27 November 2025

Ulla Schmidt: Die Straße ist nicht böse

Pappbilderbuch
Für Kinder von 4 Jahren an
Illustration von Manfred Bofinger

Verlag für Lehrmittel Pößneck
1. Auflage 1984
2. Auflage 1986
3. Auflage 1988



Oskar Wilde: Der glückliche Prinz und andere Erzählungen

Buchanfang:
Der glückliche Prinz
Hoch über der Stadt stand auf einer mächtigen Säule die Statue des glücklichen Prinzen. Sie war über und über mit dünnen Goldblättchen bedeckt, statt der Augen hatte sie zwei glänzende Saphire, und ein großer roter Rubin leuchtete auf seiner Schwertscheide.
Alles bestaunte und bewunderte ihn sehr. »Er ist so schön wie ein Wetterhahn«, bemerkte einer der Stadträte, der darauf aus war, für einen in Kunstdingen geschmackvollen Mann zu gelten; »bloß nicht ganz so nützlich«, fügte er hinzu, da er fürchtete, man könnte ihn sonst für unpraktisch halten, was er durchaus nicht war. »Warum bist du nicht wie der glückliche Prinz?« fragte eine empfindsame Mutter ihren kleinen Jungen, der weinend nach dem Mond verlangte. »Dem glücklichen Prinzen fällt es nie ein, um etwas zu weinen.«
»Ich bin froh, daß es wenigstens einen gibt, der in dieser Welt ganz glücklich ist«, sagte leise ein Enttäuschter mit einem Blick auf das wundervolle Standbild.
»Er sieht genau aus wie ein Engel«, sagten die Waisenkinder, als sie in ihren purpurroten Mänteln und sauberen Vorstecklätzchen aus der Kathedrale kamen.
»Wie könnt ihr das wissen?« fragte der Mathematiklehrer, »ihr habt doch nie einen gesehen.«
»O doch, im Traum«, antworteten die Kinder; und der Mathematiklehrer runzelte die Stirn und machte ein sehr strenges Gesicht, denn er billigte Kinderträume nicht.
Da flog eines Nachts ein kleiner Schwälberich über die Stadt. Seine Freunde waren schon vor sechs Wochen nach Ägypten gezogen, aber er war zurückgeblieben, weil er sich in eine ganz wunderschöne Schilfrispe verliebt hatte. Ganz zeitig im Frühling hatte der Schwälberich die Rispe zum erstenmal gesehen, als er gerade hinter einer großen gelben Motte her über den Fluß flog, und war von der Schlankheit der Rispe so entzückt gewesen, daß er haltgemacht hatte, um mit ihr zu plaudern. »Soll ich dich lieben?« fragte der Schwälberich, der es liebte, immer gleich gerade auf sein Ziel loszugehen. Und die Schilfrispe verneigte sich tief vor ihm. So flog er immer und immer um die Schlanke herum, berührte leicht das Wasser mit seinen Flügeln und machte kleine silberne Wellen darauf. Das war die Art, wie er warb, und es dauerte den ganzen Sommer hindurch.
»Das ist ein lächerliches Attachement«, zwitscherten die andern Schwalben; »die Schilfrispe hat gar kein Vermögen und viel zuviel Verwandte« – und in der Tat war der Fluß ganz voll von Schilf. Als dann der Herbst kam, flogen sie alle davon.
Als sie fort waren, fühlte sich der Schwälberich einsam und fing an, seiner romantischen Liebe überdrüssig zu werden. »Sie kann sich gar nicht unterhalten«, sagte er, »und ich fürchte, sie ist eine Kokette, denn sie flirtet immer mit dem Wind.« Wirklich machte die Schilfrispe, sooft der Wind blies, die graziösesten Verbeugungen.
»Ich gebe gerne zu, daß sie sehr häuslich ist«, fuhr er fort; »aber ich liebe das Reisen, und deshalb soll meine Frau es auch lieben.«
»Willst du mit mir fort?« fragte der Vogel endlich die Rispe; die aber schüttelte den Kopf sie hing so sehr an der Heimat.
»Du hast mit mir gespielt, rief da der Schwälberich, .....

Inhalt:
Der glückliche Prinz .. .. .. 5
Der eigensüchtige Riese .. .. .. 23
Die Nachtigall und die Rose .. .. .. 31
Der ergebene Freund .. .. .. 60
Die bedeutende Rakete .. .. .. 41

Mit Zeichnungen von Rolf Kuhrt
Übertragen von Franz Blei

Insel-Verlag, Leipzig
Reihe:
Insel-Bücherei Nr. 413
1. Auflage ??
2. Auflage ??
3. Auflage 1964

26 November 2025

Hans Siebe: Vermißt wird Ingolf Sommer

Einbandtext:
Frau Sommer wußte die Rufnummer auswendig. Sie wählte und wartete ungeduldig darauf, daß die Werkvermittlung sich meldete. Endlich hörte sie die bekannte Stimme: „Halle vier, Wolter!“
„Sommer! Frau Sommer hier!“ Sie spürte einen Kloß im Halse und konnte kaum sprechen.
„Ja, Frau Sommer? Was ist mit Ingolf? Er ist doch hoffentlich nicht krank?“
Die Hand mit dem Hörer sank herab. Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie stöhnte gequält. Wie ein körperlicher Schmerz durchfuhr sie die Erkenntnis, daß Ingolf auch nicht im Betrieb war. Die letzte Hoffnung löste sich in nichts auf. Mit eckiger Bewegung preßte sie den Hörer wieder ans Ohr.
„Hallo, Frau Sommer?“
„Ja, 'tschuldigen Sie, Herr Wolter...“
„Sie rufen doch Ingolfs wegen an? Ist – etwas passiert?“ klang es besorgt.
„Ja, ganz bestimmt“, antwortete sie schluchzend, „seit Freitag ist er weg – verschwunden!“
Eine Weile blieb es still, dann erklang Wolters ungläubige Stimme: „Wieso denn verschwunden? Das gibt es doch nicht! Hallo, Frau Sommer? Hören Sie noch? Waren Sie schon bei der Polizei?“

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Bernhard Kluge

Militärverlag der DDR, Berlin
Reihe:
Erzählerreihe 290
1. Auflage 1985 

25 November 2025

Berliner Lesebogen – Die Reihe


 Die Reihe »Berliner Lesebogen«
 
des Kinderbuchverlages widmete sich schwerpunktmäßig Abdrucken von Märchen der Brüder Grimm, H. C. Andersen sowie deutschen Heimatsagen und anderen Geschichten.
Der niedrige Preis von 10 Pfennig pro Heft, ist sowohl dem Alter der angestrebten Zielgruppe, bei der es sich um Erstleser handelt, als auch dem Anliegen des Verlages, die Serie als Werbemittel und Anreiz zum Erwerb der entsprechenden Bücher zu nutzen.
Die zwischen 1955 und 1958 erschienen 75 Heftchen hatten das Maß von 14,5 x 21 cm mit 16 Seiten und kosteten 0,10 DDR-Mark und konnten nur am Zeitungskiosk erworben werden.

Typische Einbandgestaltung der Reihe



Liste der Ausgaben:

Nr. Inhalt Autor Illustration Jahr
1 Der Schweinehirt ; des Kaisers neue Kleider ; die Prinzessin auf der Erbse H. C. Andersen
1955
2 Der kleine Klaus und der große Klaus H. C. Andersen
1955
3 Der silberne Schilling; Tölpel-Hans H. C. Andersen
1955
4 Das häßliche junge Entlein; Fünf aus einer Hülse H. C. Andersen
1955
5 Der Tannenbaum; „Es ist ganz gewiß“ H. C. Andersen
1955





6 Däumelinchen H. C. Andersen
1955
7 Wie's der Alte macht, ist's immer recht; Die Stopfnadel; Der standhafte Zinnsoldat H. C. Andersen
1955
8 Der fliegende Koffer; H. C. Andersen
1955

Die Hirtin und der Schornsteinfeger


9 Die Nachtigall; Das Liebespaar H. C. Andersen
1955
10 Das Feuerzeug; der Schneemann H. C. Andersen
1955
11 Deutsche Heimatsagen: Schinderhannes und dasKind
Alfred Will 1955
12 Deutsche Heimatsagen: Der Fluch von Bernsau
Alfred Will 1955
13 Deutsche Heimatsagen: Das Wispertal
Alfred Will 1955
14 Deutsche Heimatsagen: Vom Eschenheimer Turm; Die Sage vom Störtebeker
Alfred Will 1955
15 Deutsche Heimatsagen: Der Teufel und der Doktor
Alfred Will 1955
16 Deutsche Heimatsagen: Der Bär und der Kobold
Alfred Will 1955

Der Bär u. d. Kobold


17 Deutsche Heimatsagen: Der Zwerg von Volkringhausen und das Hirtenmädchen
Alfred Will 1955
18 Gefährliches Ziel Heinz Mielke Heinz-Karl Bogdanski 1955
19 Der rasende Hai K. Solotowski Gerhard Gosmann 1955
20 Jo, der Junge vom Zirkus

1955
21 Das Katapult

1955
22 Vom Riesenfisch, der gar keiner ist; Die Harpune Hein But Hans Betcke; Hildegard Peschel-Haller 1955
23 Der faule Fritz

1955





24 Deutsche Heimatsagen: Henning Wulf

1955
25 Deutsche Heimatsagen: Die vier Rappen

1955
26 Deutsche Heimatsagen: Der Schmied zu Jüterbog
Alfred Will 1955
27 Deutsche Heimatsagen: Der Dachs auf Lichtmess

1955
28 Deutsche Heimatsagen: Der Zwergkönig Hibich
Alfred Will 1955
29 Deutsche Heimatsagen: Die Sage vom Pfennig-Pfuhl bei Dahme
Alfred Will 1955
30 Vierbeinige Gäste [u. a.]

1955
31 Petkas Streiche

1955
32 Begegnungen mit Bären
Helmut Kloss 1955
33 Jagderlebnisse
Helmut Kloss 1955
34 Schüsse im Walde Hanns Krause Heinz Musculus 1956
35 Das musste uns passieren! Hanns Krause Heinz Musculus 1956
36 Toi, toi, toi – Antonius Werner Bauer Heinz Musculus 1956
37 Käpt'n Yppolith u. d. Venus-Eidechse - Eine phantast. Erzählg aus d. Jahre 3000 Hans Mielke Wilmar Riegenring 1956
38 Hille reist ins Jahr 2000 - Eine phantast. Erzählg Majoll Büttner Peter Dittrich 1956
39 Der König der Felder Will Meinck Hans Mau 1956
40 Legion d. Todes Gerhard Jäger Werner Kulle 1956
41 Käptn Hartwig Martin Selber Helmut Grundner 1956
42 Die Schlangenkrone Klaus Hallacz; Erzählt von Heinrich Alexander Stoll Erich Gürtzig 1956
43 Der gute Plon Klaus Hallacz; Erzählt von Heinrich Alexander Stoll Erich Gürtzig 1956
44 Das tapfere Schneiderlein Brüder Grimm Lea Grundig 1957
45 Frau Holle Brüder Grimm Lea Grundig 1957
46 Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack Brüder Grimm Lea Grundig 1957
47 Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich Brüder Grimm Lea Grundig 1957
48 Schneeweisschen und Rosenrot Brüder Grimm Lea Grundig 1957
49 Aschenputtel Brüder Grimm Lea Grundig 1957
50 Die Bremer Stadtmusikanten Brüder Grimm Lea Grundig 1957
51 Der Wolf und die sieben jungen Geisslein Brüder Grimm Lea Grundig 1957
52 Rumpelstilzchen Brüder Grimm Lea Grundig 1957
53 Der Hase und der Igel Brüder Grimm Lea Grundig 1957
54 Sneewittchen Brüder Grimm Lea Grundig 1957
55 Der junge Riese Brüder Grimm Lea Grundig 1957
56 Wenn Joe nicht gewesen wär'! Wolf Durian Wilmar Riegenring u. Robert Diedrichs 1957
57 Die Flasche und der  Brigg "Kehr wieder"
Eberhard Binder; Erich Schmitt 1957
58 Die blinden Hessen Harry Trommer (Bearb. u. hrsg.) Alfred Will 1958
59 Der Schmied im Mond Harry Trommer (Bearb. u. hrsg.) Alfred Will 1958
60 Die Musikanten im Kyffhäuser Harry Trommer (Bearb. u. hrsg.) Alfred Will 1958
61 Die zwei Musikanten zu Aachen Harry Trommer (Bearb. u. hrsg.) Alfred Will 1958
62 Die Geigerin Anneliese Probst Ingeborg Friebel 1958
63 Känguruhs Lilo Hardel Heinz Musculus; Franz Kerka 1958
64 Ich schrieb es in den Sand Jan Pertersen Holzschnitte von Tschan Jan Schi [u.a]; Heinz Musculus 1958
65 Mischkas Abenteuer mit "Mischka" Horst W. Bärwald Werner Kulle ; 1958



Karel Čapek
66 Prinzessin Zitrinchen Heinrich Seidel
1958
67 Der Schlangenkönig Heinrich Seidel
1958
68 Der Wolf im Schafspelz
Rudolf Grunemann 1958
69 Kreuzbube Knud
Herbert Bartholomäus 1958
70 Der Rote Götz R. Richter Eberhard Binder 1958
71 Infira, das Mädchen aus dem Urwald Hermann Freyberg Hans Mau; Ingeborg Friebel 1958
72 Das rote Päckchen Gerhard Baumert Hans Baltzer; Werner Kulle 1958
73 Die Rakete Ulrich Waldner Hans Betcke; Heinz Musculus 1958
74 Ameisen Götz R. Richter Eberhard Binder 1958
75 Der Sieg Ursula Beurton Hildegard Haller 1958



22 November 2025

Brüder Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten

Buchanfang:
Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen: Dort, meinte er, könnte er Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat.
„Nun, was jappst du so, Packan?“ fragte der Esel.
„Ach“, sagte der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen totschlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?“
„Weißt du was“, sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“ Der Hund war's zufrieden, und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.
„Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?“ sprach der Esel.
„Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht?“ antwortete die Katze. „Weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne als nach Mäusen herumjage, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer: Wo soll ich hin?“
„Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden.“
Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften.
„Du schreist einem durch Mark und Bein“, sprach der Esel, „was hast du vor?“
„Da hab ich gut Wetter prophezeit“, sprach der Hahn, „aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut Abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, so lang ich noch kann.“
„Ei was, du Rotkopf“, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muß es eine Art haben.“ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle vier zusammen fort.
Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um, da deuchte ihn, er sahe in der Ferne ein Fünkchen brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müßte nicht gar weit ein Haus sein, es scheine ein Licht.
Sprach der Esel: „So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.“
Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern, und es ward immer größer, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der Größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein.
„Was siehst du, Grauschimmel?“ fragte der Hahn.
„Was ich sehe?“ antwortete der Esel. „Einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen sich's wohl sein,“
„Das wäre was für uns“, sprach der Hahn.
„Ja, ja, ach, wären wir da!“ sagte der Esel.
Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müßten, um die Räuber hinauszujagen, und fanden endlich ein Mittel. Der Esel mußte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an, ihre Musik zu machen. Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte; dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, daß die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nichts anderes, als ein Gespenst käm herein, und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war, und aßen, als wenn sie vier Wochen hungern sollten.
Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Türe, die Katze auf den Herd bei der warmen Asche, und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken. Und weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein.
Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, daß kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: „Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen", und ließ einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, daß es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertür hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein; und als er über den Hof an dem Mist vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab: „Kikeriki.“
Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: „Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt; und vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen; und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen; und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief:, Bringt mir den Schelm her. Da machte ich, daß ich fortkam.“
Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den vier Bremer Stadtmusikanten. gefiel's aber so wohl darin, daß sie nicht wieder herauswollten.
Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.

Illustrationen von Rainer Sacher
Für Kinder von 4 Jahren an

Verlag Karl Nitzsche, Niederwiesa
Lizenz des Kinderbuchverlag, Berlin
1. Auflage 1984
2. Auflage 1985
3. Auflage 1986
4. Auflage 1988
5. Auflage 1991

weitere Ausgaben


Der Kinderbuchverlag, Berlin


Illustrationen von Heinrich Strub

1. Auflage 1965
2. Auflage 1966
3. Auflage 1968
4. Auflage 1979

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Der Kinderbuchverlag, Berlin


Illustrationen von Erich Gürzig

1. Auflage 1955 

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Der Kinderbuchverlag, Berlin


Reihe: Berliner Lesebogen Nr. 50

1. Auflage 1957
 
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Helingsche Verlagsanstalt Leipzig


Mit Scherenschnitten von Irma Zeidler

1. Auflage 1958
2. Auflage 1961
3. Auflage 1962

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Altberliner Verlag, Berlin


Illustrationen von Illustrationen von Klaus Ensikat

1. Auflage 1994 
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Postreiter-Verlag, Halle


mit Leinenstegen als Leporello gebunden
Illustrationen von Lieselotte Scherffig

1. Auflage 1973
2. Auflage 1974
3. Auflage 1978 

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Postreiter-Verlag, Halle


mit Leinenstegen als Leporello gebunden
Illustrationen von Jutta Kirschner

1. Auflage 1985
2. Auflage 1986
3. Auflage 1987
4. Auflage 1989
5. Auflage 1990

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15 November 2025

Kurt David: Der Löwe mit der besonders schönen langen Mähne

Buchanfang:
Es war einmal ein einsamer Löwe mit einer besonders schönen langen Mähne, der den hellen Tag immerzu faul und träge unter dem grünen Blätterdach eines großen Baumes verbrachte. Sobald jedoch die Sonne untergegangen war, brüllte er: „Ich bin der König der Tiere!“
Hatte er das ein-, zwei- oder auch dreimal hinausgebrüllt, verstummten alle. Selbst die Vögel schwiegen in den Büschen, und die Furcht drang bis in ihre Nester.
Die Stille war so ungeheuerlich und tief, als seien die Tiere bereits durch das schauerliche Gebrüll getötet worden.
Nachdem der Löwe die entsetzliche Angst der anderen lange genug ausgekostet hatte und auch den Stolz, nur schrecklich brüllen zu brauchen, befahl er wie alle Tage zuvor nach Sonnenuntergang mit donnernder Stimme: „Und jetzt her zu mir: Mich hungert!“ Die furchtbare Ungewißheit, wen er an diesem Tag töten würde, ließ die Tiere jedesmal aufs neue erzittern. Doch sie kamen. Die Rehe kamen, die Hirsche, die Hasen und wilden Schweine, die wilden Pferde trabten zu dem großen Baum, wo der Löwe lauerte. Die Schafe und Ziegen, sogar die Schakale und Füchse schlichen herbei, die Hyänen, Affen, Rinder und Kamele. Kurzum, wer Angst hatte, kam, und das waren mehr, als hier aufgezählt werden können.

Bilder von Horst Bartsch

Der Kinderbuchverlag, Berlin
1. Auflage 1978
2. Auflage 1979
3. Auflage 1981
4. Auflage 1849
5. Auflage 1988

14 November 2025

Waldtraut Lewin: Poros und Mahamaya – Eine Geschichte aus dem alten Indien

Klappentext:
Ins alte Indien führt diese Erzählung, in der sich Geschichte, Sage und Erfindung mischen. Sie erinnert an das Lied von den zwei Königskindern, die nicht zueinander kommen konnten. Das Wasser, das beide trennt, ist hier die Gegensätzlichkeit in der Lebenshaltung. Wildheit und Leidenschaftlichkeit stehen klugem und kühlem Taktieren entgegen, sie sind wie Feuer und Wasser, eines schließt das andere aus. Und es ergibt sich schließlich, daß der nüchterne politische Verstand die Oberhand gewinnt, nicht kampflos, aber mit geringeren Opfern als eine Schlacht, wie Poros sie dem Eroberer Alexander am Jhelam-Fluß liefert. Nach langen schweren Jahren versprechen Poros und Mahamaya sich einander unter dem Aschokabaum, doch auch da haben die Prüfungen noch kein Ende. Erst als Frieden einkehrt, ist auf ein wenig Glück zu hoffen, nicht nur für die Könige, auch für die Völker.

erzählt nach der Oper »Alexander in Indien« von Georg Friedrich Händel
Illustrationen von Jutta Mirtschin
Für Leser von 12 Jahren an

Der Kinderbuchverlag, Berlin
1. Auflage 1987