Martin wird Neunfinger genannt, und er trägt diesen Namen mit Stolz, hat er doch mit neun Fingern mehr geleistet als manch anderer mit zehn. — Nach einem Autounfall verlor er den Vater. Martin und seine nun auf einen Rollstuhl angewiesene Mutter wollten unbedingt zurück in ihre vertraute Umgebung: in eine abgelegene Siedlung im Wald. Martin meisterte diese Aufgabe, die ihn wie einen Erwachsenen forderte. Manfred, ein Maler, zog in das verlassene Nachbarhaus, er führte ihn in die Welt der Farben, der Bilder. Doch eines Tages, nach einem besonders strengen Winter, findet Martin sich mit seiner Mutter in einer komfortablen Hochhauswohnung wieder. Er fühlt sich von Manfred verraten, und die Bilder würde er, gäbe es hier einen Ofen, am liebsten verbrennen.
Leseprobe
Augenblicke gibt es, da fühle ich mich in der Südstadt richtig wohl, da vergesse ich, daß ich nicht mehr in Neulingen bin. Aber jedesmal passiert etwas, das mir wieder klarmacht: Jetzt ist alles anders.
Als Mutter gestern nachmittag vom orthopädischen Schwimmen kam, standen beide Fahrstühle still. Wir schauten eine Weile dem Monteur zu, der in den Aggregaten herumfingerte. Kurz vor halb fünf packte er sein Werkzeug zusammen, verschloß die Aufzüge und erklärte: "Das wird heute nichts mehr."
Mutter wollte, daß ich unsere Nachbarn aus der sechsten Etage bitte, ihr die Treppen hinaufzuhelfen. Doch ich bestand darauf, sie allein hochzutragen.
Autorin
Maria Seidemann (16. Oktober 1944 - 7. September 2010) wurde in der DDR geboren. Seit 1974 lebte sie als freie Schriftstellerin in Potsdam. Zu Beginn schrieb sie Gedichte, dann folgten Erzählungen und Romane aus dem DDR-Alltag.
Seit Mitte der 1980er-Jahre erschienen hauptsächlich Kinder- und Jugendbücher. In dem Jugendbuch "Neunfinger" behandelte sie 1983 das bis dahin in der DDR weitgehend tabuisierte Thema des Lebens mit einer Körperbehinderung.
Die meisten ihrer Werke erschienen nach der politischen Wende 1989.
Mit Illustrationen von Irene Dietrich
Der Kinderbuchverlag Berlin
1. Auflage 1983
2. Auflage 1985
3. Auflage 1989






