08 Februar 2021

Ewald Oetzel, Wolfgang Polte: Der gescholtene Thales


 Anekdoten sind uns aus Jahrtausenden überliefert. Über Gelehrte, Wissenschaftler und Forscher aus 2500 Jahren haben sie Ewald Oetzel und Wolfgang Polte in ihrem Buch zusammengetragen. Eigenartiges über die Persönlichkeit des Gelehrten kommt in ihnen zum Ausdruck, aber auch die Erinnerung an bedeutende Ereignisse, die sich mit der Person des Wissenschaftlers verbinden oder Prozesse und Vorgänge von herausragender Bedeutung widerspiegeln.

Und heute liest sie der Leser schmunzelnd und stellt die sehr menschlichen Züge auch der großen Gelehrten fest, findet Kautziges, Bemerkenswertes oder auch Einmaliges und besonders recht Originelles.

Manches hat sich sicher nicht in der Weise zugetragen, wie es uns die Anekdote überliefert hat. Ist doch vieles mündlich weitergegeben worden. Die es berichteten, dichteten hinzu. Die es hörten und weitertrugen, ließen dieses und jenes weg. In all den Anekdoten jedoch wird das Bild von Persönlichkeiten sichtbar, die wir sonst nur durch ihre wissenschaftliche Leistung kennengelernt haben. Und sichtbar wird auf unterhaltsame Weise ein Ausschnitt aus der Wissenschaftsgeschichte – in Details, in Episoden, in Haltungen von Gelehrten und Gelehrigen, wie es im Untertitel bereits gesagt ist. Die Autoren lassen in ihrem Vorwort die Frage nach dem Wahrheitsgehalt offen und antworten mit Giordano Bruno: „Wenn es auch nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden.“

Urania-Verlag, 1. Auflage 1989
Illustrationen: Manfred Bofinger, Berlin

Alexander Abusch: Der Deckname – Memoiren


 Im Februar 1978 begibt sich der Memoirenschreiber nach Essen an der Ruhr, um vor Ort noch einiges über seine Erlebnisse in den Jahren 1928 bis 1930 und 1932/33 zu überprüfen. Unerwartet gelangt er in den Besitz einer Akte von Hitlers Geheimer Staatspolizei (Gestapo), die von Freunden in einem Archiv verwahrt ist. Sie trägt den Titel:

„556 Personalien des politisch in Erscheinung getretenen

Familienname: Abusch

Vorname: Alexander

Deckname: Ernst Reinhardt

Reichsdeutscher, früher Österreicher

KPD-Funktionär und Chef-Redakteur des Ruhrechos“

Die Personenbeschreibung bleibt in der Akte leer… Aber mit 26 Punkten wird er angeklagt, als Kommunist etwas getan zu haben. Bei Punkt 26 war er erst siebenunddreißig Jahre alt – und er hat vorher und nachher immerhin noch einiges mehr getan, als die in Essen auf ihn vergeblich lauernden Mordgesellen damals zu wissen vermochten…

Vor mir auf dem Tisch lag plötzlich in der Form dieser Polizeiakte die erste Hälfte meines Lebens beschrieben, die Fabel, wie ein Kommunist identisch blieb mit seinem Decknamen, selbst wenn er ihn wechselte oder unter seinem legalen Namen lebte und kämpfte… Die neue Konzeption bewirkte, daß ich mich entschloß, dem ersten Band meiner Memoiren den Titel „Der Deckname“ zu geben. In ihm blättere ich weit zurück. Der Fünfundsiebzigjährige steht dem Sechzehn- und Siebzehnjährigen gegenüber; nicht genug: sogar dem Kind in Nürnberg. Meine Erzählweise ist chronologisch, oft mit Zeitraffer, manchmal mit Zeitlupe. Augsburg, München, Jena, die Ruhr und Berlin, der Ural und Mittelasien, die Saar, Paris und Prag, Marseille und Lissabon werden auftauchen. Im zweiten Band „Mit offenem Visier“ wird von der Heimkehr über Meere und Kontinente, von Mexiko, Kamtschatka und wieder Berlin erzählt werden. Doch eine Reise durch die Welt ist mehr als eine Reise um die Erde. Alexander Abusch

Dietz Verlag Berlin, 2. Auflage 1984
Mit 54 Abbildungen
DDR 13,80 M

Klaus Herrmann: Der Brand von Byzanz


 Wir schreiben das Jahr 532. Die riesige prunkvolle Kaiserstadt Byzanz ist der Schauplatz des Geschehens. Kaiser Justinian und seine Gemahlin Theodora, deren schwindelerregender Aufstieg von einer Dirne zur Kaiserin geschichtlich fast einmalig ist, herrschen über ein Volk, das unter ihrer Tyrannei stöhnt. Die Zirkusparteien der „Grünen“ und „Blauen“ erregen die Massen zur Rebellion. Der „Nika-Aufstand“ erstickt in einem furchtbaren Blutbad: Der Stadtkern sinkt in Schutt und Asche, fünfzigtausend Tote häufen sich im Zirkus und in den Straßen.

Klaus Herrmanns Roman erschließt uns die von Fieberkrämpfen durchraste, dekadente Spätantike – eine Welt der Gladiatoren und Eunuchen, geschmeidiger Höflinge und gepeinigter Sklaven, kalt glänzenden Zeremoniells und der Sehnsucht nach Güte und Gerechtigkeit.

Dem Autor ist hier eine der fesselndsten Darstellungen der Antike gelungen, die sich mit seinen historischen Romanen „Die ägyptische Hochzeit“, „Die Zauberin von Ravenna“ und „Die Nacht sinkt auf Babylon“ messen kann.

Verlag der Nation Berlin, 4. Auflage 1982
Paperbacksonderausgabe

Francis Scott Fitzgerald: Der große Gatsby


 

Francis Scott Fitzgerald ist als Chronist der hektischen zwanziger Jahre in den USA bekannt geworden. Er gehört zur Generation von Schriftstellern wie William Faulkner, John Dos Passos, Thomas Wolfe und war mit Ernest Hemingway befreundet. Mit seinem ersten Roman, „Kehrseite des Paradieses“, brachte er 1926 als erster die enttäuschten Gefühle der sogenannten „verlorenen Generation“ zum Ausdruck, jenen Protest einer kleinen Gruppe von amerikanischen Intellektuellen gegen die Sinnlosigkeit des Krieges, gegen Saturiertheit und die Schablone einer bürgerlichen Moral, die ihrem Leben keinen Inhalt zu geben vermochte.

Fitzgerald war fasziniert von der „goldenen“ Seite seines Zeitalters: von den Gewohnheiten der oberen Mittelklasse, vom Überfluß der Steinreichen. Er teilte deren Streben nach Luxus und Lebensgenuß, entdeckte aber auch gleichzeitig hinter der kühlen Maske ihrer Überheblichkeit und versnobten Subtilität zügellosen Rausch, Unrast und Leere. „Der große Gatsby“ (1925), zweifellos Fitzgeralds bedeutendster Roman, enthüllt in einer sparsam verzweigten Handlung, fast wider Willen von dem jungen Nick Carraway erzählt, die Geschichte des James Gatz alias Hay Gatsby. In West Egg, am Sund von Long Island, New York, besitzt der aus dem Nichts emporgestiegene Mittdreißiger ein Palais im Stile eines mittelalterlichen Rathauses der Normandie. Abend für Abend trifft sich dort im blauen Dämmer des Gartens eine mondäne Gesellschaft geladener und zufälliger Gäste: Hollywoodschönheiten, Finanziers, Anwälte, Sportstars, Künstler, Müßiggänger. Bei Jazz und Sekt gehen ungeheuerliche Vermutungen von Mund zu Mund, aus welchen Quellen die Gatsbyschen Millionen, die er mit vollen Händen ausgibt, wohl fließen. Doch alle Prachtentfaltung gilt nur einer Illusion: Der romantische Gatsby will die verwöhnte Daisy Buchanan, seine einstige Verlobte, zurückgewinnen, die er vor seinem Aufstieg an einen Geldaristokraten verlor. Hoffnungsvolle Verheißung teilt sich Gatsby mit, als ihn Daisys grünes Bootslicht von der gegenüberliegenden Uferseite grüßt, doch seine Sehnsüchte und Träume werden an einem gewissen Tag im „Tal der Asche“, jenem scheußlichen Sinnbild sittlicher Verödung und versagender Menschlichkeit, zunichte.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1978
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Walter Schürenberg
bb Nr. 389

05 Februar 2021

Herbert Nachbar: Der Junge mit den knielangen Hosen – Geschichten


 Herbert Nachbar nannte die Kindheit Entdeckungszeit. „So gesehen“, sagte er, „ist nichts hinzugekommen, sondern immer nur genommen worden. Auch von mir.“ In seinen Geschichten über Kinder taucht das Verlorene wieder auf, Geschichten, in denen er Figuren schuf, die zu den poetischsten in seinem literarischen Werk gehören.

Hier begegnen sie uns wieder: der Junge mit den knielangen Hosen und Katharina Flemming, Johannes Benn mit seinen Freunden, Eugen Stresow, Bobbie Hirschfeld, Krischan und Stining. Sie leben am Strom, in Dasekow oder Wummelow, in freundlichen Häusern, über denen die Kirche wie eine Glucke hockt. Ihre Tage sind angefüllt mit Prügel in der Schule, mit Streichen und Lachen an den Nachmittagen. In der Phantasie und im Spiel schaffen sie sich eine eigene Welt, die Geheimnisse birgt und Wunder wie das des Leberwurstbaumes oder der ersten, alles verändernden Liebe. Doch auch Ängste dringen ein in diese Welt und in die kindlichen Träume. Sie reflektieren auf naive Weise die Wirklichkeit von Faschismus und Krieg, und es erweist sich, daß Gut und Böse nicht immer leicht zu trennen sind.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1984
bb Nr. 531

Alphonse Daudet: Der kleine Dingsda


 Mit dem Zauber warmer Menschlichkeit erzählt hier der Dichter zart und ergreifend den Roman seiner Jugend. Die glückliche Kindheit Daniel Eysettes, sein Martyrium im Internat, seine Schriftstellerträume in Paris, Hoffen und Bangen erster Liebe werden dem Leser unvergeßlich bleiben. Der „kleine Dingsda“ wächst vor unseren Augen durch die Feinheit der Zeichnung und Stimmung unversehens zum gefährdeten Kinde schlechthin, zum gedemütigten Jüngling an sich, empor, dessen Reinheit mit der Gesellschaft zusammenstoßen muß. Der Ruin des Vaters, die Qualen des jungen Klassenaufsehers, die Gefährdung durch die Sinne und der Zusammenbruch der dichterischen Träume vor der Realität des Lebens sind mit tiefer Wahrhaftigkeit und eindringlicher Kunst gestaltet.

Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Leipzig, 1. Auflage 1971
Sammlung Dieterich Band 338

Arthur Schnitzler: Der grüne Kakadu und andere Stücke


 Als Schnitzler den „Reigen“ schrieb, ahnte er nicht, daß dieser Liebes-Reigen bei den Aufführungen 1920/21 u. a. in Berlin und Wien Gesellschafts- und Theaterskandale auslöste. Man wehrte sich gegen diesen Angriff auf geheiligte Sitte, Zucht und Anstand, wovon hier auszugsweise eine „Chronique scandaleuse“ beredtes Zeugnis ablegt. Die Groteske „Der grüne Kakadu“ ist eine dichterische Glanzleistung: Ort der Handlung ist eine gleichnamige Pariser Spelunke 1789. Ein verkrachter Theaterdirektor „unterhält“ mit ehemaligen Schauspielern seine adligen Gäste, während auf den Straßen von Paris die Revolution losbricht. In dem bürgerlichen Lustspiel „Literatur“ agieren Prototypen der Münchner Kaffeehaus-Literaten. In der Burleske „Zum großen Wurstel“ wird Schauspielern wie Publikum bewußt, daß aller Leben „an Fäden hängt“.

Henschelverlag Kunst und Gesellschaft Berlin, 1. Auflage 1986