranstaltungswesens, Massenmedien, Musikzentren, Jugendklub und Diskothek, Musikerziehung und -ausbildung, Musikästhetik und -psychologie.
Wir haben dort, wo es sich anbietet, Informationen mit Problemdarstellungen verbunden, um Anregungen für Musikdiskussionen zu geben. Literaturhinweise sollen helfen, weiterführende Wissensquellen zu erschließen. Wir wünschen viel Entdeckerfreude beim Umgang mit Musik, beim Hören, beim Erwerben neuer Erkenntnisse und im Gespräch darüber.
Für Meinungsäußerungen zu unserem Lexikon sind wir stets dankbar.
Der Verlag
Die Herausgeber

Umschlagbild: Barbara Cain
Grafiker: Jens BORLEIS (Noten), Joachim ZINDLER (Musikinstrumente), Matthias WEIS (Schemata)

VEB Bibliographisches Institut Leipzig
Reihe:
Jugendlexikon
1. Auflage 1983
2. Auflage 1984
3. durchges. Auflage 1985
4. neubearb. Auflage 1989