Leseprobe:
Kaum hatte ich einen halben Eimer Wasser aus dem Brunnen geschöpft, als ohrenbetäubendes Gebrüll durch die Steppe dröhnte: „He-e! Akademiker, ich schlag dir die Fresse grün und blau!“
Ich erstarrte. Lauschte. Eigentlich heiße ich Kemel, aber hier hat man mir den Spitznamen „Akademiker“ gegeben. So war's: Der Traktor drüben schwieg unheilschwer. Der da verkündete, mir die Fresse grün und blau zu schlagen, war Abakir. Wieder würde er mich anbrüllen, mich ausschimpfen, ja sogar die Hand gegen mich erheben.
Traktoren gab es hier zwei, doch ich war allein. Und ich mußte für sie mit dieser einspännigen Fuhre da Wasser, Treibstoff, Schmieröl und was, weiß ich noch alles heranschaffen. Die Traktoren rollten täglich immer weiter von dem einzigen Brunnen in der Gegend weg. Mehr und mehr entfernten sie sich von unserem Feldlager, wo in einem Tankwagen der Treibstoff aufbewahrt wurde. Man hatte beabsichtigt, das Feldlager woanders aufzuschlagen, aber das ging nicht, es war auch ans Wasser gebunden. Doch Abakir wollte von alldem nichts wissen: „Ich schlag dir die Fresse grün und blau für den dauernden Stillstand! Soll ich mich hier zu Tode rackern wegen eines lächerlichen Studentleins, das mir die Zeit stiehlt!“
Dabei war ich gar kein Student. Ich hatte nicht einmal versucht, ein Institut zu beziehen. Kaum hatte ich die Schule beendet, da war ich sofort hierhergekommen, nach dem Anarchai. Auf der Abschiedsversammlung hieß es, wir, folglich auch ich, seien „ruhmreiche Neuland bezwinger, kühne Pioniere der zu neuem Leben erweckten Gebiete“. Das war ich gewesen. Und jetzt? Offen gestanden, könnte man sich schämen: ein „Akademiker“. Den Spitznamen hatte mir Abakir angehängt. Ich bin selbst an allem schuld. Ich kann meine Gedanken nicht verheimlichen, träume laut wie ein kleiner Junge, und die Leute lachen mich nachher aus. Doch wenn sie wüßten, daß weniger ich der Schuldige war, sondern vielmehr unser Geschichtslehrer Aldijarow. Der Landeskundige! Mehr als genug hatte ich unserem Landeskundigen zugehört, und nun mußte ich büßen.
Ohne die Tonne vollgefüllt zu haben, fuhr ich durch die Niederung auf den Weg. Eigentlich war hier noch nie ein Weg gewesen. Den hatte erst ich mit meiner Wasserfuhre eingefahren.
Der Traktor stand am Ende des riesigen schwarzen Ackers. Und oben auf dem Fahrersitz thronte Abakir. Mit den Fäusten fuchtelnd, fluchte er immer noch auf mich, schimpfte wie ein Rohrspatz.
Ich trieb den Gaul an. Das Wasser in der Tonne schwappte gegen meinen Rücken, doch ich stürmte in vollem Galopp dahin.
Ich hatte mich ja selber hierhergedrängt. Niemand hatte mich gezwungen. Die anderen waren nach Kasachstan gefahren, in ein richtiges Neuland, von dem die Zeitungen berichteten. Nach dem Anarchai war nur ich gegangen.
Hier hatte man erst in diesem Frühjahr mit der Arbeit begonnen, und das nur mit zwei Traktoren. Ein Jahr zuvor hatte der Agronom Sorokin, er war hier unser aller Vorgesetzter, auf einem kleinen, unbewässerten Feld versuchsweise Gerste gesät. Wie's hieß, nicht ohne Erfolg. Sollte sie auch weiterhin so gedeihen, dann würde man es vielleicht schaffen, das Futterproblem in der Anarchaisteppe zu lösen.
Doch einstweilen mußte man noch mit Umsicht vorgehen. Gar zu große Hitze und Dürre herrschten im Sommer im Anarchai. Sogar die Spitzkletten, ja, auch das kam vor, vertrockneten bis auf die Wurzeln. Die Kolchose, die im Herbst ihr Vieh zum Überwintern hierhertrieben, wagten es vorläufig noch nicht, zu säen, sie warteten ab: Wollen mal sehen, sagten sie sich, was bei den anderen rauskommt. Deshalb auch konnte man uns hier an den Fingern abzählen: zwei Traktoristen, zwei Geräteführer, die Köchin, ich, der Wasserfahrer, und der Agronom Sorokin. Das war die ganze Armee der Neulandbezwinger. Von uns hörte wohl kaum jemand etwas, aber auch wir wußten nicht, was in der Welt geschah. Hin und wieder brachte Sorokin eine Neuigkeit. Er pflegte ins Nachbartal zu den Hirten zu reiten; dort zankte er sich über die Funkstation mit den Behörden und gab Rechenschaftsberichte durch.
Ins Deutsche übertragen von Halina Wiegershausen
Umschlag und Illustrationen von Günther Lück
Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe: Das neue Abenteuer 432
1. Auflage 1982

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