09 Mai 2023

Gisela Karau: Familienkrach

Immer haben sich Mutter und Tochter gut verstanden. Carlotta Spiegel, die erfolgreiche Journalistin, freut sich, daß Karla, die Tochter, in ihre Fußstapfen getreten ist und ebenso engagiert ihrer Arbeit nachgeht. Aber plötzlich taucht Albert auf, und es kommt zum Familienkrach, denn Carlotta kennt Albert: Seinetwegen ist sie damals von der Berliner Abendzeitung weggegangen. Der Tochter möchte sie Enttäuschung und Blamage ersparen. Carlotta erinnert sich an damals, an die fünfziger Jahre, als sie, auch nach einem Familienkrach, ihre Tante Lascha, die Maskenverleiherin, verlassen hat, als sie es lernen mußte, hinter die Masken zu sehen, Freund und Feind, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden. Sie konnte als Reporterin damals Erfahrungen sammeln, die ihrer Tochter fehlen; darum versteht sie nicht, warum Karla ihren gutgemeinten Rat zurückweist.


Verlag Neues Leben, Berlin 1988
Schutzumschlag und Einband: Gerhard Medoch

1. Auflage 1988
2. Auflage 1989

08 Mai 2023

Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Ich kann und mag natürlich den Lesern nicht vorschreiben, wie sie meine Erzählung zu verstehen haben. Möge jeder aus ihr machen, was ihm entspricht und dienlich ist! Aber es wäre mir doch lieb, wenn viele von ihnen merken würden, daß die Geschichte des Steppenwolfes zwar eine Krankheit und eine Krisis darstellt, aber nicht eine, die zum Tode führt, nicht einen Untergang, sondern das Gegenteil: eine Heilung.

Hermann Hesse (1942)

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
2. Auflage 1986
Taschenbuch der Weltliteratur
Abbildung: Paul Klee "Offenes Buch"
 

Fjodor Dostojewski: Der Spieler

Fjodor Dostojewski (1821-1881) schrieb 1866, seine Arbeit an "Schuld und Sühne" unterbrechend, den Roman "Der Spieler". Beide Handlungslinien dieses Romans, die qualvolle Liebe Alexej Iwanowitschs zu Polina und die Geschichte des leidenschaftlichen Spielers, gründen sich auf persönliche Erlebnisse des Autors. In den sechziger Jahren bereiste Dostojewski Westeuropa, wobei sein Weg über die Spielsäle Wiesbadens, Baden-Badens und Homburgs führte, in denen damals das Roulettspiel in Blüte stand. Er habe, so berichten Biografen, anfangs nur gespielt, um seine und seiner Geliebten, Apollinaria Suslowas, finanzielle Lage zu verbessern. Dostojewski hatte diese Studentin 1861 kennengelernt. Eine gemeinsame Reise nach Paris war geplant. Polina Suslowa mußte allein vorausfahren; sie unterlag bald dem Werben eines Südländers (im Roman mit dem Französischen identisch), und ihr Verhältnis zu Dostojewski erfuhr eine Wendung, wie sie der Roman andeutet.
Dostojewski trennte sich später vonh Polina Suslowa. Er heiratete die Stenografin Anna Snitkina, der er diesen Roman im Oktober 1866 in sechsundzwanzig Tagen diktierte.

Reclams Universal-Bibliothek
Belletristik
 

Helle Carola Gärtner-Scholle: Der Tag beginnt

Buchvorstellung von Anne Robert

"Der Tag beginnt" ist nicht nur mein liebstes Kinderbuch, sondern war auch mein Erstes. Soweit ich mich erinnern kann. Leider sieht es auch dementsprechend aus: Die Seiten sind schon etwas lädiert, auch etwas vergilbt. Kein Wunder: Es war in der Kindheit mein treuester Begleiter, ganz besonders wenn ich krank war... und ich war als Kind sehr oft krank...

Der Titel sagt eigentlich alles: Die Stadt erwacht zum Leben und die Hauptfiguren sind Maus und ihr jüngerer Bruder Märten, die sich für den Kindergarten fertigmachen und dabei einige (alltägliche) Dinge erleben. Das Ganze ist in Reimform erzählt und beim wiederholten Lesen prägt man sich das Ganze wunderbar ein... einige Zeilen beherrsche ich auch heute noch...

Abel & Müller Verlag
1. Auflage 1956
5. Auflage 1963
Illustrationen: Fritz Baumgarten 

Anita Wagner: Der Spatz in der Hand bin ich

Ich heiße Karoline, bin achtzehn und arbeite beim Jugendfunk. Daß Alexander und Michael mich für einen Spatz halten, stört mich nicht, aber daß sie mich nicht für voll nehmen, mißfällt mir sehr.


Verlag Neues Leben Berlin 1975

Illustrationen von Gisela Wongel


 

Theodor Fontane: Der Stechlin

Theodor Fontane (1819-1898). "Aber wenn ich, Frau Gräfin, in Ihren Mienen richtig lese, so sind diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu was andrem. Sie halten noch das Eigentliche zurück und verbinden mit Ihrer Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas Spezielles und beinah Praktisches."
"Wir kommen da eben von Ihrem Stechlin her, von Ihrem See, dem Besten, was Sie hier haben. Ich habe mich dagegen gewehrt, als das Eis aufgeschlagen werden sollte, denn alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das, was sich verbirgt, erschreckt mich. Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod. Es kommt darauf an, daß wir gerade das beständig gegenwärtig haben."

Reclams Universal-Bibliothek
Belletristik
 

07 Mai 2023

Ernst Weiß: Georg Letham - Arzt und Mörder

Der schonungslose, tiefste menschliche Abgründe offenbarende Lebensbericht des Arztes und Bakteriologen Georg Letham könnte von den biographischen Fakten her reißerisch genannt werden: Ein Wissenschaftler im Dienste der medizinischen Forschung, dessen Denken und Handeln so ausschließlich auf das Experiment gerichtet ist, daß ihm am Ende selbst sein Leben zu einem Experiment gerät, wird zum Mörder der eigenen Frau. Zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt und in eine tropische Strafkolonie deportiert, bewährt er sich bei der Entdeckung des Gelbfiebererregers. Der Erzähler Ernst Weiß geht aber viel mehr der Frage nach, wie Letham, der Züge Hamlets und Raskolnikows in sich vereinigt, seine Schuld moralisch bewältigt, wie er unter extremen Bedingungen diese Bewährungsprobe besteht. Dank seiner faszinierenden Psychologisierungskunst gelingt es dem Autor, den Leser in den Bannkreis eines ungewöhnlichen Helden zu ziehen und ein ethisches Anliegen vorzutragen, das heute ebenso aktuell ist wie vor fünfzig Jahren, als der Roman geschrieben wurde.

Buchanfang:
Es bleibt uns unvollkommenen Menschen nicht erspart, entweder als Angeklagte oder als Zeugen dem noch viel unvollkommeneren Weltprozeß beizuwohnen. Grausamkeit und Sinnlosigkeit sind das Ergebnis unserer Erfahrungen, und diese Beobachtungen wiederholen sich während der kärglichen Zeit unseres Daseins zum Überdruß. Dieser Grundwissenschaft gegenüber stellt sich keiner blind. Ewige Not des einzelnen, vergeblich durch rücksichtslosen Kampf aller gegen alle bekämpft – Schmerz, Leid der Seele, Qual des Körpers in unvorstellbarem Ausmaß, und dabei idiotische Kraft- und Materialvergeudung der Natur in dieser wohlgeordnetsten aller Welten – wer soll daraus klug werden?
Klug werden, wissend werden – man versucht es vom ersten bis zum letzten Tage – versucht es und erreicht es nie. Was soll ein denkender und willenskräftiger Mann also dann anstreben außer den augenblicklichen Genuß? Und was kann denn dieser Genuß anders sein als ein Rausch, den man, will man ihn wiederholen, ein jedesmal mit viel größeren Mengen des Rauschmittels herbeizwingen muß? Muß man aber jedesmal von neuem immer brutalere Anstrengungen machen, um sich das Dasein auch nur erträglich zu gestalten, dann wird jener Augenblick sehr bald gekommen sein, in welchem man sich gegen das Gesetz der Sozialität und menschlichen Solidarität vergeht, da man in die Rechte der anderen rücksichtslos eingreift, und nichts ist natürlicher, als daß sich diese anderen dagegen wehren und den Rechtsverbrecher unschädlich zu machen versuchen.  .....

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
Mit einem Nachwort von Dieter Kliche
Einbandgestaltung Peter Nagengast

1. Auflage 1982