12 April 2022

Jane Austen: Gefühl und Verstand

Teezirkel, Dinners und Bälle, Spazierfahrten, Picknicks und Reisen über Land – das sind die aufregenden Ereignisse, um die sich das Leben der feinen Leute in der englischen Provinz um 1800 dreht. Den Rest ihrer müßigen Tage verbringen sie an Kartentisch und Zeichenbrett, bei Musik und Literatur, mit Klatsch und Tratsch. Das spannendste Gesellschaftsspiel aber, von dem sich kaum einer ausschließt, ist die Jagd nach der besten Partie. Ist man selbst schon versorgt, müht man sich eben nach Kräften, all seine männlichen und weiblichen Verwandten und Bekannten zu verkuppeln. Als lohnende Beute gelten dabei Vermögen, Rang und Ansehen. Ein edles Herz und ein kluger Kopf zählen nicht, sogar Schönheit ist nur eine angenehme Zugabe.

Elinor Dashwood, ein gebildetes, feinsinniges und verständiges Mädchen aus achtbarer, doch unbemittelter Familie, hat beizeiten erkannt, was sie für sich erhoffen darf, während ihre jüngere Schwester Marianne, romantisch verstiegen und allzu gefühlsbetont, schwärmerisch von der großen Liebe träumt. Das Schicksal führt beide über freudvolle Höhen und durch leiderfüllte Tiefen, bis sie am Ende ihr Glück finden – dank der rechten Mischung von Gefühl und Verstand.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
buchclub 65, 1978
Aus dem Englischen von Erika Gröger

 

11 April 2022

Gerhard Gabriel: Das Märchen von der verrückten Schreibmaschine


 Das ist nicht nur eine spaßige Geschichte, in der die Selbstlaute dieser ungewöhnlichen Schreibmaschine ein merkwürdiges Spiel treiben, aus Ärger darüber, daß sie nach Lochwitz an der Schnarre geraten sind. Der Leser wird „spielend“ darauf gelenkt: Die Beschäftigung mit der Sprache und der Umgang mit ihr kann Spaß bereiten und muß nicht nur das manchmal etwas langweilige Grammatikdeutsch bedeuten.

Der Kinderbuchverlag Berlin 1980
Die kleinen Trompeterbücher Nr. 134

Hanns-Canon von Gabelentz und Helmut Scherf: Das staatliche Lindenau-Museum seine Geschichte - seine Sammlungen

Buchanfang

Manches Herrliche der Welt

Ist in Streit und Krieg zerronnen,

Wer beschützet und erhält

Hat das schönste Los gewonnen.

Diese Worte Goethes wurden nach der Wiedereröffnung des Lindenau-Museums im Jahre 1949 an die Stirnwand des seinem Gründer und Stifter, Bernhard von Lindenau, geweihten Gedenkraumes im Obergeschoß geschrieben. Unter ihnen stehen die klassisch-edle Bronzebüste Lindenaus von der Hand des David d'Angers, zu seiner Rechten und zur Linken die Terrakotta-Büsten der Lindenau geistesverwandten französischen Astronomen Jean-Silvain Bailly – dieser, fortschrittlich und rechtlich wie Lindenau, fiel trotzdem 1793 der Guillotine zum Opfer – und Lefrançais de Lalande. Meisterwerke von Jean Antoine Houdon.

Der Vierzeiler Goethes und der Leitsatz Lindenaus "Die Jugend zu belehren, das Alter zu erfreuen", bestimmen den Charakter des Museums sowie Inhalt und Form seiner Sammlungen. Diese, nach dem Kriege geordnet, neu aufgestellt und erweitert, dem Besucher nahezubringen, diente zunächst ein "Kleiner Wegweiser", der später mit Sonderführern durch alle Hauptabteilungen des Museums ergänzt wurde. Zu den Sonderführern wiederum soll nunmehr die vorliegende Schrift treten, die dem Besucher etwas von der Geschichte des Museums und seines Gründers erzählt und darüber hinaus ihm einen kurzen erläuternden Überblick gibt über die in dem Museum gezeigten Kunstwerke; wenn mit einem solchen, von der Schablone eines Normal-Kataloges abweichenden, Überblick zugleich noch ein Rückblick auf geschichtliche Entwicklung sowie Gedanken grundsätzlicher Art zu Fragen der Kunst gegeben werden, dann wird dies von manchem Leser vielleicht begrüßt werden. Dabei erwies es sich als notwendig, die Kunst der Neuzeit etwas eingehender zu beschreiben als diejenige des Altertums und Mittelalters; Abgüsse, Vasen und frühitalienische Malerei, über die bereits ausführliche Spezialkataloge vorliegen und auf die Besucher, die sich für diese Gebiete interessieren, hiermit besonders hingewiesen seien. Abbildungen der meisten in dem Kapitel Neuzeit erwähnten Kunstwerke findet der interessierte Besucher in dem Kataloge "Gemälde und Plastik des 16/20, Jahrhunderts", Teil 1 und 2 Veröffentlichungen des Museums Nr. VI – siehe die Anzeige auf Seite 87).

Für den regelmäßigen Museumsbesucher die einzige Möglichkeit, um aus der Kunst einen wirklichen geistigen Gewinn zu erzielen, – wird regelmäßig allmonatlich ein "Bild des Monats" gezeigt, im Altenburger Kulturspiegel abgebildet und mit einer eingehenden Würdigung versehen, wodurch mit der Zeit ein ausführlicher Katalog geschaffen sein wird, Möge diese Maßnahme Anklang finden und möge auch der vorliegenden jüngsten literarischen Veröffentlichung des Lindenau-Museums die gleiche freundliche Aufnahme zuteil werden wie ihren älteren Artgenossen...

Staatliches Lindenau-Museum, Altenburg 1961
Abbildung: Bernhard August von Lindenan (1779-1854)
Lithografie von Valentin Schertle, nach einem Lichtbild von Biow. 1848

 

F.C. Weiskopf: Himmelfahrtskommando

Der Roman gibt einen klaren, sachlichen Beitrag zum Thema der persönlichen und der kollektiven Schuld aller Deutschen im letzten Kriege und überzeugt durch seine epische Kraft, seinen dramatischen Schwung, seine dichterische Gestaltung und Stimmung und nicht zuletzt durch die Geistigkeit und Menschlichkeit, die ihm innewohnt. Seine Mahnung und Lehre ist heute wiederum von beklemmender Aktualität, da in Westdeutschland die amerikanischen Kriegsbrandstifter einen neuen Sturm der Gewalt und Unmenschlichkeit entfachen wollen.

Dietz Verlag Berlin 1952 2. Auflage 
 

05 April 2022

Elias Canetti: Der Ohrenzeuge - Fünfzig Charaktere

Charakter-Bilder stehen als literarische Form in einer langen Tradition. Theophrast, La Bruyère, Balzac geben mit ihren Typisierungen soziologisch aufschlußreiche Bilder ihrer Zeit. Auch Elias Canetti (geb. 1905) reiht sich mit Charakteren wie "Der Namenlecker" oder "Der Hinterbringer" in diese Tradition ein. Sie sind leicht erkennbare Grundtypen einer Gesellschaft, die nur noch dem Eigennutz verpflichtet ist. Mit anderen Charakteren - mit dem "Schadenfrischen" etwa, dem "Papiersäufer" oder dem "Vermachten" - bevölkert Canetti ein Panoptikum: skurrile Typen, schwer zu entschlüsseln, scheinbar nicht von dieser Welt. Dann aber, auf den zweiten oder dritten Blick lassen sich auch diese Fabelwesen entziffern. Es sind bewußt überzeichnete Deformationen bürgerlicher Endzeit. Canetti führt Zweibeiner vor, deren ganzes Leben und Auftreten von einer einzigen alles überwuchernden Funktion bestimmt wird. Die Rolle, die sich das Individuum in einer deformierten Welt zulegen mußte, weil sie ihr durch die gesellschaftlichen Verhältnisse aufgezwungen worden ist, hat sie verstümmelt.

Die Marionetten und Lemuren dieses Buches sind nur scheinbar zeitlos, und das verbindet sie mit den anderen Gestalten von Elias Canetti. Wie schon in seinem Roman "Die Blendung" (Volk und Welt 1969 und 1974) sind die vorgestellten, in einem engen Verhaltenskorsett sich bewegenden Typen Opfer einer illusionären Bürgerwelt. Wieder erweist sich Canetti als der Schriftsteller hohen Ranges, von dem schon seinerzeit Thomas Mann angetan war - wegen der "erbitterten Großartigkeit seines Wurfs, seiner dichterischen Unerschrockenheit, seiner Traurigkeit und seinem Übermut".

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1976
Spektrum
 

Saad Jehia: Der Omda und Schiech Soliman

"Es gab einmal vor sehr langer Zeit in einem Dorf einen Omda. Der regierte strenger als alle strengen Omdas vor ihm. Wenn er sich über jemanden ärgerte, bestrafte er ihn sogleich mit dem Tode." So beginnt das Titelmärchen dieser Auswahl, und es wird darin erzählt, wie der grausame Dorfbürgermeister durch Afrit Ben Nafrit, den König der Geister, bestraft wird, so daß die Fellachen wieder in Frieden ihrer Arbeit nachgehen können. Ob die Märchen im Tierreich angesiedelt sind oder unter den Menschen spielen, sie stärken die Hoffnung, daß künftig der Tüchtige das Sagen bekommt.

Der Kinderbuchverlag Berlin, 1. Auflage 1986
ATB Nr. 113
 

Wolfgang Sellin, Manfred Wolter (Hg.): Der neue Zwiebelmarkt. Gedichte

Zehn Jahre nach der Herausgabe des ersten 'Zwiebelmarktes' erschien dieser zweite Band mit neuer DDR-Lyrik: Gedichte u. a. von Wilhelm Bartsch, Thomas Böhme, Volker Braun, Waldemar Dege, Kurt Drawert, Heinz Czechowski, Stefan Döring, Adolf Endler, Elke Erb, Jan Faktor, Kerstin Hensel, Wolfgang Hilbig, Wulf Kirsten, Steffen Mensching, Karl Mickel, Richard Pietraß, Bert Papenfuss-Gorek, Peter Wawerzinek, Volker Ebersbach, Fritz Rudolf Fries u. Klaus Möckel; Textill. von Lothar Sell

 Eulenspiegel Verlag Berlin 1. Auflage 1988
Illustrationen: Lothar Sell