13 Oktober 2026

Heinz Hardt: Die Tochter des Mister Blackley und Sascha war sein Freund


Ganz überraschend bekam ich ein Telegramm: „Einftreffe 13 Uhr in Schönefeld – stop – Harri!" Ja, und dann saß ich im Wagen und fuhr Richtung Lufthansa-Hafen, Berlin-Schönefeld.
Sieben Monate hatten wir uns nicht gesehen, das Erzählen wollte gar kein Ende nehmen.
Zwei seiner Erlebnisse, auf der Reise durch Kanada und die Sowjetunion, erschienen mir ihrer Aktualität wegen wert, vorgezogen zu werden. Deshalb lesen Sie, lieber Leser, in diesem Heft Kander-Erlebnisse aus dem Jahre 1956.
Um Irrtümern vorzubeugen, muß ich erwähnen, daß sich Harri von seinen Reisen eine entzückende kleine Französin mitbrachte und 1950 heiratete. Das erwähne ich deshalb, weil in der folgenden Erzählung Frauen eine gewisse Rolle spielen.
                                                                             Karl Heinz Hardt

Heftanfang:
Die Tochter des Mister Blackley
Kanada. Toronto ist eine Stadt ungefähr von der Größe Leipzigs.
Breite Straßen und Gärten vor den Häusern ziehen sich um die Innenstadt mit ihren modernen Hochhäusern, an denen Lichtreklame flimmert.
Der Stadtrand trägt schon ländlichen Charakter. Siedlungshäuser sind hier in das Grün großer Gärten eingebettet. Nur die Seite zum Ontariosee zeigt ein anderes Gesicht. Hier stehen die Villen der Warenhausbesitzer, der Reedereiaktionäre und der Getreide- und Holzgroßhändler. In den Wellen schaukelnde Jachten an den weißgestrichenen Bootsstegen runden das Bild ab. Wer mit offenen Augen die Stadt betrachtet, findet aber auch, von den Villen gar nicht weit entfernt, die Baracken der Hafen- und Holzarbeiter, die nichts, aber auch gar nichts mit den Palästen der ungekrönten Könige von Toronto gemein haben, nicht einmal die Ziegel auf dem Dach, denn die Baracken sind mit Dachpappe und dort, wo auch diese fehlte, mit Reklameblechen gedeckt.
Im Zentrum der Stadt, wo der Verkehr am stärksten lärmt, liegt zwischen Bürohäusern, Restaurants, Kinos und vielen kleineren Geschäften das große Warenhaus Mister Blackleys.
„Vom Flugzeug bis zum Sonnenhut – bei Blackley kauft man immer gut!" leuchten in riesigen Lettern die Neonröhren in die Nacht. Er weiß, wie man den Leuten das Geld aus der Tasche zieht, er muß es auch, denn sein größter Konkurrent, der junge Jack Brown, zwingt ihn ständig, nach neuen Ideen zu jagen.
Charles Blackley sitzt auf der Veranda seiner Villa und schaut auf den See, auf dem sich Mabel, seine Tochter, mit Freunden im Motorboot tummelt.
Die Sonne steht schon dicht über dem Horizont und wirft den Schatten des Hauses weit auf die Fluten des Ontario hinaus.
Ein Gespräch aus Ottawa, Mister Blackley!" Das Mädchen ist eingetreten, sie hält das Telefon in der Hand, schließt das Kabel an und reicht ihm den Hörer.
"Ja? – Blackley, Toronto! – Sie sind's Stevenson? Good evening! – Wie? Nein, davon weiß ich nichts – verdammte Geschichte! Ist daran nichts zu ändern? – Ich soll das machen? – Ja, werde es versuchen – selbstverständlich benachrichtige ich Sie. Morgen schon, ja, good bye." Schweißperlen stehen Mister Blackley auf der Stirn. Es ist doch unerhört, was ihm eben Stevenson von der „Air-Co," mitgeteilt hat. Jack Brown, sein Konkurrent, will tschechoslowakische Flugzeuge verkaufen. Im Frühjahr war er in Europa, Blackley hatte schon vor Wochen davon erfahren, und nun stellt sich heraus, der Kerl hatte irgendwelche Abschlüsse getätigt. Und was hat Stevenson, der Agent der „Air-Co.", ihm Blackley, vor wenigen Minuten am Telefon gesagt? 

Umschlag: Hans Räde

Verlag Sport und Technik Berlin
Reihe:
Abenteuer des Fliegenden Reporters Harri Kander Heft 4

1. Auflage 1957 
 

Arkady Fiedler: Orinoko


Nach "Die Insel der Verwegenen" entführt uns die Fortsetzung "Orinoko" in den Dschungel Südamerikas. John erlebt die Grausamkeit und den Edelmut der dort ansässigen Indianer, gerät in eine Stammesfehde und verhilft dem wahren Häuptling zu seinem Thron. Er bekommt seine indianische Schönheit und vertreibt europäische Sklavenjäger. Er eint die Stämme am Orinoko und schafft so ein kleines Paradies für sich und seine Freunde (Afrikaner und Indianer). Ein Buch für Abenteuerfans, das alles hat was ein Abenteuer braucht.

Klappentext:
Feuchtheißer Dschungel, gefräßige Humas, prachtvoll gefiederte Papageien, die majestätische Weite des Riesenstromes... Ein Häuflein verwegener Männer – Jan Bober und seine indianischen Freunde – kämpft sich mit einem kleinen Schoner von der Mündung her den Orinoko aufwärts. Ihre Heimat, die Hütten der Arawaken, liegt nicht mehr fern.
Hier schlägt ihnen jedoch Mißtrauen entgegen. Der Häuptling befürchtet, von seinen aus der spanischen, Sklaverei heimkehrenden Stammesgefährten oder dem „Weißen Jaguar“, ihrem nahezu legendären Freund, aus seiner Herrscherstellung verdrängt zu werden. Besonders Karapana, der verschlagene Zauberer, scheut weder das Gift der Schlange noch der Verleumdung, um dem vermeintlichen Widersacher zu schaden.

Ins Deutsche übertragen von Erwin Thiemann

Schutzumschlag, Einband und Illustrationen: Eberhard Binder-Staßfurt

Verlag Neues Berlin
Reihe:
Spannend erzählt, Band 35

1. Auflage 1960
2. Auflage 1962
3. Auflage 1964
4. Auflage 1968
5. Auflage 1970

Arkady Fiedler: Die Insel der Verwegenen


Im tosenden Sturm zerschellt das Piratenschiff an der südamerikanischen Küste. Jan Bober, der als Matrose bei den Seeräubern Unter schlupf gefunden hatte, kommt mit dem Leben davon, doch er befindet sich auf einer menschenleeren Insel. Ihm bleibt kein anderer Weg – wie weiland Robinson muß er den mühevollen Kampf ums Dasein aufnehmen. Nur mit einem Jagdmesser ausgerüstet, erwarten ihn die schwersten Prüfungen. Eine Höhle bietet Jan Schutz vor Raubtieren. Beeren und rohes Fleisch sind seine erste Nahrung... Menschliche Spuren führen ihn eines Tages zu weiteren Überlebenden, zwei jungen Indianersklaven. Sie begegnen ihm anfangs mit Furcht und Mißtrauen, doch gemeinsam schmieden sie Pläne.

Buchanfang:
Cumana, an der venezuelischen Küste, ungefähr dreihundert Kilometer westlich der Mündung des großen Orinoko-Flusses gelegen, ist eine der ältesten Städte Amerikas. Sie wurde 1520 von den Spaniern am Ausgang der tiefen Bucht gegründet, die durch eine lange Halbinsel vor den nordöstlichen Passatwinden geschützt wird. Sie war von jeher ein lebhaftes Handels- und Kulturzentrum und ein Stützpunkt für die Unternehmungen der Konquistadoren. Von hier aus zogen die gefürchteten Eroberer ins Innere des Landes, bis weit an den Orinoko hin, um die Indianerstämme zu unterwerfen und ihnen ihr Land zu rauben. Auch gingen von hier zahlreiche Missionare hinaus, um die Seelen der Indianer zu unterjochen oder – wenn man so will – sie zu "retten" und um reiche Missionen zu gründen.
In Cumana gibt es natürlich viele Kirchen und Klöster, die in ihren Mauern Sammlungen von Chroniken, Urkunden und Verträgen bergen. Bis auf den heutigen Tag sind hier wertvolle Handschriften erhalten geblieben, die Licht auf die Geschichte dieses Landes und auf die Geschehnisse vergangener Zeiten werfen.
Einige Dutzend Kilometer im Norden von Cumana erhebt sich aus dem Karibischen Meer die von Kolumbus entdeckte ausgedehnte Insel Margarita. Zwischen Margarita und dem Festland liegt eine andere, wesentlich kleinere Insel, die Isla Cocha. Jahrhunderte hindurch war sie unbewohnt, und erst um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hatten sich hier die ersten Menschen angesiedelt, jedoch nur für eine vorübergehende Zeit.

[Fortsetzung der Geschichte in "Orinoko"]

Titel der polnischen Originalausgabe: "Wyspa Robinsona"
Ins Deutsche übertragen von Gottfried Schiller

Schutzumschlag, Einband und Illustrationen: Eberhard Binder-Staßfurt

Verlag Neues Leben Berlin
Reihe:
Spannend erzählt Bd. 25

1. Auflage 1958
2. Auflage 19??
3. Auflage 1962
4. Auflage 1964
5. Auflage 1969
6. Auflage 1977
7. Auflage 1989


Buchgemeinschaft der Freien Deutschen Jugend 
im Verlag Neues Leben

1. Auflage 1964


Berechtigte Ausgaben für den Buchclub 65
1. Auflage 1989









Cover der 7. Auflage und der Buchclub Ausgabe


Dt. Zentralbücherei für Blinde Leipzig
Großdruckausgabe für Sehschwache
(Fotomechanischer. Nachdruck der 6. Auflage)
1. Auflage 1981

08 Oktober 2026

Adelbert von Chamisso

Obgleich Zeitgenosse der romantischen Schule, an deren Bewegungen er teilnahm, hat doch das Herz dieses Mannes sich in der letzten Zeit so wunderbar verjüngt, daß er in ganz neue Tonarten überging, sich als einen der eigentümlichsten und bedeutendsten modernen Dichter geltend machte und weit mehr dem jungen als dem alten Deutschland angehört.
Heinrich Heine

Umherirrend zwischen Revolution und Restauration, ließ Chamisso in seinem Ideal, den Lebenskreis auszuschreiten, keinen Mystizismus zu. Er sah die Härten genau, die Bettler, Waschfrauen, Verbannten auch mitleidend, doch nicht tränenverklärt. Er war wohl zu welterfahren und zu französisch, um in deutscher Enge steckenzubleiben.
Steffen Mensching

Adelbert von Chamisso, geboren am 30. Januar 1781 auf Schloß Boncourt in der Champagne. Sohn einer alten lothringischen Adelsfamilie, die während der Revolutionswirren über Holland nach Deutschland emigrierte; seit 1796 in Berlin; Page der Königin, Unterricht am Französischen Gymnasium; 1798 Fähnrich der preußischen Armee, 1801 Leutnantspatent; nebenbei Studium der Philologie und Philosophie; gibt mit Varnhagen, Fouqué und anderen den Grünen Musenalmanach heraus; 1806 Teilnahme am Feldzug gegen Napoleon, danach aus dem Militärdienst entlassen; 1806, 1807 und 1810 bis 1812 längere Aufenthalte in Frankreich, Bekanntschaft mit Uhland, Aufenthalt bei Frau von Staël; 1812 bis 1815 medizinische, botanische und zoologische Studien an der Berliner Universität: 1813 entsteht die Novelle Peter Schlemihls wundersame Geschichte; 1814 enge Bekanntschaft mit E. T. A. Hoffmann; 1815 bis 1818 Teilnahme an einer russischen Forschungsexpedition; 1819 Ehrendoktor an der Berliner Universität; Adjunkt am botanischen Garten; Heirat mit Antonie Piaste; 1822 Bekanntschaft mit Hoffmann von Fallersleben; 1830 Zusammentreffen mit Heine; ab 1832 gemeinsam mit Gustav Schwab Herausgeber des Deutschen Musenalmanachs; 1835 Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften; 1838 Übersetzung der Lieder Bérangers. Adelbert von Chamisso starb am 21. August 1838 in Berlin. Gedichtbände: Lieder und Balladen (als Beigabe zur 2. Auflage des Schlemihl, 1827), Gedichte (1831); Ausgaben: Werke (1836), Sämtliche Werke (1907), Ausgewählte Werke (1929), Werke in einem Band (1967), Werke (1980) und andere.


Leseprobe:

DAS SCHLOSS BONCOURT

Ich träum als Kind mich zurücke 
und schüttle mein greises Haupt; 
wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, 
die lang ich vergessen geglaubt?

Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen 
ein schimmerndes Schloß hervor; 
ich kenne die Türme, die Zinnen, 
die steinerne Brücke, das Tor.

Es schauen vom Wappenschilde 
die Löwen so traulich mich an; 
ich grüße die alten Bekannten 
und eile den Burghof hinan.

Dort liegt die Sphinx am Brunnen, 
dort grünt der Feigenbaum, 
dort, hinter diesen Fenstern, 
verträumt ich den ersten Traum.

Ich tret in die Burgkapelle 
und suche des Ahnherrn Grab; 
dort ist's, dort hängt vom Pfeiler 
das alte Gewaffen herab.

Noch lesen umflort die Augen 
die Züge der Inschrift nicht, 
wie hell durch die bunten Scheiben 
das Licht darüber auch bricht.

So stehst du, o Schloß meiner Väter, 
mir treu und fest in dem Sinn 
und bist von der Erde verschwunden, 
der Pflug geht über dich hin.

Sei fruchtbar, o teurer Boden, 
ich segne dich mild und gerührt 
und segn' ihn zwiefach, wer immer 
den Pflug nun über dich führt.

Ich aber will auf mich raffen, 
mein Saitenspiel in der Hand, 
die Weiten der Erde durchschweifen 
und singen von Land zu Land.

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Auswahl dieses Heftes: Rudolf Dau

Umschlagvignette: Franz Horny (1798-1824) 
Innengrafik: E. T. A. Hoffmann (1776-1822)


Verlag Neues Leben Berlin
Reihe:
Poesiealbum 160
1. Auflage 1981 

06 Oktober 2026

E. R. Greulich: Die Verbannten von Neukaledonien

Buchinfo 
Neukaledonien, das bedeutet Sonne, tropische Vegetation, fruchtbares Land. Die Verbannten auf der Halbinsel Ducos kennen nur die Sonne. Ducos ist steinig, öd, heiß: Hunger, Durst, Krankheit und erzwungenes Nichtstun bestimmen das Leben. Darum machen sich zwei Männer auf. Sie wollen nach Europa, die Weltöffentlichkeit alarmieren.
Der Versuch, schwimmend ein Schiff zu erreichen und als Matrosen anzuheuern, schlägt fehl. So wagen sie, was noch niemand geschafft hat, die Flucht über die Insel. Sie finden Unterschlupf bei der Malerin Aurore, im Kloster, in einer zweifelhaften Pension. Sie treffen Freunde, wo sie es nicht zu hoffen wagten, doch ihre Feinde sind nicht abzuschütteln. Und doch erreichen sie endlich ein Schiff, das sie mitnimmt nach London. Hier beginnt der eigentliche Kampf, der Kampf um Freiheit für die verbannten Kommunarden. 

Buchbeginn
Zehntausend Meilen hinter der Kimm
Der Sarg war aus Kistenholz, sechs Männer trugen ihn, gebückt unter der leichten Last, als drücke die Sonnenglut sie nieder. Ein langer Zug Deportierter gab dem toten Kommunarden das letzte Geleit, und dicht hinter dem Sarg schritten die wenigen Frauen des Lagers. In der ersten Reihe der Männer befanden sich der Journalist Pascal Grosseu und dessen Freund, der ehemalige Marineoffizier Roger Kervizic, der öfter seinen Blick auf eine der Frauen richtete. Sie erschien größer, da sie erhobenen Hauptes ging. Als sie sich kurz umwandte, um den Zug zu überschauen, sah Kervizic die Trauer in ihren großen dunklen Augen. Louise Michels Gesicht wirkte herb, der selbstbewußte Blick, die lange gerade Nase, der dünnlippige Mund verrieten Intelligenz und Tatkraft.
Ein Engpaß war erreicht, hier mußte eine Felsstufe erklommen werden. Die Männer halfen den Frauen, Kervizic reichte Louise Michel die Hand. Sie sagte leise danke, dabei glitt ihr Blick prüfend über sein Gesicht, und er wußte, sie hatte einige Fragen auf dem Herzen.
Andere Männer übernahmen den Sarg, wie ein altersschwacher Nachen schwankte er vor dem schweigenden Zug her. Am Ende des mühevollen Aufstiegs hoben viele Hände den Schrein von den Schultern der Träger und stellten ihn sanft neben das Erdloch. Es war kaum einen Meter tief. Überall unter dem gelbgrauen Sand der Halbinsel trat bröckliges Gestein zutage. Es hatte die Kameraden des Verstorbenen Anstrengung gekostet, mit unzulänglichem Grabzeug die flache Grube auszuheben.
Dichtgedrängt standen die Trauernden auf dem kleinen Areal mit den vielen Kreuzen aus Treibholz, auf denen die eingekerbten Namen bald verwittert sein würden. Die Deportierten nahmen ihre Kopfbedeckungen ab, speckige Mützen, ausgebleichte Kappen, selbstgeflochtene Sonnenhüte. Der Sarg wurde hin-abgelassen, es polterte dumpf. Pascal Grosseu trat an die Grube, er hielt die Hände zu Fäusten verkrampft.

Autor
E. R. (Emil Rudolf) Greulich (6. Oktober 1909 - 31. August 2005) wurde nach dem Krieg Mitglied der SED. Er arbeitete als Korrektor, danach als Redakteur in Ost-Berlin. Er gehörte zu den Mitbegründern des Verbandes der Deutschen Presse und des Deutschen Schriftstellerverbandes der DDR. In Letzterem war er auch in der Rechtskommission tätig. Freischaffender Schriftsteller war er seit 1949 in Ost-Berlin. Und er gehörte 1953 zur Gründungsredaktion der "Wochenpost".
Sein Grab kann man auf dem Friedhof Berlin-Adlershof besuchen. Sein Nachlass befindet sich im Literaturarchiv der Berliner Akademie der Künste.


Illustrationen von Günther Lück

Verlag Neues Leben, Berlin  
Reihe:
Spannend erzählt Bd. 157

1. Auflage 1979
2. Auflage 1982
3. Auflage 1987
4. Auflage 1990 
 
Berechtigte Ausgaben für den Buchclub 65
1. Auflage 1982 


04 Oktober 2026

Hansgeorg Stengel

•  Auch in dieser kleinen Sammlung präsentiert sich der unpathetische Stengel, den so viele Menschen wegen seiner ironischen, dabei zumeist freundlichen und niemals zynischen Art der Welt-Betrachtung schätzen als einen Mann, der im Zeitalter der GROSSEN WORTE niemals große Worte macht.
Lothar Kusche

• Er haßt Aufgeblasenheit, Hohlheit und Falschmünzerei und bekämpft sie mit sprachlicher Genauigkeit und wortgewandten, wörterumprägenden, wortverändernden Formulierungen, die schärfere Konturen in Begriffe bringen, Zustände erhellen, Umstände deutlicher machen, zum Anderssehen auffordern, den Spaß am Wortspiel wecken und nolens-volens zum eigenen Spiel mit der Sprache ermuntern.
Wolfgang Sellin

Hansgeorg Stengel, geboren am 30. Juli 1922 in Greiz. Schulbesuch in Greiz, 1941 Abitur; Soldat im zweiten Weltkrieg; nach 1945 Mitarbeit an verschiedenen Zeitschriften; von 1951 bis 1959 Redakteur des Eulenspiegel; von 1954 bis 1959 Studium der Journalistik; trat auch als Kinderbuchautor, Erzähler und Feuilletonist hervor und ist seit 1973 „nomadisierender Solokabarettist“. Hansgeorg Stengel lebt als freiberuflicher Schriftsteller in Berlin.
Gedichtbände: Mit Schrubber und Besen (1950), Gelichter und Gelächter (1954), Die neue Leier (1964), Mit Stengelszungen (1967), Frühling, Sommer, Herz und Kinder (1970), Stenglisch for you (1971), Der rettende Stengel (1974), Strophe muß sein (1977), Die feine stenglische Art (1976), Der Unschuldsstengel (1978), Mit Stengelsgeduld (1980), Epigramme und Gedichte (Sammelband, 1980), Stengelextrakt (1982)

Leseprobe:
Himmel und Erde
Entfacht nicht gleich Gezeter, 
wenn einer keine Hymnen schreibt. 
Wer immer auf dem Teppich bleibt, 
ist noch kein Leisetreter.

Zuviel verlangt
„Philister! Hab doch Humor!“ 
Das kommt mir fast so vor, 
als sagte man zur Forelle: 
„Belle!“

Eine Nummer kleiner
Formuliere besonnen, 
spar-, wirk- und einfühlsam. 
Schreib keine Epitonnen. 
Höchstens ein Epigramm.

Philatelisten
Der Suggestion von Postwertzeichen 
kann kein Magnet das Wasser reichen. 
Millionen Sammler aller Länder 
sind passionierte Marketender. 
Der eine sammelt Ersttagsbriefe, 
der zweite Weltraumfahrt-Motive, 
ein dritter sammelt Weinbergschnecken, 
ein vierter Marken mit drei Ecken, 
ein fünfter schließlich scheffelt Märchen, 
ein sechster hamstert Zwillingspärchen. 
Doch mögen Sammler auch in ihren 
Motiven deutlich divergieren –
nach einem Fehldruck, rar und teuer, 
lechzt jeder Sammler ungeheuer. 
Es zeigt uns solches Fehl-Verhalten, 
daß Fehler manchmal Glück entfalten. 
Drum toleriert die kleinen Mängel!
Mit Sammlergruß:
                                Hansgeorg Stengel

Der Abdruck der Gedichte erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Eulenspiegel-Verlages, Berlin
Umschlagvignette und Innengrafik: Rolf Felix Müller (geb. 1932), lebt als Illustrator in Gera.

Verlag Neues Leben
Reihe:
Poesiealbum 186
1. Auflage 1983 

03 Oktober 2026

Edgar Allan Poe: Hinab in den Maelström

 „Es ist noch gar nicht lange her“, sagte er endlich, „daß ich Sie diesen Weg ebensogut hätte führen können wie der jüngste meiner Söhne; aber vor drei Jahren ist mir etwas zugestoßen, was gewiß In Nordland (zwischen den Lofoten und Mosköe) gibt es den von allen gefürchteten Maelström, einen trichterförmigen, gigantischen Wirbel, der einen Durchmesser von mehreren Meilen hat. In ihn geraten während eines Orkans vier Fischer mit ihrem kleinen Boot. Sie wie auch der von der spanischen Inquisition zum Foltertod verurteilte Held der zweiten Erzählung „Grube und Pendel“ erweisen sich als scharf analysierende Beobachter, die Grauen und Angst bekämpfen und auf Rettung sinnen.





Heftanfang:
Hinab in den Maelström

Die Wege Gottes in Natur und Schicksalsfügungen sind nicht 
unsere Wege; unsere Werke sind auch keineswegs zu vergleichen 
mit der Größe, Tiefe und Unergründlichkeit seiner Werke, 
die eine Tiefe haben, größer als die Brunnen des Demokritos.
Joseph Glanville

Endlich hatten wir den Gipfel des höchsten Felsens erreicht. Einige Minuten lang schien der Greis zu sehr erschöpft, um sprechen zu können. 
noch keinem Menschen begegnet ist oder wovon wenigstens niemand erzählen konnte; und sechs Stunden tödlichen Schreckens, die ich damals durchlebte, haben mich körperlich und geistig gebrochen. Sie halten mich wohl für einen sehr alten Mann, aber ich bin es nicht. In weniger als einem Tag wurden diese einst kohlschwarzen Haare schneeweiß, wurden meine Glieder so gelähmt und meine Nerven so geschwächt, daß ich schon bei der geringsten Anstrengung zittere und mich vor einem Schatten fürchte. Wissen Sie, daß ich über diese kleine Klippe kaum hinabschauen kann, ohne Schwindel zu bekommen?“
Er hatte sich nachlässig am Rand der „kleinen Klippe“ hingestreckt und ruhte sich aus. Dabei bewahrte ihn nur der auf dem äußersten, schlüpfrigen Rand aufgestützte Ellbogen vor dem Absturz, so weit hing sein Oberkörper darüber hinaus. Diese „kleine Klippe“ ragte als ein glatter Felsen ungefähr fünfzehn- bis sechzehnhundert Fuß über die unter uns liegenden Felsen hinaus. Nichts in der Welt hätte mich bewegen können, ihrem Rand auf ein halbes Dutzend Ellen nahe zu kommen. In der Tat, so sehr wurde ich durch die gefährliche Stellung meines Führers geängstigt, daß ich mich der Länge nach auf den Boden warf, mich an die Sträucher in meiner Nähe klammerte und nicht einmal zum Himmel aufzublicken wagte. Dabei quälte mich der Gedanke, daß selbst die Fundamente des Berges durch den rasenden Sturm erschüttert werden könnten; ein Gedanke, gegen den ich mich vergeblich wehrte. Es dauerte lange, bis ich nach vernünftiger Überlegung wieder so viel Mut faßte, daß ich mich hinsetzte und in die Ferne hinausschaute.
„Solche Angstvorstellungen müssen Sie niederkämpfen“, sagte mein Führer, „denn ich habe Sie hierhergeführt, damit Sie den Ort, wo ich das erwähnte Erlebnis hatte, möglichst gut sehen und damit Sie sich alles gut vergegenwärtigen können.“
„Wir sind nun“, fuhr er in seiner eigentümlichen Art fort, „dicht an der norwegischen Küste unter dem achtundsechzigsten Grad nördlicher Breite – in der großen Provinz Nordland und im öden Gebiet der Lofoten. Der Berg, auf dessen Gipfel wir jetzt sitzen, ist der Helseggen, man nennt ihn auch den Wolkigen. Richten Sie sich etwas höher auf – halten Sie sich im Gras fest, wenn Sie Schwindel fühlen, gut so, und sehen Sie über den Dunstgürtel unter uns weg auf das Meer hinaus.“

Umschlag und Illustrationen: Walter Gorski

Verlag Neues Leben Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer 405
1. Auflage 1980