• Auch in dieser kleinen Sammlung präsentiert sich der unpathetische Stengel, den so viele Menschen wegen seiner ironischen, dabei zumeist freundlichen und niemals zynischen Art der Welt-Betrachtung schätzen als einen Mann, der im Zeitalter der GROSSEN WORTE niemals große Worte macht.
Lothar Kusche
• Er haßt Aufgeblasenheit, Hohlheit und Falschmünzerei und bekämpft sie mit sprachlicher Genauigkeit und wortgewandten, wörterumprägenden, wortverändernden Formulierungen, die schärfere Konturen in Begriffe bringen, Zustände erhellen, Umstände deutlicher machen, zum Anderssehen auffordern, den Spaß am Wortspiel wecken und nolens-volens zum eigenen Spiel mit der Sprache ermuntern.
Wolfgang Sellin
Hansgeorg Stengel, geboren am 30. Juli 1922 in Greiz. Schulbesuch in Greiz, 1941 Abitur; Soldat im zweiten Weltkrieg; nach 1945 Mitarbeit an verschiedenen Zeitschriften; von 1951 bis 1959 Redakteur des Eulenspiegel; von 1954 bis 1959 Studium der Journalistik; trat auch als Kinderbuchautor, Erzähler und Feuilletonist hervor und ist seit 1973 „nomadisierender Solokabarettist“. Hansgeorg Stengel lebt als freiberuflicher Schriftsteller in Berlin.
Gedichtbände: Mit Schrubber und Besen (1950), Gelichter und Gelächter (1954), Die neue Leier (1964), Mit Stengelszungen (1967), Frühling, Sommer, Herz und Kinder (1970), Stenglisch for you (1971), Der rettende Stengel (1974), Strophe muß sein (1977), Die feine stenglische Art (1976), Der Unschuldsstengel (1978), Mit Stengelsgeduld (1980), Epigramme und Gedichte (Sammelband, 1980), Stengelextrakt (1982)
Leseprobe:
Himmel und Erde
Entfacht nicht gleich Gezeter,
wenn einer keine Hymnen schreibt.
Wer immer auf dem Teppich bleibt,
ist noch kein Leisetreter.
Zuviel verlangt
„Philister! Hab doch Humor!“
Das kommt mir fast so vor,
als sagte man zur Forelle:
„Belle!“
Eine Nummer kleiner
Formuliere besonnen,
spar-, wirk- und einfühlsam.
Schreib keine Epitonnen.
Höchstens ein Epigramm.
Philatelisten
Der Suggestion von Postwertzeichen
kann kein Magnet das Wasser reichen.
Millionen Sammler aller Länder
sind passionierte Marketender.
Der eine sammelt Ersttagsbriefe,
der zweite Weltraumfahrt-Motive,
ein dritter sammelt Weinbergschnecken,
ein vierter Marken mit drei Ecken,
ein fünfter schließlich scheffelt Märchen,
ein sechster hamstert Zwillingspärchen.
Doch mögen Sammler auch in ihren
Motiven deutlich divergieren –
nach einem Fehldruck, rar und teuer,
lechzt jeder Sammler ungeheuer.
Es zeigt uns solches Fehl-Verhalten,
daß Fehler manchmal Glück entfalten.
Drum toleriert die kleinen Mängel!
Mit Sammlergruß:
Hansgeorg Stengel
Der Abdruck der Gedichte erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Eulenspiegel-Verlages, Berlin
Umschlagvignette und Innengrafik: Rolf Felix Müller (geb. 1932), lebt als Illustrator in Gera.
Verlag Neues Leben
Reihe: Poesiealbum 186
1. Auflage 1983
Bücher und Schriftsteller, die in der DDR gelesen wurden. Schaut bitte nicht nur danach, ob hier jeden Tag Beiträge auflaufen, nutzt diesen Blog auch wie ein Lexikon. Er ist ein Langzeitprojekt, da ist es sicherlich verständlich, wenn zwischendurch immer mal wieder pausiert wird. Sei es, um nicht die Lust daran zu verlieren, aber auch, weil die Beiträge auch regelmäßig vorbereitet werden müssen. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Stöbern und Erinnern oder neu entdecken.

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