14 Januar 2021

Angela Krauß: Das Vergnügen


 An einem durchsichtigen Tag im September wird eine Brikettfabrik siebzig Jahre alt, und eine ledige Mutter - Teilfacharbeiterin auf dem Kohleboden - wird mündig. Beide Ereignisse feiert man gleichzeitig auf dem abendlichen Vergnügen.
Angela Krauß meint aber mehr als ein Betriebsfest, wenn sie von Vergnügen spricht. Klug, warmherzig und mit Humor erzählt sie, wo überall im Leben Vergnügen sein kann "zwischen Arbeit und Feier, Brikett und Bier, Ernst und Spiel, Staub und Philosophie, alter Fabrik und neuen Ansprüchen, zwischen Reden und Schweigen" (Joachim Nowotny).

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1984
Edition Neue Text
Mit einer Nachbemerkung von Joachim Nowotny

Colette Basile: So ist das Leben

 Am Tag steht sie am Fließband und drückt Kirschen in heiße Schokolade - zweitausendmal in der Stunde derselbe Handgriff. Unerträglich langsam vergeht die Zeit, und dann dieses Geschwätz der anderen, mein Gott, können sie denn nicht das Maul halten, aber was will ich schon, ich rede ja genauso, und auch immer wieder dasselbe. In ihren freien Stunden geht sie schwabbelnd durch ihre kleine Wohnung, das Bett in Eile glättend, hie und da liebevoll einen Gegenstand zurechtrückend, und sinnt über ihr Leben nach, das sie nicht hat leben können, trotz all ihrer Kraft und Bereitschaft zum Glücklichwerden, die rotblonde, kraushaarige Berthe, nach der einst auf dem dörflichen Tanzboden die jungen Kerls sich umdrehten. War sie glücklicher damals, als sie jung war, aber am Montag oft mit noch waschfeuchter Bluse zur Arbeit ging, weil sie nur die eine hatte? ... Es ist kein ungewöhnliches Schicksal und wird doch eigenwillig erzählt: ein naiv gemalter großer Monolog. "Wer wird wohl eines Tages die ,Geschichte einer Backwarenarbeiterin' schreiben", bemerkt sie einmal; schon der Gedanke mag ihr kurios erschienen sein. Am Ende aber hat sie sie selbst geschrieben - und dabei ein Stück uns wenig bekannter französischer Lebenswirklichkeit erhellt.

Beginn
Halb sechs klingelte der Wecker, sie hätte ihn am liebsten gepackt und durchs Fenster gefeuert, wenn sie das fertiggebracht hätte, statt dessen sagte sie sich ... ich kann noch eine halbe Stunde im Bett bleiben ... nach einem Monat Urlaub fällt's schwer, wieder arbeiten zu gehen. Dennoch, ein- oder zweimal war ihr im Urlaub, sie wußte nicht wieso und wie sie sich das erklären sollte, der Gedanke gekommen, ich möchte gerne in der Fabrik sein. Dabei ist es kein Vergnügen, sondern geradezuz stumpfsinnig, immer denselben Handgriff zu machen, zweitausendmal in der Stunde, sich immer dieselben Gespräche mit anzuhören, sie schwätzte genauso wie die anderen, und was sie sagte, war nicht viel anders als das Gerede ihrer Kolleginnen. Nun ja, jetzt mußte sie wieder hin; sie stand auf, trödelte ein bißchen, sah durchs Fenster; es war neblig. Dann ging sie in die Küche, sah wieder durchs Fenster, doch draußen hatte sich nichts verändert, nur der Nebel begann sich zu verziehen. Mechanisch machte sie das Radio an, ihre Bewegungen waren schleppend, es gelang ihr nicht, sich ein bißchen zu beeilen. Gleich am ersten Tag zu spät zu kommen ging nicht...

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1977
Aus dem Französischen übersetzt von Anna Mudry
Mit einer Nachbemerkung von Waltraud Schwarze

Ntozake Shange: Schwarze Schwestern


 "Die mit ihren eigenen Dingen kommt und sich wie eine Löwin bewegt", so etwa läßt sich der Name der Autorin Ntozake Shange aus der Zulu-Sprache ins Deutsche übersetzen. Mit ebensoviel Kreativität und Selbstbewußtsein, wie aus der Wahl dieses Namens spricht, rüstet die Autorin die Heldinnen ihres ersten Romans aus: Sassafras, Cypress und Indigo, die Töchter der Weberin Hilda Effania, benannt nach Farben der prächtigen Stoffe, die Hilda in alter Familientradition herstellt.
Nicht zuletzt angeregt durch ihre Mutter, suchen die Schwestern auf recht eigenwillige Weise nach ihrem Platz im Leben. Sassafras fertigt wie Hilda Webarbeiten an. Ihr Freund, ein zum Rauschgift neigender Hornist und Maler, möchte aber, daß sie sich schriftstellerisch betätigt. Schließlich "kaufen" sich beide in eine Kommune "ein", die sich afrikanischen Riten verschrieben hat. Cypress tritt nach einem dornenreichen Weg durch verschiedene Tanzensembles einer Truppe bei, die mit ihren Tänzen die Bürgerrechtsbewegung unterstützt. Die jüngste, Indigo, sorgte bereits als Halbwüchsige mit ihrem sehr individuell geprägten, disharmonischen Geigenspiel für viel Aufregung. Sie wendet sich der alten Heilkunst zu und wird Hebamme. Eingestreut in die poetischen, von afroamerikanischer und afrikanischer Folklore durchdrungenen Geschichten der drei Schwestern sind kuriose Proben schwarzer Heilkunde von Indigo und allerlei exotische Kochrezepte.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1988
Edition Neue Texte
Deutsch von Uta Goridis
Mit einem Nachwort von Friederike Hajek

Bertolt Brecht: Kalendergeschichten


 „Kalendergeschichten“ ist eine literarische Sammlung in Versform und Prosa des deutschen Dramatikers und Dichters Bertolt Brecht, alle vom Typus der Kalendergeschichte. Den Plan zu der Sammlung erwähnte Brecht erstmals im April 1948. Im Januar 1949 erschienen die „Kalendergeschichten“ im Verlag Gebrüder Weiß, Berlin. Brecht schrieb hierfür weder eine Erzählung noch ein Gedicht neu, er griff auf vorhandenes Material zurück. Die Geschichten vom Herrn Keuner tauchen hier erstmals auf, sind aber auch nicht für die Sammlung geschrieben worden. Die Literaturkritik nahm die Sammlung zunächst zurückhaltend auf. Wegen der 1949 in der kulturpolitischen Szene der DDR einsetzenden Diskussionen über Formalismus und Realismus war Brecht teilweise heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Weitere Ausgaben der „Kalendergeschichten“ erschienen dann erst 1954 und 1955, die alsbald vergriffen waren. Sie werden bis heute regelmäßig aufgelegt. (wikipedia)

Mitteldeutscher Verlag Halle/Saale 1948

13 Januar 2021

Beate Morgenstern: Jenseits der Allee


 Beate Morgenstern erzählt in ihrem Debütroman mit Sinn für Milieu und Atmosphäre von jungen und alten Leuten aus ihrer Nachbarschaft: von Renzoni, der seinen 90. Geburtstag feiert, und von Gemüse-Erna, die um ihr Recht kämpft, von der Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen und der Liebe eines Mädchen zu einem älteren Mann, von Mutterliebe und Fremdheit zwischen Ehepartnern. Die Autorin, geboren 1946, will erfahren und mitteilen, wie Menschen miteinander umgehen, was ihre geheimen Sehnsüchte sind und wie Frauen in der DDR leben.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1979
Edition Neue Texte

Elisabeth Reichart: Februarschatten


 "So stimmt es ... Daß alles erlebte, Erfahrene, einfach alles, in unserem Gehirn gespeichert wird. Kein Löschband stünde uns zur Verfügung. Außer zeitbegrenztes Vergessen."
Hilde, eine Frau um die Fünfzig, hatte vergessen können, was in einer Februarnacht des Jahres 45 geschah. Nachdem ihr Mann gestorben ist, bedrängen aber die Schatten jener Nacht sie wieder, in der die Einwohner ihres Dorfes Kriegsgefangene gejagt, mit Mistgabeln erstochen haben. Jetzt fühlt sie sich allein, den Schatten hilflos ausgeliefert, obwohl da noch die Tochter Erika ist. Doch Erikas Fragen galten immer nur dem Vater.
Die Österreicherin Elisabeth Reichart erzählt, wie diese zwei Frauen, Mutter und Tochter, einander verstehen wollen, wie sie tastend aufeinander zugehen und sich dennoch fremd bleiben. Dichte und Intensität ihrer Sprache erzeugen Betroffenheit. Die Schicksale, die vor uns entstehen, sind Teil einer Geschichte, die noch nicht zu den Akten gehört.

Buchbeginn
Nachts hatte das Telefon geläutet.
Die Tochter, die in diesen Tagen bei ihr war, stand auf. Hilde ging in das Stiegenhaus. Schickte die Tochter in ihr Zimmer zurück.
Dieses Wort hören - das ist wohl meine Pflicht. 
Hilde sah sich zu. Wie sie die Stiegen hinunter ging. Die rechte Hand auf den Apparat legte. Weiße Haut. Tiefe Falten. Tiefer als sonst. Wie sich diese Hand um den Hörer krallte. Den Hörer von der Gabel nahm. Den Hörer näher brachte...

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1985
Mit einem Nachsatz von Christa Wolf
Edition Neue Texte

Christa Müller: Vertreibung aus dem Paradies


 Ein Kater im Neubau. Er geht euch dort ein, sagt die praktische Freundin vor dem Umzug. Ein Hund gehört zum Menschen, eine Katze zum Haus. Tierquälerei, sagen die Mieter, wenn sich der Kater in den Aufgängen verirrt. Eines Tages ist er verschwunden. Die Mutter erinnert sich an die Zeit, als der Kater Mittelpunkt der Familie war. Gefährte der Kinder. Eine Kater-Geschichte? Ja und nein. Alle Texte des Bandes leben zunächst von handfesten Episoden, pointiert erzählt, lakonisch, mit zurückgehaltener Emotionalität. Da wird ein Urlaub von Mutter und Sohn im Hochgebirge beschrieben, der strapaziöse Aufstieg auf einen Gipfel. Von den ersten Lebensjahren eines Mädchens wird erzählt, das in Heimen aufwächst. Über Kinderfreundschaften, Erfahrungen von Krankheit und Tod zu verschiedenen Zeiten: im Krieg, in der Gegenwart. Kinder und Mütter, meist alleinstehend, sind die Hauptpersonen. Die Beziehungen zwischen ihnen der rote Faden, der sich durch alle Erzählungen zieht. Unaufdringlich stellt sich Hintergründigkeit her. Deren Gegenstand sind subtile psychische Vorgänge, Nuancen im komplizierten Herauswachsen aus der Kindheit.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 3. Auflage 1985
Edition Neue Texte