25 März 2025

Igor W. Moshejko: 7 und 37 Wunder der Welt

Buchanfang:
EINFÜHRUNG
Als Weltwunder galten in der Antike sieben Bau- und Kunstwerke: die ägyptischen Pyramiden, das Mausoleum von Halikarnassos, der Koloß von Rhodos, der Leuchtturm bei Alexandria, der Artemistempel von Ephesos, die Zeusstatue in Olympia und die Hängenden Gärten Babylons.
Ihre Auswahl war durch die magische Zahl Sieben begrenzt, sie hing auch mit den Schranken des menschlichen Gedächtnisses und mit der Enge der antiken Welt, vor allem aber mit der Beharrlichkeit der Tradition zusammen. Nachdem irgendein Mächtiger oder Weiser die Liste der Wunder etwa im 3. Jahrhundert v. u. Z. festgelegt hatte, wurde sie von den Bewohnern der Mittelmeerregion so akzeptiert und beibehalten, und nur einige Lokalpatrioten versuchten zuzeiten, Korrekturen anzubringen, ohne jedoch das Prinzip selbst in Frage zu stellen. So betrachtete zum Beispiel der römische Schriftsteller Martialis das Kolosseum als ein Weltwunder, andere rechneten die Alexandrinische Bibliothek, noch andere den Pergamonaltar zu den Wundern.
Als tausend Jahre nach dem Untergang des Römischen Reiches vorüber waren und die Menschen begannen, sich für Ereignisse und Dinge außerhalb ihrer eigenen kleinen Welt zu interessieren, erinnerte man sich auch jener sieben Weltwunder. Der Respekt vor der Antike war so groß, daß die sieben Bau- und Kunstdenkmale nunmehr als ein unteilbares Ganzes aufgefaßt wurden, obwohl einige der Weltwunder längst vom Erdboden verschwunden und nur noch aus alten Schriften oder durch mündliche Überlieferung bekannt waren. Seither sprach man gelegentlich von einem »achten Weltwunder«. Als achtes Wunder wurden Palmyra, Petersburg, Venedig und sogar der Eiffelturm bezeichnet. Niemals war die Rede von einem neunten Weltwunder, ein neuntes Wunder konnte es nicht geben. Die Anzahl der Weltwunder wurde stets nur um eines erhöht und damit die Einzigartigkeit eines Bau- oder Kunstwerkes ausgedrückt, das später als jene kanonisierten sieben entstanden war.
Die Griechen unternahmen zwar bemerkenswerte Reisen, doch über das Mittelmeer kamen sie selten hinaus, wußten deshalb nicht viel über Zentralindien, Südostasien, noch weniger über China, hatten wohl kaum eine Vorstellung von dem Teil Afrikas, der südlich der Sahara lag. Bau- und Kunstwerke, die außerhalb ihrer engen Welt entstanden und zur Zeit der großen griechischen Seefahrten vielleicht bereits vernichtet oder vergessen waren, und solche, die erst nach der strengen und doch subjektiven Auswahl der sieben Weltwunder bekannt wurden, blieben unberücksichtigt. So kam eine historische Ungerechtigkeit zustande, derer man sich offenbar stets bewußt war. Das drückt sich in den späteren Versuchen aus, manche Wunder durch andere zu ersetzen oder ein achtes Wunder hinzuzufügen. Jede historische Ungerechtigkeit kann wiedergutgemacht werden, sofern sie nicht bereits große materielle Verluste zur Folge hatte; sie kann zumal dann korrigiert werden, wenn sie nur auf einer Vereinbarung beruht. Ohne die Auswahl der Alten antasten zu wollen, gehe ich im vorliegenden Buch von jenen bekannten sieben Weltwundern aus, versuche dann jedoch, das Wunderensemble der Antike zu erweitern und eine Reihe von Wundern zu beschreiben, mit denen die alten Griechen nicht in Berührung gekommen waren.
In den letzten fünf Jahrtausenden sind von den Menschen viele außergewöhnliche Kunstwerke geschaffen und viele großartige Bauwerke errichtet worden. Welche von ihnen soll man als »Wunder« betrachten? Offenbar solche, die aufgrund ihrer Idee oder Ausführung im Rahmen der Kulturgeschichte des betreffenden Volkes etwas außerordentlich Bedeutendes, vielleicht Einmaliges, Unwiederholbares darstellen und zugleich die Geschichte und Kultur der gesamten Menschheit bereicherten.
Doch selbst derart hoch angesetzte Kriterien gestatten nicht die vollständige Erfassung all der großartigen Kulturdenkmale, die die Menschheit hervorbrachte. Es sind ihrer so viele, daß man sie nicht in einem oder in zwei Büchern, ja nicht einmal in zehn Bänden beschreiben könnte.
Im Jahre 1969 erschien im Verlag Nauka mein Buch »Weitere 27 Weltwunder«, das die Beschreibung von 27 Kunst- und Bauwerken Asiens enthält. In Asien bildeten sich die ältesten und verschiedenartigsten Kulturen heraus, die später die Entwicklung der Weltkultur stark beeinflußt haben. Die Wunder der ganzen Welt sind ein nahezu unerschöpfliches Thema, während die Wunder Asiens (deren es freilich mehr als 27 gibt) doch überschaut und in einem Buchband in knapper Form beschrieben werden können. Viele geschichtliche Faktoren trugen dazu bei, daß uns die asiatische Kultur weniger bekannt ist als beispielsweise die Kultur der Antike. Andererseits stellen wir ein ständig wachsendes Interesse am Osten fest, da die Rolle der östlichen Länder heute weit größer ist als noch vor hundert Jahren. Zudem hatte der Verfasser selbst Gelegenheit, viele Länder und Regionen des Ostens kennenzulernen und eine Reihe der beschriebenen Denkmale zu besichtigen.
In vielen Fällen habe ich mich der traditionellen Wertschätzung von Denkmalen angeschlossen. So wurden in das genannte Buch zum Beispiel Beschreibungen von Tadsch Mahal, Borobudur und Angkor aufgenommen. Daneben sind jedoch auch Kulturdenkmale berücksichtigt, die manchen Lesern weniger bekannt sein dürften, obwohl sie unbestritten zu den bedeutendsten der Welt gehören, wie Pagan, Baalbek, Konaraka und andere. Bisweilen mußte zwischen zwei oder mehreren einander sehr ähnlichen Denkmalen gewählt werden. In solchen Fällen entschied ich mich mit Hinblick auf seine Entstehung und spätere Geschichte für das meiner Ansicht nach interessantere Bau- oder Kunstwerk. Doch wer wollte darüber streiten, ob die Schönheitskrone den Fresken von Sigirija oder den Wandgemälden von Adschanta gebührt, ob der Tempel von Kantschipuram oder der von Konaraka, der Todai-ji-Tempel von Nara oder die Buddhastatue von Kamakura das jeweils großartigere Kunstwerk ist. Sie alle stellen unschätzbare Kulturwerte dar. Dennoch mußten einige Denkmale unberücksichtigt bleiben; denn das Buch sollte kein Nachschlagewerk sein, sondern anregende Lektüre bieten. Sicherlich stimmten nicht alle Leser der zum Teil subjektiven Auswahl zu. Damit mußte sich der Autor abfinden.

Inhalt:
EINFÜHRUNG
I. DIE ERSTEN SIEBEN WUNDER
Das erste Weltwunder. Die Pyramiden Ägyptens .. .. .. 14
Das zweite Weltwunder. Die Gärten von Babylon .. .. .. 18
Das dritte Weltwunder. Der Artemistempel von Ephesos .. .. .. 23
Das vierte Weltwunder. Das Mausoleum von Halikarnassos .. .. .. 30
Das fünfte Weltwunder. Der Koloß von Rhodos .. .. .. 35
Das sechste Weltwunder. Der Leuchtturm von Alexandria .. .. .. 38
Das siebente Weltwunder. Die Zeusstatue von Olympia .. .. .. 41
II. DER NAHE OSTEN UND MITTELASIEN
Die babylonische Zikkurat. Gab es den Turm zu Babel? .. .. .. 47
Die Inschrift von Behistun. Ein König sorgte vor .. .. .. 55
Persepolis. Ein Säulenwald .. .. .. 63
Baalbek. Die phantastischen Steinplatten .. .. .. 70
Palmyra. Die Erhebung einer Oase .. .. .. 80
Nemrud-Dagh. Vier Götter und Antiochos .. .. .. 89
Petra. Hat Mose die rosarote Felsenstadt erbaut? .. .. .. 99
Hadramaut. Städte mit Wolkenkratzern .. .. .. 107
Das Göremetal. Die Höhlen von Kappadokien .. .. .. 115
Schah-i-Sindeh. »Wahrlich, unsere Werke weisen auf uns« .. .. .. 121
Die Sternwarte Ulug Begs. Von Henkern und Gelehrten .. .. .. 128
Chiwa. Straßen und Türme eines Museums .. .. .. 140
III. AFRIKA
Die Felsbilder von Tassili. Ein Sieg der Wüste .. .. .. 150
Karnak. Die tausendjährige Zwiebel .. .. .. 159
Abu Simbel. Ein zweifaches Wunder .. .. .. 168
Timgad. Eine römische Musterstadt .. .. .. 178
Meroë. Die Schlacke der Schmelzöfen .. .. .. 184
Aksum. Türme der Toten .. .. .. 192
Lalibela und Kailasanatha. Getrennte Zwillinge .. .. .. 199
Simbabwe. König Salomos Bergwerke? .. .. .. 208
Ife und Benin. Bronze und Terrakotta .. .. .. 216
IV. INDIEN UND SRI LANKA
Die Tschandraguptasäule. Wiederum Außerirdische? .. .. .. 227
Der Tempel von Konaraka. Die Schwarze Pagode .. .. .. 234
Fatehpur-Sikri. Die Stadt des Außenseiters .. .. .. 244
Tadsch Mahal. Das weiße Wunder .. .. .. 252
Anuradhapura. Sonnenaufgang auf dem Gipfel des heiligen Berges .. .. .. 261
Sigirija. Galerie der einundzwanzig Schönen .. .. .. 270
Pagan. Fünftausend Tempel .. .. .. 278
V. SÜDOSTASIEN UND FERNER OSTEN
Schwe-Dagon. Die goldene Pagode .. .. .. 286
Die Mingunpagode. Eine Prophezeiung und ihre Folgen .. .. .. 294
Vorhaben .. .. .. 300
Der Königspalast von Mandalay. König Mindons letztes Angkor. Hier lebten Giganten .. .. .. 310
Borobudur. Für Gottes Augen .. .. .. 321
Dunhuang. Die Höhlen der tausend Buddhas .. .. .. 329
Die Chinesische Mauer. Das größte Wunder .. .. .. 340
Todai-ji. Holz, Bronze und Steine .. .. .. 347

Originalausgabe: Игорь Можейко: 7 и 37 чудес, издательство «Наука», Москва 1983
Aus dem Russischen von Emilia Crome
Einband und Illustrationen: Werner Ruhner

Gemeinschaftsausgabe
Verlag MIR, Moskau
Urania-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin

1. Auflage 1988

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