09 August 2021

Iwan Arnaudow: Georgstag


 Georgstag: ein Frühlingsfest, das seit Jahrhunderten begangen wird, symbolische Feier des Triumphs über alle finsteren Mächte - dieser Titel steht in ironischem Kontrast zu der Geschichte, die der 1932 geborene bulgarische Schriftsteller Iwan Arnaudow erzählt. Es ist die Geschichte eines erfolglosen Poeten von heute, der sich im ungleichen Kampf mit seinen existentiellen Sorgen und den kleinen Tücken des Alltags ständig in der Defensive befindet. Doch wenn Michail seine Lyrikmanuskripte, die keiner haben will, schließlich ins Feuer wirft, so ist das nur scheinbar ein Eingeständnis seiner endgültigen Niederlage. Lakonische Kürze in der Diktion, rasch wechselnde Szenerie, unvermittelte Übergänge aus der Wirklichkeit ins Phantastische und Visionäre zeichnen diesen Roman aus, der vom Leser mehr als nur flüchtige Aufmerksamkeit verlangt.

Verlag Volk und Welt Berlin
Aus dem Bulgarischen von Egon Hartmann
160 Seiten, Ganzleinen, 6,40 M

Marijke Lanius: Erlesenes 5 - Neue Namen aus zehn Sowjetrepubliken - Erzählungen


 Erlesenes - diese Editionsform wurde gewählt, um Werke junger hochbegabter, in der Sowjetunion bereits zur ersten Reihe zählender Schriftsteller auch hierzulande zugänglich zu machen und damit den Ansprüchen des entdeckungsfreudigen Lesers gerecht zu werden. Wiederum in des Wortes doppelter Bedeutung, stellt der fünfte Band "Erlesenes" fünfzehn Autoren aus zehn Sowjetrepubliken vor, die sich in ihrer Heimat bereits hohe literarische Wertschätzung erworben haben. Ihre inhaltlich wie formal weitgefächerten Erzählungen, entstanden zwischen 1976 und 1980, konfrontieren mit verschiedensten künstlerischen Handschriften, verblüffen nicht zuletzt durch ein neues Selbstverständnis, das alle Autoren als Angehörige einer Generation ausweist, die erst nach dem Krieg ihre entscheidende Prägung erfuhr.

Verlag Volk und Welt Berlin
Ausgewählt und mit biographischen Notizen versehen von Marijke Lanius
Aus dem Russischen, Estnischen, Lettischen, Litauischen und Ukrainischen
340 Seiten, Paperback, 6,20 M

Henri Lopes: Revolution ohne tam-tam


 Gatsé arbeitet in einer Dorfschule mitten im Urwald seiner kongolesischen Heimat. Nun wird er von der jungen Volksrepublik in ein diplomatisches Amt berufen. Kulturattaché in Paris - ein verlockendes Angebot. Dennoch lehnt er vorerst ab...

Verantwortung für den schwierigen Weg der VR Kongo prägen diesen literarisch anspruchsvollen Roman, in dem ein Lehrer in fünf Briefen zu begründen versucht, warum er die Arbeit mit seinen Schülern einer glanzvollen politischen Karriere vorzieht. Henri Lopes, Jahrgang 1937, Politiker und Schriftsteller in einer Person, gehört zu den sich profilierenden Autoren der jungen kongolesischen Literatur. Mit "Revolution ohne tam-tam" hat er ein fesselndes und aufregendes, ein lehr- und aufschlußreiches Buch vorgelegt, denn er rührt an Fragen und Widersprüche, die auch für uns von Bedeutung sind.

Verlag Volk und Welt Berlin
Aus dem Französischen von Armin Kerker
Mit Anmerkungen von Christa Serauky
120 Seiten, Ganzleinen 4,80 M

06 August 2021

Wladimir Bogomolow: Leuchtspur über den Strom


 In jener Nacht war ich um neun Uhr schlafen gegangen, nachdem ich Befehl gegeben hatte, mich um vier zu wecken. Ich wollte noch vor Tagesanbruch die Vorposten kontrollieren.

Ich wurde früher geweckt - die Leuchtzeiger meiner Armbanduhr zeigten fünf Minuten vor eins.

"Genosse Oberleutnant, Genosse Oberleutnant, ich habe eine Meldung zu machen." Jemand rüttelte mich heftig an der Schulter. Im spärlichen Licht einer erbeuteten Petroleumfunzel, die auf dem Tisch schwelte, er kannte ich den Gefreiten Wassiljew. Er gehörte zu dem Zug, der gerade...

Kinderbuchverlag Berlin 1965
RBB Buch Nr 121
Illustrationen Hans Baltzer

Benno Pludra: In Wiepershagen krähen die Hähne

IM ERSTEN KAPITEL WIRD ERZÄHLT

daß wir aus dem Sommerlager kommen und in Wiepershagen alles unverändert finden.

Das kleine, graue Stationsgebäude döste in der Nachmittagssonne. Auf dem Bahnsteig stand der Papierkorb, voll bis obenhin, als hätte ihn niemand geleert, seit wir weggefahren waren. An der Bahnhofsuhr fehlte immer noch der kleine Zeiger, und der alte Stationsvorsteher Tinius trug wie vor drei Wochen seine engen schwarzen Hosen. Nur den Zaun hatte man gestrichen, hellgrün, und nun leuchtete er mit den Birken um die Wette. Als der alte Tinius uns sah, rief er: "Hoi-hoi! Wieder zurück, ihr Seeräuber?"

"Das sieht er doch", flüsterte Alwin, während wir zur Sperre liefen.

Ganz früh am Morgen - es dampfte noch Nebel über der See - waren wir aus dem Lager weggefahren. Erst mit der Kleinbahn, dann mit einem Sonderzug quer durch Mecklenburg, dann wieder mit der Kleinbahn. Und nun standen wir vor dem alten Tinius und ließen uns bestaunen. Weit hinten zuckelte unser Zug.

"Wer ist denn das?" fragte Tinius und meinte damit Alwin, der braun wie eine Kaffeebohne war.

"Etwa der vom Bürgermeister?"

 Kinderbuchverlag Berlin 1960
RBB Buch Nr 60
Illustrationen Hans Baltzer 

Lessja Ukrainka: Die Not lehrt


Es war einmal ein Spatz. Eigentlich ein Spatz wie jeder andere, leider aber war er nicht sehr gescheit. Seitdem er dem Ei entschlüpft war, hatte er kein bißchen dazugelernt. Er verstand weder ein Nest zu bauen noch ein gutes Korn zu finden. Wo er sich nur niederließ, dort schlief er auch ein, worauf nur sein Blick fiel, das pickte er auf. Das Merkwürdige an ihm war aber, daß er sehr streitsüchtig war - beim kleinsten Anlaß begann er eine Rauferei.

Einmal flog er mit seinem Kameraden, auch einem jungen Spatz, in einem Bauernhof umher. Sie scharrten und spielten auf dem Misthaufen und fanden drei Hanfkörnchen. Da sagte unser Spatz: "Das sind meine Körner! Ich habe sie gefunden!" Der andere seinerseits: "Nein, es sind meine! Nur meine!" Und sie fingen an zu streiten. Sie schlugen sich, sie sprangen in die Höhe und rupften sich derartig, daß die Federn nur so flogen. So hauten und prügelten sie einander, bis sie müde wurden. Dann setzte sich einer dem anderen gegenüber, schmollte und wartete. Bald hatten sie auch vergessen, warum sie sich gestritten hatten. Plötzlich fiel es ihnen ein: Wo sind denn unsere Körner? Schau, sie sind schon weg!

Verlag Dnipro, Kiew, 1985
 Aus dem Ukrainischen von Wolodymyr Schelest
Illustrationen von Petro Gulin
Kurzbiografie von Lesja Ukrainka

04 August 2021

Bret Harte: Allein in der Prärie


Buchbeginn

Eine endlose eintönige Ebene in trübes Grau gehüllt, das in der Ferne in ein schwaches Blau übergeht. Da und dort dunkle Flecke, die wie Wassertümpel glänzen, und zwischen Aschenresten schwärzliche und verbrannte Stellen. In der Asche ein Zeitungsfetzen, ein Stück Lumpen, eine zerbeulte Konservenbüchse. Dahinter, immer gleichbleibend, eine lange dunkle Linie, die am Abend scheinbar im Erdboden versinkt und mit dem ersten Lichtschein am Morgen wieder auftaucht, ohne ihre Breite oder ihre Entfernung zu ändern. Dazu das Empfinden, stets mit unbestimmtem Ziel weiterzuziehen, jedoch des Abends stets an der gleichen Stelle anzulangen, mit den gleichen Menschen, zu dem gleichen Nachtlager. Und stets senkt sich von oben die gleiche beängstigend düstere Himmelsdecke herab. Im Munde stets der gleiche Geschmack nach kalkigem Staub, an den Fingern ein sandiges Gefühl. Dazu die alles durchdringende Hitze und die Ausdünstungen der Tiere.

So erschien im Sommer des Jahres 1852 den beiden Kindern aus der Tiefe des überdeckten Auswandererkarrens, über die schwankenden Köpfe der mühselig dahinstapfenden Zugochsen hinweg "die große Prärie", so erschien sie ihnen bereits seit zwei Wochen.

Wenn sie neben dem Karren herschritten, wurde das ewige Einerlei durch die Gespanne unterbrochen...

Kinderbuchverlag Berlin 1962
RBB Buch Nr 80
Illustrationen Hans Betcke