Heinrich Heine
Umherirrend zwischen Revolution und Restauration, ließ Chamisso in seinem Ideal, den Lebenskreis auszuschreiten, keinen Mystizismus zu. Er sah die Härten genau, die Bettler, Waschfrauen, Verbannten auch mitleidend, doch nicht tränenverklärt. Er war wohl zu welterfahren und zu französisch, um in deutscher Enge steckenzubleiben.
Steffen Mensching
Adelbert von Chamisso, geboren am 30. Januar 1781 auf Schloß Boncourt in der Champagne. Sohn einer alten lothringischen Adelsfamilie, die während der Revolutionswirren über Holland nach Deutschland emigrierte; seit 1796 in Berlin; Page der Königin, Unterricht am Französischen Gymnasium; 1798 Fähnrich der preußischen Armee, 1801 Leutnantspatent; nebenbei Studium der Philologie und Philosophie; gibt mit Varnhagen, Fouqué und anderen den Grünen Musenalmanach heraus; 1806 Teilnahme am Feldzug gegen Napoleon, danach aus dem Militärdienst entlassen; 1806, 1807 und 1810 bis 1812 längere Aufenthalte in Frankreich, Bekanntschaft mit Uhland, Aufenthalt bei Frau von Staël; 1812 bis 1815 medizinische, botanische und zoologische Studien an der Berliner Universität: 1813 entsteht die Novelle Peter Schlemihls wundersame Geschichte; 1814 enge Bekanntschaft mit E. T. A. Hoffmann; 1815 bis 1818 Teilnahme an einer russischen Forschungsexpedition; 1819 Ehrendoktor an der Berliner Universität; Adjunkt am botanischen Garten; Heirat mit Antonie Piaste; 1822 Bekanntschaft mit Hoffmann von Fallersleben; 1830 Zusammentreffen mit Heine; ab 1832 gemeinsam mit Gustav Schwab Herausgeber des Deutschen Musenalmanachs; 1835 Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften; 1838 Übersetzung der Lieder Bérangers. Adelbert von Chamisso starb am 21. August 1838 in Berlin. Gedichtbände: Lieder und Balladen (als Beigabe zur 2. Auflage des Schlemihl, 1827), Gedichte (1831); Ausgaben: Werke (1836), Sämtliche Werke (1907), Ausgewählte Werke (1929), Werke in einem Band (1967), Werke (1980) und andere.
Leseprobe:
DAS SCHLOSS BONCOURT
Ich träum als Kind mich zurücke
und schüttle mein greises Haupt;
wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,
die lang ich vergessen geglaubt?
Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen
ein schimmerndes Schloß hervor;
ich kenne die Türme, die Zinnen,
die steinerne Brücke, das Tor.
Es schauen vom Wappenschilde
die Löwen so traulich mich an;
ich grüße die alten Bekannten
und eile den Burghof hinan.
Dort liegt die Sphinx am Brunnen,
dort grünt der Feigenbaum,
dort, hinter diesen Fenstern,
verträumt ich den ersten Traum.
Ich tret in die Burgkapelle
und suche des Ahnherrn Grab;
dort ist's, dort hängt vom Pfeiler
das alte Gewaffen herab.
Noch lesen umflort die Augen
die Züge der Inschrift nicht,
wie hell durch die bunten Scheiben
das Licht darüber auch bricht.
So stehst du, o Schloß meiner Väter,
mir treu und fest in dem Sinn
und bist von der Erde verschwunden,
der Pflug geht über dich hin.
Sei fruchtbar, o teurer Boden,
ich segne dich mild und gerührt
und segn' ihn zwiefach, wer immer
den Pflug nun über dich führt.
Ich aber will auf mich raffen,
mein Saitenspiel in der Hand,
die Weiten der Erde durchschweifen
und singen von Land zu Land.
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Auswahl dieses Heftes: Rudolf Dau
Umschlagvignette: Franz Horny (1798-1824)
Innengrafik: E. T. A. Hoffmann (1776-1822)
Reihe: Poesiealbum 160
1. Auflage 1981






