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26 November 2025

Hans Siebe: Vermißt wird Ingolf Sommer

Einbandtext:
Frau Sommer wußte die Rufnummer auswendig. Sie wählte und wartete ungeduldig darauf, daß die Werkvermittlung sich meldete. Endlich hörte sie die bekannte Stimme: „Halle vier, Wolter!“
„Sommer! Frau Sommer hier!“ Sie spürte einen Kloß im Halse und konnte kaum sprechen.
„Ja, Frau Sommer? Was ist mit Ingolf? Er ist doch hoffentlich nicht krank?“
Die Hand mit dem Hörer sank herab. Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie stöhnte gequält. Wie ein körperlicher Schmerz durchfuhr sie die Erkenntnis, daß Ingolf auch nicht im Betrieb war. Die letzte Hoffnung löste sich in nichts auf. Mit eckiger Bewegung preßte sie den Hörer wieder ans Ohr.
„Hallo, Frau Sommer?“
„Ja, 'tschuldigen Sie, Herr Wolter...“
„Sie rufen doch Ingolfs wegen an? Ist – etwas passiert?“ klang es besorgt.
„Ja, ganz bestimmt“, antwortete sie schluchzend, „seit Freitag ist er weg – verschwunden!“
Eine Weile blieb es still, dann erklang Wolters ungläubige Stimme: „Wieso denn verschwunden? Das gibt es doch nicht! Hallo, Frau Sommer? Hören Sie noch? Waren Sie schon bei der Polizei?“

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Bernhard Kluge

Militärverlag der DDR, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 290
1. Auflage 1985 

12 November 2025

Günther Ballentin: Gefährlicher Streifzug


 Einbandtext:

Die drei Jungen machten sich groß, erhoben sich auf die Zehenspitzen, damit sie den im April liegengebliebenen sowjetischen Übersetzkahn sehen konnten.
„Wir brauchen lange Knüppel, sonst verbrennen wir uns in den Brennesseln die Beine“, sagte Walter.
„Idi sjuda!“
Ein klanghelles Kommando gellte in die Mittagsstille hinein. Trockene Zweige zerbrachen, krachten wie Pistolenschüsse. Pferdehufe stampften über den Wiesenboden. MPi-Feuerstöße zerrissen die Luft. Das Echo schmetterte den jenseitigen Kanaldeich entlang. Fünf Kosaken kreisten Fritz, Otto und Walter wie ein Wirbelwind ein, hielten, auf den Pferden wie unruhige Geister schaukelnd, Maschinenpistolen schußbereit auf dem Sattelbug.
Wenig später wurden die Jungen als Gefangene abgeführt ...

Umschlaggestaltung: Jürgen Wagner

Militärverlag der DDR, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 312
1. Auflage 1988

28 Juni 2025

Inge Marburg: Die Kinder des Hauptmann Swjetow

Einbandtext:
Swjetow griff zum Fernglas und blickte hinüber. Dort, wo der Bahndamm in den Wald mündete, gewahrte er mehrere Dächer von Eisenbahnwaggons. Sehen aus wie Mäuserücken, dachte er. Er schraubte am Feldstecher herum. Kein Zweifel: ein stillstehender Eisenbahnzug. Swjetow ließ einen Stoßtrupp bilden, nahm Feldwebel Sascha mit, seinen Starschina, und lief mit den Männern zum Wald hinüber auf die Gleise zu.
Da stand der Zug mit zerschossener Lokomotive. Waggontüren und Fenster aufgerissen, die Wagen leer. Die Männer entsicherten die Gewehre. Auf ein Zeichen vom Hauptmann kletterten sie in die Waggons...

Heftanfang:
Er hatte es sich ganz anders vorgestellt, dieses Land, dessen Sprache er so beflissen gelernt, von dessen Gedichten und Liedern er viele auswendig kannte. Kein schöner Land in dieser Zeit...
Nein, das Land hier, das er jetzt mit eigenen Augen sah, war da wohl nicht gemeint. In der Phantasie eines Studenten der Universität Odessa hatte die deutsche Literatur ein ganz anderes Bild zusammengeflunkert, als die Wirklichkeit jetzt darbot. Er wischte die Gedanken schnell weg. Sie waren so unstimmig, trübselig und kompliziert und schwer zu ertragen. Und außerdem, der Frühling war heftig wie lange nicht. Ein Himmel von freiestem Blau, als hätten Bomben und Granaten alle Wolken fortkatapultiert, auf daß der Mai besser glänze.
Hauptmann Swjetow ließ die kleine Truppe halten und absitzen. Die Männer waren durchgeschüttelt, durchgestaucht in ihren Fahrzeugen, die den Granatlöchern auf der Straße selten nur ausweichen konnten. Jetzt vertraten sie sich die Beine, schlugen das Wasser ab, warfen sich müde auf die Böschung des Straßengrabens und dösten. Auf den hügeligen Feldern lagen hier und da noch Kissen von Schnee.
Swjetow steckte sich eine Papirossa an. Er spürte wieder Schmerzen im Bein. Seine Verwundung hatte eine offene Stelle hinterlassen, die immer wieder näßte und, abgeklemmt im Stiefelschaft, nicht recht heilen wollte. Sein Gesicht war spitz geworden. Das dunkelblonde Haar trug er bürstenartig geschnitten. Jedermann aber blickte ihm fasziniert auf den Mund, der die Worte der drei Sprachen, die er beherrschte, mit weichem Wohllaut formte. Swjetow paffte leer vor sich hin. Erinnerung schwamm hoch. Er dachte plötzlich an Kolja, seinen kleinen Bruder. Wie der ihm nachgewinkt hatte damals, als der Zug aus dem Bahnhof rollte... Zwölf war er gewesen und hinter seinen Brombeeraugen saß der Schalk. Wo er sie nur herhatte, die dunklen Augen; vielleicht von der Großmutter. Das waren ihre Augen. Und er sah wieder ihr festes, sensibles, erstaunliches Gesicht. Auch die Großmutter erschossen. So mir nichts, dir nichts. Einfach so, weil die beiden, fest umklammert in ihrer Angst, gerade so dagestanden hatten... Swjetow spürte ein Würgen im Hals. Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar...
Das Lied mit seinen weichen Bildern verschwamm, und vor ihm stand der wirkliche Wald, der in der Ferne von einem Bahndamm durchschnitten wurde. Einen Wald hatte er im Krieg mit militärischen Augen zu sehen gelernt. Nur selten noch stieg Poesie aus dieser grünen Blätterwelt. Angst und Ungewißheit hatten längst jeden Gedanken an Poesie verdrängt. Und der das Gedicht geschrieben hatte, gehörte er wirklich demselben Volk an wie die mit dem Totenkopf über der Nase?
Swjetow atmete schwer. Die Zeit ging nicht zurück. Wie wenig war er doch gewappnet vor innerer Verwundung! Er wischte gewaltsam die Erinnerung beiseite, griff zum Fernglas und blickte hinüber.
Dort, wo der Bahndamm in den Wald mündete, gewahrte er mehrere Dächer von Eisenbahnwaggons. Sehen aus wie Mäuserücken, dachte er. Er schraubte am Feldstecher herum. Kein Zweifel: ein stillstehender Eisenbahnzug. Swjetow ließ einen Stoßtrupp bilden, nahm Feldwebel Sascha mit, seinen Starschina, und lief mit den Männern zum Wald hinüber auf die Gleise zu.
Da stand der Zug mit zerschossener Lokomotive. Waggontüren und Fenster aufgerissen, die Wagen leer. Die Männer entsicherten die Gewehre. Auf ein Zeichen vom Hauptmann kletterten sie in die Waggons. Alles leer. Mann und Maus auf und davon. Die Abteile ein Schlachtfeld. Sitze und Fenster zerstört und zerschlagen, Tornister und Gepäckbündel zerwühlt und zerfleddert, zerlumpte Uniformreste, Mützen, Schiffchen, Gewehre mit leeren Magazinen, Packen und Bündel und Krempel, wohin man trat. Die Männer warfen alles hinaus. Swjetow nahm sich die Gepäcknetze vor, Als er gerade einen Packen zum Fenster hinausbefördern wollte, spürte er plötzlich eine seltsame Wärme in den Händen.
„Hier, halt mal!“ Er drückte dem Starschina das Paket in den Arm und durchsuchte abermals das obere Netz.
Sascha spürte ebenfalls die Wärme und ließ vor Schreck beinahe das Bündel fallen. „Doch nicht möglich, Kapitan, nicht möglich!“
„Festhalten!“ rief Swjetow scharf. Selten nur hörte man aus seinem Munde einen so schneidenden Befehlston. „Laß die andern weitermachen!“ Er kletterte auf der gegenüberliegenden Seite aus dem Waggon. Suchte mit dem Glas die Gegend ab.
„Verdufte, Mensch!“ hörte er plötzlich neben sich. „Überall Russen hier! Wenn die dich kriegen, biste dran. Deine falschen Klamotten da“ – gemeint war Swjetows Uniform –, „die nutzen dann auch nischt mehr!“ Die Stimme kam hinter einem Busch hervor und gehörte einem Jungen, der einen zerbeulten Wassereimer zwischen den Knien hielt. „Und dort“, er zeigte mit dem Daumen nach hinten in Richtung der Waggons, „nur Tote drin. Die andern alle abgehauen.“
„Gib mal den Eimer her!“ Swjetow in seinem tadellosen Deutsch sagte es wie beiläufig, stellte den Eimer neben sich ins Gras und schaufelte sich das Wasser ins Gesicht. Er prustete wild.
Unter dem Eisenbahnzug krochen jetzt die übrigen Männer hervor, Maschinenpistolen im Anschlag. Der Starschina mit dem Bündel im Arm blieb an der Böschung stehen. Der Eimer ging reihum.
Der Junge hinter dem Busch hatte sich wie der Blitz niedergeduckt, schmiegte sich an seine Schwester, die ängstlich im Busch kauerte, und starrte entgeistert durch das Gestrüpp.
Swjetow packte Sascha am Arm und wies auf den Busch. „Hierbleiben!“ befahl er auf russisch. Sascha setzte sich neben den Strauch, legte das Bündel ins Gras, pflanzte die Maschinenpistole auf, holte Zigaretten heraus und stieß Rauchkringel in die Luft. Er schmauchte genüßlich und hielt belustigt die Zigaretten durch die Zweige, grinste den Jungen an. Der wandte sich erschrocken ab. Das Mädchen verbarg sein Gesicht im Armel.
Swjetow war indessen mit den Männern in den Zug zurückgeklettert. Sie warfen hinaus, was sie noch fanden. Ein Lappen kam durch die Luft geflogen. Sascha fing ihn geschickt, umwickelte die Füße mit der unverhofften Errungenschaft und fuhr mit Bedacht in die Schäfter zurück. Der Junge und das Mädchen hinter den Ästen saßen da wie angefroren, beobachteten jeden Handgriff. Als unmittelbar neben ihnen eine Mütze im Gebüsch niederging, konnte sich der Junge nicht beherrschen. Er griff danach und stülpte sie sich auf den Schädel. Das schwarze Ungetüm mit dem Totenkopf rutschte ihm über die Ohren. Er zwinkerte mit den Augen, blies die Backen auf und erhob mit stummer Gebärde zu seiner Schwester hin den Arm zum deutschen Gruß. Das Mädchen zog eine Grimasse.
Swjetow war zum Starschina zurückgekehrt. Die Männer verhandelten miteinander etwas, was der Junge nicht verstehen konnte, und wurden sich anscheinend nicht einig. „He!“ rief Swjetow zum Busch hinüber. „Komm 'raus!“
Der Junge blickte ratlos die Schwester an. Doch ehe er sie etwas fragen konnte, gab sie ihm einen Schubs. Er kullerte unversehens die Böschung hinunter. Swjetow mußte lachen und hielt ihm das Bündel entgegen. „Halten!“ befahl er.
Der Junge stolperte die Böschung hinauf. Swjętow legte ihm das Paket in den Arm. Er blickte in ein Knabengesicht von bitter verschlossenem Ausdruck. Dabei sah er die Mütze auf dessen Kopf, die auf häßlich abstehenden Ohren saß. Er nahm sie ihm sachte ab und schleuderte sie in hohem Bogen den Bahndamm hinunter. „Die steht dir nicht!“ Der Junge stand reglos vor ihm. Die Haarsträhnen hingen ihm ins Gesicht. Die Schwester kroch ängstlich unter dem Strauch hervor und klammerte sich an den Bruder, die Augen bald auf Swjetow, bald auf das Bündel gerichtet.
„'s ja warm!“ rief der Junge plötzlich und unterzog das zusammengewickelte Etwas einem furchtsamen Studium.
„'n Windelscheißer!“ schrie das Mädchen fassungslos. Kindliche Freude bewegte sein ganzes Gesicht.

Illustrationen Jürgen Wagner

Militärverlag der DDR, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 294
1. Auflage 1986 

27 Juni 2025

Peter Kaiser, Norbert Moc und Heinz-Peter Zierholz: Der Rädelsführer

Einbandtext:
Die drei Flüchtlinge beschleunigten ihre Schritte. Da der Weg jedoch leicht bergan führte, kamen sie nicht allzu schnell voran. Als sie schließlich auf dem Rabenstein anlangten, der durch einen Galgen in der Gewitterstimmung besonders gespenstisch wirkte, fielen die ersten Tropfen. Dick und schwer klatschten sie hernieder, und es war, als öffneten sich Schleusen. Sie suchten unter Bäumen Schutz, doch bald waren sie völlig durchnäßt. So rannten sie weiter die Landstraße entlang. Endlich sahen sie in der Ferne ein Haus. In zwei Fenstern flackerte Kerzenlicht. Sie liefen auf die schützende Behausung zu. Jakob Schaffer klopfte an die starke, eisenbeschlagene Bohlentür. Nach einiger Zeit wurde sie von drinnen ruckartig aufgestoßen. Ein mürrisch blickender, grobschlächtiger Kerl knurrte sie an: „Was wollt ihr denn bei dem Sauwetter hier?“
„Wir suchen eine Unterkunft, laßt uns um Gottes willen ein, wir sind naß bis auf die Haut.“
„Na schön, kommt schon 'rein“, lautete die nicht gerade liebenswürdige Einladung.
Die drei Flüchtlinge sahen sich betreten an. Irgendwie wirkte der Mann unheimlich auf sie...

Heftanfang:
„Johann, mein Junge, wach auf!“ Behutsam versuchte Meister Christoph Wagener seinen Sohn zu wecken. Es dauerte jedoch ein Weilchen, bis der Junge die Augen aufschlug. Doch dann war er mit einem Satz auf den Beinen, streifte sich Hemd und Hose über und folgte, jedes Geräusch vermeidend, dem Vater zur Tür. Dort erwartete sie bereits Jakob Schaffer, der Geselle Wageners. Neben der Tür, in der Dunkelheit kaum erkennbar, lagen drei Bündel, ein kleines für Johann, zwei stattliche für die beiden Männer. Sie enthielten neben Proviant und einigen persönlichen Habseligkeiten auch die notwendigsten Werkzeuge, die der Meister und sein Geselle für die Ausübung ihres Berufes, des Messerschmiedehandwerks, benötigten, sowie einige Messer, die als Tauschobjekte dienen sollten.
Jeder griff sein Bündel. Wagener öffnete vorsichtig die Tür, die er am Abend zuvor so präpariert hatte, daß jetzt auch nicht das leiseste Knarren zu hören war, denn würde Meister Tenner, der die zweite Hälfte des Wagenerschen Hauses bewohnte, oder der Nachtwächter ihr Weggehen bemerken, ihre Flucht wäre zu Ende, ehe sie noch richtig begonnen hatte.
Die lange, schnurgerade Straße der Vorstadt, zu beiden Seiten von Bäumen umsäumt, war menschenleer. Dunkel duckten sich die Häuser, Nirgends brannte Licht. Auch der Nachtwächter war nicht zu sehen. In einiger Entfernung hob sich als schwarzer Schattenriß Neustadt-Eberswalde vom grauen Himmel ab.
Vorsichtig schlichen die drei auf die Straße. Im Schutz der Bäume liefen sie in Richtung Ziegelei, die zur Eisen- und Stahlwarenmanufaktur der Berliner Bankiers Splittgerber und Daum gehörte. Wenige Häuser davor bogen sie nach links ab und überquerten eine kleine Brücke. Eine Wolke schob sich vor die helle Mondsichel. Nach kurzem Fußmarsch erreichten sie die sogenannte Bürgerheide. Schon zeigte ein heller Streifen am Horizont die aufgehende Sonne an.
Die Flüchtlinge schwiegen noch immer und marschierten beharrlich weiter. Sie wollten den Vorsprung gegenüber etwaigen Verfolgern so groß wie möglich halten.
Stunden später, die Sonne stand schon hoch am Himmel, ließen sich Christoph Wagener und seine Begleiter am Rande einer Lichtung nieder. Der Junge rieb sich die zerkratzten Füße. Er war barfuß über den mit Kiefernnadeln übersäten Waldweg gelaufen. Wie die meisten Kinder hatte er für den Sommer nur ein Paar Holzpantinen, und auch die durften nur an Sonn- und Festtagen oder wenn das Wetter gar zu schlecht war, getragen werden; ........

Umschlaggestaltung und Illustrationen Wolf-E. Roß

Militärverlag der DDR, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 263
1. Auflage 1982  

03 April 2025

Manfred Stache: Der letzte Zeuge

Heftanfang:
Gleißender Sonnenschein lag über der Stadt. Das grelle Licht blendete mich. Ich mußte die Augen schließen. Am liebsten wäre ich so weiter gelaufen, nichts sehend, um keinen Menschen zu erkennen, um den Eindruck der vergangenen Stunden durch die neue Umgebung nicht verwischen zu lassen.
Was ich in Gerichtssaal erlebt hatte, mußte ich, abgeschlossen von meiner Umwelt und in Ruhe, noch einmal durchdenken. Dabei wollte ich mich selber in die Situation des Mannes versetzen, der in dieser Minute in seine Zelle zurückgeführt wurde und auf den Spruch der Richter wartete.
Was die Wirkung dieses Prozesses immer in mir lebendig halten wird, ist das Verhalten des Mannes auf der Anklagebank dem Strafantrag des Staatsanwalts gegenüber. Mir sind viele Schlußworte von Angeklagten und die Reaktion mancher Verurteilter auf die ihnen zuerkannten Strafen im Gedächtnis. Sie waren sehr unterschiedlich, wechselten zwischen tiefer Reue, bitterem Hohn, später Erkenntnis und kalter Gleichgültigkeit. Aber nie habe ich einen Menschen, der seine Verurteilung erwartet, mit solcher Sachlichkeit und Genugtuung reden hören wie jenen Mann, der heute gesagt hatte: „Ich habe einen Menschen getötet und weiß, daß man mich dafür bestrafen wird. Aber ich empfinde keine Reue. Recht und Gerechtigkeit sind auf meiner Seite!“
Seine wenigen Worte beeindruckten mich, und sie beeindruckten sichtlich auch die Zuhörer im Saal. Das Plädoyer des Staatsanwalts hob jedoch das Niederträchtige der Tat hervor; er bemühte sich kaum, den wirklichen Charakter und die Schuld des „Opfers“ bloßzulegen.
Wie würden die Geschworenen entscheiden?

Umschlag und Illustrationen: Ehrhard Schreier

Deutscher Militärverlag, Berlin 1967
Reihe:
Erzählerreihe 131
1. Auflage 1967 [1.-125. Tsd.]

02 April 2025

E.R.Greulich: Sprung über den Schatten

Einbandtext:
Borenz inspizierte die Zelle. Seine Augen waren wach und flink. Mit dem Fuß schurrte er den Zinkeimer aus der Zellenecke.
„Geben Sie mal her.“
Eckard reichte ihm den Eimer, Borenz hob ihn ins Licht.
„Das nennen Sie blank?“
Eckard erwiderte nichts, zeigte weiterhin ein unbeteiligtes Gesicht und dachte: Ausgerechnet den Eimer bemeckert er, damit habe ich bei seinem Vorgänger Krause doch immer Eindruck gemacht.
„Ob Sie das blank nennen, habe ich gefragt!“
„Ich habe mir Mühe gegeben, Herr Hauptwachtmeister.“
Während des Satzes ließ Eckard etwas die Mundwinkel hängen.
„Stehen Sie gerade!“ brüllte Borenz, „wir sind hier nicht in der Kneipe. Solange ich in der Zelle bin, bitte ich mir Haltung aus!“
Eckard straffte sich übertrieben.
„Jawohl, Herr Hauptwachtmeister!“
 „Da!“ Borenz warf Eckard den Eimer zu. Der fing ihn gerade noch, prellte sich dabei aber den linken Mittelfinger.

Heftanfang:
Von Land her wehte schwach der Wind. Er trug den Duft von Kiefern und reifem Korn. Thea Borenz stand auf der Düne, die Hand über den Augen. Die See war ruhig. Man erkannte die flachen Stellen. Das Glitzern des Wassers erinnerte an Millionen Fische, deren silberne Schuppen im Sonnenlicht glänzten. Landeinwärts schloß sich ein Streifen Kiefernwald an die Dünen, hinter dem die Landstraße eine reizvolle Parallele zum weiten Küstenbogen der Tromper Wiek bildete. Thea blickte auf ihre Armbanduhr. Die Sportlergruppe kam meist eine halbe Stunde später. Es war noch keine Menschenseele auf dem nie sehr belebten, langen Strand zu sehen. Die zwei Fähnlein Pimpfe und einige Trupps der Hitlerjugend übten am Vormittag irgendwoanders Kriegsspiele.
Thea warf das leichte Sommerkleid ab, zupfte am Badeanzug und ließ sich „in ihre“ Kuhle gleiten.
Mit beiden Händen griff sie in den warmen Sand. Sie hätte sich unbeschwert erholen können. Aber weshalb blieb da ein Rest? Sucht mir nicht Vater jeden Wunsch von den Augen abzulesen? Die Mutter wird er mir nie ersetzen können. Ich habe niemanden mehr, mit dem ich mich aussprechen kann. Seit Mutters Tod wurde Vater noch fürsorglicher, trotzdem leben wir beide wie durch Glas getrennt. Er bevormundet mich kleinlich. Er hat Angst, ich könnte jemanden kennenlernen. Ich bin einsam und unfrei. Zum drittenmal nach Mutters Tod sind wir hier bei den Verwandten in Urlaub. Sein Gesicht ließ mich erschrecken, als ich vorschlug, er solle mich einmal allein in Urlaub fahren lassen. Ich habe nicht gewagt, wieder darauf zurückzukommen. Solange ich mich erinnern kann, hat er seine ganze Liebe auf mich konzentriert. Als Kind hat es mir gefallen. Dann wurde ich älter und erkannte immer deutlicher, wie ungerecht er Mutter behandelte. Sie litt unter seinem Beamtenhochmut. Mutter erzählte mir einiges über Vater, was ich von ihm nie erfahren hätte. Er hatte die höhere Laufbahn in der Justiz einschlagen sollen. Großvater Heinrich stand im mittleren Justizdienst und ......

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Karl Fischer

Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 199
1. Auflage 1974 [1.-133. Tsd.] 

Udo Gatz / Wolfgang S. Lange: Was geschah mit Doktor Weißbach?

Einbandtext:
„Ich muß in die Klinik. Vielleicht werden Verwundete eingeliefert.“
„Warten Sie noch, Doktor!“ Ich hörte, wie Tham sich an mich heranschob. Im Dschungel war jetzt die Hölle los. Affen schrien, Zweige knackten, aus dem Schlaf geschreckte Vögel flatterten durch die Luft. Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt.
„Ich muß zurück, Tham, unbedingt.“ Ich keuchte mehr, als ich sprach. Nur weg aus diesem entsetzlichen Wald. Ans Krankenhaus dachte ich erst in zweiter Linie, dann allerdings mit leisem Erschrecken. Dort konnte das Feuergefecht nicht unbemerkt bleiben. Was geschah, wenn Strohofer in mein Zimmer ging und mich nicht fand? „Los doch!“ drängte ich. „Jede Minute ist kostbar.“
„Versuchen Sie, hinter mir herzukriechen“, sagte der Mönch.
„Am besten, Sie fassen meine Beine.“
Ich klammerte mich an Thams Bastschuhe, als wäre das die Rettung. Bis zum Waldrand bewegten wir uns auf allen vieren. Hartes Gras und Zweige schlugen mir ins Gesicht. Endlich lag die Lichtung vor uns. Scheinwerfer tasteten mit grellen Fingern das Laubgewirr ab. Lianen und Blätter verschluckten die Bahnen der Leuchtspurgeschosse.

Heftanfang:
Seit Tagen finde ich kaum noch Schlaf. Ich wälze mich auf der Bastmatte hin und her, und das Laken, mit dem ich mich sonst zudecke, habe ich ans Fußende des weißen Metallbetts geschoben.
Es ist warm. Der Luftzug, der durch das winzige Gazefenster ins Zimmer dringt, bringt keine Kühlung. Dabei weiß ich genau, daß nicht die Hitze den Schlaf verscheucht. Ich bin einfach noch nicht zur Ruhe gekommen, stelle Fragen und suche nach einer Antwort. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich muß versuchen, sie zu ordnen, muß mir Rechenschaft geben.
Ein paar Nächte lang habe ich gelesen, um mich abzulenken. Zwei alte Illustrierte und einen Kriminalroman, von dem der Teufel weiß, wie er hierhergekommen ist. Jetzt gibt es keine Zeile mehr, die ich nicht kenne. So schreibe ich denn selbst. Ich will festhalten, was geschehen ist, den Weg nachzeichnen, der mich hierher geführt hat. Was es werden soll, weiß ich noch nicht. Ein Tagebuch? Vielleicht. Erinnerungen ... Das ist das Schöne an einem Tagebuch, man schreibt nur für sich. Wem anders als mir hätte ich auch den Mut, einzugestehen, mit welchen Zweifeln ich mich herumgeschlagen habe? Wem hätte ich mitteilen sollen, welche Zuversicht mich getrieben hat?
Erneut überfallen mich Gedanken. Ich möchte sie abschütteln, schnell schreiben. Aber was? Warum ich mich entschieden habe, weiß ich längst, und außer mir geht es niemand was an. Trotzdem, ich muß endlich Ruhe finden. Mit aller Kraft zwinge ich mich zur Konzentration. „Bitte.“ Es klopft.
„Ein Neuzugang. Temperatur vierzig zwei. Der Patient ist ohne Bewußtsein.“
„Ich komme.“
Für diesmal bin ich erlöst. Doch morgen, morgen werde ich anfangen, meine Geschichte aufzuschreiben.

Umschlag und Illustration: Karl Fischer

Deutscher Militärverlag, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 172
1. Auflage 1971 [1.-120. Tsd.] 

01 April 2025

Karl Sorge: Gefährlicher Alleingang

Einbandtext:
Er ist kein schwarzes Schaf, der dunkelhaarige unternehmungslustige Arbeiterjunge Fritz Klatt. Gewissenhaft und eifrig erledigt er alle Aufträge, die ihm von den Genossen erteilt werden. Er ist immer dabei, wenn es darum geht, der Reaktion, die sich im Berlin des Jahres 1920 wieder fest etabliert hat, einen Schlag zu versetzen, denn er haßt die Reaktionäre aller Schattierungen.
Doch Unternehmungslust, Risikobereitschaft und Mut allein genügen nicht. Fritz macht den Genossen um Kurt Briese oft Sorgen durch seine Disziplinlosigkeiten.
Abenteuerlust und jugendliche Unbekümmertheit bringen ihn häufig in Situationen, die er nicht übersehen kann und die ihn und seine Genossen gefährden. Fritz Klatt muß viel Lehrgeld zahlen, ehe er erkennt, daß im Alleingang nichts zu erreichen ist.

Buchanfang:
Der Wind fauchte und bog die Bäume am Marktplatz. Kurt Briese schlug den Mantelkragen hoch und zog mit der linken Hand fröstelnd die Kragenecken zusammen. Mit der Rechten hielt er den Hut fest. Der böige Wind peitschte ihm Nieselregen ins Gesicht. Beim Einbiegen in die Wollankstraße traf ihn der Wind nur noch von hinten. Die Gaslaternen brannten schon; es wurde früh dunkel im Januar.
Kurt Briese ging langsamer. Er grübelte, ob er das, was er vorhatte, auch verantworten konnte. Forschend blickte er nach den Hausnummern, stand endlich vor dem Haus, das er suchte. Er stieg die Treppen hinauf. Im zweiten Stock beim Namensschild „W. Berger“ klingelte er. Eine junge, zierliche Frau öffnete. Fragend blickte sie ihn an. Als er ihren Mann zu sprechen verlangte, rief sie nach hinten: „Walter, Besuch.“ Sie bat Briese einzutreten. Walter Berger begrüßte den Gast zurückhaltend. Er kannte Briese nur flüchtig. Er wußte, daß Briese in der Pankower KPD eine aktive Rolle spielte. Berger führte den Besucher in die Stube.
Mit einem Blick erfaßte Briese das geräumige Zimmer, das mit Tisch und Stühlen, Betten, Kommode und Vertiko eingerichtet war. An der Wand über den Betten hing ein Bild mit spielenden Nymphen. Auf der Kommode stand eine Fotografie Walter Berger mit verwegenem Schnurrbärtchen als Unteroffizier einer Maschinengewehrkompanie. Er trug das schwarzweiße Band des EK II im Knopfloch. Der dreiundzwanzigjährige Schlosser war groß, hatte schwarzes, gewelltes Haar, ein schmucker Bursche, dem man alle möglichen Husarenstreiche und Abenteuer zutraute.
Briese musterte Berger, räusperte sich kurz und meinte, nachdem er sich vergewissert hatte, daß er mit Berger allein war: „Entschuldige, daß ich hier so 'reinschneie. Ich habe einen Auftrag und brauche deine Hilfe.“ Berger horchte mehr erwartungsvoll als erstaunt.

Umschlaggestaltung: Erhard Schreier

Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 212
1. Auflage 1976 [1.-135. Tsd.]

Karl Sorge: Nur fünftausend Mark – Zwei Kriminalerzählungen

Einbandtext:
„Bitte bringen Sie die Frau weg“, flüsterte Hauptmann Sanders dem uniformierten ABV zu.
Der nickte. „Kommen Sie, Frau Mandrow. Um Karl kümmern wir uns.“ Behutsam führte er die schluchzende Frau zum Wartburg, setzte sich ans Steuer und fuhr los.
Sanders strich sich über das schüttere Haar und knöpfte das Jackett auf. Obwohl es weit geschnitten war, fühlte er sich eingezwängt. Er atmete tief durch und blickte auf die geschäftig hantierenden Leute und die aufgefahrenen Fahrzeuge an der hell beleuchteten Unfallstelle.
„Können wir?“ fragte sein Stellvertreter, Oberleutnant Schliewa.
„Bitte.“
Die Männer hoben den Toten auf die Bahre, trugen ihn weg.
Ein Motor heulte auf, der Barkas fuhr ab.
„Tod durch elektrischen Strom.“ Der untersetzte, glatzköpfige Arzt wischte sich mit einem Tuch über die hohe Stirn. „Alles Nähere nach der Obduktion.“

Umschlaggestaltung Bernhard Kluge

Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 316
1. Auflage 1989 

E.R. Greulich: Bevor Manuela kam

Einbandtext:
Plötzlich schrillte die Klingel auf der Diele. Einmal, lange und herrisch.
„Hast du doch einen Schatten hinter dir gehabt?“ fragte Fred hastig.
„Unmöglich“, wehrte sich Tornow und wollte zu einer Erklärung ansetzen, als abermals der schrille Ton die Stille durchdrang. Fred stand mit einer Schnelligkeit auf, die Tornow ihm nicht zugetraut hätte. Seine Geste schnitt jede Unterhaltung ab, er lauschte und hielt eine Pistole in der Hand. „Was machen wir?“
„Hast du das Magazin voll?“ fragte Tornow leise.
„Weshalb?“
„Wenn es nur zwei, drei Bullen sein sollten, hätten wir eine Chance.“
Fred schien zu lauschen. Er hatte impulsiv reagiert, ein Spitzel hätte eine ganz andere Reaktion gezeigt, dachte er erleichtert. Nach dem dritten Klingeln blieb es ruhig. Er winkte Tornow, schaltete das Licht aus und zog ihn hinter sich her. Dicht an seinem Ohr flüsterte er: „Dort ist die Vordertür. Ein Drittel Ornamentglas. Da werden sie es zuerst versuchen.“ Er drückte Tornow die Pistole in die Hand. „Ich will sehen, ob ich vom Bodenfenster etwas ausmachen kann.“ Er entfernte sich, Stiegen knarrten, irgendwo im Dunkeln wurde leise eine Tür geöffnet.

Heftanfang:
Als Harry Tornow zu sich kam, lag er auf dem Rücken, die Beine schräg nach oben. Er blinzelte ungläubig in den Spalt trüben Lichts über seinen Füßen, bewegte heftig den Kopf, als wolle er Wasser von den Trommelfellen schütteln. Noch immer dröhnte die Detonation in seinen Ohren. Die Geräusche waren fern wie hinter Glas, schwerfällig ordneten sich seine Gedanken.
Der Gefangenenwagen ist doch erst nach der Entwarnung in Plötzensee abgefahren! Ist er von einer Zeitzünderbombe erwischt worden? Mechanisch tasteten seine Hände den Körper ab. Das Gefühl, unverletzt zu sein, machte Tornow hellwach. Er stieß beide Beine gegen die schmale Tür, und der Spalt vergrößerte sich. Hastig arbeitete er sich aus dem Blechsarg. Die Lage des Ganges erinnerte an die Kabine eines gekenterten Schiffes. Auf dem Gesäß rutschte er bis an die aufgesprungene Tür der Rückwand. Wie schlaffe Bündel lagen die beiden Bewacher davor. Tornow kletterte über sie hinweg, stand draußen. Seine Augen versuchten, sich an das unbestimmte Grau des Oktobernachmittags zu gewöhnen. Die Sonne war nur ein weißer Fleck hinter dem Nebel der Rauchschwaden. Plötzlich war ihm, als schiene sie so grell, daß er die Augen schließen mußte. Unbändige Freude überfiel ihn: Ich bin frei! Harry Tornow, Todeskandidat aus Zelle achtzehn, allein auf offener Straße. Gefangenenwagen zertrümmert, Bewacher tot. Tornows erster Gedanke war weg, rasch weg von hier! Mühsam zwang er die freudige Erregung nieder. Jede unüberlegte Handlung würde die eben gewonnene Freiheit gefährden. Sichernd schaute er sich um. In den umliegenden Ruinen schwelte und qualmte es. Nester glühender Brandbomben knisterten. Obwohl in Berlin aufgewachsen, fand er nicht heraus, in welcher Straße er sich befand.

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Karl Fischer

Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 251
1. Auflage 1969 [1.-125. Tsd.]
2. Auflage 1980 [126.-275. Tsd.]