06 Februar 2023

Werner Legère: Schwester Florence

Eindrucksvoll und mit tiefem Einfühlungsvermögen erzählt der Verfasser vom Leben und Wirken Florence Nightingales, der Bahnbrecherin der weiblichen Krankenpflege in England im 19. Jahrhundert. Er läßt vor uns das Bild einer Frau entstehen, die ihr Leben unter das Wort Johannes 13,15 stellte: "Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr tut, wie ich euch getan habe."
Von diesem Wort ergriffen, beschließt Florence Nightingale, als sie von den katastrophalen Zuständen in englischen Lazaretten während des Krimkrieges 1854 hört, ihre Stellung als Leiterin eines Londner Hospitals aufzugeben und als Krankenpflegerin nach Skutati zu reisen. Die Not ist groß. Es fehlen die primitivsten Voraussetzungen für eine hygienische und zweckmäßige Behandlung der Kranken. Auf dem Papier ist alles in Ordnung. Doch die Verwundeten leiden, verkommen und sterben. Florence Nightingale schafft unter dem Einsatz aller ihrer körperlichen und seelischen Kräfte gründlich Abhilfe. Sie vergißt nichts: Wäsche und Kost, Sauberkeit der Räume und menschliche Behandlung, sorgfältige leibliche Pflege und geistige Betreuung. Ihrer aufopferungsvollen Hingabe gelingt die Überwindung des Widerstandes, den Borniertheit, Neid und Bosheit ihr entgegenstellen. Die Soldaten hängen mit glühender Verehrung an ihr. Auch in der Heimat wird ihr Werk anerkannt. Nach Beendigung des Krieges kehrt sie still und bescheiden zurück und weiß sich allen öffentlichen Auszeichnungen zu entziehen. Doch sie setzt ihr Werk in der Stille fort. Sie hilft mit Ratschlägen beim Ausbau des Sanitäts- und Krankenpflegewesens und gründet eine Schwesternschule. "Schwester Florence" ist nicht nur ein fesselndes, sondern zugleich ein aufrüttelndes und forderndes Buch, das sich vor allem an unsere reifere Jugend wendet.

Evangelische Verlagsanstalt
 

Von Scott bis Stevenson: Englische Kurzgeschichten

In einer sorgsam ausgewählten Reihe vollendeter und charakteristischer Stücke, die der Leser nie vergessen wird, ersteht in diesem Bande der ganze Reichtum und die erstaunliche Vielfalt englischer, schottischer und irischer Erzählkunst von Walter Scott bis zu Stevenson. Neben der tragischen Erzählung hat hier die Gespenster-, Verbrecher- und Abenteuernovelle, neben der bewegenden Familien- und Kindergeschichte der einzigartige Schwank seinen Platz; neben der Tiergeschichte stehen die kulturhistorische Novelle, die Erzählung von Sonderlingen und Verstoßenen, das Märchen und der Traum. Wer sich den Verlockungen und Reizen dieses Bandes überläßt, wird beglückt sein von der Fülle an Schönheit und Phantasie, von dem Reichtum an spannender Handlung und herzlichem Humor, der in ihm waltet, und zugleich seinen Gesichtskreis erweitern um ein gutes Stück Erkenntnis englischen Wesens.

Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Leipzig
Sammlung Dieterich, Band 56
6. Auflage 1979

 

Wera und Claus Küchenmeister: Sie nannten ihn Amigo

Walter Meister liegt unter dem sechsten Wagen. Er tastet den Boden des Güterwagens ab und schiebt mit der Schulter eine schon von innen gelockerte Bohle hoch. Während ein Häftling in KZ-Kleidung sich herausgleiten läßt, springen Männer in hochschäftigen Stiefeln und schwarzen Uniformen von den Trittbrettern. Die beiden unter dem Zug pressen sich an den Schotter. Sie halten den Atem an...

Wera und Claus Küchenmeister erzählen spannend und bewegend von einer mutigen Tat im Kampf gegen den Faschismus in Deutschland.


Kinderbuchverlag Berlin 1966

ATB Buch Nr 57

 

Michail Scholochow: Sie kämpften für die Heimat

Leseprobe

Ist es die Möglichkeit?
Auf der Bank am runden Tisch wird eine Ecke frei. Ich setze mich neben das stramme Fräulein Massopust. Kubo schnipst mit den Fingern. "Eine Lage, Adolf! Wir haben einen Gast hier." Ehe ich mich umsehe, bin ich schon Mitglied einer Schnapsrunde. "Zum Wohl!" sagt Kubo. "Es leben die Stiefelputzer." In seinen Augen glitzern Lachfunken. Ich stürze den Schnaps hinunter und mime den Angetrunkenen. Unversehends umfasse ich die festen Hüften der Inspektorstochter. "Trink, Schatz! es ist bezahlt."
Jetzt funkelt in Kubos Augen die Eifersucht. Er war drauf und dran, das stramme Weibchen für sich einzunehmen. Ein kleiner, ungefährlicher Seitensprung, bitte sehr! Man hört so allerhand über die Qualitäten der Frau.
Daß ich ihm in die Quere komme, paßt ihm nicht ins Konzept. Eva Massopust thront wie eine zu Späßen aufgelegte Königin auf der Bank. Sie faßt meine Hand und löst sie vorsichtig von ihrer Hüfte. Sehr vorsichtig sogar. Ich muß ihren Rücken streicheln, ehe ich den heißen Fingern entschlüpfen kann.
"Gott!" sagt sie glucksend, "wie aufdringlich die jungen Kerle heutzutage werden, wenn sie bloß Schnaps riechen."
Sie fordert von Graupeter-Adolf eine neue Lage.
In dem Augenblick, da sich Kubo eine neue Zigarre ansteckt, blinzelt sie mir verheißungsvoll zu.
Mir wird heiß unter der Haardecke. Ist es die Möglichkeit? Oder bloß eine Schnapslaune? Sei es, wie es sei! Momentan habe ich Chancen hier. Der Räuberhauptmann macht sich. Er wird dem geleckten und geschniegelten Fuhrunternehmer vorgezogen. Für diese Gewißheit putze ich gern die Schuhe aller Dorfbewohner an einem Tag. Die nächste Runde geht auf mein Konto. "Was Süßes bitt' ich mir aus!"


Michail Alexandrowitsch Scholochow ist einer der bedeutendsten russisch-sowjetischen Schriftsteller, ein führender Vertreter des sozialistischen Realismus. Er wurde am 24. Mai 1905 in der Staniza Wjoschenskaja am Don (Gebiet Rostow) geboren und stammt mütterlicherseits von Kosaken ab, mit deren Tradition, Lebensweise und Folklore er eng verbunden ist. Bereits als Fünfzehnjähriger kämpfte er in der Roten Armee gegen weißgardistische Banden im Dongebiet. 1922 zog er nach Moskau, wo er als Arbeiter, Maurer und Lehrer tätig war, und wo er auch zu schreiben begann. Seine frühen Erzählungen, die den Kämpfen des Bürgerkrieges gewidmet sind, wurden in den Bänden "Flimmernde Steppe" und "Lazurfarbene Steppe" (beide 1926) zusammengefaßt. 1925 kehrte Scholochow nach Wjoschenskaja zurück, wo er heute noch lebt. Hier begann er mit der Niederschrift seines Hauptwerkes, des vierbändigen Romans "Der stille Don" (1928-1940). Das Schicksal des Kosaken Grigori Melechow, seine Liebe zu der schönen Aksinja, sein jahrelanges Schwanken zwischen den Fronten spiegeln meisterhaft und umfassend den schweren Weg der Donkosaken von 1913 bis in die Jahre des Bürgerkrieges. Nach dem dritten Band unterbrach Scholochow die Arbeit am "Stillen Don" und wandte sich mit "Neuland unterm Pflug" (I. Band 1932) dem aktuellen Thema der Kollektivierung der Landwirtschaft zu. 1959 erschien der abschließende II. Band. Während des Großen Vaterländischen Krieges seiner Heimat war Scholochow Frontkorrespondent. Neben Reportagen und Berichten begann er 1943 seinen Kriegsroman "Sie kämpften für die Heimat" zu schreiben, dessen 1959 erschienener Text 1969 um neue Kapitel erweitert wurde. 1957 veröffentlichte Scholochow die Meistererzählung "Ein Menschenschicksal", die wie fast alle seine Werke erfolgreich verfilmt wurde.
Michail Scholochow ist seit 1932 Mitglied der KPdSU und seit vielen Jahren Deputierter des Obersten Sowjets der UdSSR. Für sein in fünfundvierzig Sprachen übersetztes, weltweit verbreitetes Werk erhielt er mehrfach Staatspreise der Sowjetunion, 1960 den Leninfriedenspreis und 1965 den Nobelpreis. In der DDR erschienen Scholochows Bücher in zahlreichen Einzelausgaben und einer achtbändigen Werksausgabe.

Verlag Volk und Welt
Roman-Zeitung Nr. 303 (6/1975)
Aus dem Russischen von Hilde Angarowa

Michael Franz: Sieg der Sphinx

Unter einem Zug der Pariser Metro findet der Kunsthistoriker Wassmann den Tod. Wassmann, der eine krankhafte Furcht vor der Untergrundbahn hatte, verabredete sich dennoch auf diesem Bahnhof mit seinem Mörder. Barthes, ein waschechter Pariser Kriminalkommissar, steht vor einem Fall, der ihm viel abverlangt, sogar kunsthistorische Kenntnisse, um hinter des Rätsels Lösung zu kommen. Denn bald findet er heraus, daß Wassmann an einem Sphinx-Projekt arbeitete, für das sich ein Konzern und sein fast allgewaltiger Werbechef Roland interessieren. Wassmann scheint ein doppeltes Spiel getrieben zu haben. Doch gibt es noch andere Verdächtige: die Witwe, die durch den Tod ihres Mannes über Nacht wohlhabend wird, und ihren Geliebten Max Segal, der stets im Schatten Wassermanns lebte und arbeitete; und den Kunstmaler Achim Stein aus der DDR, der anläßlich einer Ausstellung in Paris den einstigen Schulkameraden Wassmann wiedertrifft und nicht unempfindlich ist für die Reize Helenes, dessen Frau. Spannend und vielschichtig erzählt der Autor diese handfeste Kriminalstory, ohne darüber zu versäumen, Pariser Milieu einzufangen und französische Verhältnisse zu schildern.

Mitteldeutscher Verlag Halle - Leipzig 

03 Februar 2023

Lew Kassil: Schwambranien

Vom Vater zur Strafe in die Ecke gestellt, entdecken Lew und Oska das Großreich Schwambranien auf dem Kontinent des Großen Zahns - ein Traumland, in das sie sich fortan flüchten vor den Ungerechtigkeiten dieser Welt: vor Verboten und Strafen, vor den strengen Lebensregeln der Arztfamilie, in der sie aufwachsen, und vor den unmenschlichen Erziehungsmethoden im zaristischen Gymnasium des Jahres 1914. Es kommt der Krieg. Es kommen große Umwälzungen im Land, um das wirkliche Leben wird aufregender als alle erdachten Abenteuer der beiden tapferen Ritter.

Der Kinderbuchverlag Berlin
1. Auflage 1984
ATB Buch Nr. 102
 

Friedrich Donath (Hg.): Schulgeschichten aus hundert Jahren

Ein Leben lang, von der Jugend bis ins hohe Alter, ist die Schule Gesprächsstoff für den Menschen, vorzugsweise die eigene Schulzeit. Auch die Literatur hat das Thema Schule immer wieder gestaltet in der Erzählung, vor allem aber im Roman. Im Zentrum steht dabei das Lehrer-Schüler-Verhältnis, das, wie alle menschlichen Verhältnisse, historischen Wandlungen unterworfen ist. Professor Dr. Friedrich Donath, Pädagoge und viele Jahre lang mit der Ausbildung von Pädagogen beschäftigt, hat literarische Belege zum Thema Schule und insbesondere zum Lehrer-Schüler-Thema gesammelt. Eine Auswahl dieser Sammlung wird hier vorgelegt. Sie läßt uns teilnehmen an den Empfindungen junger Menschen, denen Schule und Welt fremde, bedrohliche Mächte waren, und sie läßt uns zugleich erkennen, was gute Lehrer für ein Menschenleben bedeuten. Diese Anthologie strebt keine Systematisierung literarischer Erscheinungen an, sie will ein buntes Lesebuch sein und neben Auskunft zum Thema vor allem Genuß bereiten. Aus dem Erbe sind bekannte Namen vertreten: Mark Twain, Charles Dickens, Maupassant, James Joyce und Rainer Maria Rilke, neuere Literatur wird repräsentiert von den Brüdern Mann, von Tschingis Aitmatow, Mykolas Sluckis, Jan Drda, Taha Hussein, Lucio Mastronardi, Johannes R. Becher, Erwin Strittmatter und anderen.

Greifenverlag zu Rudolstadt
1. Auflage 1981 
Illustrationen von Wolfgang Würfel