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12 Mai 2020

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed



Als Theodor Fontane im Sommer 1858 gemeinsam mit seinem Freund Bernhard von Lepel Schottland bereist, ist er fasziniert. In der kargen, doch reizvollen Landschaft zwischen dem Tweed-Fluß im Süden und dem rauhen nördlichen Hochland hat jeder Fußbreit Erde seine Geschichte - der Nachwelt in unzähligen Sagen und Anekdoten, in Shakespeares "Macbeth" und Walter Scotts Romanen überliefert. So wird der Ausflug nach Schottland zugleich ein Abstecher in die Historie des Landes. Die Haupt- und Residenzstadt Edinburgh mit ihrem Felsenschloß und ihren Palästen, ihren Kirchen und Prachtstraßen; das reizend gelegene Linlithgow wie das malerische Stirling Castle; das "alte, schöne" Perth wie das rasch erblühende Inverneß präsentieren sich nicht nur als touristische Attraktionen, sondern auch als Schauplätze einstiger Machtkämpfe: zwischen rivalisierenden Lords, zwischen Adel und Krone, Puritanern und Royalisten. Gastwirt und Kutscher, Kastellan und Fremdenführer wissen davon zu erzählen. Fontane hat ihnen "aufs Maul geschaut". In seinem brillanten Reisebericht agieren sie neben den Stuarts, Douglas', MacGregors und bekunden, daß Traditionsbewußtsein und Freiheitsliebe des schottischen Volkes die Jahrhunderte überdauert haben.

Rütten & Loening Berlin, 1. Auflage 1974

07 Mai 2020

Theodor Fontane: Quitt

Buchbeginn
Die Kirche war noch nicht aus, aber die alte Frau Menz und ihr Sohn Lehnert - ein schlanker, hübscher Mensch von siebenundzwanzig, dem man auch ohne seine siebenziger Kriegsdenkmünze (neben der übrigens auch noch ein anderes Ehrenzeichen hing) den altgedienten Soldaten schon auf weite Entfernung hin angesehen hätte - hatten den Schluß des Gottesdienstes nicht abgewartet und saßen bereits draußen auf einem großen Grabstein, zu dessen Häupten eine senkrecht stehende Marmorplatte mit einer "Christi Himmelfahrt" in Relief in die dicht dahinter befindliche Kirchhofsmauer eingelassen war. Der Sohn, der schon während einer ganzen Weile mit der Kante seiner Stiefelsohlen allerlei Rinnen in den Sand gezogen hatte, war augenscheinlich verstimmt und vermied es, die Mutter anzublicken, die ihrerseits ängstlich vor sich hin sah und darauf wartete, daß der Sohn reden solle. Dazu kam es aber nicht, und so hörte man denn nichts als die letzte Liederstrophe, die drinnen eben gesungen wurde. Sonst war alles still. Der grelle Sonnenschein lag auf den Gräbern, die Schmetterlinge flogen dazwischen hin und her, und über dem Ganzen wölbte sich der tiefblaue Himmel und versprach einen heißen Tag...

Verlag Volk und Welt Berlin, 1985
Roman-Zeitung Nr. 418

04 Mai 2020

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel



Buchbeginn
An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon sommerlich, bog ein zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und dann in die Adlerstraße ein und hielt gleich danach vor einem, trotz seiner Front von nur fünf Fenstern ziemlich ansehnlichen, im übrigen aber altmodischen Hause, dem ein neuer, gelbbrauner Ölfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte, beinahe das Gegenteil. Im Fond des Wagens saßen zwei Damen mit einem Bologneserhündchen, das sich der hell- und warmscheinenden Sonne zu freuen schien. Die links sitzende Dame von etwa dreißig, augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin, öffnete, von ihrem Platz aus, zunächst den Wagenschlag und war dann der anderen, mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer hohen Fünfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen behilflich.Gleich danach aber nahm die Gesellschafterin ihren Platz wieder ein, während die ältere Dame auf eine Vortreppe zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat...

Verlag Volk und Welt Berlin, 1978
Roman-Zeitung Nr. 335