19 April 2023

Heinz Wolter (Hg.) Otto von Bismarck - Dokumente seines Lebens

Otto von Bismarck (1815-1898) war ein Politiker und Staatsmann von Rang, wie ihn Junkerklasse und preußischer Staat nur selten hervorbrachten. Eine widerspruchsvolle Persönlichkeit, ebenso zu Bewunderung herausfordernd wie zu unnachgiebiger Anklage. Weder ein nationaler Messias noch ein dämonischer Einzeltäter, dem alle Verantwortung für den verhängnisvollen Verlauf der preußisch-deutschen Geschichte persönlich angelastet werden darf. Vielmehr ein klassenbewußter konservativer Junker, der mit der Errichtung des bürgerlichen Nationalstaates denkbar revolutionär handelte; ein Exponent des preußisch-deutschen Militarismus, der nach 1871 mit seiner das Erreichte bewahrenden Politik einen bemerkenswerten Beitrag zur Friedensstabilisierung in Europa leistete; ein Todfeind der Arbeiterbewegung und Initiator des Sozialistengesetzes; ein brutaler und rücksichtsloser Machtmensch und zugleich ein gewandter Gesellschafter. Theodor Fontane sah ihn so:
"Man mag Bismarck lieben oder hassen, so muß doch immer zugestanden werden, daß intellektuell dasselbe von ihm gilt, was in physischer Beziehung von ihm gesagt worden ist: ein gewaltiger Mann!"

Reclams Universalbibliothek Band 1172
1. Auflage 1986
Mit 79 Abbildungen
Umschlaggestaltung: Friederike Pondelik unter Verwendung einer Aufnahme Otto v. Bismarcks aus dem Jahre 1893
 

Klaus Hoffmann: Otto Hahn - Stationen aus dem Leben eines Atomforschers


 Immer wieder überprüften der Chemiker Otto Hahn und sein Mitarbeiter Fritz Straßmann Ende des Jahres 1938 die Ergebnisse ihrer Analysen. Die Resultate waren überraschend, ja fast unglaublich. Mit verbissenem Eifer wiederholten beide Forscher ihre Experimente, verglichen die Meßwerte erneut miteinander, suchten Rat bei der im Exil lebenden Physikerin Lise Meitner. Ein Irrtum war ausgeschlossen: Das Uranatom ist spaltbar. Otto Hahn hatte einen Weg gefunden, die unerschöpfliche Energie der Atome für die Menschheit nutzbar zu machen.
Tief erschüttert mußte er einige Jahre später erkennen, daß das von ihm entdeckte Prinzip der Kernspaltung den Bau schrecklicher Vernichtungswaffen ermöglicht hatte. Nach der Zerstörung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki durch zwei amerikanische Atombomben schwor er sich, unermüdlich und unbeirrt für die ausschließlich friedliche Anwendung der Atomenergie und damit für den Sieg menschlicher Vernunft einzutreten. Otto Hahn - dessen Geburtstag sich 1979 zum hundertstenmal jährt - gab hiermit ein Beispiel verantwortungsbewußten, humanistischen Handelns.

Verlag Neues Leben Berlin

18 April 2023

Erwin Strittmatter: Ole Bienkopp


 Anton Dürr ist tot. Eine stürzende Kiefer hat ihn erschlagen. Legte Sägemüller Ramsch Antons Frühstück absichtlich unter den Baum? Ole Bienkopp ist wie erstarrt. Von allen seinen Träumen war jener, den er schon vor der Herrschaft der Faschisten gemeinsam mit dem Freund träumte, der schönste: der Traum von der Gerechtigkeit. Gemeinsam begannen sie nach dem neuen Anfang 1945, ihn zum Leben zu erwecken. Nun muß Ole die Führung im kleinen Dorf Blumenau übernehmen. Der Weg bis in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft "Blühendes Feld" geht über Steine. Unvernunft und Feindschaft hindern oft mehr, als Vernunft und Freundschaft helfen können. "Es lebe Bienkopp!" sagen die einen; "Bienkopp hat dem Gegner Fraß gegeben!" sagen die anderen. Am schwersten hat es Ole mit seiner Frau, der stolzen Fischerstochter Anngret. Als er noch einmal mit ihr sprechen will, findet er den verhaßten Feind, den Sägemüller, bei ihr. Der Traum von der Liebe stirbt. Überhaupt machen die Frauen Ole das Leben sauer. Rosekatrin Senf versucht ihn zu angeln. Jan Bullert will in die Genossenschaft eintreten, wenn Ole das dünne Hertchen nimmt. Die dicke Hulda Trampel hätte nichts dagegen, wenn Ole sie verführte. Selbst Frieda, die strenge, ehrgeizige Bürgermeisterin, die ihm manchen Knüppel vor die Beine wirft, hat zeitweise ein Auge auf den Mann Ole. Aber erst das kleine Hühnermädchen Märtke läßt den über Fünfzigjährigen noch einmal jung und glücklich werden, gibt ihm neue Zuversicht und neue Kraft. "Her mit dem Leben!" ruft Ole, und alle Schwierigkeiten können ihm das Licht nicht verdunkeln, das ihm Anton gezeigt hat.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar

Chinua Achebe: Okonkwo oder Das Alte stürzt

Chinua Achebe, heute zu den herausragenden engagierten Schriftstellern der afrikanischen Welt gehörend, glückte mit diesem seinem ersten Roman ein großer Wurf, der seinen Namen weit über die Grenzen seiner nigerianischen Heimat und des ganzen afrikanischen Kontinents hinaustrug. Ihm gelang es, in diesem Prosawerk, das an die besten Traditionen der afrikanischen Erzählkunst anknüpft, ein Stück bewegter afrikanischer Geschichte aufzuzeichnen - den Beginn der territorialen Eroberung seines Landes durch die britische Kolonialmacht und den dadurch ausgelösten Zerfall der traditionellen Ibo-Dorfgemeinschaft gegen Ende des vorigen Jahrhunderts.

Mit großem Einfühlungsvermögen schildert Chinua Achebe die Tragik des Sippenältesten Okonkwo, eines heftigen Verfechters der traditionellen Lebensvorstellungen und Gebräuche, dessen Schicksal unlösbar mit dem seines Dorfes verknüpft ist. Von dem Gefühl der unbeugsamen Autorität besessen, menschliche Schwächen, ja sogar Gefühlsäußerungen verachtend, beschreitet er einen Weg, der ihn schließlich zum Außenseiter der Dorfgemeinschaft werden läßt. Ein tragisches Verhängnis zwingt ihn, sein Heimatdorf für sieben Jahre zu verlassen. Aus der Verbannung zurückgekehrt, muß er feststellen, in welch bedrohlichem Ausmaß die britischen Missionare und Kolonialadministratoren Einfluß auf die Dorfgemeinschaft genommen haben. Mit verzweifelter Kraft versucht er, die bereits gespaltene und innerlich zerrüttete Gemeinschaft neu zu beleben und zum Widerstand aufzurufen. Doch das Unternehmen scheitert, und für Okonkwo, der Revolte angeklagte, bricht eine Welt zusammen.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
1. Auflage 1976
Aus dem Englischen von Richard Moering
bb

 

Ruth Werner: Olga Benario

Olga Benario war eine Heldin. Ist sie uns deshalb fern und unnahbar? Sie war ein Mensch wie du und ich - wie wir sein sollen: heiter, hilfsbereit, leidenschaftlich und tapfer. Die jungen Kommunisten in Berlin lieben das schlanke Mädel aus München mit dem schwarzen Haar und den strahlenden blauen Augen. Eines Morgens klebt ihr Bild an allen Litfaßsäulen Berlins. 5000 Mark Belohnung sind auf ihre Ergreifung ausgesetzt. Die Polizei der Weimarer Republik nennt Olga eine Verbrecherin, die Arbeiter jubeln ihr zu wegen ihrer kühnen Tat, und niemand verrät ihr Versteck. Später kämpft Olga unter Lebensgefahr an der Seite des führenden brasilianischen Revolutionärs Luiz Carlos Prestes um die Befreiung seines Volkes, eine Heldin und eine Frau wie viele andere, ihrem Manne in großer Liebe zugetan. Eine Heldin, die sich weder in den Gefängnissen Brasiliens noch von den Faschisten in Deutschland zerbrechen läßt; eine Mutter wie Millionen Mütter, voller Glück über das erste Lächeln ihres Töchterchens, geboren hinter Kerkermauern.
"Unsere Olga", sagen ihre Freunde in vielen Ländern von ihr. "Unsere Olga" soll sie auch für die Leser dieses biographischen Romans werden.

Verlag Neues Leben Berlin
1. Auflage 1961
8. Auflage 1972



 

17 April 2023

O Lust, allen alles zu sein - Deutsche Modelektüre um 1800

"Allen edlen Lesern widm' ich dieses Buch, die beim Lesen mehr als bloß Befriedigung der Neugierde suchen ... Der Dichter besonders sollte hauptsächlich auf das Herz seiner Leser Rücksicht nehmen. Dadurch bahnt er sich am leichtesten den Weg zum Unterricht und zur Belehrung ... daher sollte er SOVIEL ALS MÖGLICH ALLEN ALLES WERDEN..."
Diese Maxime empfindsamer Lektüre steht in Millers "Siegwart" (1777); sie könnte auch von Schummel oder Salzmann stammen, Autoren, die in ihren Romanen Millionen Leser zu Zeugen unerhört gefühlvoller, trauriger, heiter-besinnlicher, geheimnisvoller, belehrender Ereignisse machen. Die Welt dieser Bücher duldet keinen ungelösten Widerspruch, keine ungerochene Missetat, keinen Sieg eines Ungerechten. Die Schicksale der Helden geben die unumstößliche Zuversicht, daß alles stets sich zum besten wendet und jede Prüfung nur näher zum Ziele endlicher Läuterung führt. Aktivitäten sind scheinbar; sie verlassen nicht den Kreis konventioneller Vorgaben. "Rücksicht" auf das Herz meint so die Übereinkunft aller Trivialliteratur: daß niemand Veränderung befürchten müsse von dieser Lektüre.

Reclams Universal-Bibliothek Band 756
2. Auflage 1981
Umschlaggestaltung: Friederike Pondelik unter Verwendung des Gemäldes "Wilhelmine Begas" (1828) von Karl Begas d. Ä. (Berlin, Nationalgalerie)
Belletristik
 

Wassili Schukschin: Null null Kopeken

Wassili Schukschin (1929-1974) wurde als Prosaautor, Regisseur und Filmschauspieler bekannt. "Ich bin", sagte er, "zur Literatur und Kunst vom Leben her gekommen. Mit erheblichen Lücken im Wissen von der Welt kam ich vom Lande in die Hauptstadt, und die Literatur und die Kunst erschienen mir als Zauberwerk menschlichen Geistes. Künstler waren für mich große Weise, wie Menschen aus einer anderen Welt. Und auf einmal war ich selbst mitten unter ihnen." Die Erzählungen dieser Auswahl sind zwischen 1964 und 1974 entstanden; in ihnen finden sich alle wesentlichen künstlerischen Vorwürfe und Themen des Autors: Menschen im Moment des Aufbruchs oder der Ankunft, des Zögerns, beginnender Reflexion, oder im Moment des Scheiterns ... Die gesamte Typologie der Schukschin-Helden wird ablesbar: der Einfache und Gutherzige, der Gewitzte der rücksichtslos handelnde "kernige" Bursche, der gedankenverloren zum Handeln ansetzende Grübler, der Kauz, der "Narr", der Exzentriker, der In-sich-Ruhende, der Fragende, der Philosophierende.
Die Sympathie des Autors gilt den Impulsiven, nicht den planmäßig Funktionierenden.

Reclams Universal-Bibliothek Band 889
1. Auflage 1981
Belletristik
Mit Illustrationen