Bücher und Schriftsteller, die in der DDR gelesen wurden. Schaut bitte nicht nur danach, ob hier jeden Tag Beiträge auflaufen, nutzt diesen Blog auch wie ein Lexikon. Er ist ein Langzeitprojekt, da ist es sicherlich verständlich, wenn zwischendurch immer mal wieder pausiert wird. Sei es, um nicht die Lust daran zu verlieren, aber auch, weil die Beiträge auch regelmäßig vorbereitet werden müssen. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Stöbern und Erinnern oder neu entdecken.
08 November 2021
Ruth Werner: Gedanken auf dem Fahrrad
Erinnerungen an ein Fahrrad: Auf dem Rad ihres älteren Bruders lernt die Achtjährige fahren. Mit siebzehn entkommt sie nach abendlichen Versammlungen mit ihrem Rad den Gymnasiasten, die sie verfolgen. Später, als sie in Shanghai lebt, hängt ein kleiner Korbsitz aus Stroh vor der Lenkstange… Erinnerungen an ein Fahrrad – Gedanken auf einem Fahrrad, Gedanken an ein Fahrrad für Vietnam. Das Persönliche ist für Ruth Werner nicht denkbar ohne das Gesellschaftliche, und das Gesellschaftliche ist immer etwas, was sie ganz persönlich angeht. Alltägliches ist für sie nie trivial, und große Leistungen begreift sie als die Mühen von Leuten, die das ihnen Mögliche täglich tun. Die achtunddreißig Beiträge, die hier versammelt sind, zeigen Ruth Werner als eine Publizistin, die ehrlich und streitbar über Menschen und Probleme schreibt, die sie in den vergangenen Jahrzehnten bewegt haben und die auch uns heute noch bewegen. Verlag Neues Leben 1980
Elfriede Brüning: Frauenschicksale
Die beiden Bücher dieses Bandes entstanden im Abstand von dreißig Jahren. In ihrem Roman „… damit du weiterlebst“ gestaltet die Autorin meisterhaft mit behutsamen und eindringlichen Worten das Schicksal zweier Mütter während der Zeit des Faschismus in Deutschland. Die Widerstandskämpferin Hilde Coppi und die Jüdin Lotte Burkhardt nehmen größte Opfer auf sich, um für ihre Kinder eine Überlebensmöglichkeit zu finden. In den Erzählungen „Partnerinnen“ werden vier Frauen unterschiedlichen Alters vorgestellt, die sich darüber Rechenschaft geben, wie sie ihre berufliche Entwicklung, die Kindererziehung und die Beziehung zum Partner in Übereinstimmung gebracht haben. Der Leser sucht eine Antwort auf die Frage, ob das Leben dieser Frauen sinnvoll und glückerfüllt war. Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig 1981
Bertolt Brecht: Leben des Galilei
Bertolt Brecht (1898-1956) schrieb zu der Frage, ob man seine Galilei-Figur preisen oder verdammen sollte: Es wäre eine große Schwäche des Werkes, wenn die Physiker recht hätten, die mir – im Ton der Billigung – sagten, Galileis Widerruf seiner Lehre sei trotz einiger „Schwankungen“ als vernünftig dargestellt mit der Begründung, dieser Widerruf habe ihm ermöglicht, seine wissenschaftlichen Arbeiten fortzuführen und der Nachwelt zu überliefern. In Wirklichkeit hat Galilei die Astronomie und die Physik bereichert, indem er diese Wissenschaften zugleich eines Großteils ihrer gesellschaftlichen Bedeutung beraubte. Mit ihrer Diskreditierung der Bibel und der Kirche standen sie eine Zeitlang auf der Barrikade für a l l e n Fortschritt… Galileis Verbrechen kann als die „Erbsünde“ der modernen Naturwissenschaften betrachtet werden…
Die Atombombe ist sowohl als technisches als auch als soziales Phänomen der klassische Endpunkt seiner wissenschaftlichen Leistung und seines sozialen Versagens.
Reclam UB Nr. 179, 8. Aufl., 1966
06 November 2021
Anna Seghers: Die Rettung
Der Häuer Bentsch ist mit einer Gruppe von Bergleuten in einem 700 Meter tiefen Schacht verschüttet. Über acht Tage und Nächte hinweg erhält er in sich und seinen Kameraden durch Ruhe und Zuversicht den nur schwach glimmenden Funken der Hoffnung auf Rettung.
Mit der Schilderung dieser Rettung beginnt das Buch. Doch was erwartet die Geretteten? In der Welt „über Tage“ herrscht die Krise. Es ist die Zeit zwischen 1929 und 1933. Die Gruben des Reviers werden geschlossen, Bentsch und seine Kumpel zum Stempeln verurteilt. In ihre Wohnungen dringt Not und Ratlosigkeit ein. Alle persönlichen Beziehungen werden von der Katastrophe erfaßt. Hier hilft Bentsch nicht mehr die ruhige Zuversicht, mit der er die Verschütteten ermutigte. Es braucht lange Zeit, bis er sich durch die wirtschaftliche und politische Verwirrung hindurchfindet.
Meisterhaft verwebt Anna Seghers in ihrer Erzählung die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die aus der widrigen Wirklichkeit in eine einfache, unverzärtelte Gefühlswelt flüchten, ohne darin Erfüllung zu finden. Der Häuer Bentsch aber erkennt die Rettung im Widerstand gegen die Kräfte, die Krisen und Kriege verschulden.
Aufbau-Verlag Berlin 1963
Brigitte Reimann, Siegfried Pitschmann: Ein Mann steht vor der Tür
Mit dem Hörspiel „Ein Mann steht vor der Tür“ stellt sich ein junges Schriftstellerehepaar vor: Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann, die für diesen ihren ersten dramatischen Versuch mit einem Preis der nationalen Runde eines internationalen Hörspielwettbewerbs und später, 1961, mit dem FDGB-Preis ausgezeichnet wurden.
Der Mann, der da vor der Tür einer Verwaltungsbaracke im Kombinat Schwarze Pumpe steht, zögernd und nachdenklich, der Maschinist Lutz, kommt aus dem Westen – heim in die Republik. Gleich wird er Sonja wiedersehen, die Frau, die er verließ und die ein Kind von ihm hat, von dem er nichts weiß…
Einbandtext:
Dieses Hörspiel ist unsere erste Koproduktion: es erzählt eine Geschichte aus dem Kombinat Schwarze Pumpe, in dem wir seit gut drei Vierteljahren leben und arbeiten. Befragt über die Art und Weise, wie wir zusammen ein Stück schreiben, fällt uns eine exakte Antwort schwer. Das Fundament für gemeinsame Arbeit gleicht dem einer guten Ehe: Einmütigkeit über das Ziel, das erreicht werden soll, Rücksichtnahme und eine heiter geübte Gleichberechtigung. Dies vorausgesetzt, sind viele unerwartet auftauchenden Schwierigkeiten nicht unüberwindbar. So hat jeder seinen eigenen Arbeitsrhythmus, ein eigenes, von seinen Erlebnissen bestimmtes Bild der handelnden Personen und seine eigenen Ausdrucksmittel, und als wir die ersten Seiten schrieben, gab es zähe und erbitterte Streitigkeiten um die kleinste Formulierung. Inzwischen haben wir, ermutigt durch jede gemeinsam erarbeitete Etappe der Fabel und jeden gemeinsam gefundenen Satz, einsichtige Disziplin gelernt, jenes unerläßliche „Produktionsethos“ ... Heute schreiben wir an einem Stück, das wiederum im Alltag unserer so außergewöhnlichen, zur Teilnahme herausfordernden Umwelt spielt, und wir glauben, es wird nicht unser letztes sein.
B. R./ S.P.
Aufbau-Verlag Berlin
Reihe: die Reihe - Band 50
1. Auflage 1960
Anna Seghers: Die Entscheidung
Das starke und eigenwillige Talent, das in seinen Anfängen mit dem Erstling Ruhm gewann und zur vollen Höhe seiner Möglichkeiten aufstieg, dass dann Jahr um Jahr Novellen und Romane ausschüttete, ein Buch immer reifer, immer schöner als das andere, das im Exil dasjenige Werk über Hitlerdeutschland schuf, das für immer die tiefste, genaueste Dokumentation aus der Schreckenszeit bleiben wird, Anna Seghers, die in ihrem Heimkehrergepäck den großen zeitgeschichtlichen Roman "Die Toten bleiben jung" mitbrachte, hat mit ihrem Roman über die DDR - sehr zutreffend "Die Entscheidung" betitelt - einen schwerwiegenden Gegenwartsroman geschaffen, der sich in Kürze durchsetzen wird.
Dieses Buch, das das ganze große Können der Seghers und die Arbeitskraft von Jahren brauchte, um zu entstehen, vermag jahrelanger Forschung Stoff zu geben. Eine Unzahl neuartiger ideologischer wie künstlerischer Probleme wirft es auf. zugleich steht es mit einem Bestreben, große Massen in Bewegung vorzuführen durch die Bündelung mannigfacher Einzelhandlungen und durch den Wechsel zahlloser Schicksale und Situationen, mitten in der heutigen weltliterarischen Fortentwicklung der Gattung Roman. Anna Seghers' Roman über das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik führt in seinen Handlungsverknüpfungen weit über die Grenzen Europas hinaus, wie ja auch das wirkliche Leben dieses Staates und seiner Gesellschaft fortwährend von den maßgebenden Ereignissen der Weltpolitik und der internationalen Auseinandersetzung der Klassen berührt wird. Eine vollständige, wahre Welt voll ernster und bunter Geschehnisse führt das Buch vor. Mit mehr als achtzig Personen - sei es hier bei uns oder im Westen Deutschlands, in Mexiko, in Spanien - muß sich der Leser befreunden oder verfeinden. Wir können sicher sein, daß unsere Menschen sich deren Begebnisse mit der gleichen Nachdenklichkeit zu Herzen nehmen werden wie die Erfahrungen, die sie aus ihrem eigenen Leben ziehn.
Annemarie Auer, "Neue Deutsche Literatur", September/Oktober 1959
Hier ist er, der bedeutende Roman über die Entwicklung in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Anna Seghers‘ Roman „Die Entscheidung“ hat das ideologische und künstlerische Format, das ihn zu einem Meilenstein in der Entwicklung unserer sozialistischen Literatur werden läßt.
Sonntag, Berlin
Mit ihrem jüngsten Werk setzt Anna Seghers die literarische Gestaltung unserer Epoche fest. Sie beginnt, wo ihr letztes großes Buch „Die Toten bleiben jung“ endet. Wenn spätere Generationen erfahren wollen, wie in Deutschland das Alte starb und das Neue heranwuchs, werden sie vor allem auch den Roman „Die Entscheidung“ in die Hand nehmen.
Berliner Zeitung
Aufbau-Verlag Berlin 1961
03 November 2021
Jürgen Kuczynski: Dialog mit meinem Urenkel – Neunzehn Briefe und ein Tagebuch
Sage mal, Urgroßvater: Hast Du Dir den Sozialismus in Deiner Jugend so vorgestellt, wie er heute ist?
Warum kritisierst Du dann die Verhältnisse dauernd, wenn Du den Sozialismus so großartig findest?
… Glaubst Du nicht, Urgroßvater, daß jeder Mensch auch in seiner Person einen Generationenunterschied verkörpert…
Urgroßvater, warum ist eigentlich aus Dir nie etwas Rechtes geworden?
Warum hast Du so viel geschrieben?
… Führst Du tatsächlich ein so schrecklich streng und genau geregeltes Leben?
Irgendwo habe ich gelesen, daß Du eine Schule begründet hast, und manche ältere Genossen, die wissen, daß ich Dein Urenkel bin, sagen mir, sie seien Schüler von Dir gewesen.
Ist das wirklich so?
Urgroßvater, Du hast doch viele bedeutende, ja berühmte Menschen kennengelernt. Kannst Du mir nicht etwas von ihnen erzählen, vor allem etwas, das nicht in Büchern steht?
Wie stehst Du eigentlich mit Deiner Familie?
Wie ist das überhaupt mit der Wahrheit und dem gesellschaftlichen Nutzen, wenn Du forschst, woran denkst Du bei Deiner Arbeit?
Du bist doch viel in der Welt gereist. Was waren das für Reisen? Was hast Du auf diesen Reisen gemacht, was hast Du Besonderes erlebt?
Warst Du eigentlich mit Deiner Beerdigung zufrieden, Urgroßvater?
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1983