13 Februar 2024

Waltraut Lewin: Garten fremder Herren – Zehn Tage Sizilien

Klappentext:
Momentaufnahme Sizilien, Streiflichter, Steinchen eines Mosaiks. Eine Schriftstellerin sammelt Eindrücke und Fakten für einen Roman über Friedrich II. von Hohenstaufen, der vor einem dreiviertel Jahrtausend diese Insel regiert hat. War er ein Förderer jenes Landes, dessen unvergleichliche Schönheit einst gerühmt wurde, oder ein Fremder wie die Griechen und Araber, die Normannen und Spanier, die Sizilien das Siegel ihrer Herrschaft aufdrückten? Da wird die schillernde Welt des Stauferkaisers heraufbeschworen, deren Kastelle und Dome heute Touristenattraktionen sind. Dann wieder verlieren sich die Konturen in den Zeitläuften der Jahrhunderte, bleibt nur das Spiel der Marionetten im Teatro dei pupi, dem traditionellen Puppentheater, faszinierend und abweisend zugleich. Historische Reminiszenzen weichen kräftigen Impressionen sizilianischer Gegenwart. Verdorrte Felder und erste Neuanpflanzungen; streng patriarchalische Strukturen, Mafiawillkür und der Widerstand derer, die sich nicht bevormunden lassen.

Waldtraut Lewin, geboren 1937, hat als Dramaturg und Regisseur gearbeitet und zahlreiche Händel-Opern übersetzt; 1970 Händel-Preis. Sie veröffentlichte die Roman-Trilogie „Herr Lucius und sein Schwarzer Schwan“ (1973), „Die Ärztin von Lakros“ (1977) und „Die stillen Römer“ (1979), die Biographie „Gaius Julius Caesar“ (1980), „Der Sohn des Adlers, des Müllmanns und der häßlichsten Frau der Welt – Ein Märchen vom Eis und vom Feuer“ (1981) sowie „Viktoria von jenseits des Zauns – Drei Märchen über die Liebe“ (1981). Außerdem schrieb sie „Katakomben und Erdbeeren – Notizen einer italienischen Reise“ (1977), mehrere Erzählungen, Hörspiele und das Libretto der Rock-Oper „Rosa Laub“. Sie lebt als freischaffende Schriftstellerin in Berlin und erhielt 1978 den Lion-Feuchtwanger-Preis.

Buchanfang:
Statt eines Epilogs
Sie machen nicht viel Federlesens. Während in Rom, in Torino, in Mailand noch Tausende sich versammeln, um es abzuwehren, handeln sie schon. Da unten, wo es keiner sieht, und wer es sieht, hält den Mund, vielleicht gehört das auch mit zur „omertà“, zur mafiosen Schweigepflicht: daß sie auf Sizilien schon längst die Raketenbasen bauen, gegen die das Land sich wehrt. Die Herren, die da unten die Baugenehmigungen vergeben, fragen nicht viel nach Legalität, wenn's ums Geschäft geht. Nun soll der Tod in greifbarer Gestalt in den Garten einziehen.
Die schrecklichen Morde, die wir da unten erlebten, schreibt Cecilia, sind Rivalitäten innerhalb verschiedener Rauschgiftringe der Mafia. In Palermo wird das Zeug nicht nur an Land gebracht, wenn es von Fernost und aus der Türkei kommt, dort stehen auch die Laboratorien. Aus zehn Kilo Rohopium, für fünfhundert Dollar in Hongkong erstanden, macht man hier Heroinbriefchen, die den Händlern 225 000 Dollar einbringen. Der Richter, der die Untersuchung leitet, ist kürzlich in Rom auf offener Straße umgebracht worden.
Wegen der großen Trockenheit im Lande, schreibt die Zeitung, haben ein paar Viehhirten ihre fast verschmachtenden Herden in die staatlichen Wälder getrieben und sind daraufhin verhaftet worden. Die Bewässerungssysteme sind in Privathand, die Staudämme aufgrund mafioser Machenschaften unvollendet, viele Bauernfamilien sind verzweifelt. Trotzdem: Treibt die Herden nicht in die Wälder. Sie sind das Pfund der Hoffnung. Wie die Demonstranten in Rom. Wie die Kinder der Insel.
November 1981

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: NL podium
1. Auflage 1982 

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