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28 März 2025

Henryk Keisch: Sprung in die Freiheit

Heftanfang:
Rauschen und Gurgeln um mich. Ein sanft drängendes, fließendes Etwas hüllt mich ein. Ich öffne mit Anstrengung die Augen, das Etwas ist von grüngrauer Farbe, durchsichtig und doch wieder nicht so, daß ich wirklich hindurchsähe. Ich schwimme darin. Meine Beine stoßen wohl nur träge, die Arme ziehen ohne Kraft, aber ich weiß doch, wie Schwimmen ist; wenn ich in einem Sport was leiste, dann im Schwimmen. Das Etwas um mich, ja, ist Wasser. Wie kommt es dann aber, daß mir unerträglich heiß ist, daß mir Schweiß aus den Poren bricht, da ich mich doch im Wasser befinde, sogar unter Wasser, wie ich eben bemerke? Unverständlich. Und auch unangenehm, sehr, sehr unangenehm. Die Brust tut mir weh, ekelhaft, was ist das? Ich kann nur schwer atmen. Und die Schulter, die tut auch weh, verdammt. Mir ist gar nicht gut. Ich muß hier raus. Ich muß an die Oberfläche, ganz schnell, kein Mensch hält es so lange unter Wasser aus. Ich muß auftauchen.
Es geht, ich tauche hoch. Das Etwas wird heller, durchsichtiger, ich selbst werde leichter. Jetzt bin ich an der Oberfläche, na also. Das Etwas gibt mir den Kopf frei. Luft ist um mich. Es rauscht und gurgelt nicht mehr, die plötzliche Stille ist wie eine Explosion. Vor den Augen flutet Licht, anders als bisher, sanfter, ein gelbweißer Schleier. Ich sehe den Schleier und sehe zugleich, was er verhüllt. Zuerst einen großen Rahmen, darin ein sauber ausgeschnittenes Stück Bläue und, seitlich hereinragend, dunkles Gewirr. Aha, ein Baum. Es befriedigt mich, daß ich an Gezweig und Laubwerk einen Baum erkenne. Ein Baum ist etwas Vertrautes, fast Menschliches, er rauscht und gurgelt nicht. Doch, Idiot, hast wohl nie hingehört, ein Baum rauscht, und wie! Schon, aber nicht so, sondern ganz anders.
Kurzum, der Rahmen ist ein offenes Fenster, der blaue Ausschnitt ist ein Stück Himmel, ich befinde mich in einem Zimmer. Ich liege in einem Bett. Das Bett ist ganz weiß. Soweit stimmt alles. Aber was habe ich da am Arm, angeschnürt und irgendwie in mich hineinführend? Was ist das für ein Gummischlauch, der aus mir herauskommt und in einem Glasballon über mir endet?
„Sehr schön, er ist wieder da“, sagt eine Stimme von weither. „Das ist die Hauptsache. In Ruhe lassen, Schwester. Weiter Kochsalzlösung.“ Die Hauptsache ist Kochsalzlösung, wieso das? Ich habe Durst. „Durst!“ – „Er hat Durst“, sagt eine zweite Stimme. „Trinken darf er nicht“, sagt die Stimme von vorhin, „höchstens ein paar Tropfen.“ Etwas Feuchtes schiebt sich mir zwischen die Lippen. Ah, das ist gut.

Umschlag und Illustrationen: Wolfgang Przibilla

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer Nr.300
1. Auflage 1970

Hans Siebe: Funktaxi 1734

Heftanfang:
Das Taxi hielt neben dem Gehweg, die Türen standen offen, innen brannte das Licht, der Fahrer war über das Lenkrad hingesunken und stöhnte leise.
Die Nacht war klar, nur einzelne Wolkenfetzen zogen über den Sternenhimmel hin, die Luft war angenehm kühl nach der Tageshitze, es roch nach geschnittenem Rasen.
Wir waren gleichzeitig mit dem Rettungswagen eingetroffen, er stand hinter dem Taxi, einem schwarzen Wolga. Der Fahrer hatte vergessen, die blaue Rundleuchte abzuschalten, das Blinklicht flackerte rhythmisch.
Hauptmann Herbert Kühn und ich versahen den Kriminaldauerdienst. Gegen zwei Uhr war die Meldung eingetroffen, daß der Schichtarbeiter Klaus Beutel vom RAW Revaler Straße auf dem Nachhauseweg, nahe einem Laubengelände in Nordend, ein überfallenes Taxi aufgefunden hatte. Der Fahrer schien ernstlich verletzt zu sein.
Wir hatten die Meldung skeptisch aufgenommen. Taxiraub? Der letzte Fall lag schon lange zurück. Nun stand aber fest, daß Klaus Beutel recht gehabt hatte.
Für die Tatortaufnahmen benutzte ich die Importkamera, die in wenigen Sekunden fertige Bilder liefert. Die Krankenfahrer warteten geduldig darauf, daß ich fertig wurde. Sie hoben danach den bewußtlosen Taxifahrer vom Sitz, legten ihn behutsam auf die Trage und schoben diese in den Wagen. Der Begleiter setzte sich neben den Verletzten, der Fahrer rannte um das Fahrzeug herum, schob sich hinter das Lenkrad, der Motor startete, und das Rettungsfahrzeug fuhr ab. Das Martinshorn zerriß die Nachtstille.
Unser Techniker sicherte im Wageninnern Fingerspuren, Hauptmann Kühn sprach mit dem Führer der Funkstreife, die vor uns eingetroffen war und die den Tatort sicherte.
Ich beugte mich in das Taxi hinein, Alkoholdunst schlug mir entgegen. Zwischen den Vordersitzen lag eine volle Weinflasche Marke NATALIE. Regina und ich tranken diese Sorte gelegentlich.
Auf dem Etikett entdeckte ich Schmierblut, die Flasche war das Tatwerkzeug, der Taxifahrer war damit niedergeschlagen worden.
Herbert trat an die Tür zum Beifahrersitz und sah mir zu. Der Tatablauf ließ sich ziemlich sicher rekonstruieren, ich berichtete:
„Der Fahrer hat kassiert und sich nach rechts umgedreht. .......“

Umschlag und Illustrationen: Jürgen Pansow

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer Nr.332
1. Auflage 1974  

27 März 2025

Kurt David: Bärenjagd im Chentei

Heftanfang:
Dem Leser wird es hoffentlich jetzt wie mir ergehen, als ich in Ulan-Bator auf das Flugzeug wartete, mit dem ich in den Nordosten der Mongolei fliegen sollte: Er ist gespannt, neugierig und von abenteuerlichen Gedanken erfüllt, wie die Bärenjagd verlaufen wird. Hier noch das genaue Datum: Der 4. August 1965. Das steht in meinem Tagebuch wie alles, was diesem Morgen folgte.
Das Flugzeug war eine AN-2, ein Doppeldecker, auch „Posthummel“ genannt; außer Passagieren bringt es noch Briefe, Päckchen und Pakete in die entlegensten Steppen und Wüsten.
Der zweite Pilot hängte die kleine eiserne Leiter aus der Einstiegluke, und als ich hochkletterte, sagte mein Dolmetscher lustig: „Also dann auf zur Bärenjagd!“ Mir kam sein Humor ein bißchen verdächtig vor. Es hatte geklungen wie: Na ja, was tut man nicht alles für seine Gäste.
In der Maschine war es sehr kalt, und wir hockten mit hochgeschlagenen Kragen auf Kisten mit uigurischen Schriftzeichen, die neben den grauen Postsäcken an der Außenwand standen. Ein Stück ab von uns saßen eine Frau und ein Mädchen mit ängstlichen Gesichtern. Als der Propeller zu rotieren begann und der Motor die kleine Maschine kräftig durchschüttelte, hielten sich die Frau und das Mädchen fest die Ohren zu. Sie wagten nicht aus den runden Fenstern zu blicken, auch nicht, als wir schon tausend Meter hoch waren und das Flugzeug etwas ruhiger flog.
Zunächst schwebten wir über ein Gebirge mit dunklen Schluchten und schmalen Felsspalten. Auf der einen Seite der Berge wuchs Wald dünn und mager, auf der anderen ragten Felsen zu uns herauf. Über den Gipfeln kreisten Raubvögel. Die Hauptstadt war schon nicht mehr zu sehen, und unter uns dehnte sich die gelbe Steppe. Auf ihr lag der schwarze Schatten unseres Flugzeuges und glitt tief neben uns her. Die Maschine blieb immer so tausend Meter hoch, und wir konnten alles gut sehen. Aber es war noch nichts weiter zu sehen: nur Gras, sanfte Hügel, ausgetrocknete Salztümpel, die wie weiße Teller auf der Steppe leuchteten. Als die AN-2 nach Nordosten einschwenkte, schien die Sonne uns ins Gesicht.

Umschlag und Illustrationen: Hans Räde

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer Nr. 298
1. Auflage 1970 

Helmut Meyer: Der Kurier

Heftanfang:
Fast zwei Kilometer lang war der Weg durch das Werftgelände, und tausend Gefahren barg er in der Nacht. Heute morgen noch hatte Kasper Bogunde überlegt: Soll er zu Paul Riemann gehen? Soll er Riemann sagen: Ich habe zuviel versprochen? Ich wage den Weg nicht in die fremde Kaserne? Aber an Elli hat er dann gedacht, an Ellis Brief. Sie hat längst begriffen, daß man handeln muß ... Auch er wird handeln. Er wird den Weg wagen, auch wenn er dafür vors Kriegsgericht kommt.
Kurz nach eins zeigte das Leuchtzifferblatt der Uhr.
Mit den acht Flugblättern, die gefaltet im Latz auf der Brust verborgen waren, sprang Kasper aus dem schmalen Fenster seiner Каserne. Die leichten Bordschuhe trug er, die Bänder der Mütze hatte er festgesteckt. Feine Regentropfen fielen. Der Mond lag grauschwarz und verschwommen. Wie verwaschene gelbe Kugeln standen am Wasser die Lichter der Werft.
Im Schatten lehnte er sich an die Front des Hauses, huschte dann bis zum Zaun, schlüpfte durch die Öffnung.
Seitwärts von ihm, an dem großen Kran, dessen riesige Kette rasselte, schwebte das Licht wie ein feuriges Auge. Sie arbeiteten drüben. Unruhig wandte sich das Auge hin und her. Der Schein drang dicht an den Zaun heran, an dem er geduckt und atemlos stand, dann schwenkte das Licht wieder langsam zurück.
Kasper lief los. Stets den Weg im Schatten suchend, verharrend, dann wieder in schnellem, leichtem Lauf, eilte er, geräuschlos, katzenhaft, weiter hinein in das Werftgelände, in dem sich kaum sichtbar Leben bewegte. Er jagte immer weiter, an Gebäuden, Schuppen und Kränen vorbei.
Alles ging gut. Er hatte das Loch vor der Rampe erreicht, in dem ihn der Kamerad erwarten sollte. Er sprang hinein. Das Loch war leer. Er hockte geduckt. Seine Sinne waren gespannt. Jede Bewegung, jeden Laut suchten sie zu erfassen.
Minuten vergingen. Wie endlos lang ist eine Minute. Drüben rasselte immer wieder die Kette. Tutend gab in der Ferne ein Dampfer Signale. Da! Kurz vor ihm ein schleichender Schritt. Ein Mensch stieg in die schwarze Grube. „Gerda!“ sagte der Fremde halblaut. „Gerda!“ flüsterte Kasper erleichtert zurück. Es war das vereinbarte Erkennungszeichen. Der andere hatte die Grube zuerst nicht finden können. Zehn Minuten der kostbaren Zeit waren verloren. Mit wenigen Schritten eilten sie zur Mauer.
Kasper kletterte auf die Schultern des Kameraden. Die Mauerkrone war feucht und glitschig, doch er zog sich hoch. Rittlings auf der Mauer hockend, hakte er sein ledernes Koppel los und half dem Kameraden mit dem Koppel herauf. Sie sprangen in der finsteren Hof. Nur der leichte Regen war zu hören.
Hell, groß, rechteckig und schneeweiß, leuchtete es plötzlich vor ihnen auf. Sie hörten Schritte, lautes Husten, Wasserlaufen.

Diese Erzählung ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Roman „Herz des Spartakus“
Umschlag und Illustrationen: Erhard Schreier

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer Nr.277
1. Auflage 1968

26 März 2025

Michail Scholochow: Die Knechte

Heftanfang:
An m Fuße des steil abfallenden braunen Berges schlängelt sich ein Flüßchen hin. Zwischen den dichtgewachsenen Weiden zu beiden Seiten stehen die kleinen Häuser der Siedlung Danilowka, umgeben von alten, bemoosten Flechtzäunen und geduckt, wie um sich dem zudringlichen Blick der zu Fuß und zu Wagen Daherkommenden zu entziehen. Zu Danilowka gehören gut hundert Höfe. Die Höfe der wohlhabenden Bauern liegen behäbig und in großen Abständen an der breiten Straße am Fluß. Geht ein Fremder sie entlang, sieht er sogleich, hier wohnen tüchtige Landwirte. Die Häuser sind mit Blech- oder Ziegelschindeln gedeckt, mit Schnitzwerk ist das Gesims reich verziert, und die blaugestrichenen Fensterläden knarren so behaglich im Winde, als würden sie vom satten, gesicherten Leben der Hausherren erzählen. Aus Bohlen sind die Tore vor den Höfen gezimmert, und neu sind die Flechtzäune. Dahinter liegen Speicher, und wohlgenährte Hunde klirren mit den Ketten und knurren wütend, wenn ein Fremder vorübergeht.
Die andere Straße, dicht am Abhang, krumm und schmal, läuft zwischen breitkronigen Weiden dahin, es sieht aus, als fließe sie unter einem grünen Dach. Darüber hin treibt der Wind Staub und Lämmerwolken von Asche, die neben den Zäunen aufgeschüttet ist. Hier stehen keine Häuser, nur Katen. Nackte Not blickt aus jedem Fenster und aus den Höfen mit den dünnen, wackligen Staketenzäunen darum. Fünf Jahre zuvor hat ein Brand die Bauten der zweiten Straße weggeleckt. Für die verkohlten Holzhäuser haben die Bauern Lehmhütten hingesetzt. Sie haben sie schlecht und recht gebaut, doch seit dieser Zeit ist das Elend bei ihnen ein ständiger Gast, tiefer als tief hat es seine Wurzeln geschlagen.
Dem Brand war sämtliches landwirtschaftliches Gerät zum Opfer gefallen. Trotzdem hatten die Bauern im Jahr darauf das Land aufs neue bestellt. Doch eine Mißernte hatte alle ihre Hoffnungen zerstört, ihre Rücken gekrümmt und ihren Glauben daran erschüttert, wieder zu Kräften zu kommen und der Not zu entrinnen. Da zogen die Brandgeschädigten los, ins Elend der Fremde. Bettelnd streiften sie durchs Land zum Kuban hinunter auf der Suche nach leichterem Brot, doch die Heimaterde rief sie unwiderstehlich zurück. Sie kehrten heim nach Danilowka und klopften, die Mütze in der Hand, an die Tür der wohlhabenden Bauern: „Nimm mich zum Knecht, Herr. Für ein Stück Brot laß mich dir dienen.“

Kurz nach Tagesanbruch kam der Knecht des Popen Alexander zu Naum Boizow. Naum spannte gerade das vom Nachbarn entiiehene Pferd vor den Wagen und hatte die Schritte des Hinzutretenden nicht gehört. In seine Gedanken vertieft, fuhr er zusammen, als er plötzlich laut gegrüßt wurde: „Guten Morgen, Väterchen Naum!“
Naum sah sich um, zog den Kummetriemen an und tippte mit der freien Hand an die Mütze: „Guten Morgen! Was ist dein Begehr?“

Titel des russischen Originals: Батраки
Ins Deutsche übertragen von Lieselotte Remané
Umschlag und Illustrationen: Karl Fischer

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer Nr.276
1. Auflage 1968

29 Oktober 2024

Otto Emersleben: Der Ketzer aus Nola

Heftanfang:
Den schmalen Grat zwischen immerwährendem Vergessen und Aufnahme in die Geschichte vermag nur solches Geschehen zu überwinden, das zur rechten Zeit seinen Chronisten findet. Was aber, wenn in dessen Bericht unübersehbare Lücken klaffen wie weiße Flecken auf einer Landkarte? Dann muß unsere Phantasie die leer gebliebenen Blätter mit Leben füllen, Leben, das einer einzigen Forderung genügen muß: So hätte es sein können ...
An diesem Novembernachmittag lag über der Stadt Rom ein wolkenlos blauer Himmel. Die wärmenden Strahlen der Herbstsonne spielten in den Zweigen kahl gewordener Bäume, verloren sich im Gerank immergrüner Zypressen und Pinien und glitzerten erneut auf über dem Kuppeldach der Basilika von Sankt Peter. Aber hinab bis zu dem Gewirr aus Höfen und Gängen zwischen den vatikanischen Palästen reichten sie nicht.
In einer der steinernen Schluchten lief Kardinal Sanseverina mit weit ausholenden Schritten zum Inquisitionsgericht ein alltäglicher Weg, seit er kürzlich das Amt des Anklägers vor dem Tribunal übertragen bekommen hatte. Der Saum seines langen purpurroten Gewandes streifte die Erde.
Nur noch wenige Wochen, und der endlose Winterregen würde sich über Rom ausschütten, der ewige Regen über der Ewigen Stadt. Tief atmete der Kardinal die milde Luft ein, trat dann durch die breite Tür in das schmucklose Gebäude, nickte im Vorbeigehen flüchtig dem Hellebardier der Schweizergarde zu, der hier, bekleidet mit Pluderhosen, Streifenwams und Brustpanzer, Dienst tat. Der Posten stand stramm, bis das Dunkel des Korridors Sanseverina aufgenommen hatte.
Im Sitzungssaal hob sich der Purpur der bereits anwesenden Kardinäle kräftig leuchtend ab von den schwarzen, grauen und braunen Kutten der Patres. Als hätten alle nur auf sein Kommen gewartet, verstummte beim Eintreten Sanseverinas das Rascheln von Buchseiten und Dokumenten. Grußlos setzte er sich.
Nur der Schreiber tauchte noch einmal den Federkiel in das Tintenfaß, schob dann die Protokollbögen vor sich zurecht und überschrieb umständlich kratzend die erste Seite: Sitzung des Heiligen Amtes der Inquisition in Sachen des Ketzerprozesses gegen den früheren Dominikanermönch Giordano Bruno aus Nola. Im Vatikan, Rom, am 10. November des Jahres 1599.

Mit Illustrationen von Karl Fischer

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer Nr. 406
1. Auflage 1980  

21 Januar 2024

Jack London: Das Geheimnis des Felipe Rivera

Verlagstext:
Felipe Rivera, der eigentlich Juan Fernandez heißt, will für die mexikanische Revolution arbeiten. Seinen Namen hat er geändert, als er spürte, dass der Name Fernandez bei der Polizei und den Behörden verhaßt ist. Er musste erleben, wie sein Vater und seine Mutter von den Soldaten des Porfirio Diaz misshandelt und ermordet wurden.
Er kämpft im Boxring, um das dringend benötigte Geld für den Aufstand der mexikanischen Revolutionäre zu erringen.

Heftanfang:
Niemand kannte seine Geschichte, seine Mitverschworenen am allerwenigsten. Er war ihr „kleines Geheimnis“, ihr „großer Patriot“, und auf seine Weise arbeitete er ebensosehr an der kommenden mexikanischen Revolution wie sie. Es dauerte lange, bis sie das erkannten, denn nicht einer in der Junta konnte ihn leiden. An dem Tage, als er zum erstenmal ihre von geschäftigen Menschen überfüllten Räume betrat, hatten ihn alle im Verdacht, ein Spion – ein Spitzel im Geheimdienst des Diaz zu sein. Zu viele von seinen Kameraden saßen rings in den Vereinigten Staaten in Zivil- und Militärgefängnissen, und andere wieder waren gerade in dieser Zeit in Ketten über die Grenze geschafft und an die Wand gestellt worden.
Auf den ersten Blick machte der junge Bursche keinen guten Eindruck auf sie. Er war nicht mehr als achtzehn Jahre alt, nicht besonders groß und erklärte, Felipe Rivera zu heißen und für die Revolution arbeiten zu wollen. Das war alles – kein Wort mehr. Er blieb abwartend stehen. Kein Lächeln war um seinen Mund, keine Liebenswürdigkeit in seinen Augen. Den großen, schneidigen Paulino Vera schauderte es innerlich. Hier war etwas Furchtbares, Unergründliches in den schwarzen Augen des Jungen. Sie brannten wie Feuer und gleichsam in einer ungeheuren, geschliffenen Erbitterung. Von den Gesichtern der Verschworenen ließ er den Blick zu der Schreibmaschine schweifen, an der die kleine Frau Sethby, eifrig arbeitend, saß. Seine Augen suchten die ihren, aber nur für eine Sekunde – sie blickte zufällig auf –, und auch sie hatte ein unbestimmbares, seltsames Gefühl, das sie ihre Arbeit unterbrechen ließ. Sie mußte das Geschriebene noch einmal durchlesen, um den Brief, an dem sie arbeitete, fertigtippen zu können.
Paulino Vera sah Arrellano und Ramos fragend an, und die sahen sich gegenseitig ratlos an. In ihrem Blick war Unsicherheit und Zweifel. Dieser schmächtige Besucher war der Unbekannte, und alles drohende Unbehagen des Unbekannten umgab ihn. Man konnte aus ihm nicht klug werden, er war so ganz jenseits des Horizontes dieser Verschwörer. Ihr wilder Haß gegen Diaz und seine Tyrannei war der Haß ehrenwerter, schlichter Patrioten. Hier aber war etwas anderes und Stärkeres, sie wußten freilich nicht recht, was. Aber Vera, der stets der Entschlossenste und Tatkräftigste war, packte den Stier bei den Hörnern.
„Schön", begann er kühl, „Sie sagen, daß Sie für die Revolution arbeiten wollen. Ziehen Sie sich den Rock aus! Hängen Sie ihn dorthin. Ich werde Ihnen zeigen kommen Sie – , wo die Eimer und Wischlappen sind. Der Fußboden ist schmutzig. Sie können gleich anfangen, ihn hier und in den anderen Zimmern aufzuwischen. Auch die Spucknäpfe müssen gereinigt werden. Und außerdem die Fenster.“
„Ist es für die Revolution?“ fragte der Bursche. „Für die Revolution“, antwortete Vera.
Rivera sah sie alle kalt und mißtrauisch an und zog sich dann den Rock aus.
„Es ist gut“, sagte er.
Weiter nichts.
Tag für Tag kam er zu seiner Arbeit fegte, schrubbte und machte sauber. Er nahm die Asche aus den Öfen, holte Kohlen und Holz, machte Feuer und war der erste im Büro.
„Kann ich hier schlafen?“ fragte er einmal.
Aha! Das war es – die Hand Diaz' kam zum Vorschein. Wenn er in den Räumen der Junta schlief, bedeutete das, daß er Zutritt zu ihren Geheimnissen, zu den Namenslisten, zu den Adressen der Kameraden in Mexiko erlangte. Die Bitte wurde abgeschlagen, und Rivera kam nie mehr darauf zu sprechen. Er schlief, sie wußten nicht, wo und aß, sie wußten nicht, wo und was. Einmal bot Arrellano ihm ein paar Dollars an. Rivera lehnte das Geld ab. Als Vera hinzutrat und es ihm aufzunötigen versuchte, sagte er: „Ich arbeite für die Revolution.“ .....

Umschlagzeichnung: Heinz Rammelt

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: Das neue Abenteuer, Nr. 20

1. Auflage 1953

Das neue Abenteuer, Nr. 8 [alte Serie]
1. Auflage 1950


13 Januar 2024

Farley Mowat: Soosies dunkle Odyssee

Heftanfang:
Die staatliche Schule in Spence Bay ist ein Auswuchs in einem fremden Gesicht. Plump und aufdringlich klebt sie auf dem ewig gefrorenen Felsen der arktischen Küste etwa zweihundert Meilen nördlich vom Nordpolarkreis in einer Welt, die zu einer anderen Zeit gehört.
Am Freitagabend, dem 15. April 1966, leuchteten die Neonlampen ihres größten Klassenzimmers grell auf eine seltsame Versammlung nieder. Ein müder alter Mann mit sanftem Gesicht, in das ehrfurchtgebietende Schwarz eines Richtertalars gekleidet, saß am Katheder des Lehrers unter dem für diesen Anlaß an der Wand angebrachten Emailschild mit den bunten Hoheitszeichen der Justiz und der Regierung. Ihm gegenüber drängten sich etwa sechzig oder siebzig Männer und Frauen mit einem Ernst, der eine grimmige Parodie auf den Vormittagsschulernst der Kinder war, in die Schulbänke, teils saßen sie auf Klappstühlen, teils standen sie längs der Wände, lehnten gegen die Fensterbretter oder hockten auf dem Fußboden.
Den Vordergrund beherrschten mehrere R.C.M.P. (Royal Canadien Mounted Police)-Offiziere in roter Paradeuniform, vier Anwälte in schwarzem Talar, drei, vier makellos angezogene Psychiater und Ärzte, mehrere Reporter und eine Handvoll Angestellter jenes aufblühenden Kolonialreichs, des staatlichen Departement of Northern Affairs. Wir waren die „Eindringlinge“, die von so weit her wie Neufundland und Edmonton nach Spence Bay angeflogen wurden, um zu garantieren, daß in diesem abgelegenen Winkel der Nation der Gerechtigkeit vor Augenzeugen Genüge getan wurde.
In der rückwärtigen Hälfte des Zimmers waren – dicht zusammengedrängt, stumm und ohne ein Lächeln – die anderen ..., die Leute, deren Land das hier war. Sie waren farbenprächtig in bestickte Anoraks, leuchtende Wollsweater und fröhlich bunte Gewänder gekleidet, doch ihre Stimmung war düster. Sie blickten nicht auf die Eindringlinge in ihrer Mitte. Sogar einander blickten sie nicht an. Man hatte sie aufgefordert, herzukommen, damit sie sich persönlich überzeugen könnten, was mit zwei jungen Männern ihrer eigenen Rasse geschehen würde, die sich gegen unser Recht vergangen hatten. Die Sitzung des Gerichtshofes der Nordwest-Territorien wurde eröffnet.
Shooyuk E5-883 und Aiyaoot E5-22, beide aus Levesque Harbour, stehen unter Anklage, daß sie etwa am 15. Juli A. D. 1965 in oder bei Levesque Harbour gemeinsam und widerrechtlich das Kapitalverbrechen der Ermordung von Soosie E5-20 begangen haben ...

Illustration von Werner Ruhner

Titel des englischsprachigen Originals: The Snow Walker
Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schnack

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: "Das neue Abenteuer", Heft 404

1. Auflage 1980  

06 Januar 2024

Jack London: Die Perlen des alten Parlay – Erzählungen aus der Südsee

„Vergessen Sie nicht – die Versteigerung – um zehn – in der Hölle!“ flüstert der alte Parlay, nachdem er schwer angeschlagen an Bord der „Malahini“ geschwemmt worden ist. Er ist ein Sonderling, man sagt ihm nach, daß er Sturm machen kann, wenn er will, und Windstille. Seit vielen Jahren lebt er einsam auf einem Atoll und hat Perlen gefischt, auf die die Händler der gesamten Südsee scharf sind. Von weither sind sie gekommen, denn es hat sich herumgesprochen: Der alte Parlay versteigert seine Perlen. Die Lagune liegt voller Schiffe. Die Händler belauern sich gegenseitig, daß nicht einer den andern übervorteile. Und der alte Parlay – kann er wirklich Sturm machen? Die Lagune wird zum Hexenkessel, die Südseeschoner kentern, werden auf den Strand geworfen, Palmen brechen wie Streichhölzer in dem wahnwitzigen Orkan, das Haus des alten Parlay – es fliegt davon, die Perlen sind verloren: Der alte Parlay hat den Händlern wieder mal ein Schnippchen geschlagen.

Buchanfang:
Yah! Yah! Yah!
Er war ein dem Whisky ergebener Schotte, und er trank seinen Whisky pur und ordentlich. Den ersten Schluck nahm er pünktlich um sechs Uhr morgens zu sich. Danach wiederholte er die Handlung mit regelmäßigen Pausen, bis er zu Bett ging, was gewöhnlich gegen Mitternacht geschah. Von den vierundzwanzig Stunden eines Tages widmete er fünf dem Schlaf, in den verbleibenden neunzehn Stunden war er still und anständig betrunken. Während der acht Wochen, die ich auf dem Atoll Oolong zubrachte, erlebte ich ihn niemals nüchtern. Tatsächlich war seine Nachtruhe so kurz, daß er seinen Rausch nicht ausschlief. Er war der schönste und solideste Dauertrinker, der mir je begegnet ist.
McAllister hieß er, ein alter Mann, sehr unsicher auf den Beinen. Seine Hand zitterte wie nach einem Schlag, was mir besonders auffiel, wenn er Whisky einschenkte, obwohl ich nicht wüßte, daß er irgendwann einen Tropfen verschüttet hätte. ..........

Inhalt:
    5 ..... Yah! Yah! Yah!
  22 ..... Der Walzahn
  36 ..... Kahekilis Gebeine
  63 ..... Auf der Makaloa-Matte
  95 ..... Als Alice ihr Herz ausschüttete
117 ..... Die Tränen des Ah Kim
137 ..... Die Kanaka-Brandung
170 ..... Der Sohn der Sonne
195 ..... Die Perlen des alten Parlay
228 ..... Eine kleine Rechnung für Swithin Hall
252 ..... Ein Abend in Goboto
271 ..... Alohaoe
281 ..... Nachwort
303 ..... Wort- und Sacherklärungen

Mit einem Nachwort herausgegeben von Horst Ihde
Aus dem Amerikanischen von Günter Löffler
Illustriert von Gerhard Lahr
Umschlag: Uwe Häntsch

Verlag Neues Leben, Berlin

1. Auflage 1977
2. Auflage 1980
3. Auflage 1982
4. Auflage 1988

Auch erschienen:
als autorisierte Ausgabe bei
Buchclub 65
1. Auflage 1977

in der Heftreihe: Das neue Abenteuer ; 396
1. Auflage 1979 / Ill. von Reiner Schwalme

Einband der Ausgabeben
1977 und 1988 und der Ausgabe
im BuchClub65

 

Illustriert von Reiner Schwalme

20 Juni 2023

Michael Szameit: Planet der Windharfen

Wie ein Totenschädel wächst der Dritte im System Tul aus dem Dunkel. Der Anblick dieser fleckigen Kugel läßt Proximer Asper Omega mißmutig schnaufen. Wäre sie doch so kahl und leblos, wie sie sich gibt, denkt Asper und murmelt einen leisen Fluch.
Kosmander Rendel Borg starrt unberührt auf die gläserne Halbkugel des Astrogoniums, die Finger seiner rechten Hand dirigieren den Hebel des Multitensors in verwirrenden Figuren, und für Sekunden ergreift Asper wieder jene Bewunderung, die er immer empfindet, wenn er sich vergegenwärtigt, welch gewaltige Kräfte dieses filigrane Spiel unter den menschlichen Willen zwingt. Aber Borg ist damit nicht zufrieden, das hat Asper recht bald erkannt. Dem blaßgesichtigen, immer etwas steifen Kosmander genügt es nicht, Herr über einen der bewährten Fernerkunder vom Typ Manta 4 zu sein. Die Omikron 278-A ist für ihn nur eine Stufe der Treppe, die in solch schwindelerregenden Höhen endet, daß ein kleiner Proximer besser gar nicht erst den Blick hebt, um den Glanz zu bestaunen, der von dort oben herabrieselt. Nein, Borg wird exakt nach der Vorschrift handeln; keine Macht der Welt könnte ihn dazu bewegen, den Planeten zweckmäßigerweise für unbelebt zu erklären, die tektonischen Bomben zu werfen und die Meßwerte zu speichern, ohne zu landen. Er wird sie wieder wochenlang bohren lassen, bohren und immer wieder bohren – schön nach Vorschrift.
Stellaster Fratt hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht, hat gejammert und gemault, sein fettes Gesicht in dicke Falten gelegt, die unruhigen kleinen Augen böse funkeln lassen – aber ein Blick des Kosmanders, der mehr Erstaunen als Mißbilligung ahnen ließ, glättete die Unmutswogen im Gemüt des Stellasters, und dessen Widerstand erlosch endgültig in einem wehmütigen Seufzer, als Borg befahl: „Mach die Fähre klar, Dicker. Wir müssen runter, wie's scheint.“
Jetzt hockt Fratt apathisch in seinem Sessel und kämpft gegen die Schläfrigkeit, die seine Augen zu wässrigen Schlitzen schrumpfen läßt. Unerwartet kommt Leben in diese Skulptur erzwungenen Gleichmuts. Ein winziges Pünktchen zwischen den floureszierenden Linien des Fadenkreuzes auf dem Alphascreen, das Asper erst nicht weiter beachtet, zieht Fratts rechten Zeigefinger mit magischer Gewalt an. „Flugobjekt aus Quadrat acht, Distanz zweiundzwanzigtausend“, stößt der Stellaster verblüfft aus, dabei aber um eine korrekte Meldung bemüht.
Borgs Kopf ruckt eine Winzigkeit zu hastig herum. „Das muß eine Scoutsonde sein. Die holen wir uns. Ein einmaliger Fang, erspart uns unter Umständen eine Menge Arbeit, wenn sie das System Tul aufgeklärt hat.“
„Die letzten Scouts wurden vor über zweihundert Jahren gestartet...“, gibt Asper zu bedenken.
„Ganz recht, Proximer.“ Borg lächelt herablassend, wobei sich die Höcker über seinen Augenbrauen leicht verfärben. „Und nun stellen Sie sich einmal vor“, fährt er triumphierend fort, „wie viele Systeme dieses liebe Maschinchen in den vergangenen zwei Jahrhunderten erkundet hat und was dieses Material uns dreien einbringen kann.“

Mit Illustrationen von Reiner Schwalme

Verlag Neues Leben, Berlin  
Das Neue Abenteuer Nr. 441

1. Auflage 1983