Einbandtext:
Wenn der Vater eines fünfjährigen Jungen die Feuerwehr anruft, dann soll er nicht von ihr verlangen, sie solle einen Foxterrier scheren. Denn eine Feuerwehr ist eine Feuerwehr und kein Spiel. Sie kann die brennende Lebkuchenfabrik in Pardubice löschen oder die Limonadenfabrik in Chrudim; eine Feuerwehr ist unermüdlich, aber sie kann keine Albernheit vertragen. Sonst wird sie am Ende empört ausrufen: „Vati, denk dir, vor einer Weile hat ein solcher Trottel angerufen, der wollte die Hundescheranstalt. Als ob er nicht wüßte, daß bei uns nur Feuer gelöscht wird.“ Da steht der Vater denn und muß den Kopf schütteln und sich einen dummen Kerl nennen. Denn das Spiel ist eine ernste Sache, und wenn man zufällig einmal Feuerwehr spielt, dann soll man keine Hundeschererei daraus machen. – In etwa dreißig Geschichten und Betrachtungen erzählt Ludvík Aškenazy, der Autor beliebter tschechischer Kinderbücher, aus der heiteren und abenteuerreichen Erfahrungswelt eines jungen Vaters und seines Söhnchens.
Buchanfang:
Wie ich Robert Janů begegnete
Ich will dir etwas ganz Alltägliches erzählen, mein Sohn, nämlich, wie ich das Fenster aufgemacht habe. Was blühte nur da draußen in unserem Hof – weiß und rosa? Ich besaß damals ein Notizbuch, aber ich schrieb nie etwas hinein, darum ist es jetzt nicht leicht festzustellen, was für ein Baum es war und auch alles andere, was mit dieser Geschichte zusammenhängt.
Ich weiß nur, daß plötzlich ein Wind gesprungen kam. Erster feuchter Frühlingshauch, lebendige Luft, voll Märzenduft.
So einen Wind gibt es vielleicht heute gar nicht mehr. Manchmal mache ich wohl mein Fenster auf, als ob ich jenen Duft wieder finden könnte – als ob er zurückkehren könnte.
Aber mein Wind scheint sich anderswo herumzutreiben; vielleicht ist er gerade in einem Garten und schüttelt ein Apfelbäumchen oder trägt auf der Straße jemandem den Hut davon.
Wer weiß. Vielleicht ist er auch gesetzt geworden und ist jetzt ein schaler, langweiliger Gesell von einem Wind.
Aber damals hat er mir die Wangen getätschelt, als ob er Hände hätte. Da wird einem gleich ganz anders – man ist auf einmal wie eine tönende Glocke.
‚Mein Herz’, sagte ich mir, ‚was ist denn das mit dir?’
Aber das Herz schwieg – und schlug.
‚Wir werden uns einen Tee machen, Herz’, sagte ich. ‚Vielleicht hört es dann auf.’
Aber der Tee schmeckte mir nicht, gar nicht, nicht einmal mit Zitrone.
Ich ließ ihn stehen – und setzte mich. Und blieb sitzen.
‚Ich muß etwas gegen die Frühjahrsmüdigkeit einnehmen’, erwog ich. ‚Etwas anderes kann es ja nicht sein, eben Frühjahrsmüdigkeit, Mangel an Vitaminen. Darüber sind sich alle Autoritäten einig.’
Durch das offene Fenster stahl sich ein Streifen Licht auf den Tisch, warm und freundlich.
‚Ich muß mich durch Arbeit ablenken’, sagte ich mir. ‚Das ist das einzige Mittel, nicht genau definierbare Faktoren zu überwinden...’
Und ich nahm das Buch „Krise der psychoanalytischen Kritik des Subjekts“ zur Hand.
Damals bildete ich mir ein, ich hätte einen festen Charakter und ein Profil wie aus Stahl. Ich ging das Fenster schließen.
Ich weiß nicht mehr, was mich davon abhielt...
Inhalt:
FUNF KLEINE PRÄLUDIEN
Wie ich Robert Janů begegnete .. .. .. 7
Wie Menschen einander suchen .. .. .. 12
Wie wir dich erdacht haben .. .. .. 19
Wie ich dich kennenlernte .. .. .. 25
Wie ich dich zum erstenmal sah .. .. .. 28
KINDER-ETÜDEN
Die Überzeugungsmethode .. .. .. 35
Wie wir Feuerwehr spielten .. .. .. 39
Der Spatz auf der Schallplatte oder Medizin .. .. .. 42
März .. .. .. 45
Reise ins Weltall .. .. .. 48
Der Fink .. .. .. 51
Das amtliche Dokument .. .. .. 55
Die besondere Kunst oder Wo ist der Maurer .. .. .. 59
Theater .. .. .. 62
Ehe .. .. .. 65
Hochzeit .. .. .. 68
Vinzenzien .. .. .. 71
Das Geheimnis .. .. .. 76
Wie wir das Glück suchen gingen .. .. .. 80
Das Beschwerdebuch oder Die Leber .. .. .. 85
Die Häßliche Schnauze oder Heuchelei .. .. .. 90
Der Regenbogen .. .. .. 94
Herbst .. .. .. 99
Kleine Nachtmusik .. .. .. 101
Oktober .. .. .. 104
Vom Schlittschuhlaufen .. .. .. 107
Die Moldau .. .. .. 110
Silberpapier .. .. .. 113
Jemand .. .. .. 116
Das Engelchen oder Selbstkritik .. .. .. 120
Das Goldene Brünnl .. .. .. 124
Gespräch über den Tod .. .. .. 128
Gespräch mit dem Helden .. .. .. 131
Nachbemerkung .. .. .. 135
Originaltitel: DĚISKÉ ETUDY
Aus dem Tschechischen übersetzt von Eliška Glaserová
Früher erschienen unter dem Titel: „Wie wir das Glück suchen gingen“
Umschlag Erich Rohde
Aufbau-Verlag Berlin
Reihe: bb-Reihe, Nr. 102
1. Auflage 1961
weitere Ausgaben
............................................................................................................................................................
Ludvík Aškenazy
Wie wir das Glück suchen gingen
Originattitel: Dětské etudy
Illustrationen von Helena Zmatlíková
Aus dem Tschechischen übersetzt von Eliška Glaserová
Später erschienen unter dem Titel: „Der Spatz auf der Schallplatte“
Aufbau-Verlag Berlin
1. Auflage 1957













