Ganz überraschend bekam ich ein Telegramm: „Einftreffe 13 Uhr in Schönefeld – stop – Harri!" Ja, und dann saß ich im Wagen und fuhr Richtung Lufthansa-Hafen, Berlin-Schönefeld.
Sieben Monate hatten wir uns nicht gesehen, das Erzählen wollte gar kein Ende nehmen.
Zwei seiner Erlebnisse, auf der Reise durch Kanada und die Sowjetunion, erschienen mir ihrer Aktualität wegen wert, vorgezogen zu werden. Deshalb lesen Sie, lieber Leser, in diesem Heft Kander-Erlebnisse aus dem Jahre 1956.
Um Irrtümern vorzubeugen, muß ich erwähnen, daß sich Harri von seinen Reisen eine entzückende kleine Französin mitbrachte und 1950 heiratete. Das erwähne ich deshalb, weil in der folgenden Erzählung Frauen eine gewisse Rolle spielen.
Karl Heinz Hardt
Heftanfang:
Die Tochter des Mister Blackley
Kanada. Toronto ist eine Stadt ungefähr von der Größe Leipzigs.
Breite Straßen und Gärten vor den Häusern ziehen sich um die Innenstadt mit ihren modernen Hochhäusern, an denen Lichtreklame flimmert.
Der Stadtrand trägt schon ländlichen Charakter. Siedlungshäuser sind hier in das Grün großer Gärten eingebettet. Nur die Seite zum Ontariosee zeigt ein anderes Gesicht. Hier stehen die Villen der Warenhausbesitzer, der Reedereiaktionäre und der Getreide- und Holzgroßhändler. In den Wellen schaukelnde Jachten an den weißgestrichenen Bootsstegen runden das Bild ab. Wer mit offenen Augen die Stadt betrachtet, findet aber auch, von den Villen gar nicht weit entfernt, die Baracken der Hafen- und Holzarbeiter, die nichts, aber auch gar nichts mit den Palästen der ungekrönten Könige von Toronto gemein haben, nicht einmal die Ziegel auf dem Dach, denn die Baracken sind mit Dachpappe und dort, wo auch diese fehlte, mit Reklameblechen gedeckt.
Im Zentrum der Stadt, wo der Verkehr am stärksten lärmt, liegt zwischen Bürohäusern, Restaurants, Kinos und vielen kleineren Geschäften das große Warenhaus Mister Blackleys.
„Vom Flugzeug bis zum Sonnenhut – bei Blackley kauft man immer gut!" leuchten in riesigen Lettern die Neonröhren in die Nacht. Er weiß, wie man den Leuten das Geld aus der Tasche zieht, er muß es auch, denn sein größter Konkurrent, der junge Jack Brown, zwingt ihn ständig, nach neuen Ideen zu jagen.
Charles Blackley sitzt auf der Veranda seiner Villa und schaut auf den See, auf dem sich Mabel, seine Tochter, mit Freunden im Motorboot tummelt.
Die Sonne steht schon dicht über dem Horizont und wirft den Schatten des Hauses weit auf die Fluten des Ontario hinaus.
Ein Gespräch aus Ottawa, Mister Blackley!" Das Mädchen ist eingetreten, sie hält das Telefon in der Hand, schließt das Kabel an und reicht ihm den Hörer.
"Ja? – Blackley, Toronto! – Sie sind's Stevenson? Good evening! – Wie? Nein, davon weiß ich nichts – verdammte Geschichte! Ist daran nichts zu ändern? – Ich soll das machen? – Ja, werde es versuchen – selbstverständlich benachrichtige ich Sie. Morgen schon, ja, good bye." Schweißperlen stehen Mister Blackley auf der Stirn. Es ist doch unerhört, was ihm eben Stevenson von der „Air-Co," mitgeteilt hat. Jack Brown, sein Konkurrent, will tschechoslowakische Flugzeuge verkaufen. Im Frühjahr war er in Europa, Blackley hatte schon vor Wochen davon erfahren, und nun stellt sich heraus, der Kerl hatte irgendwelche Abschlüsse getätigt. Und was hat Stevenson, der Agent der „Air-Co.", ihm Blackley, vor wenigen Minuten am Telefon gesagt?
Umschlag: Hans Räde
Verlag Sport und Technik Berlin
Reihe: Abenteuer des Fliegenden Reporters Harri Kander Heft 4
1. Auflage 1957

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