Donnerstag

Blaise Pascal: Gedanken

Blaise Pascal (1623-1662) fasziniert durch die Schärfe seines Denkens; er haßt Halbherzigkeit und Oberflächlichkeit; er stellt einmal erwonnene Erkenntnisse wieder in Frage; Systemlosigkeit ist sein System:

"Ich werde hier meine Gedanken ordnungslos aufschreiben, und nicht etwa in einer Verworrenheit, die unbeabsichtigt wäre. Das ist die wahre Ordnung, und sie wird gerade durch die Unordnung stets für meinen Gegenstand bezeichnend sein."

"Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur, aber er ist ein denkendes Schilfrohr..."

"Die Größe des Menschen zeigt sich darin, daß er sich als elend erkennt: ein Baum erkennt sich nicht als elend."

"Da die Menschen nicht Tod, Elend und Unwissenheit heilen konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, auf den Einfall gekommen, nicht daran zu denken."

"Man glaubt, die Tasten einer gewöhnlichen Orgel anzuschlagen, wenn man die Tasten des Menschen anschlägt. Er ist zwar eine Orgel, doch sie ist seltsam, wandelbar und veränderlich."

"Gerechtigkeit ohne Gewalt ist ohnmächtig, Gewalt ohne Gerechtigkeit ist tyrannisch."

Reclams Universal-Bibliothek Band 1211
1. Auflage 1987
Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann
Herausgegeben und mit einer Einführung von Jean-Robert Armogathe
Philosophie - Geschichte - Kulturgeschichte
 

Karl Emil Franzos: Galizische Erzählungen

Karl Emil Franzos ist einer jener Autoren, deren Werk in besonderer Weise von ihrer Biographie geprägt wurde. Seine Geburt in einem ukrainischen Städtchen, die Jugend in der von den verschiedensten Volksgruppen bewohnten Stadt Czernowitz, die Erziehung, die von deutscher Kultur, besonders von den Idealen der Aufklärung und Klassik, beeinflußt war - all das blieb bestimmend für die Art, in der Franzos die Welt erlebte und dichterisch gestaltete. Durch seine jüdische Abstammung von ersehnten Berufswegen ausgeschlossen, wurde er zunächst Journalist, Reiseschriftsteller und schließlich einer der besten Schilderer jener abenteuerlichen, schon fast exotischen Welt, die er selbst "Halbasien" nannte. Das Leben der dort aufeinandertreffenden Völker, die mannigfachen Sprach- und Religionsgemeinschaften angehörten, faszinierte ihn immer wieder und fand Niederschlag in Romanen und Zeitschriftenartikeln, Feuilletons, Novellen und "Kulturbildern". Genaue Kenntnis der geographischen und historischen Fakten waren darin gepaart mit einer tiefen menschlichen Anteilnahme für die Leidenden und Geächteten. 

In den beiden Erzählungen dieses Bandes werden mit großer Sympathie für ihre Helden zwei solcher Schicksale geschildert. Der jüdische Schankpächter Leib, durch behördliche Willkür mit dem Namen Weihnachtskuchen ausgestattet, und seine einzige Tochter werden Opfer der unüberwindlichen Schranken, die zwischen Juden und Christen errichtet worden sind. Der Ausgestoßene Matko, der jahrzehntelang stumm in den Wäldern der Karpaten haust, findet erst im Tod wieder Aufnahme in die dörfliche Gemeinschaft und Versöhnung mit seinem schrecklichen Los. Das tragische Ende dieser Menschen, deren Zwänge und Vorurteile das erhoffte bescheidene Glück nicht gestatten, ist erschütternde Anklage der Verhältnisse. Franzos verstand sein Werk als einen Aufruf zu ihrer Veränderung.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
1. Auflage 1980
bb Nr. 449
 

Volker Braun: Gedichte

Volker Braun (geb. 1939): Die natürliche Gesellschaft interessiert uns nicht als Ideal, sondern als Prozeß, der begonnen hat; in ihm oder nirgendwo ist zu finden, was über ihn hinausreicht. So bleibt nur eins für die Dichtung interessant: die wirkliche Bewegung. Wie kommt die ins Gedicht?

Der antithetische Gang des Gedichts selbst wird zu Resultaten im Gedicht führen, die, da sie aus der Sache kommen, für die Sache wirken, für ihren realen Gang einen ideellen Vorlauf schaffen aus Erkenntnis, Bereitschaft, Lust. Das Gedicht wird fordern, was die Sache erfordert, es wird operativ. Es wird kühn sein wie die Sache, für die es sich engagiert.

Die insgesamt vom Zustand der Gesellschaft erzählende Dichtung, die keine "Nachahmung" der Wirklichkeit gibt (die Wirklichkeit nicht als Selbstverständnis gibt), sondern bewußt eine aktive Haltung zur Wirklichkeit einnimmt, die bewußt bestimmte Emotionen, Haltungen zu erzeugen sucht, ohne ihre eigene Unfehlbarkeit zu suggerieren (die also die Vorgänge und sich selbst der Kritik anbietet), kommt der Politik ins Gehege: als Partnerin.

Reclams Universal-Bibliothek Band 51
2. veränderte Auflage 1976
 

Mittwoch

Ludwig Bäte: Gaben des Herbstes - Erzählungen und Gedichte

Einen Querschnitt durch das Schaffen Ludwig Bätes will der von Klaus Walther gestaltete Band vermitteln. Wir lernen den feinsinnigen Lyriker Bäte kennen, dessen Verse vielen Freunden seit Jahrzehnten teuer sind; den Schöpfer fesselnder biographischer Novellen, die Persönlichkeiten, wie Lichtenberg, Mozart und Grabbe, lebendig schildern; den zeitverbundenen Erzähler, der Probleme der Gegenwart mit Scharfblick und Einfühlungsvermögen gestaltet. Als "Gaben des Herbstes" werden diese Dichtungen geboten; der 70. Geburtstag Bätes war der Anlaß zur Entwicklung des Planes für einen solchen Band. Bäte gehört zu den westdeutschen Schriftstellern, die ihre antifaschistische Vergangenheit mit den Forderungen, die nach dem Zusammenbruch des Hitler-Reiches vor jedem Deutschen standen, in Einklang zu bringen suchte. Kraft und Eindringlichkeit seiner Prosa werden von den sechs Erzählungen, die der vorliegende Band vereint, gültig bezeugt.

Union Verlag
1. Auflage 1964
Illustriert von Gitta Kettner 

Rolf Guddat: Für jeden kommt der Tag

Für den vorliegenden Roman hat er eine historische Begebenheit ausgewählt, die den Kern des faschistischen U-Boot-Krieges bloßlegte. Die Gestalt des Kapitänleutnants Oeser trägt in sich den Widerspruch der "christlichen Seefahrt" während dieser Zeit: Anstand und Einhaltung der Internationalen Seerechtskonvention oder auch Versenkung von Passagier- und Handelsschiffen im uneingeschränkten U-Boot-Krieg. In dem Augenblick, wo Oeser dem Gegner gegenüber menschlich zu handeln versucht, stellt er sich gegen die faschistische Kriegführung. Für Kapitänleutnant Oeser kommt dieser Tag mit dem BdU-Befehl von Großadmiral Dönitz vom 17. September 1942, der ihn zur Entscheidung zwingt.

Verlag Sport und Technik Berlin
2. Auflage 1959
3. Auflage 1960
 

Französische Feenmärchen

Französische Feenmärchen sind in mehr als 40 Bänden aus dem 17. und 18. Jahrhundert überliefert. Die schönsten wie "La Belle et la Bete" gingen um die ganze Welt, andere fielen der Vergessenheit anheim. Die vorliegenden, unter dem schlichten Titel "Neue Feenmärchen" 1718 zum ersten Mal erschienen, wurden in die berühmteste französische Märchensammlung damaliger Zeit, das "Cabinet des Fées", aufgenommen. Ihr Verfasser, kein Genie, doch vom Geist der Epoche geprägt und mit mehr als genügend Phantasie ausgestattet, um die Möglichkeiten der bewährten und beliebten Gattung auszukosten, blieb bis heute anonym.

Reizvoll an diesen Märchen ist nicht die Phantastik allein, sondern auch der galante Ton, in dem erzählt wird, welch immer neue Fügungen des Schicksals Feen ersinnen oder durchkreuzen, um zu guter Letzt getreulich liebende Prinzen und Prinzessinnen für ihre Standhaftigkeit mit dauerhaftem Glück zu belohnen. Man fühlt sich an den Hof in Versailles oder in einen Salon in Paris versetzt, wo sich adligen Damen und Herren mit derlei Geschichten die Zeit vertrieben.

Reclams Universal-Bibliothek Nr. 1240, 1988
Belletristik

Dienstag

Anthologie Frühlingssonate

An der Entstehung dieses Buches sind Menschen aus allen Teilen des Volkes beteiligt - Schriftsteller, Arbeiter, Lehrer, Offiziere unserer Volksarmee, Ingenieure. Es sind Alte und Junge darunter, von ungleichem Temperament und mit verschiedener Lebenserfahrung, anerkannte Literaten die einen, Neulinge auf dem Kampfplatz der Literatur die anderen. Aber eines eint sie: das Verlangen, mit ihrem Bericht, ihrer Erzählung, ihrem Vers der Freundschaft zu dienen, die unser Volk mit den Völkern der Sowjetunion verbindet. So ist ein wichtiges, interessantes und zugleich unterhaltsames Buch entstanden, das dem erstaunlichen Bande "Zweimal geboren" folgt.

Es scheint mir auch kein Zufall zu sein, daß gerade die vielfältige Begegnung unseres Volkes mit Vertretern einer neuen, der sowjetischen Welt so viele Menschen aus allen Schichten unseres Volkes zum Nachdenken über uns selber, über unsere Vergangenheit und Zukunft angeregt und ihnen die Feder in die Hand gedrückt hat. Tatsächlich erhellt der 1917 entzündete rote Stern auch heute noch die Phantasie der Menschen bei uns und in aller Welt, und immer neue Millionen erkennen, daß der Große Oktober das zeitenbewegende Thema ist und bleibt.

Allen denen, die mit diesem Buche der erlebten Freundschaft zu uns sprechen, aber auch den Herausgebern, den Lektoren, dem Verlag und den vielen, die sich am Kunstpreis-Wettbewerb der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft beteiligt haben, gilt unser Dank. Doch verschweigen wir eines nicht:

Noch gibt es Kritiker, die in der Veröffentlichung der Arbeiten von Schriftstellern und von schreibenden Arbeitern oder Bauern in einem Bande ein großes Wagnis sehen. Sie möchten gern reinlich eine Grenze zwischen ihnen abgesteckt wissen und verweisen - nach der Lehre, daß der Schuster bei seinem Leisten bleiben solle - den schreibenden Arbeiter und seine Literatur in seinen engeren Arbeitsbereich: den schreibenden Metallarbeiter an seine Drehbank, den schreibenden Bäcker an seinen Backofen.

Der vorliegende Band zeigt deutlich, daß Laienautoren durch keine Grenzen oder Mauern von den Berufsschriftstellern getrennt sind. Zusammen schöpfen sie - Weite und Höhe der Wirklichkeit auslotend und die Literaturbewegung in den gleichen Richtungen bereichernd - aus demselben Born: dem Leben, in unserem Falle - der erlebten Freundschaft.

A. Kurella


Im Auftrage des Zentralvorstandes der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft herausgegeben von Lothar Grünewald, Helga Hoeffken-Kast und Johannes Schellenberger