22 Juli 2021

Marcello Argilli: ATOMINO


 Nie darfst du jemand helfen, der jawoll! zu einem General sagt - das hatte ihm Professor Zaccaria eingeprägt, und daran denkt Atomino, als er in die Hände des kriegswütigen General Simeone fällt. Auch an Smeraldina denkt er, sie ist seine beste Freundin, und ihr darf nichts geschehen. Deshalb will Atomino lieber in Simeones Kerker schmachten als ihm auch nur ein Quentchen seiner Energie für die Atombombe geben. Ob Atomino und seine Freunde den General besiegen? Natürlich! Wenn auch Kater Fantasio im allgemeinen gegen Geschichten mit gutem Ausgang ist.

Der Kinderbuchverlag Berlin, 1. Taschenbuchauflage 1979
ATB – AlexTaschenbücher

21 Juli 2021

Fjodor M. Dostojewski: Über Literatur

Fjodor M. Dostojewski (1821-1881): „Es kann natürlich auch einen häßlichen antikisierenden Wurm geben, der tatsächlich jedes Gefühl für die Gegenwart verloren, der sich in der Vergangenheit niedergelassen hat, irgendwo in der antikisierenden Dichtung, ohne die leiseste Ahnung weder von sich selbst noch von den Qualen des Lebens. Aber sind sie etwa besser, diese unübersehbaren Scharen billiger Progressisten mit ihren ausgeborgten Überzeugungen, mit ihrem kläglichen Verstand, der auf dem hohen Roß der Phrase stolz alle Hürden nimmt…“ Das jedenfalls kann der Leser dieser Aufsätze Dostojewski nicht nachsagen, daß er der reinen Kunst (hier verstanden als Flucht in die Antike) oder einer scheinrevolutionären Tendenzliteratur das Wort geredet hätte. Wie widerspruchsvoll und utopisch immer die Gedanken des Autors zur russischen Literatur und zur Weltliteratur, zu historischen, philosophischen und gesellschaftlichen Fragen sind, der Schriftsteller Dostojewski bleibt in der ziemlich chaotischen Zeit jener Übergangsepoche treu seinem Beruf, Anwalt der „Erniedrigten und Beleidigten“ zu sein, als Publizist und Künstler.


Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 2. Auflage 1976
Reclams Universal-Bibliothek Band 44
Kunstwissenschaften

 

Augusto Céspedes: Teufelsmetall

Es ist ein stolzer Augenblick für den Halbindianer Zenón Omonte, als König Alfons XIII. von Spanien ihn, den Emporkömmling, freundschaftlich ans Herz drückt. In unendlich ferner Vergangenheit war er ein barfüßiger Mestizenjunge, der Indiomädchen vergewaltigte, seinen Onkel bestahl und mit Maultieren und anderen Dingen handelte. Als Gehilfe eines Erzaufkäufers in der Stadt Oruro im bolivianischen Hochland lauscht er Erzählungen von märchenhaften Silberfunden, aber die verlassene Grube, die er mit geborgtem Gelde kauft, enthält kein Silber – sie enthält Zinn. An dem Tage, da ein indianischer Häuer in dem halbverfallenen Stollen die reichste Zinnader der Welt anschlägt, beginnt Zenón Omontes legendärer Aufstieg. Geschickt und skrupellos erweitert er seinen Besitz, beseitigt unbequeme Konkurrenten, besticht Gerichte, kauft Minister und Staatspräsidenten, verfeinert die Ausbeutung der Bergarbeiter, gründet Tochterfirmen in anderen Kontinenten, wirft Zinn auf den Markt, Millionen Tonnen Zinn. Von Palästen und Hotelzimmern aus überwacht er grimmig und mißtrauisch alle Vorgänge in seinem Imperium, in dem wie im Reiche Philipps II. die Sonne nicht untergeht. Menschlichen Maßen entwachsen, versteint er in eisiger Einsamkeit – ein Gott des Kapitals, dem wie einst den Göttern der Inkas zahllose Leben geopfert werden.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1964

 

Vera Thies: Ungarische Liebesbriefe aus fünf Jahrhunderten

„Männer sind von Natur aus mißmutig, also auch beim Briefeschreiben. Und erst recht beim Schreiben von Liebesbriefen. Machen ihnen Freude oder Schmerz das Herz weit, dann entströmt diesem Herzeleid. Es ist, als geleite sie die Liebe zu ihrer Mutter zurück. Sie reagieren schon verdrießlich und ungeduldig, wenn sich eine Antwort einmal verspätet, sie wollen alles zugleich und augenblicklich. Eines unterbliebenen Lächelns wegen greifen sie nach der Feder wie nach einem rettenden Strohhalm, und man atmet auf: Welch ein Glück, daß ihre Hand auf dem Tisch nicht zufällig das Papiermesser oder den Dolch gefunden hat. Frauen nehmen das alles verständnisvoller hin. Sie wissen, die Liebe ist nur ein Vorwand, eine gute Gelegenheit zu maßlosem Ausbruch oder Überschwang. Nach einigen beruhigenden Worten gehen sie sogleich zum Wesentlichen über…“

So meditierte Gyula Illyés, jahrzehntelang herausragende Gestalt der ungarischen Gegenwartsliteratur, bereits 1938 über die Gattung des Liebesbriefes. Natürlich ist diese weit mehr als nur Gegenstand heiterer Betrachtung. Der Band enthält 90 Beiträge großer Männer und kluger Frauen, deren Namen auf die eine oder andere Weise in die Geschichte ihres Landes eingegangen sind. Aus ihren sehr persönlichen Bekenntnissen sprechen nicht nur die tiefsten und schönsten Regungen des menschlichen Herzens, sondern ebenso die Anteilnahme am Wohl und Wehe des Volkes, das Engagement für das Schicksal der Nation.

Rütten & Loening Berlin, 1989

 

Manfred Gebhardt: Mathilde Franziska Anneke

Drei Bilder gibt es von ihr. Das erste zeigt eine junge Frau von etwa zwanzig Jahren. Ihr ebenmäßiges Gesicht hat einen scheuen Ausdruck, die Haare sind nach der Mode beiderseits zu gleichmäßig langen, an den Enden hochgebundenen Zöpfen geflochten; über dem Mittelscheitel ist ein Teil der Frisur zu einer Krone aufgesteckt: Madame Mathilde Franziska von Tabouillot, geborene Giesler. Durch die Heirat mit dem reichen Mülheimer Weinhändler von Tabouillot in den Adel erhoben, standen ihr die höchsten Kreise der guten Gesellschaft im preußischen Rheinland offen.

Auf dem zweiten Bild sitzt eine Frau hoch zu Roß. Sie trägt ein schlichtes dunkles Kleid, das durch Leinenhosen zu einem Reitanzug komplettiert wird, auf dem Kopf einen hellen Heckerhut, mit langer roter Feder, wie ihn die süddeutschen Demokraten in jener Zeit bevorzugten. Die Szene spielt auf dem Kopfsteinpflaster einer Kleinstadt, wo die sonderbare Reiterin, begafft von Straßenjungen und Bürgern, offenbar eine Rast einlegt: Mathilde Franziska Anneke, Ordonnanzoffizier in der badisch-pfälzischen Erhebung von 1849.

Auf dem dritten Bild schließlich eine würdige, fast matronenhaft wirkende korpulente Frau, die Haare kurz geschnitten und streng nach der Seite gekämmt, in einem langen weiten, die Figur verdeckenden Kleid, das bis auf die Erde reicht. Um den schmalen Mund zeichnen sich Falten ab, die ihr Gesicht weniger hart als energisch, weniger alt als aktiv erscheinen lassen: Lady Mathilda Franziska Anneke, führendes Mitglied der amerikanischen Frauenbewegung – die Suffragette.

Verlag Neues Leben Berlin, 1988

 

Raissa Ostrowskaja: Nikolai Ostrowski – Leben und Kampf eines Unbeugsamen


 Die neue Gesellschaft braucht keine kalten Beobachter und auch keine gefühlvollen „Sympathisierenden“, sondern leidenschaftliche und aufrechte Teilnehmer am großen Aufbau! Man darf nicht passiver Zeuge dessen sein, wie der Palast des menschlichen Glücks wächst, und man darf nicht hoffen, daß man irgendwie verstohlen in das fertige Gebäude hineinschlüpfen kann, nur deshalb, weil man in der Epoche lebt, in der die große Revolution geschah.

Nikolai Ostrowski

Verlag Neues Leben Berlin, 1977
buchclub 65

20 Juli 2021

Rosmarie Mann: Johann Sebastian Bach – Harmonie und Kontrapunkt


 Kaum ein anderer Komponist war derart produktiv und zugleich ehrgeizig in seinem Schaffen, so eigenwillig und unbequem seinen Mitmenschen, vor allem den Brotherren gegenüber, so geradlinig und treu seinem als wahrhaft und einzig redlich empfundenen Musizierstil verpflichtet und gerade darum Bahnbrecher einer sehr eigenen, doch stark den traditionellen Elementen verhafteten Musikrichtung – Johann Sebastian Bach.

Als Vater von zwanzig Kindern, von denen ihn allerdings nur neun überlebten, litt er ständig unter existentiellen Nöten, die seine Schaffenskraft geradezu herausforderten. In manchen Jahren war allsonntäglich ein neues Werk zur Aufführung zu bringen, unabhängig vom jeweils eigenen Befinden! Aus dem einstigen Currendesänger entwickelte sich rasch ein überaus begabter, virtuos spielender Organist und Kantor, der schon bald zum Fürstlichen Konzertmeister und später ehrenhalber zum Sächsischen Kurfürstlich-Königlichen Hofcompositeur avancierte.

Sein von den Konflikten eines emanzipierten Bürgerlichen, der seiner Zeit tief verhaftet und ihr doch um so vieles voraus war, geprägtes Leben wird in dieser Biografie eindringlich und anschaulich dokumentiert.

Verlag Neues Leben Berlin, 1988