19 März 2022

Erik Neutsch: Claus und Claudia

Claus Salzbach, Diplomat der DDR im auswärtigen Dienst, erhält in Paris die erschütternde Nachricht, daß seine Tochter Claudia eine tiefe Nervenkrise durchlebt. Sofort kehrt er in die Heimat zurück, doch womit er dann hier konfrontiert wird, erscheint ihm zunächst unglaubhaft: An der medizinischen Fachschule, an der Claudia studiert, werden Erziehungsmethoden praktiziert, die von erstarrtem Denken und Herzlosigkeit der Lehrkräfte zeugen, bis zu Verdächtigungen und Drangsalierungen gegenüber den Schülerinnen reichen und gegen die seine Tochter sich vergebens gewehrt hat. Salzbach, wie weiland Michael Kohlhaas, beginnt um die Gerechtigkeit in der Beurteilung junger Menschen zu kämpfen, doch auch er stößt auf Anmaßung, Opportunismus, gar Feigheit. Als er schließlich Verbündete findet und die unhaltbaren Zustände an der Fachschule untersucht werden – welche Chancen hat da noch Claudia, ihre Krise zu überwinden?

Wie schon vorher in seinen literarischen Arbeiten zielt Erik Neutsch auf wesentliche moralische Fragen unserer Gesellschaft, wobei er den Leser auffordert, darüber mitzubefinden.

Mitteldeutscher Verlag Halle Leipzig 1989

 

Ilja Ilf, Jewgeni Petrow: Die Jagd nach der Million

Ostap Bender, Schelm, Hochstapler und Spitzbube von hohen Gnaden, will vor den ausgreifenden Schritten des Sozialismus nach Rio de Janeira fliehen, um dort unter prächtigen Palmen und zwischen glutäugigen Mädchen das Leben eines reichen Taugenichts zu führen. Dazu braucht er nach seinen Vorstellungen wenigstens eine Million in verlässlicher Valuta. Als Bender von der Existenz eines heimlichen Millionärs erfährt, geht er mit aller Energie und Umsicht zu Werke, diesem die begehrte Million abzujagen. Korejko aber, sein Widersacher, ein gefährlicher Verbrecher, der durch zahlreiche Spekulationen und undurchsichtige Geschäfte ein Vermögen zusammengeräubert hat und nun als kleiner Buchhalter in Erwartung seiner Stunde ein gesellschaftliches Scheindasein fristet, ist nicht minder gerissen als er. Zwischen beiden entbrennt ein Ringen auf Leben und Tod. Der Endkampf wird nach einer abenteuerlichen Jagd per Auto, zu Fuß und auf der Eisenbahn in den Steppen Kasachstans ausgetragen. Was wird mit den beiden Außenseitern der Gesellschaft? Bekommt Ostap Bender die Million? Gelingt ihm die Flucht nach Rio de Janeiro? Oder ist Korejko der Stärkere? Diese Fragen beantwortet Ilfs und Petrows Buch, eine der köstlichsten Satiren aus der NÖP-Zeit, das alt und jung durch Witz, Komik und unerwartete Einfälle fesselt.

Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin, 1958, 1. Auflage
Übersetzt von Elsa Brod, Mary von Pruss-Glowatzky und Richard Hoffmann

 

16 März 2022

Erik Neutsch: Auf der Suche nach Gatt

Erik Neutsch erzählt in diesem Buch die erregende Geschichte des Bergarbeiters Eberhard Gatt, der aufstieg mit dem Aufstieg seiner Klasse, der aus den Kupferschächten in die Redaktion einer Zeitung kam, der Macht ausübte, streng gegen sich und andere, der sein Leben einsetzte, wenn es not tat, der einen Lehrer fand und ein Mädchen, das ihn liebte. Aber die Stärken des Mannes Gatt waren zugleich seine Schwächen. Er wußte zu wenig von den Schwierigkeiten des Kampfes von der Kompliziertheit unseres Weges. So verlor er in einer entscheidenden Situation das Vertrauen zu Ruth, der Frau, die ihn liebte, und er verlor sie. Und er verlor sich selbst, weil es ihm an Wissen fehlte, das Kommende zu erkennen. So finden wir ihn wieder auf den Bahnhöfen und in Zügen, auf Zwischenstationen, denn ein Mann vom Schlage Gatts kann sich nicht wirklich verlieren, nicht hierzulande und in dieser Zeit. Es beginnt der mühsame Weg der Erkenntnis, der Selbsterkenntnis, der ihn wieder in die Nähe Ruths führt, die mittlerweile verheiratet, sich nun gestellt sieht zwischen zwei Männer. Sie alle Gatt, Ruth, Weißbecher, der Erzähler haben Fragen zu beantworten nach den Möglichkeiten des Menschen, nach seiner Selbstverwirklichung in dieser Gesellschaft. Ein Buch, voller äußerer und innerer Dramatik, eine bedeutsame erzählerische Leistung des Autors Erik Neutsch.

Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1973

 

Volker Ebersbach: Selbstverhör

Volker Ebersbach, 1942 in Bernburg (Saale) geboren, studierte Altertumskunde und Germanistik und promovierte 1967 mit einer Arbeit über Petronius. Er arbeitete als Deutschlektor für Ausländer am Herder-Institut Leipzig, am Kulturzentrum der DDR in Bagdad und an der Universität Budapest. Seit 1976 ist er freiberuflich Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber.
In den hier editierten Erzählungen "Selbstverhör" und "Der Sohn des Kaziken", freien Erfindungen vor dem Hintergrund historischer Überlieferung, geht es um kritische Lebensbilanzen. Ein Karibe, der, von spanischen Konquistadoren zum Christentum bekehrt, seine Stammesgenossen in bester Absicht verraten hat; ein französischer Student, der erst auf Umwegen zur Résistance findet - beide versuchen unmittelbar vor der drohenden Vernichtung die Leistung und das Versagen, das Verdienst und die Schuld ihres Daseins zu ergründen. Auch in der erfundenen Legende "Der Gerufene" wird die Hauptfigur auf ihre Substanz hin geprüft: Modellfall eines Ehrgeizigen, der für seinen Aufstieg alles und alle zu opfern bereit ist, bis er selber zum Opfer werden muß.

 Reclams Universal-Bibliothek Band 903, 1. Auflage

Boris Polewoi: Der wahre Mensch

Das ist die Geschichte des sowjetischen Jagdfliegers Alexej Meressjew: Hinter den deutschen Linien abgeschossen, an beiden Füßen schwer verwundet, kriecht er durch den verschneiten Wald, kriecht unter wahnsinnigen Schmerzen, tagelang, bis ihm Bewohner eines geheimen Lagers weiterhelfen. Im Lazarett werden ihm beide Füße amputiert. Und jetzt vollbringt der „wahre Mensch“ das Wunder, das ärztliche Heilkunst nicht bewirken kann – er erkämpft sich die Fähigkeit, dennoch zu gehen, zu tanzen, Sport zu treiben – auf Prothesen. Es gelingt ihm sogar, eine Musterungskommission zu täuschen und wieder an der Front eingesetzt zu werden.

Dieses Wunder, in der Wirklichkeit von Alexej Meressjew vollbracht, heißt: stahlharter Wille, zu leben und das Vaterland freizukämpfen.

Verlag Volk und Welt Berlin 1975
Bibliothek des Sieges

 

12 März 2022

Anna Seghers, Wieland Herzfelde: Ein Briefwechsel 1939-1946

Lieber Wieland,

ich schreibe Dir in einem sehr kritischen Moment. Bis Du den Brief hast, werden wir alle wissen, was aus uns geworden ist. Dann wird es hoffentlich nicht mehr real sein, wenn ich gestehn muß, daß es mir heute abend ziemlich beklommen zumut ist. Denn ich sitze da herzlich allein mit meinen zwei Kindern, und der ganze Ort ist leer und totenstill. Wir sind alle in keiner besonders reizenden Lage, ich schon gar nicht.

Mit diesen Zeilen beginnt ein Briefwechsel, der in jeder Beziehung ungewöhnlich ist. Anna Seghers und Wieland Herzfelde schreiben einander aus dem Exil, Anna Seghers zunächst aus Frankreich, später aus Mexiko, Herzfelde aus New York. Diese Briefe sind von Zeit und Umständen geprägt, doch auch von persönlicher Kraft und Ungebrochenheit. Was sie mitteilen, ist gelebt.

Heute sind sie Dokumente und zudem Zeugnisse deutscher Emigrationsliteratur. Denn Wieland Herzfelde ist für Anna Seghers nicht nur Freund, sondern auch Verleger und Lektor. Bis ihre Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ im Aurora Verlag erscheint, geht es in den Briefen immer wieder um Termine, Korrekturen, Verträge. Aus der Arbeit heraus teilt sich ein Stück der Geschichte des Aurora Verlages mit. Der Anhang gibt dazu weitere Beispiele.

Was Anna Seghers in ihren Briefen an Beobachtungen fremder Schicksale andeutet, hat sie in ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ festgehalten. Ihr wacher, kritischer Blick hält dem Elend stand und sieht, geschärft durch Anteilnahme und eigene Erfahrung, mehr als die Oberfläche. Auch dieser Text ist bisher unveröffentlicht.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1985

 

Wolfgang Titze: Rauschgift

Der Kriminalist folgte der Weisung nur zögernd. Trotz des einfallenden Lichtes konnte er kaum etwas erkennen. Eine Hand packte ihn und riß ihn herum. Gleichzeitig flammte erneut ein Streichholz auf. Feldberg wich erschrocken zurück. Das flackernde Licht zeigte ihm einen etwa Vierzigjährigen mit hoher Stirnglatze. Auch der hatte ihn erkannt. „Der Polyp!“, brüllte er und warf das Streichholz weg.

Thomas Feldberg zog die 08 aus der Tasche und entsicherte sie…

„Los, weg hier!“ hörte er die Stirnglatze rufen. Aber da rief Keller vom Eingang her: „Hände hoch! Aber dalli!“

Kurz darauf waren auch Müller und Mielke zur Stelle. Sie legten die Ganoven an die Acht. Die beiden fügten sich schweigend…

Militärverlag der DDR Berlin 1987
Tatsachen 305