DDR-Literatur
Bücher und Schriftsteller, die in der DDR gelesen wurden. Schaut bitte nicht nur danach, ob hier jeden Tag Beiträge auflaufen, nutzt diesen Blog auch wie ein Lexikon. Er ist ein Langzeitprojekt, da ist es sicherlich verständlich, wenn zwischendurch immer mal wieder pausiert wird. Sei es, um nicht die Lust daran zu verlieren, aber auch, weil die Beiträge auch regelmäßig vorbereitet werden müssen. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Stöbern und Erinnern oder neu entdecken.
04 November 2026
To Hoai: Flucht über die Berge
Heftanfang:
Fremden, die nach Hong Ngai kamen, um Geschäfte mit dem Dorfobersten Chong Lau zu machen, fiel ein Mädchen auf, das häufig in der Nähe der Stalltür auf einem großen Stein saß. Was für eine Arbeit sie auch verrichtete – ob sie Bast flocht, Gras für die Pferde mähte, Holz hackte oder auf ihren Schultern Wassereimer aus dem Grund der Schlucht schleppte –, immer drückte ihr Gesicht hoffnungslose Traurigkeit aus. Die Familie Chong Lau war reich. Ihre Rays* waren nicht zu zählen, sie ernteten das meiste Opium im Dorf, und ihre Macht als Herrscher des Dorfes nutzten sie aus, andere zu unterdrücken. Woher sollte ihre Tochter die Sorge kennen? Wo konnte sie jemals wirkliche Not erlebt haben?
Später dann erfuhren die Leute, daß dieses Mädchen nicht Chong Laus Tochter war, sondern die Frau seines Sohnes A Su. Vor einigen Jahren war sie in Chong Laus Haus gekommen. In welchem Jahr, wußte sie nicht mehr, und auch niemand sonst konnte sich erinnern. Doch die armen Leute von Hong Ngai erzählten einander die Geschichte des Mädchens My.
Mys Vater war arm, und als er heiraten wollte, mußte er sich Geld vom Dorfobersten, dem Vater Chong Laus, borgen. Die Summe sollte er jährlich mit dem Ertrag eines Maisfeldes abzahlen. Er und seine Frau waren alt geworden, ohne daß sie die Schuld abtragen. konnten. Als My, das erste Kind, erwachsen war, starb die Mutter. In diesem Jahr kam Chong Lau zu ihrem Vater und forderte: „Gib meinem Sohn deine Tochter, und wir wollen die Schuld löschen.“
Der alte Mann dachte daran, daß er mit dem jährlichen Ertrag eines Feldes die Schuld nie würde bezahlen können. Aber er liebte seine Tochter und wußte nicht, was er antworten sollte. My bat ihn: „Ich kann selbst ein Maisfeld roden, Vater. Ich werde arbeiten, um die Schuld zu bezahlen. Verkauf mich nicht an den reichen Mann!“ So lehnte er das Ansinnen Chong Laus ab.
Das Tet-Fest kam mit all seinen Belustigungen. Jungen und Mädchen legten ihre besten Sachen an und trafen sich zum Ballspiel.
* Felder, die durch Abbrennen urbar gemacht werden
Titel des vietnamesischen Originals: A Phou
Illustrationen von Karl Fischer
Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: Das neue Abenteuer; 399
1. Auflage 1980
03 November 2026
Lothar Weise: Unternehmen Marsgibberellin
Schutzumschlag, Einband, Illustrationen: Eberhard Binder-Staßfurt
Verlag Neues Leben Berlin
Reihe: Spannend Erzählt Band 56
1. Auflage 1964
2. Auflage 1965
3. Auflage 1967
4. Auflage 1970
Buchgemeinschaft
der Freien Deutschen Jugend
1. Auflage 1964
Wilhelm Raabe: Else von der Tanne
Leseprobe:
Es schneite heftig, und es hatte fast den ganzen Tag hindurch geschneit. Als es Abend werden wollte, verstärkte sich die Heftigkeit des Sturmes; das Gestäube und Gewirbel um die Hütten des Dorfes schien nimmer ein Ende nehmen zu wollen; verweht wurden Weg und Steg. Im wilden Harzwald, nicht weit von dessen Rande die armen Hütten in einem Häuflein zusammengekauert lagen, sauste und brauste es mächtig. Es knackte das Gezweig, es knarrten die Stämme; der Wolf heulte, wenn die Windsbraut eine kurze Minute lang Atem schöpfte; man schrieb den Vierundzwanzigsten Decembris im Jahr eintausendsechshundertundachtundvierzig.
Dominus Magister Friedemann Leutenbacher, der Pfarrherr zu Wallrode im Elend, hatte den ganzen Tag über an seiner Weihnachtspredigt gearbeitet und Speise und Trank, ja schier jegliches Aufblicken darob versäumt; das irdische Leben war so bitter, daß man es nur ertragen konnte, indem man es vergaß; aber der Prediger im Elend konnte es nicht vergessen: eine solche Weihnachtsrede hatte er noch nicht schreiben müssen. Er war nicht alt, der Pfarrherr zu Wallrode; er war im Jahre sechzehnhundertzehn geboren; allein dreißig Jahre seines Daseins mochten dreifach und vierfach gerechnet werden; eine solche Zeit des Greuels und der Verwüstung hatte die Welt nicht gesehen, seit das Imperium Romanum versank vor den wandernden Völkern. Nun war das zweite Imperium, das Römische Reich Deutscher Nation, auch zerbrochen, und wenngleich die Ruine zur Verwunderung aller Welt noch durch hundertundfünfzig Jahre aufrecht stand, so lösten sich doch bei jedem Sturm und Wind verwitterte, morsche Teile ab und stürzten mit Gekrach hernieder. So war es geschehen, als man den Frieden zu Münster und Osnabrück schloß, und zwei Drittel der Nation waren verschüttet worden durch den Dreißigjährigen Krieg.
Ehrn Friedemann Leutenbacher, der Pastor zu Wallrode im Elend, wußte davon zu sagen. Um seine Handgelenke trug er die blutigroten Spuren und Striemen der Stricke und Riemen, welche ihm die Raubgesellen des Generals Pfuhl, der sich rühmte, allein achthundert Dörfer verbrannt zu haben, anlegten, als sie ihn zwischen den Gäulen fortschleppten in den Wald. Des Gallas barbarisch Volk hatte ihn den schwedischen Trunk probieren lassen, und was Linnard Torstensons fliegende Scharen an seinem armen Leibe und an seinen Pfarrkindern verübt hatten, das war nicht auszureden.
Es schneite heftig, und es schien nimmer ein Ende nehmen zu können; die Dämmerung aber nahm wohl eine Stunde zu früh dem schreibenden Magister die Feder aus der Hand; es war ihm, als ob sie auch leise und unmerklich in sein Heim gekrochen sei, als er aufblickte und einen Blick um sich her und durch das Fenster warf.
Da lag vor ihm der schlechte Fetzen groben Papiers, mit welchem letztern er in seiner Einsamkeit so sparsam umgehen mußte, da lagen die wenigen Bücher, welche der höhnischen Zerstörungslust der wilden streifenden Rotten entgangen waren, da lag vor allem die alte zerfetzte Bibel, welche er im Jahre 1639 aus dem dritten Brande seiner Hütte gerettet hatte und welche an ihrem Einband und dem Rande der vergilbten Blätter Zeichen der leckenden Flammen trug: und alles das Rüstzeug des Geistes war, seiner Äußerlichkeit nach, im vollkommenen Einklang mit allem, was den Pfarrer sonst umgab. Die schlechteste Hütte jetziger Zeit hätte mehr Gegenstände und Hülfsmittel der Uppigkeit aufzuweisen als dieses Pastorenhaus, auf dessen Dach der rote Hahn dreimal während dieses scheußlichen Krieges gesessen hatte, und nur die große weiße Katze, welche im Winkel neben dem Herde zusammengerollt lag, mochte sich behaglich darin fühlen.
Aber der Pfarrherr sah nichts von der Trostlosigkeit, die ihn umgab; er war im Elend aufgewachsen, und „Im Elend“ hieß die hungerige Waldgegend, in welcher sein Pfarrdorf lag. Nur ein einziges Mal in seinem Leben hatte er während der Schulzeit zu Wittenberg freier Atem holen können; aber der Sonnenblick war so schnell vorübergeflogen, daß es wie ein ferner, unbestimmter Traum erscheinen mußte; – im Elend wäre Friedemann Leutenbacher längst verlorengegangen, wie das deutsche Volk, wenn Else von der Tanne nicht gewesen wäre.
Er hatte die Feder neben seiner Weihnachtspredigt niedergelegt, trat zu dem niedern Fenster und betrachtete in der Dämmerung die roten Narben um die Handgelenke. Er war sehr betrübt und dachte, während er so stand, wie das deutsche Volk gleich ihm mit gefesselten Händen, zerschlagen und blutig, herausgeschleppt sei und niedergeworfen. Der Herr hatte gebrüllt aus der Höhe und seinen Donner hören lassen aus seiner heiligen Wohnung; er hatte ein Lied gesungen wie die Weintreter, über alle Bewohner des Landes; sein Hall war erschollen bis an der Welt Ende; und bis an der Welt Ende lagen die Erschlagenen und wurden nicht geklaget noch aufgehoben noch begraben. Ehrn Friedemann Leutenbacher aber dachte noch viel mehr an Else von der Tanne, welche jetzt aus dem großen Walde fortgehen mußte, und er sprach mit den Worten des Propheten an diesem Abend vor Weihnachten des Jahres sechzehnhundertachtundvierzig:
„Er hat mein Fleisch und meine Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.
Er hat mich verbauet und mich mit Galle und Mühe umgeben.
Er hat mich in Finsternis gelegt, wie die Toten in der Welt.
Er hat mich vermauert, daß ich nicht herauskann, und mich in harte Fesseln gelegt.“
Dann seufzte er tief und schwer; durch das Gestöber im Dunkel glimmerten zwei oder drei Lichter seines Dorfes, doch da er wußte, welche tierische Verdummung, welche Schmach und welcher Jammer des Menschen um diese matten Flämmchen kauerten, so wandte sich sein Geist auch von ihnen ab, um angstvoll suchend weiterzuirren; und immer finsterer ward die Nacht, immer heftiger der Sturm.
Die weiße Katze war aufgestanden, schlich durch die Stube, miauzte und kam, sich an den Beinen ihres Herrn zu reiben; Martina sah in das Gemach und fragte, ob sie die Lampe anzünden solle; aber der Pfarrer schüttelte den Kopf und sagte nein; – Martina machte leise die Tür wieder zu; Ehrn Friedemann Leutenbacher blickte immer noch hinaus in die Dunkelheit, er dachte immer noch an Else von der Tanne, und seine Seele war gefangener denn je.
Er dachte an Else von der Tanne, an ihre Hütte neben der hohen Tanne, an den sonnigen Sommertag, an welchem Magister Konradus sein sechsjähriges Kind auf dem Arm in den Wald getragen hatte. Er dachte an ihre Stimme im Walde, er dachte daran, wie sie im Dickicht sang und Kränze wand, und dann dachte er daran, wie seine Pfarrkinder das schöne Mädchen für eine Hexe hielten, ihr auswichen, wenn sie ihr allein begegneten, sie verhöhnten, verspotteten und verfolgten, wenn eine Schar von ihnen im wilden Forst auf sie traf; er dachte an den Tag Sankt Johannis des Täufers und stöhnte laut und rang die Hände.
Illustrationen von Gudrun Olthoff
Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: Das neue Abenteuer 435
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Auch ershienen bei:
Wilhelm Raabe
Else von der Tanne • Zwei Erzählungen
Inhalt: Else von der Tanne • Die schwarze Galeere
Illustrationen von Hans Mau
Für Leser von 11 Jahren an
Der Kinderbuchverlag, Berlin
Reihe: Robinsons billige Bücher Bd. 68
1. Auflage 19 ?
2. Auflage 1962
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Info zum Werk:
Else von der Tanne ist eine historische Novelle von Wilhelm Raabe, die im Winter 1863/1864 entstand und 1865 in der Zeitschrift „Freya. Illustrirte Blätter für die gebildete Welt“ bei Moritz Hartmann in Stuttgart erschien. Die Buchausgabe brachte Hallberger in Stuttgart innerhalb der Sammlung „Der Regenbogen“ 1869 heraus.
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02 November 2026
Asmus Petersen: Die Gräser - als Kulturpflanzen und Unkräuter auf Wiese, Weide und Acker
Klappentext:
Das vorliegende Buch ist eine Neubearbeitung von Waltraut Petersen und Günther Wacker unter Zugrundelegung der in mehreren Auflagen erschienenen Bücher „Die Gräser als Kulturpflanzen und Unkräuter auf Wiese, Weide und Acker“ und „Das Kleine Gräserbuch“ sowie unter Berücksichtigung noch von Asmus Petersen angefertigter Bearbeitungen. Es werden über 100 Gräser behandelt, und zwar Kulturgräser, Ungräser, Waldgräser und Wildgräser neben Gräsern fremder Erdteile, deren Kultivierung bei uns empfohlen wurde. Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil ermöglicht die Bestimmung der Gräser. Hier ist besonderer Wert gelegt auf die Erläuterung der Bestimmungsmethode der Gräser im blütenlosen Zustand auf Grund von einfachen Gruppen nach Blattmerkmalen, wie sie von Asmus Petersen gelehrt und eingeführt wurde. Im zweiten Teil werden 105 Gräser abgebildet, im Blatt, in der Blüte und von den angebauten Gräsern auch der Same, mit genauer botanischer Beschreibung. Der dritte Teil bringt die spezielle Beschreibung aller behandelten Gräser im Hinblick auf ihre landwirtschaftliche und landeskulturelle Bedeutung, und zwar unter Einbeziehung züchterischer Fragen. Im vierten Teil werden die Gräser des Salzgraslandes und der Sanddünen der Meeresküsten betrachtet.
Durch die Neuanfertigung sämtlicher Instruktions- und Bildtafeln wird die Bestimmung der Gräser erleichtert und die Qualität der neuen Auflage erheblich verbessert.
Buchanfang:
verschwinden, und wir verschmachten bei
allem unserem sonstigen Reichtume vor Hunger“.
ADALBERT STIFTER
(aus „Der Nachsommer“)
Vorzug, den die nördlichen Klimate vor
den heißen voraushaben, daß wir wohl
Ursache haben, dahin zu streben, diesen
natürlichen Vorzug auch auf das Beste
zu nutzen“.
G. MEISTER
(in A. v. LENGERKE „Anleitung zum praktischen Wiesenbau“ 1844)
Vorwort zur 5. Auflage
Das „Kleine Gräserbuch“ von ASMUS PETERSEN, 1. Auflage 1961, 2. Auflage 1965, sowie „Die Gräser als Kulturpflanzen und Unkräuter auf Wiese, Weide und Acker“, in größerer Form, 1. Auflage 1936, 4. und letzte Auflage 1954, sind seit Jahren vergriffen. Da von vielen Seiten, insbesondere von allen, die mit diesen Büchern gearbeitet haben, immer wieder der Wunsch nach einer Neuauflage ausgesprochen wurde, habe ich mich entschlossen, „Die Gräser als Kulturpflanzen und Unkräuter auf Wiese, Weide und Acker“ als 5. Auflage herauszugeben unter Berücksichtigung des „Kleinen Gräserbuches“ sowie der von meinem Mann noch vorliegenden Neubearbeitungen.
Die Herausgabe des Buches geschah in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. G. WACKER, einem Schüler und langjährigen Mitarbeiter meines Mannes, ohne dessen Hilfe die Neubearbeitung in dieser Form nicht hätte zustandekommen können. Ich möchte ihm an dieser Stelle meinen großen Dank dafür aussprechen.
Die Bilder stammen von dem Kunstmaler FRITZ MARLIER, teilweise konnten aber auch noch die ursprünglichen, von dem Kunstmaler FRANZ SUSEMIHL hergestellten, Verwendung finden. Die photographische Wiedergabe der Wurzelbilder übernahm G. DRASCHÉ, Paulinenaue.
Dem Akademie-Verlag bin ich für die immer gleichbleibende Hilfe und Unterstützung bei der Herausgabe der Bücher meines Mannes sehr verbunden und möchte auch diesem meinen Dank sagen.
WALTRAUT PETERSEN
Vorwort zur 6. Auflage
Die 6. Auflage hat sich im allgemeinen nicht wesentlich geändert. Abgesehen von Verbesserungen ist insbesondere der dritte, beschreibende Teil auf den neuesten Erkenntnisstand gebracht worden, ebenso die im Anhang befindlichen Tabellen. Alle Instruktions- und Bildtafeln sind von KARL ABEL neu gefertigt worden. Die deutlicheren Abbildungen erleichtern das Bestimmen der Gräser und haben diese 6. Auflage in der Qualität wesentlich verbessert.
WALTRAUT PETERSEN GÜNTHER WACKER
Inhalt:
Akademie-Verlag Berlin
1. Auflage 1936
2. Auflage 1950
3. verb. u. erw. Auflage 1953
4. verb. u. erw. Auflage 1954
5. bearb. Auflage 1981
6. bearb. Auflage 1988
7. berichtigte Auflage 1992
01 November 2026
Otto Emersleben: Sturmnacht am Großen Steinkap
Lesepobe:
Das russische Fort an der Kolyma erwachte zu mittsommerlicher Regsamkeit. Vom Liegeplatz am Fluß scholl das Hämmern der Schiffszimmerleute herauf, und am Tor, vor der Palisade, ordneten Händler ihre Warenstapel –Eisenbeschläge, Seilzeug, Nägel, Äxte –, wuchteten Träger Korn- und Salzsäcke. Unberührt blieben allein die Ballen von Fellen, die auf diesem Markt wie überall im sibirischen Osten als Münze für das Lebensnotwendige dienten.
Semjon Deshnjow, Kosak, Anfang Vierzig, stand noch nicht wieder ganz fest auf den Beinen an diesem Morgen. Bis weit nach Mitternacht hatten ihn ein paar Pelzhändler mit Wodka traktiert, abenteuerliche, im Grunde wohl aber doch undurchsichtige Typen, die er vorher hier an der Kolyma noch nicht bemerkt hatte. Ja, seit er von Wtoroj Gawrilow, dem Leiter der Niederlassung an der Kolyma und so gut wie des Zaren Stellvertreter unter diesem verdammt hohen Nordhimmel, zum Befehlshaber der Expedition eingesetzt worden war, suchten sie seine Bekanntschaft und sein Wohlwollen, auch weniger undurchsichtige Typen als die von gestern abend.
Für ein paar Atemzüge mußte Deshnjow sich am Pfosten des Tores stützen, mit der freien Hand fuhr er sich durch den Bart. Als ihn einer der Träger grüßte, winkte er, schon im Weiterwanken, leutselig zurück. Ja, er war nicht mehr irgendein namenloser lausiger Kosak, dessen Schicksal allein vom Willen Gottes und den Befehlen von Väterchen Zar im Moskauer Kreml abhing – er war ER, ein Herr über eine Handvoll Schiffe, deren Kurs und die Plätze an Bord. Er, Semejka Deshnjow! Die Zeiten hatten sich gründlich geändert. Nicht, was er bisher getan, sondern was ihm jetzt zu tun bevorstand, würde ihn bekannt machen. Und, verdammt, es begann ja schon damit. Wie viele andere Kosaken, die davon träumten, Sibiriens Weite wäre ein vollwertiger Ersatz für die freien Steppen der einstigen Heimat im Süden, war er in seiner Jugend in dieses Land gekommen, voller Tatendrang, bald aber schon eingefangen von der abstumpfenden Alltäglichkeit. Und wie sie alle den geliebten Pferden entsagt hatten, weil es auf deren Rücken nicht weiterging durch die Sümpfe, die undurchdringlichen Wälder und steilen Schluchten, mußten sie auch ihre Träume absatteln und abhalftern.
Der Dienst für den Zaren war hart, und der einzelne konnte dabei nur dann bestehen, wenn das, was er leistete, für alle sichtbar und weit über den Erfolgen der anderen lag.
Im allmählich verfliegenden Rausch spürte Deshnjow, daß seine Zeit nun gekommen war. Und er war entschlossen, sie nicht ungenutzt vergehen zu lassen.
Vor der Umfriedung des Forts, das jetzt im Morgenlicht lag, blieb er erneut stehen. Stützte die Hände in die Seiten, strich dann sein weites Tuchkleid glatt und schirmte mit der flachen Linken den Blick gegen die Morgensonne. Die Rechte fuhr abermals durch den Bart, sank schließlich gedankenverloren herab.
Sie würden den Fluß hinab und durch die nahe Mündung ins Kalte Meer fahren, und dann immer der Sonne entgegen, nach Osten, so wie sie auch hierher, an die Kolyma, gekommen waren: immer nach Osten. Und irgendwo dort gelangten sie an die Mündung des Flusses Pogitscha, wo es Zobel und Eichhorn und Marder die Fülle gab – sprachen die Tschuktschen nicht dauernd von den sagenhaft pelzreichen Wäldern an diesem sagenhaften Fluß Irgendwo?
Illustrationen von Michael Gundermann
Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: Das neue Abenteuer 433
1. Auflage 1982
Tschingis Aitmatow: Das Kamelauge
Leseprobe:
Kaum hatte ich einen halben Eimer Wasser aus dem Brunnen geschöpft, als ohrenbetäubendes Gebrüll durch die Steppe dröhnte: „He-e! Akademiker, ich schlag dir die Fresse grün und blau!“
Ich erstarrte. Lauschte. Eigentlich heiße ich Kemel, aber hier hat man mir den Spitznamen „Akademiker“ gegeben. So war's: Der Traktor drüben schwieg unheilschwer. Der da verkündete, mir die Fresse grün und blau zu schlagen, war Abakir. Wieder würde er mich anbrüllen, mich ausschimpfen, ja sogar die Hand gegen mich erheben.
Traktoren gab es hier zwei, doch ich war allein. Und ich mußte für sie mit dieser einspännigen Fuhre da Wasser, Treibstoff, Schmieröl und was, weiß ich noch alles heranschaffen. Die Traktoren rollten täglich immer weiter von dem einzigen Brunnen in der Gegend weg. Mehr und mehr entfernten sie sich von unserem Feldlager, wo in einem Tankwagen der Treibstoff aufbewahrt wurde. Man hatte beabsichtigt, das Feldlager woanders aufzuschlagen, aber das ging nicht, es war auch ans Wasser gebunden. Doch Abakir wollte von alldem nichts wissen: „Ich schlag dir die Fresse grün und blau für den dauernden Stillstand! Soll ich mich hier zu Tode rackern wegen eines lächerlichen Studentleins, das mir die Zeit stiehlt!“
Dabei war ich gar kein Student. Ich hatte nicht einmal versucht, ein Institut zu beziehen. Kaum hatte ich die Schule beendet, da war ich sofort hierhergekommen, nach dem Anarchai. Auf der Abschiedsversammlung hieß es, wir, folglich auch ich, seien „ruhmreiche Neuland bezwinger, kühne Pioniere der zu neuem Leben erweckten Gebiete“. Das war ich gewesen. Und jetzt? Offen gestanden, könnte man sich schämen: ein „Akademiker“. Den Spitznamen hatte mir Abakir angehängt. Ich bin selbst an allem schuld. Ich kann meine Gedanken nicht verheimlichen, träume laut wie ein kleiner Junge, und die Leute lachen mich nachher aus. Doch wenn sie wüßten, daß weniger ich der Schuldige war, sondern vielmehr unser Geschichtslehrer Aldijarow. Der Landeskundige! Mehr als genug hatte ich unserem Landeskundigen zugehört, und nun mußte ich büßen.
Ohne die Tonne vollgefüllt zu haben, fuhr ich durch die Niederung auf den Weg. Eigentlich war hier noch nie ein Weg gewesen. Den hatte erst ich mit meiner Wasserfuhre eingefahren.
Der Traktor stand am Ende des riesigen schwarzen Ackers. Und oben auf dem Fahrersitz thronte Abakir. Mit den Fäusten fuchtelnd, fluchte er immer noch auf mich, schimpfte wie ein Rohrspatz.
Ich trieb den Gaul an. Das Wasser in der Tonne schwappte gegen meinen Rücken, doch ich stürmte in vollem Galopp dahin.
Ich hatte mich ja selber hierhergedrängt. Niemand hatte mich gezwungen. Die anderen waren nach Kasachstan gefahren, in ein richtiges Neuland, von dem die Zeitungen berichteten. Nach dem Anarchai war nur ich gegangen.
Hier hatte man erst in diesem Frühjahr mit der Arbeit begonnen, und das nur mit zwei Traktoren. Ein Jahr zuvor hatte der Agronom Sorokin, er war hier unser aller Vorgesetzter, auf einem kleinen, unbewässerten Feld versuchsweise Gerste gesät. Wie's hieß, nicht ohne Erfolg. Sollte sie auch weiterhin so gedeihen, dann würde man es vielleicht schaffen, das Futterproblem in der Anarchaisteppe zu lösen.
Doch einstweilen mußte man noch mit Umsicht vorgehen. Gar zu große Hitze und Dürre herrschten im Sommer im Anarchai. Sogar die Spitzkletten, ja, auch das kam vor, vertrockneten bis auf die Wurzeln. Die Kolchose, die im Herbst ihr Vieh zum Überwintern hierhertrieben, wagten es vorläufig noch nicht, zu säen, sie warteten ab: Wollen mal sehen, sagten sie sich, was bei den anderen rauskommt. Deshalb auch konnte man uns hier an den Fingern abzählen: zwei Traktoristen, zwei Geräteführer, die Köchin, ich, der Wasserfahrer, und der Agronom Sorokin. Das war die ganze Armee der Neulandbezwinger. Von uns hörte wohl kaum jemand etwas, aber auch wir wußten nicht, was in der Welt geschah. Hin und wieder brachte Sorokin eine Neuigkeit. Er pflegte ins Nachbartal zu den Hirten zu reiten; dort zankte er sich über die Funkstation mit den Behörden und gab Rechenschaftsberichte durch.
Ins Deutsche übertragen von Halina Wiegershausen
Umschlag und Illustrationen von Günther Lück
Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: Das neue Abenteuer 432
1. Auflage 1982
Wolfgang Mittmann: Das Kartenhaus
Der Streifenwagen „Lina 18" fährt durch die dunklen Straßen der Vorstadt. Plötzlich stoppt Oberwachtmeister Wengler. Ein unbeleuchteter W 50, der mitten auf der Straße steht, und ein Bündel, das neben dem LKW liegt, haben seine Aufmerksamkeit erregt. Ein Unfall? Wengler und sein Begleiter eilen zu dem Fahrzeug, da erkennen sie, daß vor ihnen auf der Straße der Fahrer liegt. Jemand hat ihn gefesselt und geknebelt, aus einer Kopfwunde sickert Blut. Auch der Laderaum ist durchwühlt. Wengler ruft die Genossen von der K.
Leseprobe:
Ein grün-weißer Wolga zuckelte im Vierzigkilometertempo durch die nächtlich stillen Straßen der Vorstadt. Nur wenige Passanten waren um diese Zeit noch unterwegs. Ab und zu ein entgegenkommendes Auto oder das schwankende Licht eines von der Spätschicht heimwärts strampelnden Radfahrers. Dann war der Wolga am Ende der Allee, die den Schillerpark von der gegenüberliegenden Häuserzeile abgrenzte, und bog, den Blinker setzend, nach rechts in die Bergmannstraße ein. Die Lichtreflexe der Peitschenmastlampen glitten über den farbigen Volkspolizeistern an den vorderen Wagentüren. Kaum zu erkennen war die kurze Antennenrute auf dem Dach des Wolgas, unübersehbar aber die beiden Buckel aus blauem Glas, die wie Hörner wirkten und nur im Einsatzfall zu rotierenden Sondersignalen wurden. Kein Mensch nahm sonderlich Notiz von dem Wolga; seit Jahr und Tag gehörte Lina 18 zum Straßenbild des Stadtrandbezirks.
Obermeister Wengler, der Kommandant des Funkstreifenwagens, hatte den Sprechhörer am Ohr. „Lina achtzehn für Leitstelle. – Kommen!“
„Leitstelle hört.“
„Lina achtzehn mit Standort Bergmannstraße. Fahre in Richtung Heinrich-Heine-Platz. – Kommen!“
„Leitstelle verstanden. – Ende.“
Wengler drückte den Hörer in die Halterung am Armaturenbrett. Sein Gesicht wandte sich wieder dem Mann am Steuer zu, während er erneut den Gesprächsfaden aufnahm. „Tja, sage ich da zu meiner Frau, wir müssen uns eben mit der Tatsache abfinden. Unsere Tochter wird im Herbst achtzehn. Daß sie schon einen festen Freund hat, läßt sich nicht mehr verleugnen. Da hilft kein Schimpfen und keine Moralpredigt.“
Hauptwachtmeister Sell trat auf die Kupplung, hantierte mit dem Schalthebel und erhöhte die Geschwindigkeit. Das Verkehrszeichen am Beginn der Hauptstraße gebot ein Mindesttempo von sechzig Kilometern je Stunde. Der dichte Fahrzeugstrom, der hier am Tage stadtauswärts tobte, hatte die städtischen Verkehrsplaner zu
dieser Regelung bewogen.
„Und was hat deine Frau gesagt?“ wollte der achtundzwanzigjährige Sell, dem solche pädagogischen Probleme noch unbekannt waren, von seinem älteren Kommandanten wissen. Der kleine Sell bereitete sich erst auf den Eintritt in den Kindergarten vor.
„Daß sie noch keine Lust habe, Großmutter zu werden.“
Sell schmunzelte. „Und du?“
„Ich hab Vertrauen zu unserer Tochter. Und dann...“, Wengler mußte nun auch lachen, „dann habe ich meine Frau daran erinnert, daß sie auch nicht viel älter war, als wir uns zum erstenmal heimlich im Schillerpark getroffen haben.“
„Alle Achtung, ein überzeugendes Argument.“
„Genau das hat meine Frau auch gesagt.“
Hauptwachtmeister Sell wußte nichts zu erwidern, und so war das Gespräch der beiden Männer erschöpft. Sie versanken wieder in Schweigen. Unzählige Stunden hatten sie gemeinsam im Funkstreifenwagen verbracht. Da kannte jeder die Probleme des anderen, wußte um dessen Charakterschwächen und -stärken, vor allem aber, daß sie sich in jeder Situation aufeinander verlassen konnten. Nicht immer verlief der Dienst so ruhig und reibungslos wie in dieser Nacht.
Sell brauchte nur an den, „Frauenschreck“ zu denken, den sie vor einem Dreivierteljahr im Schillerpark gejagt hatten. Oder an die jugendlichen Rowdys, die ein paarmal an den Wochenenden versucht hatten, die Tanzveranstaltungen im „Wandelhof“ zu stören. Sogar als Geburtshelfer waren Wengler und Sell in ihrem Streifenwagen schon eingesprungen.
Aus dem Lautsprecher des Funkgerätes drang verzerrt die Stimme des Lageoffiziers in der Funkleitstelle. Lina 23 wurde gerufen, der Streifenwagen im Nachbarbezirk. Die Besatzung meldete sich sofort, als hätte sie nur auf diesen Anruf gewartet.
„Lina dreiundzwanzig, übernehmen Sie Auftrag! Fahren Sie Notrufmelder Eichenweg. Schwerer Verkehrsunfall. Lebensgefahr. Sie werden am Notruf erwartet, dort alles Weitere. – Kommen!"
Lina 23 bestätigte den Auftrag. Dann trat erneut Funkstille ein.
Obermeister Wengler warf einen Blick auf die Borduhr am Armaturenbrett. Es ging auf Viertel nach elf. Noch zwei Stunden, dann hatten sie Schichtpause. Zum Bereitschaftsraum der Inspektion gehörte eine kleine Kantine, in der sie sich mit Kaffee und Bockwurst stärken konnten.
Der Heinrich-Heine-Platz war erreicht.
„Zur Autobahnauffahrt“, sagte Wengler.
Ohne den Blick von der Fahrbahn zu wenden, nickte Sell. Er hatte kein anderes Kommando erwartet.
Illustrationen von Karl Fischer
Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: Das neue Abenteuer 426
1. Auflage 1982









