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17 Juli 2023

Hans-Günter Krack: Jens auf dem Strom

Jens wird Gewinner eines Preisausschreibens und darf einige Stunden auf einem Boot der Wasserschutzpolizei verbringen. Daß es das gleiche Boot ist, das Jens und seine Freunde beim unerlaubten Springen von einer Brücke ertappte, führt zu einigen Problemen . . .

Buchanfang
Die Herausforderung

Im Freibad herrschte an diesem sonnigen, glühend heißen Julitag kurz nach Beginn der Sommerferien Hochbetrieb. Man konnte keine drei Züge geradeaus schwimmen, ohne jemanden zu rammen. An einen sauberen Kopfsprung vom Turm war ebenfalls nicht zu denken. Die Nachdrängenden ließen einem gar keine Zeit dazu, sich zurecht zu stellen oder einen Anlauf zu nehmen. Auf der Liegewiese lagen die Leute so dicht, daß kaum noch Gras zu sehen war, und auf den Ballspielplätzen spielten so viele Mannschaften durcheinander, daß man nur mit Mühe herauszufinden vermochte, wer zu wem gehörte.
Jens, Matti, Sascha und die beiden Mädchen kamen zum zweiten Mal aus dem Wasser und schlängelten sich zwischen sonnenölglänzenden Leibern, Kinderwagen, krabbelnden Kleinkindern, Badetaschen und Gummitieren zu ihren Decken durch. Die fünf gingen nicht nur in dieselbe Klasse, sie wohnten auch in derselben Straße im Mühlenbergviertel. Wie schon oft, waren sie nachmittags zusammen ins Bad geradelt, heute nach einem Besuch im Pionierhaus, wo das Theaterstück »Sombrero« gezeigt worden war.
»Mir reicht's!« schimpfte Matti, während er sich abtrocknete. »So ein Gewühle überall, das ist ja nicht zum Aushalten. Ich fahr' zur Elbe. Weiß einen prima Badeplatz, nicht weit von der Brücke. War vorgestern mit meinem großen Bruder dort. Kaum ein Mensch da, einwandfrei zum Schwimmen und Aalen, und wenn ein Motorschiff vorbeikommt – kostenloser Wellengang. Wer fährt noch mit, Leute?«
»Ich!« rief Jens, der sich gerade hingelegt hatte, und stand schnell wieder auf.
»Ich auch«<, erklärte Sascha.
»Und ihr?« fragte Matti die Mädchen.
»In der Elbe baden, in der Dreckbrühe? Nee, du, besten Dank«, lehnte Kordula ab, und Heike meinte, außerdem sei ihr das wegen der Strömung zu gefährlich.

Illustrationen von Reiner Schwalme

Postreiter-Verlag, Halle
Kleine Jugendbücherei

1. Auflage 1987

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auch erschienen bei:

Geb. Knabe Verlag, Weimar
Knabes Jugendbücherei

Mit Illustrationen von Hans Wiegandt

1. Auflage 1981
2. Auflage 1983

20 Juni 2023

Michael Szameit: Planet der Windharfen

Wie ein Totenschädel wächst der Dritte im System Tul aus dem Dunkel. Der Anblick dieser fleckigen Kugel läßt Proximer Asper Omega mißmutig schnaufen. Wäre sie doch so kahl und leblos, wie sie sich gibt, denkt Asper und murmelt einen leisen Fluch.
Kosmander Rendel Borg starrt unberührt auf die gläserne Halbkugel des Astrogoniums, die Finger seiner rechten Hand dirigieren den Hebel des Multitensors in verwirrenden Figuren, und für Sekunden ergreift Asper wieder jene Bewunderung, die er immer empfindet, wenn er sich vergegenwärtigt, welch gewaltige Kräfte dieses filigrane Spiel unter den menschlichen Willen zwingt. Aber Borg ist damit nicht zufrieden, das hat Asper recht bald erkannt. Dem blaßgesichtigen, immer etwas steifen Kosmander genügt es nicht, Herr über einen der bewährten Fernerkunder vom Typ Manta 4 zu sein. Die Omikron 278-A ist für ihn nur eine Stufe der Treppe, die in solch schwindelerregenden Höhen endet, daß ein kleiner Proximer besser gar nicht erst den Blick hebt, um den Glanz zu bestaunen, der von dort oben herabrieselt. Nein, Borg wird exakt nach der Vorschrift handeln; keine Macht der Welt könnte ihn dazu bewegen, den Planeten zweckmäßigerweise für unbelebt zu erklären, die tektonischen Bomben zu werfen und die Meßwerte zu speichern, ohne zu landen. Er wird sie wieder wochenlang bohren lassen, bohren und immer wieder bohren – schön nach Vorschrift.
Stellaster Fratt hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht, hat gejammert und gemault, sein fettes Gesicht in dicke Falten gelegt, die unruhigen kleinen Augen böse funkeln lassen – aber ein Blick des Kosmanders, der mehr Erstaunen als Mißbilligung ahnen ließ, glättete die Unmutswogen im Gemüt des Stellasters, und dessen Widerstand erlosch endgültig in einem wehmütigen Seufzer, als Borg befahl: „Mach die Fähre klar, Dicker. Wir müssen runter, wie's scheint.“
Jetzt hockt Fratt apathisch in seinem Sessel und kämpft gegen die Schläfrigkeit, die seine Augen zu wässrigen Schlitzen schrumpfen läßt. Unerwartet kommt Leben in diese Skulptur erzwungenen Gleichmuts. Ein winziges Pünktchen zwischen den floureszierenden Linien des Fadenkreuzes auf dem Alphascreen, das Asper erst nicht weiter beachtet, zieht Fratts rechten Zeigefinger mit magischer Gewalt an. „Flugobjekt aus Quadrat acht, Distanz zweiundzwanzigtausend“, stößt der Stellaster verblüfft aus, dabei aber um eine korrekte Meldung bemüht.
Borgs Kopf ruckt eine Winzigkeit zu hastig herum. „Das muß eine Scoutsonde sein. Die holen wir uns. Ein einmaliger Fang, erspart uns unter Umständen eine Menge Arbeit, wenn sie das System Tul aufgeklärt hat.“
„Die letzten Scouts wurden vor über zweihundert Jahren gestartet...“, gibt Asper zu bedenken.
„Ganz recht, Proximer.“ Borg lächelt herablassend, wobei sich die Höcker über seinen Augenbrauen leicht verfärben. „Und nun stellen Sie sich einmal vor“, fährt er triumphierend fort, „wie viele Systeme dieses liebe Maschinchen in den vergangenen zwei Jahrhunderten erkundet hat und was dieses Material uns dreien einbringen kann.“

Mit Illustrationen von Reiner Schwalme

Verlag Neues Leben, Berlin  
Das Neue Abenteuer Nr. 441

1. Auflage 1983