03 Oktober 2026

Edgar Allan Poe: Hinab in den Maelström

 „Es ist noch gar nicht lange her“, sagte er endlich, „daß ich Sie diesen Weg ebensogut hätte führen können wie der jüngste meiner Söhne; aber vor drei Jahren ist mir etwas zugestoßen, was gewiß In Nordland (zwischen den Lofoten und Mosköe) gibt es den von allen gefürchteten Maelström, einen trichterförmigen, gigantischen Wirbel, der einen Durchmesser von mehreren Meilen hat. In ihn geraten während eines Orkans vier Fischer mit ihrem kleinen Boot. Sie wie auch der von der spanischen Inquisition zum Foltertod verurteilte Held der zweiten Erzählung „Grube und Pendel“ erweisen sich als scharf analysierende Beobachter, die Grauen und Angst bekämpfen und auf Rettung sinnen.





Heftanfang:
Hinab in den Maelström

Die Wege Gottes in Natur und Schicksalsfügungen sind nicht 
unsere Wege; unsere Werke sind auch keineswegs zu vergleichen 
mit der Größe, Tiefe und Unergründlichkeit seiner Werke, 
die eine Tiefe haben, größer als die Brunnen des Demokritos.
Joseph Glanville

Endlich hatten wir den Gipfel des höchsten Felsens erreicht. Einige Minuten lang schien der Greis zu sehr erschöpft, um sprechen zu können. 
noch keinem Menschen begegnet ist oder wovon wenigstens niemand erzählen konnte; und sechs Stunden tödlichen Schreckens, die ich damals durchlebte, haben mich körperlich und geistig gebrochen. Sie halten mich wohl für einen sehr alten Mann, aber ich bin es nicht. In weniger als einem Tag wurden diese einst kohlschwarzen Haare schneeweiß, wurden meine Glieder so gelähmt und meine Nerven so geschwächt, daß ich schon bei der geringsten Anstrengung zittere und mich vor einem Schatten fürchte. Wissen Sie, daß ich über diese kleine Klippe kaum hinabschauen kann, ohne Schwindel zu bekommen?“
Er hatte sich nachlässig am Rand der „kleinen Klippe“ hingestreckt und ruhte sich aus. Dabei bewahrte ihn nur der auf dem äußersten, schlüpfrigen Rand aufgestützte Ellbogen vor dem Absturz, so weit hing sein Oberkörper darüber hinaus. Diese „kleine Klippe“ ragte als ein glatter Felsen ungefähr fünfzehn- bis sechzehnhundert Fuß über die unter uns liegenden Felsen hinaus. Nichts in der Welt hätte mich bewegen können, ihrem Rand auf ein halbes Dutzend Ellen nahe zu kommen. In der Tat, so sehr wurde ich durch die gefährliche Stellung meines Führers geängstigt, daß ich mich der Länge nach auf den Boden warf, mich an die Sträucher in meiner Nähe klammerte und nicht einmal zum Himmel aufzublicken wagte. Dabei quälte mich der Gedanke, daß selbst die Fundamente des Berges durch den rasenden Sturm erschüttert werden könnten; ein Gedanke, gegen den ich mich vergeblich wehrte. Es dauerte lange, bis ich nach vernünftiger Überlegung wieder so viel Mut faßte, daß ich mich hinsetzte und in die Ferne hinausschaute.
„Solche Angstvorstellungen müssen Sie niederkämpfen“, sagte mein Führer, „denn ich habe Sie hierhergeführt, damit Sie den Ort, wo ich das erwähnte Erlebnis hatte, möglichst gut sehen und damit Sie sich alles gut vergegenwärtigen können.“
„Wir sind nun“, fuhr er in seiner eigentümlichen Art fort, „dicht an der norwegischen Küste unter dem achtundsechzigsten Grad nördlicher Breite – in der großen Provinz Nordland und im öden Gebiet der Lofoten. Der Berg, auf dessen Gipfel wir jetzt sitzen, ist der Helseggen, man nennt ihn auch den Wolkigen. Richten Sie sich etwas höher auf – halten Sie sich im Gras fest, wenn Sie Schwindel fühlen, gut so, und sehen Sie über den Dunstgürtel unter uns weg auf das Meer hinaus.“

Umschlag und Illustrationen: Walter Gorski

Verlag Neues Leben Berlin
Reihe:
Das neue Abenteuer 405
1. Auflage 1980 

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