28 Oktober 2022

Rudolf Hirsch: Patria Israel


 Haifa 1940. – Das Schicksal der „Patria“ hält verschiedene Menschen in höchster Erregung. Für Georg Samson – selbst ein nach Palästina Geflüchteter – beginnen Tage schwerster Prüfung. Mitten in diesem Krieg kommen Schiffe – voll mit Flüchtlingen, vor dem Zugriff der deutschen Faschisten gerettet. Was wird mit der „Patria“ geschehen? Ein Anschlag soll auf dieses Frachtschiff, übervoll beladen mit 1900 Flüchtlingen, verübt werden. Wird es gelingen, das mörderische Geschehen aufzuhalten? War Lore Spiro, der ihm teuerste Mensch, auf dem Schiff? Rudolf Hirsch enthüllt in diesem aktuellen und zugleich tief persönlichen Roman die Hintergründe eines Sprengstoffanschlags und vermittelt durch eigenes Erleben ein umfassendes Bild jener Zeit.

Zwei Motive aus dem Machsor Lipsiae sind für den Schutzumschlag ausgewählt worden, beide aus dem 2. Teil dieses Werkes. Auf der Vorderseite ist ein Motiv des Blattes 181 verwendet worden. Im Original ist darauf das Gebet zum 1. Tag des Laubhüttenfestes (Sukkoth). Die Gestalt neben dem Text trägt den traditionellen Feststrauß zu diesem Fest, bestehend aus Palmenzweig, Weidenzweig und dem Etrog, einer Zitrusfrucht. Unter dem Text die zwei biblischen Ungeheuer aus dem Buch Hiob, Leviathan und Behemoth, die zu Wasser und zu Land die Menschheit bedrohen.
Das bebilderte und hervorgehobene Anfangswort „Achtir“ bedeutet: „Ich werde bekränzen.“

Auf der Rückseite des Schutzumschlags ist das ganze Blatt 165 aus dem 2. Teil des Machsor Lipsiae abgebildet. Auf dem Blatt beginnt das Nachmittagsgebet zum höchsten Feiertag, zum Versöhnungsfest (Jom Kippur). Die untere Illustration zeigt Szenen aus dem Leben des Urvaters Abraham, seine wundersame Errettung von einem brennenden Scheiterhaufen. Ganz links bittet der Kerkermeister König Nimrod um Gnade für Abraham. In der Mitte Abraham mit seinem Bruder Nahor, die sich beide weigern, die Götzen Nimrods anzubeten. Das bebilderte Wort am Kopf des Blattes Ejtan bedeutet: „Ein Starker“.

Buchanfang
(An Edom!)
Ein Jahrtausend schon und länger
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest, daß ich athme,
Daß du rasest, dulde ich.
Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Ward dir wunderlich zu Muth,
Und die liebefrommen Tätzchen
Färbtest du mit meinem Blut!
Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie du.

Heinrich Heine
Aus einem Brief an Moses Moser vom 25. Oktober 1824

Epilog

Lea Grundig, die große Graphikerin, die große Erzählerin, war auf der „Patria“. Sie hat den Untergang miterlebt. Sie hat ihn beschrieben in ihrem Buch „Gesichte und Geschichte“. Mit ihr habe ich mich oft über ihre Erlebnisse auf der „Patria“ unterhalten.

„Da ging es wie ein Stoß durch den Körper des Schiffes. Siehe, es schwankt. Es legt sich, den elenden Kästen gleich, auf die Seite. Wir stehen und staunen. Und es ist fast komisch. Fast warten wir, daß der Kapitän rufen wird: ‚Alles auf die andere Seite!’ Aber auf einmal ist jeder für sich allein. Sucht jeder für sich nach Rettung. Das große Schiff legt sich um wie ein getroffenes Tier, etwas hat seine Eingeweide zerrissen.
Die Menschen, die es trägt, sind sie am unteren Bord, so sind sie verloren. Taue, Balken, Kessel, es stürzt auf sie herab und erschlägt sie. Ein wildes Schreien bricht aus. Wirre, schreckliche Bilder, die das Hirn kaum verarbeitet; nur ein klarer Gedanke, Leitmotiv für alles Tun: Rette dich, das Schiff geht unter.
Ruhig überlegte ich mir: Was tun? Zuerst fort vom Deck, über das Geländer hinüber. Damit war ich eigentlich in Sicherheit. Nur den aus dem Wasser herausragenden Rumpf hinunter. Der Mantel würde mich beim Schwimmen hindern – also weg mit ihm. Mit Staunen sah ich den feuchten, geteerten Schiffskörper, der sonst nicht sichtbar im Wasser liegt. Algen, Muscheln, kleine Tiere hatten ihn in eine lebende Wand verwandelt. Ich rutschte und glitt sie hinunter, und dann zogen mich helfende Arme ins Boot. So eilten viele Boote herbei und retteten die Überlebenden.
Im Hafen von Haifa, einem der schönsten Häfen, im Angesicht der Stadt, ging ein Schiff unter. Es wurde auf die Seite geworfen, die Treppen wurden unbegehbare Brücken, Stationen entsetzlichen Sterbens. Trauben verzweifelter Menschen hingen an den Geländern, bis sie hinabfielen. Stärkere drängten nach vorn, einander tretend und von Todesangst gequält, erstickten und ertranken sie in den eindringenden Wassern. Ich sah noch, wie einige sehr fromme Menschen, anstatt einen Ausweg zu suchen, sich in die Knie warfen und gellend beteten, ich sah die schreckliche Wirkung der panischen Angst, die den Menschen jegliche Besinnung raubte.
So starben 220 Menschen, gekommen, um zu leben es starben die Kranken in den Betten, es starben jene, die sich in den Kajüten verweilt hatten, es starben jene, die hinuntereilten, um ihre Habe zu retten."
In einem irrte Lea Grundig. Später hat es die Haganah veröffentlicht: 250 Menschen kamen beim Untergang der „Patria“ ums Leben.

Ich muß aus dem Versteck Georg Samson herausgehen. Vielleicht aber war Georg Samson gar keine Figur aus einem Versteckspiel. Er war eher der Mittler, der Vermittler, dem es erlaubt ist, Wunderliches als wunderlich, Schmerzhaftes als schmerzhaft zu benennen, Großes als groß und Kleines als klein zu bezeichnen in einer unaufdringlichen Art, die das Ich aus einer gewissen Scheu vor dem Lauten und vor den Ausrufezeichen: Seht her, ich bin's, aussparte.
Ja, ich sah dieses Land mit meinen Augen, als ein Beteiligter. Und so ist dieses Buch entstanden, das auch eigenes Leben beschreibt. Aber das Leben eines Menschen ist kein Roman. Es besteht aus vielen Tagen, und jeder Tag hat seine Erzählung. Aber nicht jeder Tag ist des Schreibens wert. So habe ich vieles verkürzt und verdichtet in beiden Bedeutungen des Wortes – Wahrheit und Phantasie.
Es ist ein sehr persönliches Buch, die Umstände sind so beschrieben, wie sie sich mir darstellten. Aber nicht alles kommt aus meinem Gedächtnis, geschweige denn aus meiner Phantasie.
Bei der Schilderung der Begebenheiten um die „Patria“, wie sie im Hafen vor Haifa lag, habe ich mich vor allem auf den Bericht von Munya M. Mardor gestützt, der sich seiner Mitwirkung am Untergang der „Patria“ rühmt, in seinem Buch „Haganah“, erschienen im Verlag The New American Library in New York. Mardor, nach seiner eigenen Darstellung, war es, der die beiden Höllenmaschinen auf die „Patria“ gebracht hat. Das Buch „Haganah“ wird mit einem Vorwort von David Ben Gurion eingeleitet, der in dem 1948 begründeten Staat Israel Ministerpräsident wurde.
Keiner der Männer, die an dem Untergang der „Patria“, an diesem Verbrechen, mitwirkten, ist je in Israel wegen Mord zur Verantwortung gezogen und verurteilt worden. Im Gegenteil, die Täter bekleideten und bekleiden noch heute in der legalen israelischen Armee und in ihrem Geheimdienst hohe Posten. Daß diese Untat von der höchsten Stelle des heutigen israelischen Staates gebilligt wurde, ja angeordnet, ist nie bestritten.
Nie aber darf man bei der Bewertung der Ereignisse vergessen, daß dieses Geschehen eine Folge der barbarischen Judenmordpolitik der deutschen Nazis war. Ungezählte jüdische Menschen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Holland, Belgien und Luxemburg, aus Polen, der Sowjetunion, aus Rumänien, Ungarn, der Tschechoslowakei, auch aus Griechenland, Italien, Jugoslawien und Bulgarien, den baltischen Staaten, aus Dänemark und Norwegen fielen der faschistischen Mordindustrie zum Opfer.
Nicht alle Ermordeten dieser nazistischen Verbrechen, nicht alle Opfer auf der „Patria“ waren Kämpfer. Sie waren in der Mehrheit Menschen des bürgerlichen Alltags. Keine Helden. Menschen mit unverwechselbaren Eigenschaften. Oft eigenwillig. Menschen mit dem Anspruch, ihr Leben nach ihrer Weise zu gestalten. Ihrer soll in diesem Buch liebevoll gedacht werden.
Ich habe mich bemüht, die Menschen, die mir begegnet sind, so zu schildern, wie sie waren oder richtiger, wie ich sie heute sehe. Viele von ihnen sind in den Vernichtungslagern umgekommen. Ich meine, daß es richtig ist, wenn ich sie nicht mit vollem Namen nenne. Genauso halte ich es mit den Personen, die heute noch leben. Wenn einige glauben, sie würden sich in diesem Buch wiedererkennen, mögen sie mir verzeihen. Einige wenige, die wesentlichen Anteil an meiner Entwicklung genommen haben, nenne ich mit vollem Namen.
Mein Freund und Genosse, der Chefredakteur der „Wochenpost", Kurt Neheimer, gab mir den Anstoß zu diesem Buch. Er, der selbst als Fünfzehnjähriger 1940 auf einem dieser Totenschiffe vor den Gaskammern gerettet wurde – durch eine Kommunistin, die illegal im Palästinaamt arbeitete –, hat durch seinen Rat, seine Erfahrungen und durch sein tiefes historisches Verständnis meine Arbeit gefördert.
Einige Erkenntnisse über die Entstehung des Leipziger „Machsor“ verdanke ich den Erläuterungen von Hauptrabbiner Elias Katz, Bratislava, und Dr. Bezalel Narkiss, Jerusalem, Erläuterungen, die der Ausgabe der achtundsechzig Faksimiletafeln von Edition Leipzig (1964) beiliegen. Das mit den eigenen Augen Gesehene prägt sich tiefer ein als das nur mit dem Verstand Erfaßte. Und mit den eigenen Augen sah ich: Seinen ursprünglichen Zweck konnte der Zionismus nicht erfüllen, er wollte dem Judenhaß oder dem modernen Antisemitismus etwas entgegensetzen, die Heimstatt für die verfolgten Juden, den Judenstaat.
Ich erkannte, der ursprüngliche Zweck konnte nicht erreicht werden, im Gegenteil, durch die Siedlungs- und Vertreibungspolitik wurden die großen arabischen Völker – selbst der Sprache nach Semiten – zu erbitterten Feinden des Staates Israel. Völker, die bisher einen Judenhaß nicht gekannt hatten. Ich sehe immer noch die Augen eines mir unbekannten, alten Arabers.
Nun, aus dem „Versteck Georg Samson“ getreten, sehe ich mich an einem engen, dunklen Platz stehen, vor einer alten, aber noch brauchbaren Schuhmacherkombinationsmaschine.
Der Staat Israel war inzwischen gegründet, arabisches Gebiet erobert. Noch herrschte Kriegszustand, eine Ausreiseerlaubnis war nicht zu bekommen.
Der Sandalenmacher Adam Siegel– in Georg Samsons Geschichte so benannt – hatte, wie in jedem Winter, seine Bude dicht gemacht. Keine Saison für Sandalen.
Bei einem kleinen Schuhfabrikanten, der seinen Betrieb in das von der israelischen Armee eroberte Jaffa verlegt hatte, fand ich Arbeit als Schuhfräser. Jaffa, Schwester- oder, besser gesagt, Mutterstadt von Tel Aviv.
Es war ein heller Dezembertag im Jahre 1948. Aber in dieser dunklen Werkstatt, diesem schmalen, tiefen, offnen Gewölbe, mußte ständig Licht brennen, sonst hätte ich meine Arbeit nicht sauber ausführen können, das Fräsen der Sohlen und der Absätze.
Da stand ich nun in diesem Gewölbe und fühlte mich plötzlich von draußen her beobachtet. Und ich sah vor mir, auf der Straße, einen alten Mann, einen Araber. Er trug die traditionelle Tracht, das große schwarz-weiße Tuch um den Kopf geschlungen. Er blieb lange stehen und schaute unverwandt meiner Arbeit zu. Schweigend.
War er es, der vor mir hier an dieser Maschine gestanden hatte? Nun aus seiner Werkstatt, dem Platz seiner Arbeit, vertrieben? Seiner Existenz beraubt? Auch durch mich verdrängt? Auch durch mich vertrieben, der ich selber ein Vertriebener war? Ein Deutscher, aus jüdischer Familie, von den Nazis aus seiner Heimat gejagt, macht er sich schuldig? Wird durch ihn ein palästinensischer Araber brotlos?
Müssen die Vertriebenen Vertreiber werden? Die Verfolgten Verfolger?
Die Augen des alten Arabers habe ich nie vergessen.

Greifenverla zu Rudolstadt
1. Auflage 1983
2. Auflage 1984
3. Auflage 1987

Karl Sewart: 99 Ehen und eine Scheidung. Literarische Miniaturen

"Eine Ehe mit einem Weihnachtsmann

Er brachte ihr schon neue Kleider zum Anziehen und neue Süßigkeiten zum Naschen und was sie sich sonst noch wünschte, und er hörte ihr schon so andächtig zu, wie brav sie wieder gewesen sei, als sie noch ein kleines Mädchen war.
Nun, mittlerweile ist sie groß geworden. Er aber, er aber ist ihr Weihnachtsmann geblieben."

Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig, 5. Auflage 1985

 

Richard Roht: Tiergeschichten


Buchbeginn

Der Dachs Brummelbart
In einem niedrigen Sandhügel, umgeben vom Sumpf, lebte der junge Dachs Brummelbart. Der Sumpf war groß, er war mehrere Kilometer lang und breit. Der Sandhügel bildete darin eine kleine Insel, worauf prächtige Sträucher und Bäume wuchsen: Birken, Espen, Erlen, Weiden. Im Sumpf dagegen standen nur kümmerliche Kiefern, denn dort war es stets feucht und naß, überall gab es weiche Stellen, morastige Kuhlen, mit Moos überwachsene gluckernde, blubbernde Tümpel. Wurden sie von Mensch oder Tier betreten, quoll aus ihnen kaltes, gelbes Wasser oder gar eine übelriechende rostfarbene Brühe hervor.

Tallinn Oerioodika 1988
Übersetzung aus dem Estnischen: V. Sepp
Gestaltung: P. Rea

Heinz Kahlow: Mir ist so, als ob wir uns kennen


 Leseprobe

Lied einer Geflügelfarmbrigadierin

Wenn der Abend sinkt auf Wald und Wiese,
steigt der Mond aus dem Holunderstrauch.
Jeder Hans nimmt sich dann seine Liese,
und mein Dieter kommt und nimmt mich auch.
Wenn wir beide durch das Dunkel wandern
und dann querfeldein zum Wäldchen ziehn,
dann erzählt er wenig von den andern,
und ich merke, sie verspotten ihn.
Ach, sie könnens einfach nicht verdauen,
Dieter liebt nur ganz alleine mich.
Seine Freunde haben je zwölf Frauen,
nur im Bett sind sie allein mit sich.


Die Rohrlegerballade

An der Pumpe vor dem Tore
stand die schöne Hannelore,
und ein Knabe stand dabei.
Das geschah so Anfang Mai.
Es war nämlich diesem Knaben –
möge Gott ihn selig haben,
denn er überlebte nicht
diesen Mai und dies Gedicht –
nämlich, es war ihm befohlen,
Wasser aus dem Brunn zu holen,
womit das Problem begann.
Denn das Mädchen sprach ihn an:
,,Schenk dein Herz, laß dich nicht lumpen –
oder wenigstens mal pumpen!"
Vor dem Tore – Einsamkeit –
Mai!! – Da war er tatbereit.


Inhalt

Romanzen in Soll
(Berufliche Gesänge)

Wir kennen uns doch! ..... 7
Lied einer Geflügelfarmbrigadierin ..... 9
Seemannslied ..... 11
Der Kybernet ..... 14
Leere Menge ..... 17
Die Rohrlegerballade ..... 20
Alte Schriftsteller-Verbands-Hymne ..... 23
Vorschlag ..... 25
Der alte Lehrer ..... 26
Mann auf dem Kran, seine Stullen aus wickelnd ..... 28

Leise zieht durch mein Gestüt...
(Salonstücke für Tierfreunde)
Krallen und Flügel ..... 33
Ballade vom feurigen Rappen ..... 34
Veraltete Weisheit der sanften Tauben ..... 36
Die Fliege Emma Meier ..... 37
Schlangenbeschwörung ..... 40
Erklärung eines Hundes ..... 41
Die im Dunkeln ..... 43
In Erwartung eines Katers ..... 44

Saure Gurken - frohe Feste
(Feiertags-Chöre)
Lied des Hoffestsängers ..... 49
Randbemerkung zum 8. März ..... 52
Schloß und Park ..... 53
Am Tag vor der Hochzeit ..... 56
Alles ist Zwang! ..... 59
Die Ostereierballade ..... 60
Seltsam ..... 63
Bierhymne ..... 64
Ballade über die erschrecklichen Ereignisse einer Silvesternacht ..... 66

Automobilmachung
(Innere Weisen)
Automobilmachung ..... 75
Kleiner Besuch ..... 76
Memorial auf eine Petroleumlampe ..... 78
Die alte Schule ..... 80
Erfahrung ..... 81
Lernt lernen! ..... 82
Großer Wunsch ..... 84
Lied über die sozialistische Frömmigkeit ..... 85
Poetisches Bekenntnis ..... 88

Bette sich, wer kann
(Minnelieder)
Die Gaslaterne ..... 91
Die Neuerung ..... 92
Es gibt immer eine zweite Möglichkeit ..... 93
Neujahrslied eines Ungetreuen ..... 94
Manchmal... ..... 96
Eine sucht einen ..... 97
Am Scheideweg ..... 100
Gewesen ..... 103
Liebesbrief trotz mehrjähriger Ehe ..... 106
Jahreszeiten ..... 109


Eulenspiegel Verlag, Berlin, 1. Auflage, 1976
Illustrationen von Eberhard Binder-Staßfurt

Ernst Krause: Oper A-Z

Ernst Krause, Jahrgang 1911, Dresdner, Musikwissenschaftler, seit 1951 Musikkritiker in Berlin, summiert in diesem Buch Erfahrungen und Kenntnisse eines Lebens mit der Oper. Sein Standardwerk OPER A-Z, das zuerst 1961 erschien und seitdem viele Neuauflagen erlebte, liegt jetzt in einer erweiterten, überarbeiteten, auch äußerlich veränderten Gestalt vor, die verschiedene Werke ausscheidet und eine weit größere Zahl hinzufügt. Entstanden ist so über große Buchteile ein neues Manuskript: vieles auf Grund historischer, ästhetischer und praktischer Einsichten durchdacht, revidiert, ausgebaut, anders formuliert. Der Charakter eines handbuchartigen Opernführers für Musikfreunde, zugleich eines Kompendiums praktischer Theaterarbeit ist erhalten geblieben. Krause begnügt sich nicht mit Lebensabrissen der Komponisten aus dreieinhalb Jahrhunderten; er verfolgt die Spur ihres Schaffens, den Stellenwert in Geschichte und Gegenwart. Der Inhalt der Werke wird aktweise erzählt. Hauptteil des Buchtextes sind Darlegungen des historischen und gesellschaftlichen Hintergrundes sowie kritische Analysen von Stoff, Libretto, Musik. Auch die Werkgeschichte erhält breiten Raum: sie behandelt am konkreten Objekt alle Stadien der Entstehung von der Werkidee bis zur Realisierung auf dem Musiktheater. Abschließende Bemerkungen sind als Anreiz und Anregung zur Aufführungspraxis gedacht. Werkverzeichnis, präzise Hinweise auf Solobesetzung, Chor, Ballett und Orchester, Daten über Dauer der einzelnen Akte und (neu hinzugekommen) erreichbarer Schallplatten bilden für jedes Werk die informative Ergänzung. Ein Opernbuch ungewöhnlicher Materialfülle, das sich trotz wissenschaftlicher Exaktheit "wie ein Novellenband liest".

Neu aufgenommene Werke

Berg: Lulu
Dessau: Einstein
Dittersdorf: Doktor und Apotheker
Einem: Der Besuch der alten Dame
Geißler: Der zerbrochene Krug
Gershwin: Porgy und Bess
Haydn: Untreue lohnt nicht
Kodály: Die Abenteuer des Háry János
Kunad: Maître Pathelin
Matthus: Der letzte Schuß
Meyer: Reiter der Nacht
Paisiello: Der Barbier von Sevilla
Penderecki: Die Teufel von Loudun
Prokofjew: Die Liebe zu den drei Orangen
Puccini: Das Mädchen aus dem goldenen Westen
Purcell: Dido und Aeneas
Ravel: Die spanische Stunde
Rimski-Korsakow: Der goldene Hahn
Rosenfeld: Das alltägliche Wunder
Schönberg: Moses und Aron
Strawinsky: Oedipus Rex
Suchon: Krutnava
Telemann: Pimpinone
Wagner-Régeny: Die Bürger von Calais
Wolf-Ferrari: Susannens Geheimnis
Zimmermann, Bernd Alois: Die Soldaten
Zimmermann, Udo: Levins Mühle

Vorbemerkung

Wer sich mit der Oper beschäftigt, muß sie ernst nehmen. Dieses Buch bemüht sich, das Erscheinungsbild von über 150 Dokumenten des musikalischen Theaters im Geiste ihrer besonderen Haltung möglichst allseitig und wahr darzustellen. Versucht wird, auf dem jeder Oper entsprechenden Raum das Nötige über den historisch-gesellschaftlichen Hintergrund des Werkes auszusagen, zugleich aber Text und Musik nach Eigenart und Stil kurz zu beschreiben und zu charakterisieren. Bei der Auswahl hat sich der Autor mit Ausnahme einiger Werke, die zur geschichtlichen Orientierung der Gattung Oper unerläßlich schienen, an solche Äußerungen der Weltoper gehalten, die heute mit einer gewissen Regelmäßigkeit im Opernrepertoire der Deutschen Demokratischen Republik anzutreffen sind oder sich wenigstens an einigen Bühnen bewährt haben. (Zwangsläufig gilt diese notwendige Begrenzung auch für die Werke der Gegenwart.) Nicht Vollständigkeit, sondern Wesentlichkeit wird angestrebt. Geschrieben aus der Praxis, wird die Praxis zweifellos den handbuchartigen Opernführer weiterhin verändern...

VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig, 2., verbesserte und erweiterte Auflage 1978
1. Auflage 1976

Peter Tille: Sommersprossen. 666 aphoristische Gesichtspunkte

»Ich bin gar nicht gegen Romane. Ich bin immer daran interessiert, daß sich die Konkurrenz umständlich ausdrückt«, behauptet Peter Tille augenzwinkernd. 666 zugespitzt formulierte Gesichtspunkte zu Zwischenmenschlichem, Politischem, Erotischem, Künstlerischem bietet dieser Band. Was wäre gewesen, wenn Adam schlechte Zähne gehabt hätte; was gehört zur Grundausstattung eines Büros; was passiert, wenn jemand seine Frau öffentlich küßt; was haben Eltern zu erwarten, die Respekt verlangen?

Die Antworten, die Peter Tille auf solche Fragen gibt, sind kurz. Der Leser hat bei 666 Nachdenkangeboten die Entscheidung: »Es stimmt. Nun prüfe, ob es wahr ist.«




Leseprobe

Der ist mir zu gescheit, sagte der Mann,
als ihm der Hammer zum dritten Male
aus der Hand gefallen war.

Warum rechnet man die Köche nicht zu
den Künstlern? Sie haben keinen
Künstlerverband.

Wenn der Koch ein Asket ist, hungern die Gäste.

Engel heute haben einen Terminkalender,
einen Werkzeugkasten und eine Vorliebe
für Marx auf blauen Scheinen.

Nur einer kann dir alle deine Pflichten nennen: du.

Man wird nichts Ordentliches
unternehmen, wenn man sich nicht ab
und an auch übernimmt.

Mitteldeutscher Verlag, 1. Auflage 1983
2. Auflage / 1985
3. Auflage / 1990
Illustrationen Hans Ticha

27 Oktober 2022

Eva Zeller: Nein und Amen

»Ein Buch soll nach Franz Kafka die Axt sein für das zugefrorene Meer in uns, für das zufrierende Meer der Erinnerung und für das zufrierende des Gewissens. Es ist meine feste Überzeugung, daß wir mit den Jahren nicht weniger, sondern immer mehr zu tun haben mit dem tragischsten Jahrzwölft unserer Geschichte. Gerade bei wachsendem geschichtlichem Abstand dürfen die unmenschlichen Geschehnisse im ›Dritten Reich‹, die Ausrottung aller politisch Andersdenkenden im Lande und die tief gestörten Beziehungen zu anderen Völkern nicht verharmlost und verdrängt werden.« Diese Überzeugung ist es, die Eva Zeller veranlaßte, zu ihrem autobiographischen Kindheitsroman »Solange ich denken kann« eine Fortsetzung zu schreiben, obwohl sie das ursprünglich unter keinen Umständen tun wollte. Sie fürchtete, das Übermaß an schmerzlicher Erinnerungsarbeit nicht leisten zu können, das für ein zweites Buch notwendig war – galt es doch, die Zeit des Krieges und das Ende der Naziherrschaft darzustellen. Daß sie es schließlich doch tat, geschah aus der Erkenntnis heraus, daß der Stoff sich seinen Autor sucht, sich ihm solange in den Weg stellt, bis dieser sich entschließt, ihn zur Sprache zu bringen.

So schildert Eva Zeller, ausgerüstet mit ihrem heutigen Erkenntnisstand und sich zugleich in ihre eigene Vergangenheit zurückversetzend, ihre Jugend unter der Naziherrschaft, Studium, Liebe, Heirat, die Geburt des Kindes und den Verlust des Ehemannes. Das persönlich-menschliche Erleben ist ständig konfrontiert mit den politischen Ereignissen – dem unaufhaltsamen Ende der Naziherrschaft – und wird bestimmt von einer Flucht nach innen, zugleich aber auch vom Wachsen der Erkenntnis über das Wesen der Hitlerdiktatur. Innerlich dachte man bereits »nein«, hielt aber still und sagte weiterhin »amen«. Die Autorin bemüht sich um konsequente Aufarbeitung ihrer Erinnerungen, und es gelingt ein packendes Bild von jener Welt mit ihren hohlen, die Köpfe vernebelnden Phrasen und ihrer grausamen Menschenverachtung. Es wird dabei deutlich, wie die alles beherrschende Propaganda die Menschen in ihren Strudel mitriß und wie schwer es vielen werden mußte, sich aus ihr zu befreien und zu eigenem Erkennen durchzudringen.

»Man war jung. Ein Satz, den man oft hört, wenn von jenen fatalen Zeitläufen die Rede ist. Man war jung. Ein Satz, der um Nachsicht bittet. Man war jung. Ein Satz, der besagt, jeder meiner Generation habe zwei Leben, eins vor, eins nach 1945, und das zweite ist eine ständige Rechtfertigung und Korrektur des ersten, ein Zurechtrücken von Mißverstandenem, ein Wegräumen von Verfälschtem. Daß eine ganze Generation die eigene Jugend widerlegen muß, ist ohne Vorbild, denn noch nie ist einer Jugend dermaßen viel versprochen und so wenig gehalten worden.«

Evangelische Verlagsanstalt GmbH Berlin, 1. Auflage 1988
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart © 1986