01 November 2026

Wolfgang Mittmann: Das Kartenhaus


Der Streifenwagen „Lina 18" fährt durch die dunklen Straßen der Vorstadt. Plötzlich stoppt Oberwachtmeister Wengler. Ein unbeleuchteter W 50, der mitten auf der Straße steht, und ein Bündel, das neben dem LKW liegt, haben seine Aufmerksamkeit erregt. Ein Unfall? Wengler und sein Begleiter eilen zu dem Fahrzeug, da erkennen sie, daß vor ihnen auf der Straße der Fahrer liegt. Jemand hat ihn gefesselt und geknebelt, aus einer Kopfwunde sickert Blut. Auch der Laderaum ist durchwühlt. Wengler ruft die Genossen von der K.

Leseprobe:
Ein grün-weißer Wolga zuckelte im Vierzigkilometertempo durch die nächtlich stillen Straßen der Vorstadt. Nur wenige Passanten waren um diese Zeit noch unterwegs. Ab und zu ein entgegenkommendes Auto oder das schwankende Licht eines von der Spätschicht heimwärts strampelnden Radfahrers. Dann war der Wolga am Ende der Allee, die den Schillerpark von der gegenüberliegenden Häuserzeile abgrenzte, und bog, den Blinker setzend, nach rechts in die Bergmannstraße ein. Die Lichtreflexe der Peitschenmastlampen glitten über den farbigen Volkspolizeistern an den vorderen Wagentüren. Kaum zu erkennen war die kurze Antennenrute auf dem Dach des Wolgas, unübersehbar aber die beiden Buckel aus blauem Glas, die wie Hörner wirkten und nur im Einsatzfall zu rotierenden Sondersignalen wurden. Kein Mensch nahm sonderlich Notiz von dem Wolga; seit Jahr und Tag gehörte Lina 18 zum Straßenbild des Stadtrandbezirks.
Obermeister Wengler, der Kommandant des Funkstreifenwagens, hatte den Sprechhörer am Ohr. „Lina achtzehn für Leitstelle. – Kommen!“
„Leitstelle hört.“
„Lina achtzehn mit Standort Bergmannstraße. Fahre in Richtung Heinrich-Heine-Platz. – Kommen!“
„Leitstelle verstanden. – Ende.“
Wengler drückte den Hörer in die Halterung am Armaturenbrett. Sein Gesicht wandte sich wieder dem Mann am Steuer zu, während er erneut den Gesprächsfaden aufnahm. „Tja, sage ich da zu meiner Frau, wir müssen uns eben mit der Tatsache abfinden. Unsere Tochter wird im Herbst achtzehn. Daß sie schon einen festen Freund hat, läßt sich nicht mehr verleugnen. Da hilft kein Schimpfen und keine Moralpredigt.“
Hauptwachtmeister Sell trat auf die Kupplung, hantierte mit dem Schalthebel und erhöhte die Geschwindigkeit. Das Verkehrszeichen am Beginn der Hauptstraße gebot ein Mindesttempo von sechzig Kilometern je Stunde. Der dichte Fahrzeugstrom, der hier am Tage stadtauswärts tobte, hatte die städtischen Verkehrsplaner zu
dieser Regelung bewogen. 
„Und was hat deine Frau gesagt?“ wollte der achtundzwanzigjährige Sell, dem solche pädagogischen Probleme noch unbekannt waren, von seinem älteren Kommandanten wissen. Der kleine Sell bereitete sich erst auf den Eintritt in den Kindergarten vor.
„Daß sie noch keine Lust habe, Großmutter zu werden.“ 
Sell schmunzelte. „Und du?“
„Ich hab Vertrauen zu unserer Tochter. Und dann...“, Wengler mußte nun auch lachen, „dann habe ich meine Frau daran erinnert, daß sie auch nicht viel älter war, als wir uns zum erstenmal heimlich im Schillerpark getroffen haben.“
„Alle Achtung, ein überzeugendes Argument.“
„Genau das hat meine Frau auch gesagt.“
Hauptwachtmeister Sell wußte nichts zu erwidern, und so war das Gespräch der beiden Männer erschöpft. Sie versanken wieder in Schweigen. Unzählige Stunden hatten sie gemeinsam im Funkstreifenwagen verbracht. Da kannte jeder die Probleme des anderen, wußte um dessen Charakterschwächen und -stärken, vor allem aber, daß sie sich in jeder Situation aufeinander verlassen konnten. Nicht immer verlief der Dienst so ruhig und reibungslos wie in dieser Nacht.
Sell brauchte nur an den, „Frauenschreck“ zu denken, den sie vor einem Dreivierteljahr im Schillerpark gejagt hatten. Oder an die jugendlichen Rowdys, die ein paarmal an den Wochenenden versucht hatten, die Tanzveranstaltungen im „Wandelhof“ zu stören. Sogar als Geburtshelfer waren Wengler und Sell in ihrem Streifenwagen schon eingesprungen.
Aus dem Lautsprecher des Funkgerätes drang verzerrt die Stimme des Lageoffiziers in der Funkleitstelle. Lina 23 wurde gerufen, der Streifenwagen im Nachbarbezirk. Die Besatzung meldete sich sofort, als hätte sie nur auf diesen Anruf gewartet.
„Lina dreiundzwanzig, übernehmen Sie Auftrag! Fahren Sie Notrufmelder Eichenweg. Schwerer Verkehrsunfall. Lebensgefahr. Sie werden am Notruf erwartet, dort alles Weitere. – Kommen!"
Lina 23 bestätigte den Auftrag. Dann trat erneut Funkstille ein. 
Obermeister Wengler warf einen Blick auf die Borduhr am Armaturenbrett. Es ging auf Viertel nach elf. Noch zwei Stunden, dann hatten sie Schichtpause. Zum Bereitschaftsraum der Inspektion gehörte eine kleine Kantine, in der sie sich mit Kaffee und Bockwurst stärken konnten.
Der Heinrich-Heine-Platz war erreicht.
„Zur Autobahnauffahrt“, sagte Wengler.
Ohne den Blick von der Fahrbahn zu wenden, nickte Sell. Er hatte kein anderes Kommando erwartet.

Illustrationen von Karl Fischer 

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer 426 
1. Auflage 1982 
 

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