Drei Bilder gibt es von ihr. Das erste zeigt eine junge Frau von etwa zwanzig Jahren. Ihr ebenmäßiges Gesicht hat einen scheuen Ausdruck, die Haare sind nach der Mode beiderseits zu gleichmäßig langen, an den Enden hochgebundenen Zöpfen geflochten; über dem Mittelscheitel ist ein Teil der Frisur zu einer Krone aufgesteckt: Madame Mathilde Franziska von Tabouillot, geborene Giesler. Durch die Heirat mit dem reichen Mülheimer Weinhändler von Tabouillot in den Adel erhoben, standen ihr die höchsten Kreise der guten Gesellschaft im preußischen Rheinland offen.
Auf dem zweiten Bild sitzt eine Frau hoch zu Roß. Sie trägt ein schlichtes dunkles Kleid, das durch Leinenhosen zu einem Reitanzug komplettiert wird, auf dem Kopf einen hellen Heckerhut, mit langer roter Feder, wie ihn die süddeutschen Demokraten in jener Zeit bevorzugten. Die Szene spielt auf dem Kopfsteinpflaster einer Kleinstadt, wo die sonderbare Reiterin, begafft von Straßenjungen und Bürgern, offenbar eine Rast einlegt: Mathilde Franziska Anneke, Ordonnanzoffizier in der badisch-pfälzischen Erhebung von 1849.
Auf dem dritten Bild schließlich eine würdige, fast matronenhaft wirkende korpulente Frau, die Haare kurz geschnitten und streng nach der Seite gekämmt, in einem langen weiten, die Figur verdeckenden Kleid, das bis auf die Erde reicht. Um den schmalen Mund zeichnen sich Falten ab, die ihr Gesicht weniger hart als energisch, weniger alt als aktiv erscheinen lassen: Lady Mathilda Franziska Anneke, führendes Mitglied der amerikanischen Frauenbewegung – die Suffragette.
Verlag Neues Leben Berlin, 1988