Klappentext:
Cover 5. bis 7. Auflage / Ausgewählte Werke
Vom Jahre 1150 – als noch menschenleerer Urwald das Bergland zwischen Sachsen und Böhmen bis nach Pirna hinab bedeckte – bis in unsere Zeit führt Marianne Bruns den Leser. Sie läßt uns die Schicksale von Menschen jener Gegend miterleben: Das Land wird besiedelt; die Hussiten brechen ein; mit den großen Silberfunden entbrennt der erste Streik; im 30jährigen Krieg rauben und morden die Schweden; immer sprengen Jagdzüge durch das Dickicht und über die Felder; die verschwenderischen Machtkämpfe August des Starken und seiner Mätressen wirken sich bis in Dörfer und Wälder aus; Napoleons Marschall verliert eine entscheidende Schlacht; Revolutionäre flüchten über die Grenze; Geschäfte werden getätigt; das Sozialistengesetz knebelt den kleinen Mann; Hitler bedroht und vernichtet Leben und Liebe; Bauern von heute gründen ihre Genossenschaften.
Immer geht es hier um Menschen, wie sie leidend, liebend, aufbegehrend und kämpfend ihre Einzelschicksale zu bestehen suchen und damit bewußt oder unbewußt auch das allgemeine Menschenschicksal mitgestalten. Lebensfülle und Spannkraft dieses Buches werden jeden Leser fesseln und zugleich sein historisches Wissen vertiefen.
Buchanfang:
Ein Abschied fürs Leben.
Der Lokator, der die Franken angeworben hatte, im Gau Daziane zu siedeln, gab das Zeichen, und sie brachen auf.
Zur Seite des ersten Wagens, der unter seiner derben Plane Vorräte, Saatgut und Hausrat barg, schritt eine sehr junge Frau. Sie hatte unter ihren vielen Kleidern kräftige, gerade Schultern, ein breites Becken, Beine und Hüften aus festem Fleisch und unter der Weiberhaube armstarke Zöpfe.
Sie lachte. Sie lachte auch, als sie an einem Burschen vorüberkam, der hinter dem Wegkreuz stand und ihr den Rücken kehrte, um ihr später nachzublicken. Wer nicht weinen will, muß lachen können.
Auch ihr Mann war jung und stark: jüngster Sohn aus einem Hofe, der ohne Schaden nicht mehr geteilt werden konnte. Von seinen sechs Brüdern waren zwei mit dem Kaiser auf dem Wege nach Jerusalem. Ihm, dem Jüngsten, hatte der Vater das stärkste Mädchen im Dorfe erworben. Sie hatte einen Ochsen eingebracht, Kleinvieh, Leinen, Wolle und Hausrat. Der Sohn war zufrieden.
Es war bestimmt worden, daß sie siedeln sollten. Weit weg. In einem Wald an der Grenze, wo Böhmen lag. Es war ihm recht.
Zwölf Wagen krochen langsam, von Ochsen gezogen, über Straßen, in denen Steine lagen und Löcher sich breiteten. Es wurde oft haltgemacht. Das Vieh mußte weiden, eine Frau gebar, Zoll mußte entrichtet werden, ein Wagen fiel um, eine bewaffnete Begleitung wurde angeworben und später entlassen. Entlaufene Kriegsknechte, die einen Überfall versuchten, wurden in die Flucht geschlagen.
Bei diesen Kämpfen zeigte sich, daß es dem jungen Bauern Heribert zwar an Zornmut und Körperstärke nicht fehlte, aber daß er im Waffenhandwerk weniger geschickt war als mit Pflug und Axt.
Er war es, der schon beim Auszug gefragt hatte, ob man werde Wein bauen können, dort, im fernen Lande Daziane. Es kommt auf euch an, sagte der Lokator, warum nicht! Als der Wein im Schlauch zur Neige ging, fragte er dringlicher: Werden wir Wein bauen? Mäßige Berge, sagst du, breiten sich. Es wird Südhänge geben... Erst rodet! war die Antwort.
Die Welt, durch die sie zogen, war sehr weit, sehr geräumig: viel ausgedehnter, als irgendein Mensch in der Heimat es sich vorstellen konnte. Warum nicht bleiben, wo die Wiesen fett sind?
Aber alles Land war schon vergeben: Klosterland, Königsland, Herrenland, Bauernland. Bestellt oder brach – alles Land eignete irgendwem und wäre verteidigt worden, hätte man es besiedelt.
Nach Wein fragte der Bauer nicht mehr, als sie ankamen in ihrer künftigen Heimat. Da war keine Sonne für Wein; da war kein Platz für Wein, heut nicht und nicht in den Jahren zwischen heut und dem Grabe.
Inhalt:
Die Lichtung im Urwald .. .. .. 5
Die Hilflosen .. .. .. 19
Stadt ohne Kinder .. .. .. 31
Der verlorene Sohn .. .. .. 57
Berggenossen .. .. .. 67
Die drei Versuchungen .. .. .. 81
Kein Halali .. .. .. 99
Lastträger .. .. .. 105
Schuldner der Gräfin Cosel .. .. .. 121
Der Dragoner mit dem Sprung .. .. .. 145
Die Sängerin und der Kammerdiener .. .. .. 163
Das verlassene Dorf .. .. .. 195
Tuffeln? .. .. .. 201
Brief aus der Verbannung .. .. .. 209
Sturmnächte .. .. .. 231
Auf dem Wege .. .. .. 267
Geschäfte .. .. .. 287
Der Kleine und der Große .. .. .. 295
Rote Schuhe .. .. .. 331
Über die Grenze .. .. .. 353
Liebe in dieser Zeit .. .. .. 371
Unser Land .. .. .. 391
Besuch .. .. .. 403
Das Bündnis .. .. .. 421
Nachbemerkung .. .. .. 447
** Schutzumschlag: Klaus Nitsch
** Illustration: Susanne Tischewski
Cover 1. bis 4. Auflage
Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig
1. Auflage 1965 *
2. Auflage 1967 *
3. Auflage 1972 *
4. Auflage 1977*
5. Auflage 1980 **
6. Auflage 1983 **
7. Auflage 1987 **
*Einzelausgabe
**Ausgewählte Werke | Herausgeber Gerd Noglik
Bücher und Schriftsteller, die in der DDR gelesen wurden. Schaut bitte nicht nur danach, ob hier jeden Tag Beiträge auflaufen, nutzt diesen Blog auch wie ein Lexikon. Er ist ein Langzeitprojekt, da ist es sicherlich verständlich, wenn zwischendurch immer mal wieder pausiert wird. Sei es, um nicht die Lust daran zu verlieren, aber auch, weil die Beiträge auch regelmäßig vorbereitet werden müssen. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Stöbern und Erinnern oder neu entdecken.
28 Oktober 2025
Marianne Bruns: Die Lichtung – Erzählungen aus neun Jahrhunderten
10 August 2025
Ursula Ullrich: Am Abend sind die Schatten lang
Es kommt vor, daß Menschen einander nicht ihr wirkliches Leben erzählen, sondern Geschichten, mit denen sie es besser zu ertragen glauben. Die Menschen in diesen sechs Erzählungen lernten, ihr Leben so zu sehen, wie es eben ist. Sie lernten, mit Problemen zu Rande zu kommen, Auswege aus der Ausweglosigkeit zu finden, scheinbar Unannehmbares anzunehmen.
Ursula Ullrich, 1932 in Dresden geboren, erzählt Lebensgeschichten einfühlsam und mit einem feinen Sinn für Humor; sie wirbt um Verständnis für menschliche Eigenheiten und Verletzbarkeiten. Sie beschreibt, wie diejenigen, die heute fast ausnahmslos im achten Lebensjahrzehnt stehen, gelebt haben, oft viel zu gehorsam und schicksalergeben, jedoch mit einem untrüglichen Gefühl für Menschenwürde. Sie erzählt von Konflikten zwischen den Generationen, aber auch vom achtungsvollen Umgang zwischen Alten und Jungen; sie entdeckt Ungewöhnliches in alltäglichen Lebensläufen, und sie beschönigt die Bitterkeit mancher Erfahrung nicht, auch nicht die Leere, die der Tod hinterläßt. Dennoch sehen nicht alle Menschen, um die es in den Erzählungen geht, das Leben nur von seinem Ende her. Neben den Verzagenden gibt es die Mutigen. Mut gehört zum Wandeln von Lebensansichten, und Mut gehört auch dazu, mit über siebzig Jahren noch eine Ehe zu schließen, wie es in der Titelerzählung geschieht
Buchbeginn
Das Gespann
Hermann sitzt am Küchentisch und liest die Zeitung. Vor dreißig Jahren hat er sie noch weit von sich strecken müssen und gefürchtet, daß seine Arme eines Tages nicht mehr ausreichen könnten, die verschwimmenden Buchstaben in den Schärfebereich zu rücken. Jetzt wundert er sich, wie gut er sehen kann, wenn er das Blatt dicht vor die Augen hält. Hermann liest die Zeitung gründlich und fängt auch nicht von hinten zu lesen an, dort, wo die Lokalnachrichten stehen. Bloß einen einzigen Blick wirft er auf die letzte Seite. Wenn er einen bekannten Namen in einem der schwarzgerandeten Felder entdeckt, schüttelt er halb bedauernd, halb mißbilligend den Kopf und ruft seiner am Herd hantierenden Frau zu: "Hulda, denk ner, 's in widder aanergestorbn, dr Römersch Franz. Naanaa, wer hätt dös gedacht, aß der siech emol sue bezeiten drrahmachen tutt!"
18 Juni 2025
Gabriele Wohmann: Paarlauf - Erzählungen
Ich glaube, daß ich es früher zu einseitig gemacht habe, indem ich bloß das Schäbige und Miese beschrieben habe, weil da etwas gefehlt hat, weil das Schreckliche mehr Dimensionen, mehr Schrecken bekommt, wenn man auch das Schöne, das mögliche Schöne, wenn auch vergängliche Schöne, nicht unterschlägt. Das will ich nicht mehr tun. Das Schreckliche und Schöne haben eine Art Immanenz; sie gehören zusammen. Wenn ich nur das Schreckliche beschreibe, verfahre ich zu karg damit. Sein Gewicht bekommt es erst, wenn man weiß, daß es auch sein Gegenteil gibt. Wenn Trost vorkommt, dann bedeutet das einfach, daß ich selber sehr trostversessen bin. Vielleicht war ich früher noch nicht so darauf angewiesen, vielleicht ging es mir einfach besser, um das alles wegzulassen. Um das Schöne, um Glücksgefühle, Trostgefühle wegzulassen, muß es einem vielleicht ziemlich gut gehen. Gabriele Wohmann
Autorin
Gabriele Wohmann, geboren 1932. Studierte Germanistik und Musikwissenschaft. Ein Jahr Internatslehrerin auf einer Nordseeinsel. Seit 1960 Mitglied des PEN-Clubs. Lebt als freie Schriftstellerin in Darmstadt.
Im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar erschienen: "Alles für die Galerie/Erzählungen" (1972), "Nachrichtensperre/Ausgewählte Erzählungen 1957-1977" (1978), "Frühherbst in Badenweiler" (1979).
Inhalt:
Nachsicht mit Kitty .. .. .. 5
Clematis .. .. .. 11
Liebesdienste .. .. .. 19
Violas Vorbilder .. .. .. 41
Knoblauch am Kamin .. .. .. 58
Rühreier mit Senf .. .. .. 86
Der kleine Guntram .. .. .. 114
Eine souveräne Frau .. .. .. 145
Scherben .. .. .. 157
Abschied von Lukas Belwanger .. .. .. 186
Paarlauf .. .. .. 195
Rudolph und Aline .. .. .. 227
Guilty .. .. .. 239
Gertruds Interessen .. .. .. 266
Deutschlandlied .. .. .. 279
Schutzumschlagentwurf Heinz Ebel
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
Ausgabe für die Deutsche Demokratische Republik mit Genehmigung des Hermann Luchterhand Verlages
1. Auflage 1981
02 März 2025
Wolfgang Rinecker: Die Straßenbahn zum Herrn
Klappentext:
Aus der Bahn geworfene, labile Menschen, aber auch starke Charaktere begegnen uns in den neuen Erzählungen Wolfgang Rineckers. Und die Schwäche ist oft nur scheinbar, die Stärke nicht vordergründig. In der Titelgeschichte bricht das alte Fräulein aus dem Kreis frömmelnder Brüder und Schwestern aus, als es gilt, einem Menschen zu helfen. Der Kellner Alfred, der das Leben doch nun wirklich satt hat, hilft sich am Ende selbst, weil es Hilfsbereite gibt. Heitere Saiten – so in der Erzählung vom alten Bauern, der noch einmal auf Freiersfüßen wandelt – erklingen neben tragischen, und immer ist es das Menschliche, das sich aus sorgsamen Beobachtungen und liebevollem Gestalten fügt.
Inhalt:
Witwe sucht Mann, auch auf dem Lande .. .. .. 5
Der Engel des Herrn kam zweimal .. .. .. 45
Wochenende mit Amanda .. .. .. 71
Erwachen unterm Holunder .. .. .. 111
Die Straßenbahn zum Herrn .. .. .. 153
Heimatrecht .. .. .. 183
Schutzumschlag und Einband: Rolf F. Müller
Greifenverlag zu Rudolstadt
1. Auflage 1980
25 Februar 2025
Wolfgang Trampe: Die Kuckucksuhr
Buchanfang:
Brüder
Langsam ging ich auf den Eingang zu. Die Leute glitten an mir vorüber. Der Eingang war schmal und hoch, ich hatte schon viele daraus hervorquellen sehen, die Blicke geradeaus gerichtet, mit Koffern und Taschen.
Die Bahnhofshalle glänzte kalkweiß. Die Fahrkartenschalter waren geschlossen, wie eine Reihe von Vögeln lagen sie da. Vorhänge hingen herab, die die kleinen runden Öffnungen verstopften, und auf den Zahltellern nistete Staub. Es roch nach Urin und Toilettenartikeln, und diese Gerüche mischten sich mit der frischen Luft, wenn die Pendeltür schwang und eine Gruppe von hastenden Leuten hereinkam, blicklos die Treppe meisterte, die Koffer schwingend, mit Gebärden, hinter denen die Lust des Reisens als etwas sehr Anstrengendes erschien.
Die Leute aus dem schmalen Eingang liefen an mir vorbei. Ich wunderte mich, daß sie so sehr sich selbst zugewendet waren. Die Taschen hingen an ihren Händen wie Blei, auf einem festen Kurs steuerten sie durch die Vorhalle, nahmen die Gerüche, das Licht auf ihren Wegen mit. Einen Augenblick schien es mir, als sähe ich anonyme Wesen, die, jedes für sich, auf die Reise gegangen waren, und die, angekommen, sich in den großen Strudel der anderen Städte verloren, als wäre es das verwandelte Zuhaus.
Ich ging auf den Eingang zu. .......
Inhalt:
Brüder 5
Schach 73
Landaufenthalt 90
Lähmung 107
Erna 127
Die Geschichte mit dem Pferd 132
Nachruf auf ein Spiel 141
Theater 152
Frau Pechmann 186
Die Kuckucksuhr 205
Mit 8 Grafiken von Sabine Kahane
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
1. Auflage 1980
2. Auflage 1982
25 Januar 2025
Michail Scholochow: Frühe Erzählungen
Klappentext:
Tödlicher Haß teilt den Don in zwei Lager. Von der Revolution zu höchster Leidenschaftlichkeit angefeuert, stehen Kulak und Mushik einander gegenüber. Und in der Spannung dieser Atmosphäre, die sich immer wieder in furchtbaren Gewalttaten entlädt, schmelzen patriarchalische Sitten, Treu und Glauben, Freundschaft und Liebe. Nicht halt macht das große Ringen vor den Grenzen der Familie. Der Sohn steht gegen den Vater auf, Brüder richten die Gewehre aufeinander, das Mädchen fällt von der Hand des Geliebten. Und dennoch in der Welt der Armut, die ihr Recht auf Leben erkämpft, glimmt eine neue Liebe, eine neue Achtung der Kreatur, ein Licht des Menschlichen auf.
Voll realistischer Kraft und dramatischer Dichte, bewunderungswürdig in ihrem knappen Aufbau und ihrem Wechsel zwischen erschütternder Tragik, herbem Lyrismus und drastischem Humor, in bildkräftiger ursprünglicher Sprache geschrieben, sind die frühen Erzählungen des Dichters nicht allein für das Verständnis seiner späteren Romane wichtig. Ohne Zweifel zählen sie auch zu den schönsten Leistungen, die die sowjetische Literatur in den zwanziger Jahren hervorbrachte.
Das vorliegende Buch stellt mit fünf neu aufgenommenen Erzählungen eine erweiterte Ausgabe des Sammelbandes „Flimmernde Steppe“ dar.
Inhalt:
Das Muttermal | Deutsch von Günther Stein .. .. .. 5
Der Hirt | Deutsch von Maria Riwkin .. .. .. 18
Der Erfassungskommissar | Deutsch von Harry Burck .. .. .. 33
Schibaloks Sproß | Deutsch von Erich Müller .. .. .. 40
Aljoschkas Herz | Deutsch von Gottfried Kirchner .. .. .. 48
Der Feldhüter | Deutsch von Günther Stein .. .. .. 67
Sturm über der Steppe | Deutsch von Hilde Angarowa .. .. .. 84
Der Bankert | Deutsch von Maria Riwkin .. .. .. 136
Der Strudel | Deutsch von Mimi Barillot .. .. .. 172
Der Familienvater | Deutsch von Harry Burck .. .. .. 192
Der Vorsitzende des Revolutionären Kriegsrats einer Republik | Deutsch von Erich Müller .. .. .. 201
Der unrechte Weg | Deutsch von Harry Burck .. .. .. 208
Die Frau und die zwei Männer | Deutsch von Harry Burck .. .. .. 221
Der Todfeind | Deutsch von Dora Hofmeister .. .. .. 240
Das Fohlen | Deutsch von Else Wilde .. .. .. 261
Der Wurmfraß | Deutsch von Lieselotte Remané .. .. .. 271
Flimmernde Steppe | Deutsch von Günther Stein .. .. .. 290
Die Knechte | Deutsch von Lieselotte Remané .. .. .. 303
Über die Donerfassungskommission und
das Mißgeschick ihres Vizekommissars, des Genossen Ptizyn | Deutsch von Gottfried Kirchner .. .. .. 354
Über Koltschak, die Brennesseln und so weiter | Deutsch von Erich Müller .. .. .. 362
Fremdes Blut | Deutsch von Monica Huchel .. .. .. 370
Die Prüfung | Deutsch von Gottfried Kirchner .. .. .. 394
Die Drei | Deutsch von Gottfried Kirchner .. .. .. 397
„Der Revisor“ | Deutsch von Gottfried Kirchner .. .. .. 400
Nachwort von Alfred Kurella .. .. .. 405
Bemerkungen zu unserer Ausgabe .. .. .. 425
Mit einem Nachwort von Alfred Kurella
Schutzumschlag und Einband: Nuria Quevedo
Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin
Reihe: Michail Scholochow; Gesammelte Werke in Einzelausgaben
1. Auflage 1965
2. Auflage 1966
3. Auflage 1967
danach im Verlag Volk und Welt, Berlin
4. Auflage 1977
5. Auflage 1981
Auch erschienen im Buchclub 65
1. Auflage 1967
15 Dezember 2024
Wojciech Zukrowski: Mit der Flamingofeder geschrieben
Klappentext:
Ein Goldstück für die Freiheit spendet Bolek, und schon jagen ihn die Häscher des Königs. Aus dem Tumult der Revolution flüchtet sich der junge polnische Edelmann in die zärtlichen Arme der schönen Fürstin Charlotte, doch kaum, daß er die Vorzüge der französischen Betten zu schätzen weiß, sieht er die ungetreue Liebste an der Seite Seiner Majestät Ludwigs XVI. soupieren, indes das Volk von Paris mit dem königlichen Haupte längst Rugby spielt... Herb, köstlich und unwiderstehlich duftet die Zitrone, die dem Papst auf den Arm hüpft. Die sengende Julisonne, die schwitzende Menschenmenge und der faulige Gestank des Tibers machen alle Gebote vergessen, und Signora Spaghetti, die dicke Obsthändlerin, sieht zu ihrem Entsetzen, wie ihre Ware heimlich unter der Tiara verschwindet. Sie schweigt, aber ihr Schweigen wird eine teure Rache sein... Liebenswert ist die Gestalt des sensiblen kleinen Toluś: Er erkennt einen Mörder an seinen schwarzen Ohren, rettet einen altpolnischen König vor seinen Verfolgern, beobachtet des Nachts, wie seine Möbel zu einer Bittprozession auf die Straße marschieren... Mehr als ein Spiel von Phantasie und Realität, als den Spaß an bizarrer Übertreibung bietet Zukrowski: Seine Flamingofeder kitzelt die Wirklichkeit am Halse – wird sie's vertragen? Vergnügen an der Selbsterkenntnis und am kritischen Erkennen der Umwelt lehren diese Geschichten. Sie führen uns nach Frankreich, Italien, Belgien, England und in die reizvolle Landschaft Ostpolens.
Wojciech Żukrowski, 1916 geboren, zählt zu den bedeutendsten und zugleich populärsten Schriftstellern in Polen. Er schreibt Romane, Erzählungen, Drehbücher, Reportagen.
Inhalt:
Mit der Flamingofeder geschrieben
7 ........... Mitleid oder Zimmer zu vermieten
Deutsch von Kurt Kelm
31 ......... Die Flucht oder Eine Erzählung mit Protenzen
Deutsch von Kurt Kelm
53 ......... Monarchisten oder Das grüne Herz
Deutsch von Kurt Kelm
90 ......... Der Pelz oder Eine sarkastische Erzählung
Deutsch von Kristiane Lichtenfeld
104 ....... Die heilige Zitrone oder Die Geheimnisse des Vatikans
Deutsch von Kristiane Lichtenfeld
129 ....... Marylas Herzchen oder Die Rache
Deutsch von Kurt Kelm
140 ....... Der auferweckte Lazarus oder Die Lebensfreude
Deutsch von Kristiane Lichtenfeld
155 ....... Der Wurm oder Der Friede des Gelehrten
Deutsch von Kristiane Lichtenfeld
167 ....... Der Tyrann oder Ein Sargporträt
Deutsch von Kurt Kelm
190 ....... Meine Frau
Deutsch von Kurt Kelm
Krümel von der Hochzeitstorte
214 ....... Die Schachtel mit den Schrotkügelchen
Deutsch von Caesar Rymarowicz
228 ....... Mein König Łokietek
Deutsch von Caesar Rymarowicz
241 ....... Knabenspiele
Deutsch von Kurt Kelm
248 ....... Herr Gołebiowski
Deutsch von Caesar Rymarowicz
263 ....... Der Ringkragen des Urgroßvaters
Deutsch von Caesar Rymarowicz
274 ....... Die Beichte
Deutsch von Caesar Rymarowicz
287 ....... Das Abendbrot
Deutsch von Kurt Kelm
300 ....... Das Erröten der Gänseblümchen
Deutsch von Caesar Rymarowicz
308 ....... Die alte Brosche
Deutsch von Caesar Rymarowicz
319 ....... Das Geheimnis des Sekretärs
Deutsch von Caesar Rymarowicz
326 ....... Das Äpfelchen
Deutsch von Caesar Rymarowicz
339 ....... Brombeeren
Deutsch von Caesar Rymarowicz
351 ....... Am Morgen
Deutsch von Caesar Rymarowicz
358 ....... Der Gewittersturm
Deutsch von Caesar Rymarowicz
367 ....... Das Homen
Deutsch von Kurt Kelm
374 ....... Krümel von der Hochzeitstorte
Deutsch von Caesar Rymarowicz
377 ....... Nachwort
Einband und Schutzumschlag: Gerhard Rappus
Original Titel: Wojciech Żukrowski Piórkiem flaminga Okruchy weselnego tortu
Aus dem Polnischen übersetzt von Kurt Kelm, Kristiane Lichtenfeld und Caesar Rymarowicz
Mit einem Nachwort von Eberhard Dieckmann
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
1. Auflage 1973
21 November 2024
Vladimir Pozner: Die Verzauberten - Spanien erste Liebe - Der Ulmengrund
Klappentext:
Wenn Prinz Abdallah seinen Zauberstab schwingt, verschwinden bunte Tücher, sausen Spielkarten durch die Luft, verwandeln sich Kaninchen in rasselnde Wecker oder in eine Flasche Champagner. Doch sein wunderbarstes Kunststück vollbringt er, wenn er ein Herz verzaubert, dann bleibt der Prinz für immer gegenwärtig in seinen Verzauberten. So in Annette, einer kleinen Hausangestellten, und in Diane, einem siebenjährigen Mädchen. Diane ahnt eine gewaltige, verborgene Kraft, und „als sie, Jahre später, zum erstenmal in einem Buch, vielleicht ‚Manon Lescaut’, oder in einem Herzen, vielleicht dem ihren, auf die Liebe stieß, war dies für sie nicht eine Offenbarung, sondern zauberisch und einzig vollkommen eine Erinnerung“. Sehnsuchtsvolle Erinnerung ist auch für Pierre, den jungen Maler aus Spanien erste Liebe, die Begegnung mit dem Mädchen Pilar, das er vor Jahren, in den Wirren des Spanischen Bürgerkrieges, kaum gewonnen, wieder verlor. Gleicherweise um die „Erziehung der Gefühle“ geht es in der dritten, bei uns bisher noch nicht veröffentlichten Erzählung Der Ulmengrund. Der Junge Didier, durch den Tod der Mutter jäh aus der Geborgenheit der Kindheitswelt gerissen, erfährt zum erstenmal in seinem Leben einen unwiederbringlichen, schmerzlichen Verlust. „Man mußte alles sagen, alles verheimlichen, hart sein und zärtlich“, sagt der Ich-Erzähler. Worte, die auf alle drei Texte dieses Bandes zutreffen und aus denen der genaue und einfühlsame Beobachter verborgener psychischer Vorgänge spricht, als der sich der französische Autor Vladimir Pozner hier erweist.
Vladimir Pozner, französischer Schriftsteller, Publizist und Filmszenarist, wurde 1905 als Sohn russischer Emigranten in Paris geboren. Er verbrachte Kindheit und Jugend abwechselnd in Paris und Petersburg, siedelte 1921 endgültig nach Frankreich über und trat zunächst als Übersetzer und Herausgeber junger sowjetischer Literatur hervor. In den dreißiger Jahren engagierte er sich aktiv im antifaschistischen Kampf, nahm als Militärkraftfahrer am zweiten Weltkrieg teil und emigrierte in die USA. Hier arbeitete er in verschiedenen Berufen, zuletzt als Drehbuchautor in Hollywood. 1947 kehrte er nach Frankreich zurück und wandte sich verstärkt seiner schriftstellerischen und publizistischen Tätigkeit zu. In Pozners Schaffen haben die großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts, deren Zeuge er war, ihren Niederschlag gefunden: die Oktoberrevolution („Der weiße Baron“, 1937, dt. 1958), Faschismus und Krieg („Die Irrfahrt“, 1942, dt. 1955; „Das Wasser war viel zu tief“, 1969, dt. 1971; „Abstieg in die Hölle. Zeugnisse über Auschwitz“, 1980, dt. 1982), der Spanische Bürgerkrieg („Spanien erste Liebe“, 1964, dt. 1966) und der Algerische Befreiungskampf („Der Richtplatz“, 1959, dt. 1961). Weiterhin sind bei Volk und Welt erschienen: „Wer hat H. O. Burrell getötet?“ (1953, dt. 1953), „Erinnerungen an Gorki“ (1957, dt. 1959), „Die Verzauberten“ (1961, dt. 1963), „Vladimir Pozner erinnert sich“ (1972, dt. 1975), „Die Nebel von San Francisco“ (1985, dt. 1986).
Inhalt:
Die Verzauberten .......... 5
Le Lever du rideau
Übersetzt von Stephan Hermlin
Spanien erste Liebe .......... 131
Espagne premier amour
Übersetzt von Stephan Hermlin
Der Ulmengrund .......... 243
Le Fond des ormes
Übersetzt von Eva und Gerhard Schewe
Aus dem Französischen von Stephan Hermlin, Eva und Gerhard Schewe
Verlag Volk und Welt, Berlin
Reihe: ex libris Volk und Welt
1. Auflage 1987
17 November 2024
Leonhard Frank: Gesammelte Erzählungen
Klappentext:
Ungewöhnliches geschieht: Da löst sich der letzte Wagen eines Zuges, rast den Berg hinab, und in der unausbleiblichen Panik erweist sich, wie beständig bürgerliches Wohlverhalten ist. Da kehrt einer aus dem Krieg zurück und nimmt in Besitz, was einem anderen gehört, Frau, Heim, dessen Vergangenheit – ganz so, als wäre er der andere. Da begegnet einem Mädchen der Traumgeliebte, und es rettet ihn, den Unbekannten, aus großer Gefahr. – Leonhard Franks Erzählungen, geschrieben zwischen 1916 und 1954, sprechen von den Ängsten, die Menschen durch andere erlitten haben, von den quälenden Eingriffen durch Eltern, Vorgesetzte, Amtspersonen in das Leben des einzelnen, von erkämpftem Lebensglück und tödlicher Resignation. 1916, Frank war durch „Die Räuberbande“ und „Die Ursache“ bereits anerkannter Schriftsteller, veröffentlichte René Schickele in der Zeitschrift „Die weißen Blätter“ die erste jener fünf Erzählungen von Leonhard Frank, die ein Jahr später unter dem Titel „Der Mensch ist gut“ in der Schweiz erschienen.
Dieser Antikriegszyklus, der in expressionistischer Wortgewalt rückhaltlos und bis an die Grenze des Erträglichen die grausigen Folgen des Krieges ins Bewußtsein treibt, brachte seinem Autor nicht nur literarischen Ruhm, sondern auch die Genugtuung, Zeitgenossen zum Protest gegen den Krieg aktiviert zu haben: Daß er die Kieler Matrosen in ihrem Willen zum Aufstand bestärkte, daß es in Berlin nach der Lektüre zu Demonstrationen kam, davon berichtet Leonhard Frank in „Links wo das Herz ist“ und in Gesprächen mit Freunden. Auch die späteren Erzählungen, von den Folgen faschistischer Ideologie und Herrschaft handelnd, zeigen Leonhard Frank wieder als politisch engagierten Schriftsteller, der trotz aller erlebten Barbarei dem Guten im Menschen vertraut.
Inhalt:
Der Mensch ist gut
Der Vater .......... 7
Die Kriegswitwe .......... 18
Die Mutter .......... 47
Das Brautpaar .......... 77
Die Kriegskrüppel .......... 89
Die Schicksalsbrücke .......... 127
Zwei Mütter .......... 153
Der Beamte .......... 165
An der Landstraße .......... 185
Im letzten Wagen .......... 235
Karl und Anna .......... 277
Deutsche Novelle .......... 347
Kurzgeschichten
New Yorker Liebesgeschichte .......... 453
Der Heiratsvermittler .......... 466
Der Blockwart .......... 472
Das Porträt .......... 478
Der Schreiner .......... 486
Berliner Liebesgeschichte 1946 .......... 495
Michaels Rückkehr .......... 505
Die „Gesammelten Erzählungen“ entsprechen dem sechsten Band der „Gesammelten Werke in sechs Bänden“ *
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
1. Auflage 19??
2. Auflage 1979
* Gesammelten Werke in sechs Bänden; Bd. 6., Erzählungen
1. Auflage 1957
2. Auflage 1959
3. Auflage 1962
08 November 2024
Mahmûd Teimûr: Der gute Scheich
Buchanfang:
DER GUTE SCHEICH
Auf dem rechten Ufer des Chalilija-Kanals erhob sich in der Nähe des Dorfes Mahârîk eine unscheinbare kleine Moschee, der es trotz ihres bescheidenen Aussehens nicht an Gläubigen fehlte. Sie suchten sie täglich zu den fünf Gebeten auf, vor allem aber freitags. Dann waren die Nachzügler aus Platzmangel gezwungen, ihre Andachten außerhalb des Gotteshauses auf der Landstraße zu verrichten.
Die Zahl der Gläubigen wuchs ständig, denn der Imâm der Moschee, Scheich Na'îm, erfreute sich großen Ansehens. Die Bewohner der umliegenden Dörfer und der entfernteren Ortschaften sprachen voller Bewunderung von diesem verehrten Meister, von seinen eindringlichen Predigten und seiner tiefen Frömmigkeit. Sie erklärten übereinstimmend, seine Gebete stiegen geradenwegs zum Himmel auf und würden von dem Ewigen erhört. Daher erstrebten sie seinen Segen, und die weithin hallenden Worte, die aus seinem Munde kamen, erfüllten sie mit Glückseligkeit für dieses und das andere Leben.
Vor allem freitags nahmen zahlreiche Menschen die Strapazen eines langen Marsches in der Frühe auf sich, um sich einen Platz nahe der Kanzel zu sichern. Doch die Predigt und das Gebet allein hätten nicht genügt, diese verirrten Seelen anzulocken, .......
Inhalt:
Der gute Scheich 5
Ammi Mitwallî 18
Ein Mann von Welt 31
Der Mann, der stets auf der Suche nach einer Frau war 40
Im Paradies 48
Der literarische Parasit 59
Enttäuschung 66
Die Lebensversicherung 79
Bigamie 112
Wenn das Schicksal schlummert 132
Mutig 147
Das Gewissen des Bettlers 163
Nachbemerkung 171
Anmerkungen 173
Übersetzt aus dem Französischen von Karl Heinrich
Die Auswahl besorgte Monika Wegehaupt
Einbandentwurf: Werner Klemke
Verlag Volk und Welt, Berlin
1. Auflage 1961
04 Oktober 2024
Angela Stachowa: Geschichten für Majka
Klappentext:
Irgendwo, irgendwann geschieht etwas, das der Anfang vom Ende sein könnte. Da haben zwei ihre Probleme Wohnung, Eifersucht, Eltern. In einer Kneipe wird die Frau beschimpft. Ein Betrunkener, freilich. Schlimmer ist die Reaktion der anderen, die nichts hören wollen.
Am schlimmsten aber die Hilflosigkeit des Mannes.
Minutiös wird in einer anderen Geschichte dieses Bandes das letzte Stadium einer zerstörten Ehe analysiert. Die Partner verbringen noch einmal einen gemeinsamen Urlaub, des Kindes wegen. Entspringt diesem Ende der Neuanfang oder ist es die totale Kapitulation?
Angela Stachowas Geschichten erzählen von der Liebe und von ihrem Scheitern. Es sind bittere Geschichten, die in ihrer Konsequenz betroffen machen. Aber die Verabschiedung von Täuschungen und Selbsttäuschungen wie schmerzlich auch immer schließt Hoffnung nicht aus. Und so wird hier behauptet: Es sind Geschichten für Liebende.
Inhalt:
Geschichten für Majka .......... 6
Australische Romanze .......... 30
Sommerspiele .......... 65
Die Meerschweinchen unserer Kindheit .......... 116
In diesem Winter .......... 131
Das Fräulein Bärbel .......... 140
Viraika – Ein Märchen .......... 167
Schutzumschlag, Einband und Illustrationen: G. Ruth Mossner
Mitteldeutscher Verlag, Halle-Leipzig
1. Auflage 1978
2. Auflage 1980
3. Auflage 1982
20 September 2024
Juri Abdaschew, Juri Kasakow: Der Sohn des Poseidons – und andere Erzählungen
Heftanfang:
DER SOHN POSEIDONS
Kaum war Nina ins Meer geglitten, da bot sich ihr eine völlig neue, unbekannte Welt dar. Sie hatte den Eindruck, als sei hinter dem dicken Glas ihrer Taucherbrille überhaupt kein Wasser, so deutlich war auf dem Grund jedes Steinchen, jedes Gräschen zu sehen. Nur in großer Entfernung verschwammen die Konturen des Grundes allmählich in geheimnisvollem bläulichem Nebel. Zwischen glatten Kieseln huschten gesprenkelte Seepferdchen dahin, Kaulköpfe wedelten träge mit dem Schwanz.
Eine halbe Stunde später sonnte sich Nina am Ufer und beobachtete Igor. Sie sah ihn wiederholt tauchen und dann, oben schwimmend, den Pfeil mit der Harpunenleine vom Grunde heraufziehen. Gegen Mittag schließlich gelang es ihm, einen bräunlichen Fisch mit weißen Querstreifen zu schießen.
„Was für ein hübscher kleiner Barsch!“ stieß er durch die Zähne, nachdem er sich auf dem heißen Ufergeröll ausgestreckt hatte. „Ein Pfund wird er haben...“
Nina sah, daß der auf dem Ufer welk gewordene Barsch kaum dreihundert Gramm wog und daß Igor sich noch im Banne des unterseeischen optischen Trugbildes befand. Sie war jedoch entschlossen, sein männliches Ehrgefühl nicht zu kränken, und antwortete schnell: „Ja, keinesfalls weniger.“
Nina liebte diesen Mann. Sie liebte sein etwas herablassendes Lächeln und seine blauen Augen mit den elektrischen Fünkchen. In seiner Nähe fühlte sie sich wohl und stets ein wenig erregt. Sie wußte: Igor stand mit beiden Beinen fest auf der Erde. Alles im Leben gelang ihm. Er war ehrgeizig und beharrlich. In der Aspirantur des ökonomischen Instituts, wo er studierte, prophezeiten ihm die Professoren eine glänzende. Zukunft. In einem Monat sollte sie seine Frau werden. So war es beschlossen.
Am Ufer entlang kamen zwei Jungen. Ihrem Aussehen nach mußten sie aus dieser Gegend stammen. Der eine trug eine selbstgebastelte Harpune, der andere einen Draht mit einem Dutzend toter Fische.
„Was habt ihr da für Fische?“ rief Nina sie an, als sich die beiden auf gleicher Höhe mit ihr befanden.
„Grundeln und Kaulbarsche“, erklärte der eine, der schwarz war wie ein Neger und einen großen platten Kopf hatte. Er sah jünger aus als sein Begleiter. „Vitka spießt sie mit 'nem Draht auf. Macht nichts, für 'ne Fischsuppe taugen sie.“
Während er das sagte, tappte er ungeschickt mit bloßen Füßen auf dem heißen Geröll herum. Dann fragte er nach kurzem Nachdenken:
„Wie ist's, Tantchen, wollen Sie uns nicht eine Muschel abkaufen?“ Er faßte in die Tasche und brachte zwei spiralenförmige schartige Muscheln von der Größe einer kleinen Zwiebel zum Vorschein. Außen hatten sie eine poröse Kalkschicht, innen dagegen eine Glasur in warmen Orangetönen.
„Wir machen's billig“, sagte er verlegen, „zehn Kopeken das Stück. Das sind sie schon wert.“
„Habt ihr die selbst gefunden?“ fragte Nina und betrachtete interessiert eine Muschel.
Das Bürschlein mit der Harpune zog seine bis an die Knie nassen Hosen hoch.
„Wer denn sonst?“ antwortete er spitz.
Igor hob träge den Kopf. Seine hellen, vom Wasser benetzten Wimpern verdeckten fast ganz seine Augen.
„Gibt es auch große?“ fragte er.
„'s gibt welche, die sind so groß wie 'ne Untertasse. Sooo!“ Der Junge zeigte es mit den Händen. Aber man kriegt sie nicht. Die liegen ungefähr fünfzehn Meter tief, wenn nicht mehr, und am Ufer sind alle großen längst weggefischt."
„Schade“, sagte Nina und holte eine helle Münze aus ihrer Geldbörse.
„Denken Sie nicht, die hier wären leicht zu kriegen“, sagte der mit dem großen Kopf, als wolle er sich rechtfertigen. „Da muß man auch tauchen, und nicht zu knapp! Manchmal schluckt man Wasser und bekommt Nasenbluten. Und überhaupt das kann nur Paschka.“
„Die großen holen?“ fragte Igor spöttisch.
„Nee, die kriegt auch er nicht“, antwortete der ältere, der Igors Ironie nicht bemerkt hatte, ernst. „Die kann man bloß mit einem Tauchgerät raufholen.“ Er warf geschickt das Zehnkopekenstück hoch, fing es wieder und ging seines Wegs.
„Wer ist denn dieser Paschka?“ fragte Nina den jüngeren Burschen, der drauf und dran war, seinem Kameraden zu folgen.
„Was, Sie kennen Paschka nicht?“ fragte der Bengel ehrlich erstaunt. „Paschka von den Kahlen Felsen.“
Diese Erklärung schien ihm offenbar erschöpfend zu sein. Aus Höflichkeit blieb er noch ein Weilchen stehen und betrachtete den toten Barsch.
„Was wollen Sie denn mit dem Ding da?“ fragte er und stieß Igors bescheidene Beute mit dem Fuß an. „So was fressen doch bloß die Katzen...“
Die Tage vergingen, aber Igor war das Jagdglück nicht hold. Die Fische hier waren vorsichtig. Lediglich ein paar kleine Karauschen und Stücker acht nutzlose grüne Lippfische kamen auf sein Konto. All das war eines echten Jägers unwürdig. Aber auch bei den anderen klappte es nicht besser. In der ganzen Zeit gelang es nur zwei Glücklichen, Meeräschen zu schießen. Das erregte am Ufer eine Sensation. Über Paschka von den Kahlen Felsen gingen unter den Tauchern Legenden um. Es hieß, er sei der erfolgreichste Unterwasserjäger an der ganzen Küste von Noworossisk bis Tuapse.
Inhalt:
3 ..... Juri Abdaschew - Der Sohn Poseidons
26 ..... Juri Abdaschew - Das unvollendete Aquarell
46 ..... Juri Kasakow - Ein stiller Morgen
Originaltitel:
Der Sohn Poseidons - Съли Посейдона
Das unvollendete Aquarell - Неоконченная акварель
Ein stiller Morgen - Тихое утро
Umschlag und Illustrationen: Detlev Schüler
Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin
Reihe: kap | Krimi-Abenteuer-Phantastik Nr. 71
1. Auflage 1968
18 April 2024
Mykolas Sluckis: Sigita träumt vom Meer
Sigita träumt vom Meer.
Nicht von einem fernen, fernen – das Meer wird zu ihr kommen, wird da sein, wo heute noch Sigitas Dorf ist, wo das Korn auf den Kolchosfeldern rauscht und auf saftigen Wiesen die Kühe weiden.
Ist es nicht schade drum, nicht schade auch um Großmutters prächtigen Garten, in dem Riesenkohlköpfe und rot leuchtende Tomaten wachsen? Nicht ein bißchen tut es Sigita leid, denn sie weiß: Der Kolchos wird noch bessere Felder und Großmutter einen noch schöneren Gemüsegarten bekommen. Und ein wenig schmeichelt es Sigita natürlich, daß die Pioniere, die den zukünftigen Meeresboden erforschen, sie wohl für eine „seltene Meerespflanze“ halten. So wünscht sie sich das Meer sehnlichst herbei und guckt jeden Morgen aus dem Fenster, ob es nicht schon da ist.
Ja, Sigita träumt vom Meer. Der arme Flickschuster Dodis träumte nur von einer neuen Petroleumlampe, aber sie, die seine Sonne war, zerbrach. Ein kleiner Junge träumte nur davon, sich ein einziges Mal an saftigen Birnen und Pflaumen satt essen zu können. Wovon träumte wohl das Mädchen Pusteblume, das bei den Ratten hauste?
Sigitas Traum aber wird in Erfüllung gehen – so sicher, wie auch der von Vytukas sich erfüllte, Vytukas, der so sehr hoffte, die Störche mögen das neugebaute Haus seiner Eltern finden und ihr Nest darauf bauen.
Der Band enthält eine Auswahl meisterhafter Erzählungen und Skizzen des bekannten litauischen Schriftstellers Mykolas Sluckis, die, chronologisch geordnet, in ihrer Gesamtheit ein Stück jüngster litauischer Geschichte lebendig machen.
Inhalt:
Wie die Sonne zerbrach …… 5
Die Silbermünze …… 15
Verzaubertes Wasser …… 27
Der Apfelkönig …… 39
Der Protest …… 48
Die schöne Pusteblume …… 58
Der Grünfrosch …… 81
Meine scheuen Tauben …… 93
Das erste Blut …… 108
Was Kutusow sagte …… 119
Die tapfere Tat des kleinen Antanas …… 131
Der Schuß am frühen Morgen …… 142
Die Störche …… 151
Sigita träumt vom Meer …… 163
Die alte Uhr und die Tomaten …… 181
Fernsehen auf der Treppe …… 193
Der zukünftige Kapitän …… 199
Der Waldbrand …… 208
Heidehonig …… 222
Die kleine Briefträgerin …… 235
Nachwort …… 249
Übersetzung aus dem Litauischen von H. Taleikis
Originaltitel: Sigita sapnuoja jurą
Schutzumschlag und Illustrationen von Peter Nagengast
Für Leser von 12 Jahren an
Der Kinderbuchverlag, Berlin
1. Auflage 1972
2. Auflage 1973
3. Auflage 1974
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Sigita träumt vom Meer. Nicht von einem fernen, fernen – das Meer wird zu ihr kommen, wird dort rauschen, wo heute noch Sigitas Dorf ist. Sehnlichst wünscht sie es herbei und guckt jeden Morgen aus dem Fenster, ob es nicht schon da ist. Sigitas Traum wird in Erfüllung gehen – so sicher wie auch der von Vytukas: Wie sehr hoffte er, die Störche mögen das neue Haus der Eltern finden und ihr Nest darauf bauen!
In meisterhaften Erzählungen malt uns Mykolas Sluckis ein Bild von Litauen heute und in vergangener Zeit.
Illustrationen von Hildegard Gierbeth
Für Leser von 12 Jahren an
Der Kinderbuchverlag, Berlin
Reihe: Alex-Taschenbücher (ATB) Nr. 24
1. Auflage 1978
18 März 2024
Werner Krauss (Hrsg.): Der verliebte Teufel – Französische Erzählungen des 18. Jahrhunderts
Buchanfang:
Denis Diderot
DAS IST GAR KEINE ERZÄHLUNG
Wenn man etwas erzählt, so ist es immer für einen be- stimmt, der zuhört, und so kurz die Erzählung ist, so wird doch meistens der Erzähler von seinem Zuhörer ein paar mal unterbrochen werden. In dem Bericht, den man nachher lesen wird und der eigentlich gar keine Erzählung oder allenfalls nur eine schlechte Erzählung ist, habe ich darum eine Persönlichkeit eingeführt, die ungefähr die Rolle des Lesers zu spielen hat – ja, und damit beginne ich.
„Und was schließen Sie daraus?“
„Daß ein so interessanter Stoff uns bewegen müßte, Mund und Nase aufzusperren, daß er einen Monat lang die Unterhaltung aller Kreise in der Stadt bilden müßte, daß er bis zur Erschöpfung beredet und zerredet werden, für tausend Diskussionen, mindestens zwanzig Broschüren und einige hundert Gedichte dafür und dawider herhalten müßte. Wenn der Autor mit all seiner Feinheit, mit seinen Kenntnissen und seinem Geist durch sein Werk nicht eine heftige Bewegung hervorrufen konnte, so ist es eben eine mittelmäßige, äußerst mittelmäßige Sache.“
„Aber ich meine, wir verdanken ihm doch einen sehr an- genehmen Abend, und diese Vorlesung hat uns dazu geführt...“
„Wie? Eine Litanei von hier und dort aufgegriffenen, längst gehörten Geschichtchen, die einem nichts weiter sagen konnten, als was man schon seit aller Ewigkeit wußte: Mann und Frau sind zwei bösartige Geschöpfe.“
„Aber die Epidemie hat auch Sie angesteckt, und Sie haben Ihren Teil bezahlt wie jeder andere.“
„Was blieb einem anderes übrig, als sich auf den Gesprächston abzustimmen. Wenn man in eine Gesellschaft ......“
Inhalt:
Denis Diderot
Das ist gar keine Erzählung ..... 5
Marie-Josephine Montbart
Die beiden Neger ..... 29
Voltaire
Mikromegas ..... 50
Mademoiselle Uncy
Die erkannte Unschuld ..... 74
Die durchs Los gezogene Frau oder Der lächerliche Prozeß ..... 88
Jacques Rochette de la Morlière
Geschichte des Mylord Douglas ..... 94
Jacques Cazotte
Der verliebte Teufel ..... 133
Der Lord aus dem Stegreif ..... 197
Louis-Sébastien Mercier
Die glückliche Welt ..... 332
Die Brillen ..... 339
Königswürde und Tyrannei ..... 353
Cousin Jacques
Dachkammerngespräche ..... 369
Anhang
Bemerkungen zu unserer Auswahl ..... 393
Übersicht über die französische Novellistik im 18. Jahrhundert ..... 394
Bio- und bibliographische Anmerkungen ..... 425
Einbandgestaltung Harry Jürgens/Gerhard Kruschel
Verlag Rütten & Loening Berlin
1. Auflage 1963
2. Auflage 1965
3. Auflage 1980
Buchclub 65
1. Auflage 1980
10 März 2024
Brigitte Martin: Der rote Ballon – Geschichten um Brigge Bem
Klappentext:
Sieben Erzählungen lesen wir, die sich durch Unmittelbarkeit, enorme Hautnähe zu unserem Alltag auszeichnen.
Brigge Bem hat zwei Kinder, Julia und Cordula. Der langjährige Gefährte und Vater der Kinder stahl sich davon, nun steht sie allein ihren Mann. Sie hat sich „hochgearbeitet“, war Sekretärin, Biermädchen in Bayern, Statistin am Theater, Datenfacharbeiter, Programmierer, Studentin an der Ingenieurhochschule, sie will Soziologie studieren und studiert wohl auch Soziologie. Das alles extern. Sie sucht einen neuen Gefährten und Vater für die Kinder, sie hat Geldsorgen, Erziehungssorgen, Sorgen mit der Wohnung, steht Prüfungsängste aus. Obwohl sie rastlos tätig ist, schafft sie nie ganz, was sie sich täglich vornimmt. Brigge Bem hat wie alle Menschen Wünsche ans Leben, und sie versucht, sie zu realisieren. Sie resigniert nie, auch wenn es sie oft genug sauer ankommt. Sie nimmt Reitstunden und spart das Geld schließlich doch lieber für eine Waschmaschine. Sie verliebt sich und wird enttäuscht und läßt, wenn es sein muß, fünfe gerade sein. Sie sieht sich um in dem Haus, in dem sie wohnt, in der Straße, in der Wirklichkeit, sie hat Freunde und Freundinnen vom gleichen Schlag wie sie und weiß auf nüchtern phantasievolle Art Bescheid.
Inhalt:
Die Anzeige ...... 7
Prüfungsangst ...... 12
Der rote Ballon ...... 16
Amon und die Waschmaschine ...... 34
Der dreiunddreißigste ...... 55
Im Friedrichshain ...... 69
Haus mit Garten ...... 134
Buchverlag Der Morgen, Berlin
1. Auflage 1977
2. Auflage 1978
3. Auflage 1982
4. veränd. Auflage 1989 [Mit Ill. d. Autorin]
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| Einband der Auflage 1989 |
17 Februar 2024
Alberto Moravia: Das Paradies – Erzählungen
Verlagstext:
Alberto Moravia, geboren 1907, meistübersetzter italienischer Schriftsteller der Gegenwart, verdankt seine bereits über Jahrzehnte anhaltende Popularität nicht allein dem griffigen, salopp-ironischen Stil seiner Prosa, sondern in gleichem Maße einem ausgeprägten Sinn für aktuelle Probleme, für Themen, die „in der Luft liegen“. Seit seinem aufsehenerregenden Erstling „Die Gleichgültigen“ (1929) hat es Moravia immer wieder verstanden, ein aus der historischen Situation erwachsendes Lebens- und Zeitgefühl in anschauliche Bilder zu fassen. Im „Paradies“ betreibt er die luzid-sarkastische Analyse menschlicher Beziehungen, die durch die Macht der Dinge, die Regeln einer auf Besitz gegründeten Welt, vergiftet sind. Vierunddreißig bürgerliche Frauen kommen hier zu Wort, jede erzählt in der ersten Person ihre Geschichte. Ausgangspunkt ist stets ein gestörtes Verhältnis zur Umwelt, zur Familie, zum Mitmenschen, das in den Frauen seltsame Reaktionen bewirkt. Um sich von Frustrationen und Ängsten zu befreien, um ihre innere Leere und Isolation ertragen zu können, konzentrieren sie sich auf eine fixe Idee, ein Verhaltensmuster, das ihrem Dasein, wenn schon nicht einen Sinn, so doch eine lebbare Form geben soll. Was im einzelnen Fall als eigenartiger Tick erscheinen könnte, wird im Zusammenhang als neurotische Reaktion auf einen unerträglichen Zustand begreifbar. Das Exzentrische erweist sich als das Normale, die heillose Schrulle enthüllt sich als Antwort auf eine defekte Welt
Buchanfang:
Kalkuliertes Risiko
Er sagt oft: „Mach mich nicht wild“, und dann schaue ich ihn an und sehe, daß er alles andere ist, nur kein wildes Tier. Zumindest nicht so eins, wie er es meint, wenn er sagt: „Mach mich nicht wild.“ Er ist ein kräftiger junger Mann, brünett, mit hellen Augen, und er ist so stark behaart, daß die Haare seine Armbanduhr am Handgelenk überwuchern; aber er ist ein gesitteter, beherrschter, höflicher, wohlerzogener Mensch. Gekleidet wie ein Künstler, wenn man so will, mit Pullover, Anorak, Niethosen, Wildweststiefeln; aber alles neu, picksauber, wie bei einer Schaufensterpuppe in einem Konfektionsgeschäft. Ich sage zu ihm: „Was heißt wild, wo ist da was Wildes? Weißt du, was du bist? Ein Kavalier aus dem achtzehnten. Jahrhundert, ein Galan, ein Schönling. Dir fehlt nur noch der Degen an der Seite, die Perücke mit den langen Haaren hast du ja schon.“ Immerhin sage ich all das ohne Boshaftigkeit, als herzlich zugetane, verliebte Ehefrau, die ich ja bin.
Aber ich langweile mich bei ihm; und wenn wir sonntags geruhsam Arm in Arm spazierengehen, dann merke ich, daß mein Blick unwillkürlich in der Menge umherschweift und nach anderen Gesichtern, anderen Physiognomien Ausschau hält. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Der da, der mit der niedrigen Stirn, der gebogenen Nase und dem breiten, hin und wieder zuckenden Kinn, würde der mir eine Ohrfeige geben? Oder der andere da, der mit dem hageren, bleichen, ausgemergelten Gesicht, dem lippenlosen Mund, der schmalen Nase und den stahlgrauen Augen, würde der mir ganz langsam den Arm umdrehen, bis mir vor Schmerz die Sinne schwinden? Fast als erriete er meine Gedanken, spüre ich ab und zu an meinem Arm, daß sich seine mächtigen Muskeln (er ist stark, bärenstark, er trainiert dauernd, auf dem Sportplatz, im Schwimmbad, auf dem Tiber) erregt straffen. Sie ziehen sich zusammen, als wollten sie mir sagen: Wir sind da, gib acht, wir sind wirklich da. Aber ich bin nahe daran, die Achseln zu zucken: Ach, da wäre was anderes vonnöten als ein paar gestraffte Muskeln.
Titel der Originalausgabe: IL PARADISO
Aus dem Italienischen von E.-A. Nicklas
Einbandentwurf: Lothar Reher
Verlag Volk und Welt, Berlin
Reihe: Volk und Welt Spektrum Nr. 58
1. Auflage 1973
2. Auflage 1974
16 Februar 2024
Johannes Urzidil: Die Rippe der Großmutter – Erzählungen
Klappentext:
„Jede Nacht, bevor ich zum Schlaf gelange, treten alle meine Mängel auf mich zu, umringen mich und drohen mir. Schließlich schlafe ich dann trotzdem ein, denn ich lebe paradoxerweise trotz meinen Werken.“ Nicht, daß wir einen Schriftsteller vorzugsweise zu lesen hätten, wenn ihm seine Mängel selbst bewußt sind. Selbstkritik aber, eines hochgeehrten Autors noch dazu, ist eine Haltung, die auch die Werke prägen wird. Urzidils beste Erzählungen leben von dieser Fähigkeit des Autors, sich selbst nicht als Nabel der Welt zu sehen, sondern wie ein Kristall sein zu wollen, durch den Licht farbig aufgefächert wird. Menschen und Dingen zur Sprache zu verhelfen, sie zu Wort kommen zu lassen, ohne ihnen fremde Worte aufzudrängen, dies war der Schaffensantrieb Johannes Urzidils, der am 3. Februar 1896 in Prag geboren wurde und dort seine literarische Jugend mit Werfel und Kisch und Kafka und manchem anderen Hochberühmten verbrachte. Seine eigene künstlerische Reife kam erst viele Jahre später, es war die Reife des welterfahrenen Mannes mehr als die einer elementaren dichterischen Begabung. Als Sechzigjähriger in New York, wo er 1941 als Emigrant gelandet war, veröffentlichte Urzidil seinen ersten wirklich bedeutsamen Erzählungsband.
Altersdichtungen? Wenn damit präzise Erinnerungen, klare Sprache und sicheres Erzählen gemeint sind, dann wird man diesen Begriff gebrauchen dürfen. Setzt euch nieder, scheint Urzidil bei jeder Geschichte zu sagen, ich will euch etwas erzählen. Und wer hörte nicht zu, wenn das alte Prag Gestalt gewinnt mit seinen einfachen Leuten, mit seinen Kindern vor allem? Überhaupt die Kinder: wer ließe sich nicht gern von ihren „Spielen und Tränen“ betören, sei es in Prag, New York oder in Gibacht, das niemand kennt, bevor er es nicht durch Urzidil kennengelernt hat? Auch einem Elefantenritt kann man folgen. Durch das eben aus dem Mittelalter erwachende Deutschland. Man sieht die Gaffenden und die zu Tode Erschrockenen. Man leidet und hofft mit dem hoch zu Elefant fliehenden jungen Mann, dem nachmals weltberühmten tschechischen Kupferstecher Vaclav Hollar.
Urzidil bewegt nicht die gewaltigen Stoffe unseres Jahrhunderts, und wenn er sich ihnen nähert, wie im „Gold von Caramablu“ dem Spanischen Bürgerkrieg, dann zeigt er, wie eine kleine, abgeschlossene Welt in die große hineingerissen wird. Urzidil spricht von den Alltäglichkeiten dieser Zeit, und er spricht leise von ihnen. Man muß seinen sorgsam gesetzten Tönen aufmerksam folgen, wegnehmen darf man nichts, hinzusetzen alles. Das aber kann jeder, weil jeder Kindheit und Alltäglichkeit erlebt hat.
Johannes Urzidil, der hundert Jahre alt werden wollte, um den Glückwünschen, die ihn zu seinem 70. Geburtstag erreichten, „gebührend gerecht“ zu werden, starb am 2. November 1970 in Rom. Huldigungen brauchen wir ihm nicht darzubringen, seine Mängel müssen wir nicht hinausposaunen – die kannte er selbst –, für beides war er wohl nicht spektakulär genug. Jeder aber kann sich davon. überzeugen, daß Urzidil durch seine besten Erzählungen lebt, weil er sich auf das, was er wirklich erlebt, gesehen und ergriffen hat, zu beschränken wußte.
Inhalt:
Das Elefantenblatt 5
Die Herzogin von Albanera 43
Relief der Stadt 79
Spiele und Tränen 98
Denkwürdigkeiten von Gibacht 120
Von Odkolek zu Odradek 166
Die letzte Tombola 189
Repetent Bäumel 219
Morgenroths Erbe 240
Die Rippe der Großmutter 259
Eine Schreckensnacht 296
Ein letzter Dienst 316
Letztes Läuten 341
Das Gold von Caramablu 380
Die große Finsternis in New York 457
Im Aufzug 481
Die arme Pamela 504
Die Reisen Siegelmanns 532
Anekdote aus dem Zweiten Punischen Kriege 556
Nachwort 567
Quellennachweis 590
Schutzumschlag, Einbandentwurf: Horst Hussel
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dietrich Simon
Verlag Volk und Welt, Berlin
1. Auflage 1976
30 Januar 2024
Rolf Hochhuth: Jede Zeit baut Pyramiden – Erzählungen und Gedichte
Angesichts der zahllosen Opfer von Krieg und Völkerverbrechen könne man unsere Epoche die der Flüchtlinge nennen. Doch Rolf Hochhuth fällt sich selbst ins Wort: »Natürlich wird man das nicht tun: man wird sie das Atomzeitalter nennen, weil das Technische leider größeren Eindruck macht als das Menschliche ...« Trotzdem weiß Rolf Hochhuth, daß zum Menschen der Erfindungsgeist gehört. Dessen Früchte müssen allerdings die menschliche Existenz sichern helfen. Als beispielhaft dafür stellt Hochhuth den englischen Mathematiker Alan Turing dar, wobei er – wie immer – gründlich recherchierte, zugleich aber die historische Figur benutzt, um sein Bild des Menschen in der Geschichte zu zeichnen. Die von Turing begründete Theorie des Computers erleichterte die Entschlüsselung der Wehrmachtsbefehle, nachdem Polen die Bedeutung der deutschen Codiermaschine erkannt und einige Apparate erbeutet hatte. Freilich konnten diese Leistungen erst durch die Soldaten der Antihitlerkoalition zur kriegsentscheidenden materiellen Gewalt werden. Der Mann, Alan Turing, dem Hochhuth eine Bedeutung zumißt wie sonst unter den Briten nur noch Churchill, mußte in den Schatten der Geschichte zurücktreten.
das Flüchtigste: der Mensch – diese Überschrift eines Gedichtzyklus im vorliegenden Band bedeutet für Rolf Hochhuth zugleich Erfahrung und Warnung. Gerade mit Gedichten, seiner Art, Tagebuch zu schreiben, spürt er die Momente der Flüchtigkeit auf, die im Leben jedes einzelnen, Liebe und Tod vor allem, und solche in der Menschheitsgeschichte. Das Meer mit seiner grandiosen Monotonie, in der Welle auf Welle folgt, wird zum Gleichnis, und das Meer zu pflügen, wie der Revolutionär Simon Bolivar sagte, versteht Rolf Hochhuth als die Aufgabe des Menschen: das Notwendige stets von neuem zu versuchen, im Flüchtigen das Dauernde zu finden.
Einbandentwurf: Gerhard Medoch
Verlag Volk und Welt, Berlin
1. Auflage 1988
16 Januar 2024
Jörg Hildebrandt (Hrsg.): Weihnachtsgespräch – Abwandlung eines alten Themas • 22 Erzählungen
Buchanfang:
ILSE AICHINGER * 1921 in Wien
Engel in der Nacht
Das sind die hellen Tage im Dezember, die ihre eigene Helligkeit durchschauen und darum immer heller werden, die ihrer Blässe zürnen und ihre Kürze als Verheißung nehmen, die von den langen Nächten genährt sind, stark genug, in Sanftmut sich selbst zu überstehen, stark genug, schwach genug und mild. Das sind diejenigen, die aus der Schwärze sonnig werden und nur daraus. Es sind nicht viele. Denn wenn es viele wären, geschähen auch zu viele seltsame Dinge, zu viele Kirchturmuhren würden sich ganz einfach in Gottes eigene Augen verwandeln. Darum sind diese Tage selten: damit die seltsamen Dinge seltsam bleiben, damit die Leute, die aus dem Krieg gekommen sind, nicht zu oft Schmerzen haben an ihren abgeschossenen Gliedern und nicht zuviel in Händen halten, die schon längst abgefroren sind. Daß sie nicht zuviel wissen von der Nacht, die stillt. Aber manchmal gibt es solche Tage Vögel, die vergessen haben, nach dem Süden zu fliegen. Sie breiten ihre hellen Flügel über die Stadt, und die Luft zittert vor Wärme, sie machen unseren Hauch noch einmal unsichtbar, bevor es friert. Und wenn es soweit ist, sterben sie schnell. Sie wollen keine lange Dämmerung und keine roten Wolken, sie verbluten nicht offen. Sie fallen von den Dächern, und es ist finster. Vielleicht, wenn diese verirrten Vögel nicht wären, diese hellen Tage im Dezember, gäb es auch keinen, der noch an Engel glaubt, wenn alle anderen schon hinter seinem Rücken lachen, der die Flügel hat rauschen hören vor Tag, als alle anderen nur die Hunde bellen hörten.
Meine Schwester war schuld daran. Sie war es, die mich an dem finsteren Morgen aus dem Bett gerissen und ans Fenster gezerrt hatte. „Da, da! Da fliegen sie! Hast du es rauschen hören? Siehst du nicht ihre Schleppen? Wach auf! Du schläfst zu lang!“ Und später, wenn Weihnachten schon ganz nahe war und die Bäume auf den Plätzen ihre Nadeln verloren, noch ehe sie verkauft waren: „Jetzt ist schon Silber in der Luft, jetzt kommt das Kind bald nach!“ Wenn ich sagte: „Es regnet!“, lachte sie verächtlich. „Du schläfst zu lang!“ Zu lang, immer um den Augenblick zu lang, in dem die Engel um das Haus flogen!
Ich hatte schon lange begonnen, den Schlaf wie den Tod zu fürchten. Was ist denn Sterben anderes als die Engel zu versäumen? Mit aufgerissenen Augen lag ich wach und wartete auf das Rauschen der Flügel, auf das Silber in der Luft. Ich schlich ans Fenster und starrte hinaus, aber ich hörte nur die Betrunkenen unten rufen, und einmal schrie einer von ihnen „Halleluja!“ Meine Schwester war längst eingeschlafen. Ich hörte es ein Uhr schlagen, zwei Uhr – ich zerbiß mein Kopfpolster und nickte ein. Ich erwachte wieder. Es sah jetzt fast so aus, als wäre eine Spur von Silber in der Luft. Ich sprang auf und holte Holz aus der Kiste, warf es in mein Bett und legte mich darauf. Aber noch ehe es drei Uhr schlug, schlief ich auf den Scheitern. Und am Morgen war meine Schwester wieder früher wach als ich. Sie hatte diesmal die Spitzen der Flügel gesehen, und es wäre noch viel mehr gewesen, hätte sie nicht ihre Zeit damit vertan, mich wachzurütteln.
„Habt ihr den Engel gesehen?“ Um diese Zeit begannen sie mich in der Schule zu höhnen, um diese Zeit hätte ich nicht mehr daran glauben dürfen, damals hätte ich die dicken, kleinen Engel von meinen Schultern schütteln müssen, aber ich lachte nur. „Ihr schlaft zu lang!“ Von da ab begannen mich meine Engel zu überflügeln. Alle, die sagten: „Es gibt keine!“, schliefen zu lang, die ganze Welt war ein Heerlager von Schlafenden geworden, über dem Engel kreisten.
An diesem Tag hatte mich meine Mutter abgeholt; die Mutter lebte nicht bei uns, aber sie kam von Zeit zu Zeit, um mich aus der Schule zu holen, und begleitete mich ein Stück heim. Manchmal sprach sie zu mir wie zu einem Erwachsenen. An diesem Tag erzählte sie mir, daß sie nächtelang wach lag und nicht schlafen konnte. Ich liebte meine Mutter, und wenn ich einem Menschen auf der Welt mehr Glauben schenkte als meiner Schwester, war sie es. Wenn meine Mutter wach lag, mußte sie von den Engeln wissen. Ich erinnere mich genau, ich höre es, ich sehe es vor mir. Wir gehen gerade über den Platz, wo die Baume verkauft werden, und der Himmel über dem Platz ist zu hoch für den Dezember, und der Mann bei den Bäumen ist eingeschlafen. Es ist ein warmer, trauriger Tag, ein verirrter Vogel. ......
Inhalt:
• ILSE AICHINGER
Engel in der Nacht …….. 6
• HEINZ ALBERS
Im Spiegel der Jahre …….. 14
• STEPHEN VINCENT BENET
Nach Ägypten …….. 18
(aus dem Englischen übertragen von Ulrike Piper)
• BLAISE CENDRARS
Weihnachten in Rotterdam …….. 30
(aus dem Französischen übertragen von Lotte Frauendienst)
• KARL-HEINZ FLAMM
Ein König kommt vorbei …….. 42
• GERD GAISER
Auf dem großen kalten Strom …….. 46
• KLAUS BERND HOFFMANN
Die Christvesper in Krachtsheide …….. 60
• LANGSTON HUGHES
Unterwegs …….. 66
(aus dem Amerikanischen übertragen von Peter Sulzer)
• BENJAMIN JÖRGEN
Wohlgefallen an Bratäpfeln …….. 71
• RICHARD KLAUS
Das Fest der Kinder …….. 75
• SIEGFRIED LENZ
Risiko für Weihnachtsmänner …….. 88
• BRUCE MARSHALL
Ein Weihnachtsgruß…….. 93
(aus dem Englischen übertragen von Ernst Sander)
• KAJ MUNK
Ernste Weihnacht (1938) …….. 106
(aus dem Dänischen übertragen von Thyra Dohrenburg)
• GISELA POPP
Das Christkind starb auf dem Weihnachtsmarkt …….. 110
• PETER-PAUL SÄNGER
Ikone zum Christfest …….. 114
• WILLIAM SAROYAN
Am dritten Tag nach Weihnachten …….. 131
(aus dem Amerikanischen übertragen von Maria von Schweinitz)
• VILLY S0RENSEN
Fiktion …….. 141
(aus dem Dänischen übertragen von Klaus Möllmann)
• DYLAN THOMAS
Weihnachtsgespräch …….. 149
(aus dem Englischen übertragen von Erich Fried)
• MARTIN WALSER
Überredung zum Feiertag …….. 156
• EUDORA WELTY
Der gewohnte Weg …….. 158
(aus dem Amerikanischen übertragen von Franz Simeth)
• ANTHONY C. WEST
Kein gemästetes Kalb …….. 168
(aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schnack)
• ARNOLD ZWEIG
Es geschah zu Bethlehem …….. 184
• JOHANNES HILDEBRANDT
Die Weibnachtsbotschaft in den Evangelien …….. 193
• Selbstgespräch …….. 201
• Quellenverzeichnis …….. 204
Ausgewählt und herausgegeben von Jörg Hildebrandt
mit einem Holzschnittzyklus von Helena Scigala
Evangelische Verlagsanstalt, Berlin
1. Auflage 1973
2. Auflage 1984
10 Januar 2024
Alfred Otto Schwede: Die Weihnachtspyramide – Erzählungen zur Christnacht
Wir lassen uns von Bobumils Hund erzählen, einem australischen Dingo, der der Vater aller Hunde sein soll und seinem Herrn im Weihnachtsgottesdienst eine besondere Art der Treue beweist. Vom Popen Nikolae bören wir, der einen „Harlekin“ als Pflegesohn bat, einen Rebellen und Rumtreiber, der dem Priester das Leben verleidet, doch in der Christnacht die Chance erhält, es seinem Erzieher neu zu schenken. Norwegische Seemannsweihnacht ohne Romantik, aber dank der Fürsorge unbekannter, gleichwohl nicht fremder Menschen eine Weibnacht der Besinnung und Erfüllung. Weihnacht auch des Strafgefangenen und Haftentlassenen – die Kunde vom Frieden Gottes für die Welt gilt allen und hält jeden in der Gemeinschaft, trägt und schützt ihn, ob die alleinstehende Mutter, das behinderte Kind, den einsamen Alten oder die am Heiligen Abend diensttuende Krankenschwester. „Jenseits von damals“ ... Was wäre Weihnachten ohne Rückbesinnung auf frühere Zeiten? Der Schriftsteller begegnet seiner heimlichen Jugendliebe; ein Klumpen Gold beschäftigt den Dorfpfarrer und dessen Frau. „Freude allem Volk“ – selbst dort, wo man Enttäuschung und Ratlosigkeit erwarten dürfte ....
Siebzehn Erzählungen zur Christnacht hat Alfred Otto Schwede (*1915 in Haynsburg) zusammengetragen – Geschichten, deren Handlungen vorwiegend in unserem heutigen Lebensbereich verankert sind und damit die Vielfalt menschlicher Denkweisen und Gewohnheiten berühren. Das einigende Band indes ist die Engelsbotschaft in der Nacht zu Bethlehem, das Wort von der Freude, die „allem Volk widerfahren wird“.
Inhalt:
Bohumils Hund ..... 5
Der Pope und der Harlekin ..... 17
Lieber unbekannter Seemann! ..... 29
Sprecherlaubnis ..... 41
Der Alte und der Neue ..... 53
Freude allem Volk ..... 65
Madame Soraya ..... 75
Du bist ein Engel, ja? ..... 87
Kunigunde und die Lästigen ..... 97
Weihnachtswunsch ..... 113
Jenseits von damals ..... 125
Ein Klumpen Gold ..... 137
Sieglinde ..... 147
Die großen Geschenke ..... 157
Antaras' Weihnachtsschmaus ..... 169
Brief aus Langrode ..... 179
Die Weihnachtspyramide ..... 191
Illustrationen, Schutzumschlag und Einband: Gottfried Herrmann
Evangelische Verlagsanstalt, Berlin
1. Auflage 1980
2. Auflage 1984
3. Auflage 1990























