29 September 2026

Friedrich Gerstäcker: In den Red-River-Sümpfen

Heftanfang:
Der Krieg in den wiedervereinigten Staaten von Nordamerika war beendet, General Lee, bis dahin der erfolgreichste der Rebellengenerale, zur Übergabe gezwungen worden, Präsident Jefferson Davis gefangen und die südliche Armee entweder in Kriegsgefangenschaft geraten oder zerstreut. Die meisten der letzteren hatten die Gren Grenze nach Mexiko überschritten, wo ein Teil bei Juarez Dienste gegen den Kaiser Maximilian nahm, andere flohen nach Westen – alle aber doch nur so lange, bis sie dieses Leben satt bekamen und sich zurück in die Staaten und zu ihrer Arbeit sehnten.
Daneben hatten sich, auch schon, solange der Krieg noch dauerte, besonders in den westlichen Staaten Verbrecherbanden gebildet, die, wie sie Cooper in seinem Roman „Der Spion“ schildert, weder Freund noch Feind kannten. So die Jayhawkers in Arkansas und die Bushwhackers in Missouri. In Europa glaubte man damals, mit den amerikanischen Verhält-nissen nicht vertraut, daß sich selbst noch nach dem Krieg zahllose Banden im Land halten würden, und ähnliche Fälle konnte man auch in einigen anderen amerikanischen Staaten, besonders in Mexiko, beobachten aber der Nordamerikaner ist aus anderem Zeug gemacht. Die jungen Leute, die jetzt jahrelang unter den furchtbarsten Strapazen draußen im Feld gelegen hatten, verlangten in ihre Heimat, zu ihrer Arbeit zurückzukehren, und Monate, ja Wochen später schon, sobald die Armee nur entlassen war, hatten die jetzt wieder freien Soldaten auch die Muskete mit der Pflugschar oder der Werkstätte vertauscht.
Wo sich noch, zum Beispiel in Arkansas, einiges Gesindel herumtrieb, wurde es rasch genug von den Bewohnern, ohne die Polizei zu bemühen, aufgestöbert, und ehe drei Monate nach Friedensschluß vergingen, waren Straßen und Wälder wieder so sicher, wie sie es je gewesen.
Um so mehr Verwunderung erregte deshalb ein Gerücht, daß sich am Red River, und zwar in dem Grenzdistrikt zwischen Arkansas und Texas, eine Räuberbande festgesetzt habe, die ungescheut den Krieg gegen den Norden fortsetze und alles morde und ausraube, was in ihren Bereich komme. Eigentümlicherweise wurde dem aber vom Süden aus widersprochen; mehrere Pflanzer aus Texas hatten nämlich jene Gegend passiert, ohne im geringsten behelligt zu werden, und behaupteten, von einer dort existierenden Bande nicht das geringste gehört zu haben. Und trotzdem verschwanden Personen aus dem Norden, die sich in jene Gegend gewagt hatten, und auch ein paar Neger fand man den einen ermordet im Wald, den anderen, mit einer fast drei Zoll langen Stichwunde im Rücken, den Red River hinabtreibend.
Woher man es wußte, konnte niemand sagen – es lag, wie das oft bei der-gleichen Dingen geht, in der Luft –, aber es hieß, der Anführer der Bande sei ein gewisser Baker, der allen „Yankees“ und „Negern“ den Tod geschworen habe, und Tatsache war, daß man noch von keinem ermordeten Südländer wußte. Um so mehr aber fand sich die Militärbehörde von Little Rock dadurch veranlaßt, ein Streifkorps gegen diesen Bandenchef, der den Krieg auf eigene Faust, wenn auch im kleinen, fortführen wollte, auszusenden.
Es waren das hundert Mann unter der Führung eines Obersts Root; aber vergebens durchsuchten sie den ganzen Distrikt, sie konnten keine Spur von einer Bande finden; die dort vereinzelt wohnenden Baumwollpflanzer wollten ebensowenig davon wissen, und nach zwei Monaten kehrte die Truppe unverrichtetersache nach Little Rock zurück, wohin sie die Meldung brachte, die Bande, wenn sie je existiert habe, sei zerstreut oder jedenfalls weiter nach Texas hineingetrieben.
Kaum aber war der Oberst wieder in der Hauptstadt des Staates angelangt und seine Meldung eben an das Hauptquartier abgegangen, als schon wieder die Kunde von der Ermordung eines Yankee-Pedlars oder Krämers und eines freien Negers, den er bei sich gehabt hatte, eintraf, und als sich nach kaum acht Tagen solche Unglücksbotschaften wiederholten, konnte man nicht mehr daran zweifeln, daß der Oberst wohl nur an der falschen Stelle gesucht habe und die Bande noch nach wie vor ihr Unwesen. treibe.
In Little Rock befand sich ein junger Kapitän, Bradshaw, der sich in dem letzten Krieg besonders ausgezeichnet hatte. General Solwitch, der jetzt dort Kommandierende, beschloß, ihm die Führung eines neu auszusendenden Korps zu übertragen.
Bradshaw stammte selbst aus dem Süden der Union und war in New Orleans geboren, aber sein Vater aus dem Norden dahin gezogen, wo er ein größeres Geschäft gründete, sich verheiratete und ebenfalls Sklaven hielt. Seine Frau war eine eingefleischte Südländerin, ebenso hingen seine Töchter, von denen sich eine nach Charleston verheiratete und dort kurz vor Beendigung des Krieges starb, dem Süden an. Nur der Sohn, der im Norden erzogen worden war, stand auf der Seite der Union oder entschied sich wenigstens dafür bei Beginn des Krieges und hatte jetzt, sehr zum Leidwesen seiner Mutter, den ganzen Kampf siegreich mit durchgefochten.
Er war auch sofort bereit, den etwas abenteuerlichen Zug zu unternehmen, erbat sich aber von General Solwitch nicht etwa hundert, sondern höchstens zehn Mann zu seiner Begleitung, die er sich selbst auszusuchen wünschte. Ebenso hielt er es für ratsam, daß die kleine Truppe nicht in Uniform, sondern in Hinterwäldlertracht ausziehe, und daß sie dabei schwer bewaffnet gingen, fiel in diesem wilden Land überhaupt nicht auf.

Umschlag und Illustrationen von Harri Förster

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer, Heft 410 
1. Auflage 1980