26 Februar 2025

Jimmie Durham

Das Schlimmste an unserer heutigen Situation ist, daß keiner von uns sich für echt hält. Wir halten uns nicht für echte Indianer. Jeder trägt dieses „dunkle Geheimnis“ im Herzen, nie wird es ausgesprochen. Wir wissen, daß wir als verunsicherte, „mit Armut geschlagene“ Individuen (und die Armut schlägt tatsächlich immer wieder zu) den Normen von Crazy Horse einfach nicht gerecht werden. Selten bedenken wir, daß dies auch den Gefährten von Crazy Horse nicht gelang.
Die Norm, an der wir uns messen und vor der wir am häufigsten versagen, ist das letztlich rassistische Klischee des „edlen Wilden“. Alle müssen stark und schön sein, tapfer bis zur Unvernunft, stoisch und durch und durch mystisch vergeistigt. Dieses Klischee wirkt in uns, auch wenn wir es durchschauen und verurteilen. Man hat uns beinahe zu Tode romantisiert.
Wer kann die über neunzig Jahre alte Kriegerin Lizzie Fast Horse vergessen, die sich noch an das Massaker von Wounded Knee 1898 erinnern konnte? 1973 in Wounded Knee trug sie Revolver und Schrotflinte.
Die Jahre nach 1973 brachten uns Tod, Unterdrückung, Tragödie und weitere Verunsicherung. Aber die alte Hoffnung schwelte. Wie viele ehrende Lieder habe ich in den letzten zehn Jahren gehört? Mehr als in meinem ganzen bisherigen Leben.
Jimmie Durham

Jimmie Durham, 10. Juli 1940 als Stammesmitglied der Tscherokesen in Texas geboren, gehört zu den Wortführern der Amerikanischen Indianerbewegung. In den siebziger Jahren vertrat er alle Indianerstämme der USA in den Vereinten Nationen. Um möglichst viele Indianervölker kennenzulernen, bereiste Jimmie Durham Nord- und Südamerika. Er unternahm auch Reisen in die DDR und andere Länder Europas.

Ausgewählt und aus dem Amerikanischen übertragen von Edith Anderson
Umschlagvignette und Innengrafik: Jimmie Durham

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Poesiealbum 209
1. Auflage 1985  

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