Der Kosmonaut Igor Kreis wird in das Sanatorium des Dr. Quin, das auf einer einsamen Pazifikinsel liegt, eingeschleust, um dem Rätsel eigentümlicher Strahlen aus dem Weltall nachzugehen. Könnte der Empfänger dieser Signale einer der merkwürdigen Patienten des Dr. Quin sein?
Heftanfang:
Langsam erstarb das Dröhnen der Triebwerke, das Tragflächenboot sank schwer auf die wogende Fläche des Ozeans. Von der ansteigenden Flut gehoben, begann es sich zu wiegen. Sato manövrierte es so, daß es mit dem Bug zum Ufer stand.
„Das reicht, Sato!“ sagte ich, als der flache Bootskörper über Sand scheuerte.
Ich zog die Schuhe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und kletterte aus der Kabine. Mit einigen Sätzen war ich über Bord.
Ich wandte mich um. Sato winkte mir zu und ließ die Schraube an. Rückwärts kroch das Tragflächenboot von der Sandbank, dann kehrte es langsam den Bug zum offenen Meer. Es machte einen Satz nach vorn und schoß, kaum das Wasser berührend, mit zunehmender Geschwindigkeit davon.
Es war komisch: Ich fühlte mich einsam... Ausgerechnet hier auf diesem ablegenen, aber keineswegs menschenleeren Eiland im südlichen Pazifik. Nach vielen im Raumschiff verbrachten Jahren war alles andere hier angebracht, nur nicht das Gefühl der Einsamkeit... Auf dem Triton waren wir achtzehn gewesen am Anfang. Nachher noch elf... Aber unsere Einsamkeit damals war eine andere als die meine jetzt. Dort in der endlosen Leere waren wir verlorene Atome denkender Substanz, entfremdete Individuen, eine zu kleine Zahl, um unter statistische Gesetze zu fallen. Jeder bedeutete etwas, jeder hatte seinen Platz... Hier jedoch, untergetaucht in einem Gewühl von Milliarden, waren wir unscheinbar, unbeholfen... Mehrere Jahrzehnte der Abwesenheit hatten uns in der Entwicklung zurückgeworfen, wir konnten nicht mehr Schritt halten... In den ersten Tagen waren wir eine Sensation von eher durchschnittlichem Ausmaß gewesen: Seht doch, da ist wieder eine der alten interstellaren Expeditionen zur Erde zurückgekehrt. Nicht die erste, nicht die letzte. Eine von vielen.
Ich stand auf und klopfte mir die weißen Sandkörnchen vom Anzug. An die zwanzig Meter vom Wasser entfernt begann der Dschungel. Ich ging daran entlang, bis ich einen kaum erkennbaren Pfad ausmachte, der durch das Dickicht führte. Nachdem ich ihn eingeschlagen hatte, mußte ich immer wieder Äste zur Seite biegen, die mir ins Gesicht schlugen.
Das Buschwerk lichtete sich plötzlich und ging in einen reichlich verwahrlosten Garten über, der dennoch Spuren einer Bearbeitung aufwies. Aus seiner Tiefe schien, von den schräg einfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet, die Wand eines einstöckigen Gebäudes, das in einem seltsam archaischen Stil erbaut worden war: die Miniatur eines Palastes aus der Zeit Ende des zweiten Jahrtausends. In der Mitte der Vorderfront prangte ein Schmuckportal mit einer großen Flügeltür. Solche Häuser trifft man kaum noch an. Dieses machte auf mich allerdings den Eindruck, als sei es erst vor kurzem erbaut worden.
Mir war zwar gleich gesagt worden, ich werde hier nichts vorfinden, was an die moderne Technik und Zivilisation erinnere, aber ich hätte nie geglaubt, daß es gar so altmodisch sein würde!
„Das ist eine ganz spezifische Anstalt, ein Sanatorium oder vielleicht eher eine Art, psychischer Quarantäne“, hatte der Oberst gestern gesagt. ,,Du wirst Leute treffen, die dort von nervlichen und psychischen Störungen kuriert werden sollen, Störungen, wie sie bei längerem Aufenthalt im All, in Raumschiffen oder auf einsamen Satellitenstationen, durch schwer zu verkraftende Erlebnisse hervorgerufen werden. Die einzige Möglichkeit, diesen Opfern unserer Zivilisation zu Hilfe zu kommen, ist ihre Abschirmung von der Gegenwart, gekoppelt mit einer entsprechenden Therapie. Die Methode des Doktor Quin, der die Anstalt seit ihrer Entstehung leitet, besteht ebendarin, den Patienten völlig von den Erscheinungen des heutigen Lebens und damit von dem Nährboden zu isolieren, aus dem die Störungen des psychischen Gleichgewichts erwachsen.
In sechzig Prozent der Fälle sind die Resultate zufriedenstellend. Seit die Anstalt besteht, sind viele Patienten als geheilt entlassen worden. Wenn eine Hoffnung auf Heilung nicht erkennbar ist, wird der Patient nach zwei oder drei Jahren in ein besonderes Pflegeheim überwiesen. Die Personen, die du jetzt dort antreffen wirst, gehören leider überwiegend zu diesen vierzig Prozent: Menschen, bei denen die psychischen Veränderungen die Schwelle überschritten haben, nicht mehr rückgängig zu machen sind.“
Diese Mitteilungen des Obersts ließ ich mir durch den Kopf gehen, während ich auf das Haus zuschritt. In mehreren Fenstern des Obergeschosses glaubte ich Gesichter zu sehen, die diskret zu mir herüberspähten. Der Lärm der Triebwerke war gewiß bis hierher gedrungen und hatte die Neugier der Kurgäste geweckt.
Titel des polnischen Originals: Przejście przez lustro
Ins Deutsche übertragen von Hubert Schumann
Mit Illustrationen von Stephan Rosenthal
Verlag Neues Leben Berlin
Reihe: Das neue Abenteuer 411
1. Auflage 1981

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