DDR-Literatur
Bücher und Schriftsteller, die in der DDR gelesen wurden. Schaut bitte nicht nur danach, ob hier jeden Tag Beiträge auflaufen, nutzt diesen Blog auch wie ein Lexikon. Er ist ein Langzeitprojekt, da ist es sicherlich verständlich, wenn zwischendurch immer mal wieder pausiert wird. Sei es, um nicht die Lust daran zu verlieren, aber auch, weil die Beiträge auch regelmäßig vorbereitet werden müssen. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Stöbern und Erinnern oder neu entdecken.
27 April 2026
Gerda Jun: Kinder, die anders sind, Elternreport
Acht Mütter und drei Väter geistig bzw. körperlich behinderter Kinder erzählen von ihren Erfahrungen mit sich selbst, mit der Umwelt und von Problemen des Zusammenlebens in der Familie. Sie sprechen über ihre Wünsche und Hoffnungen. Hoffnungen, die u. a. zum Ausdruck bringen, daß an die Stelle noch vorhandener Vorurteile gegenüber Behinderten und ihren Familien mehr und mehr Verständnis, Toleranz und Hilfe treten.
Die für das Buch gewählte Form des persönlichen Berichtes und ergänzender fachärztlicher Erläuterungen berührt zum einen die emotionale Seite des Lesers und kommt zum anderen seinem Bedürfnis nach Sachinformation entgegen. Darin liegt der besondere Wert dieses Buches, das den Leser zum Mitdenken und - vor allem - auch Mithandeln anregen will.
Leseprobe
… Natürlich fühle ich mich auch manchmal allein … ich meine so als Frau. Die Männer in meinem Leben haben es sich doch relativ einfach gemacht, insbesondere Martins Vater. Für ihn ist sein Sohn eben nur ein "Idiot", der ihn nichts oder nur sehr wenig angeht. So ist das mit der "männlichen Freiheit". Wie sollte ich mich da nun als Frau und Mutter verhalten? Selbstverständlich hatte ich mir mein Leben auch anders gewünscht, weniger belastet. Aber ich kann doch nicht einfach ohne Gewissensbisse so tun, als ginge mich der Martin gar nichts an, als sei er gar nicht mein Sohn. Wo er doch auch so große Sehnsucht nach menschlicher Wärme und liebevollem Angenommensein hat - und wohl immer haben wird. Wie kann man sich denn da distanzieren? Ich konnte es nicht. Und so habe ich mich auf die Realitäten meines Lebens eingestellt...
Verlag Volk und Gesundheit Berlin
1. Auflage 1981
2. Auflage 1983
3. Auflage 1984
4. Auflage 1986
5. Auflage 1987
6., überarbeitete Auflage 1989
26 April 2026
Zofia Chądzyńska: Das Band des Pavillons
Buchinfo
Die 8b will ein Theaterstück aufführen, und Hauptdarstellerin soll Anka sein. Doch die Freude des Mädchens verwandelt sich in Verzweiflung, als die spöttische Bemerkung fällt: "Das hat es noch nicht gegeben, daß die Balladyna von einer Stotterliese gespielt wird."
Es stimmt, Anka stottert ein wenig. Alle anderen haben bis jetzt taktvoll darüber hinweggehört, und auch für Anka ist das Thema tabu gewesen. Was nun? Anka beschließt, der Schule den Rücken zu kehren. Mutter allerdings wird dafür bestimmt kein Verständnis haben, und den Vater möchte Anka auch nicht mit der Sache belasten. Zum Glück ist da noch die alte Ärztin, Ankas gute Bekannte. Ob sie vielleicht einen Rat weiß? Anka greift zum Telefonhörer...
Buchbeginn
Eines Tages ließ Herr Klucz - auch Kluczyk, das Schlüsselchen, genannt - die 8b einen Aufsatz schreiben. Thema: "Ein Selbstporträt". Mehrere Schüler fragten, weshalb nicht "Mein Selbstporträt", worüber Kluczyk sich mächtig ärgerte, und dann schrieb jeder etwas anderes, doch wie Anka meinte, schrieb niemand die Wahrheit. Alle wußten, daß Herr Klucz einige Aufsätze in der Klasse vorlesen würde, und schrieben entweder, was sie selber gern von sich dachten, oder was sie den Klassenkameraden über sich mitzuteilen wünschten.
Aus dem Polnischen von Kurt Kelm
Der Kinderbuchverlag Berlin, 1982
Zofia Nałkowska: Die Affäre der Teresa Hennert
Ebenso lebhaft wirkte auf seinem Gebiet General Chwoscik. Wo immer er auftauchte, sprach er viel und schnell. Für einen Moment blieb er bei der jungen, schönen Witwe des Generals Uniski stehen, ließ sie jedoch nicht zu Wort kommen, sondern beantwortete die ihr gestellten Fragen selbst. Und während er sprach, hielt er gleichzeitig über ihren Kopf hinweg Ausschau, ob er in der Nähe nicht einen würdigeren Gesprächspartner fände - und schon sprang er, kaum daß er den Satz beendete, der langsam heranschreitenden, sehr beleibten und prunkvoll gekleideten Gräfin Opocka entgegen. In ihrer Nähe fand er mühelos Fürst und Fürstin Wislicki, und erst vor ihnen sprudelte er seine Freude über die gelungene Veranstaltung heraus, deren Zweck "aller Unterstützung und Anerkennung würdig" sei.
Aus dem Polnischen übersetzt von Kurt Kelm
Reclam, Berlin
1. Auflage 1989
202 Seiten
ISBN-10 : 3379004561
ISBN-13 : 978-3379004565
Jelisaweta Drabkina: Razzia am Weihnachtsabend
Jelisaweta Drabkina ist die Tochter von bekannten russischen Revolutionären. Vater und Mutter mußten sich vor der Revolution lange im westeuropäischen Exil aufhalten. Die kurzen Aufenthalte in Rußland endeten meistens im Gefängnis oder in der sibirischen Verbannung. J. Drabkina schrieb den Erinnerungsband "Schwarzer Zwieback". Aus ihm wählten wir einige spannende Episoden aus. Die Autorin war sechzehn Jahre alt, als die Revolution begann. Sie erlebte sie in unmittelbarer Umgebung Lenins und seiner engsten Kampfgefährten im Smolny in Petrograd, dem heutigen Leningrad. Aus diesen entscheidenden Wochen stammen die Episoden, die uns die Atmosphäre jener Tage erregend wiedergeben. Sie schildern den Zeitraum von Oktober 1917 bis Anfang 1918, jene Zeit, in der die Arbeiter, Soldaten und Bauern sich in den Sowjets zusammenschlossen und unter der Führung der Bolschewiki um die Fabriken, den Boden, den Frieden und die Macht im Land gegen die Bourgeoisie auf Leben und Tod kämpften.
Buchbeginn
Am Oktobersturm nahm auch ein Rotgardist teil, der mit seiner revolutionären Wachsamkeit der Revolution geholfen hatte, den von ihren Feinden vorbereiteten verräterischen Dolchstoß in den Rücken abzuwenden.
Wie dieser Rotgardist hieß? Das weiß keiner.
Verlag Neues Leben, 1967
Reihe: Das neue Abenteuer 265
Christa Wolf: Kindheitsmuster
Kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in sein späteres Leben dringen - auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen in ihm erzeugt hat, die er am liebsten vergessen und leugnen möchte, zuerst vor sich selbst. Es ist ein großes Thema, den Reifeprozeß dieser meiner Generation zu verfolgen, auch die Gründe zu suchen, wenn er ins Stocken kam. Für diejenigen, die in der Zeit des Faschismus aufwuchsen, kann es kein Datum geben, von dem ab sie ihn als "bewältigt" erklären können. Die Literatur hat dem Vorgang nachzugehen, was heißen kann: ihm voranzugehen, ihn vielleicht mit auszulösen. Eine immer tiefere, dabei auch immer persönlichere Verarbeitung dieser im Sinn des Wortes ungeheuren Zeit-Erscheinung.
Leseprobe
Wer gäbe nicht viel um eine glückliche Kindheit?
Wer Hand an seine Kindheit legt, sollte nicht hoffen, zügig voranzukommen. Vergebens wird er nach einer Dienststelle suchen, die ihm die ersehnte Genehmigung gäbe zu einem Unterfangen, gegen das der grenzüberschreitende Reiseverkehr - nur als Beispiel - harmlos ist. Das Schuldgefühl, das Handlungen wider die Natur begleitet, ist ihm sicher: Natürlich ist es, daß Kinder ihren Eltern zeitlebens dankbar sind für die glückliche Kindheit, die sie ihnen bereitet haben, und daß sie nicht daran tippen.
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1981
1. Auflage 1976 (in Leinen gebunden)
26 Januar 2026
Rosemarie Schuder: Agrippa und Das Schiff der Zufriedenen
Schutzumschlagentwurf Erich Rohde
unter Verwendung von Bildausschnitten aus den Gemälden „Das Narrenschiff“ und „Die Versuchungen des heiligen Antonius“ von Hieronymus Bosch
Rütten & Loening, Berlin
1. Auflage 1977
2. Auflage 1978
3. Auflage 1979
4. Auflage 1981
5. Auflage 1983
6. Auflage 1985
Neuauflage
1. Auflage 1978
Berechtigte Ausgabe für den buchclub 65
1. Auflage 1978
weitere Ausgaben
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König der Humanisten nannten ihn die einen, Ketzer die anderen - Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, hochbegabter Arzt, Jurist, Philosoph und Theologe des Mittelalters. Selbstbewußt, ja hochmütig, lebte Agrippa sich selbst, seinen humanistischen Ideen, und setzte sich in offenen Widerspruch zu den kirchlichen und weltlichen Mächten. Zwei Jahre, 1525/26, wirkte er in Lyon als Leibarzt der Aloysia, Mutter des gefangenen Königs von Frankreich. Jeden Morgen stieg er hinauf in das Schloß auf dem Rabenhügel, bewegte sich dort mit spielerischer Furchtlosigkeit unter seinen Feinden, den Ausforschern des rechten Glaubens, suchte Einfluß zu gewinnen auf die Regentin. Eine verwirrende, gefährliche Herausforderung für den Magier der Worte und der ärztlichen Kunst, den Freund der Frauen.
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
Reihe: bb-Reihe Nr. 587
23 Januar 2026
Jan Kostrhun: Weinlese
Klappentext:
Um das Leben zu kennen, muß man so viel gesehen und erfahren haben wie Großvater Dobeš. Der hat zwar nie, selbst als seine Frau noch lebte, einen Fuß aus dem Dorf gesetzt, doch warum sollte er auch? Er liebt das besonnte Hügelland an der Dyje, deren Uferhänge mit Rebstöcken bestanden sind, und er liebt den Wein, der zeitlebens seinen Tagesablauf bestimmte. Nie würde er ihn aus der Flasche trinken, denn nichts schadet dem Rebensaft mehr als ein Gefängnis aus Glas.
O ja, er hat feste Grundsätze, der alte Dobeš, und billigt weiß Gott nicht alles, was heute im Dorf geschieht. Schlimm genug, daß die letzten Pferde geschlachtet werden, doch weit bedenklicher scheint ihm, daß die Sitten von früher nicht mehr viel gelten. Der eigene Sohn macht ihm schon vor, wie weit es mit dem Anstand der Leute gekommen ist: Wie Hund und Katze lebt mit seiner Frau Marta, die dem Großvater auch noch den sechsjährigen Enkel aufhalst.
Widerstrebend übernimmt Dobeš die Vaterstelle bei dem kleinen Jan, der sich vertrauensvoll an ihn anschließt. Jedoch in unbeschwerten Herbstwochen, da der Wein reift und der Junge Duft und Farbe der südmährischen Landschaft spüren lernt, empfindet der Großvater seit langem wieder das Glück, gebraucht zu werden. Selbst der Tod hat seine Schrecken für ihn verloren.
Autor:
Jan Kostrhun, geboren 1942 in dem südmährischen Dorf Podivín, besuchte die Landwirtschaftliche Hochschule und arbeitet heute als produktionstechnischer Konsulent im Viehzuchtbetrieb Brno. Seit 1970 im Nebenberuf Schriftsteller, hat er sich als »poetischer Realist« einen Namen gemacht. Nach ersten Veröffentlichungen in Anthologien gab er 1974 den Roman »Schwarze Schafe« heraus, dem er 1976 den Erzählungsband »Das Schaukelpferd« und 1977 den Roman »Wilddiebe« folgen ließ. »Weinlese« erschien 1979. In Vorbereitung befindet sich ein Roman mit dem Titel »Was wäre, wenn es Liebe wäre«.
Mehrere Romane und Novellen des tschechischen Autors, der auch mit Funk und Fernsehen zusammenarbeitet, wurden in der ČSSR verfilmt, darunter »Weinlese«. Jan Kostrhun, der schon in verschiedenen Auswahlbänden, z. B. 1979 in den »Erkundungen«, in der DDR vorgestellt wurde, erhielt eine Reihe literarischer Auszeichnungen, darunter den Jiři-Wolker-Preis.
Originalausgabe: Vinobraní,erschienen bei Mladá fronta. Prag 1979
Aus dem Tschechischen von Gustav Just
Einbandentwurf: Albrecht von Bodecker
Verlag Volk und Welt, Berlin
1. Auflage 1982
Berechtigte Ausgabe für den buchclub 65
1. Auflage 1982







