20 Juli 2021

Hans Henny Jahnn: Dreizehn nicht geheure Geschichten


 Hans Henny Jahnn (1894-1959), Erzähler, Dramatiker, Essayist, Verleger, Orgelbauer von Weltruf, einer der eigenwilligsten und umstrittensten Dichter des 20. Jahrhunderts, bringt in diesen Erzählungen (1954) unverkennbar seine Lebenserfahrungen zur Sprache: Schicksale aus seiner zeitweiligen Wahlheimat Norwegen, das Erlebnis der Glaubensgemeinde Ugrino, sein Engagement für die Kunst des Orgelbaus. Immer sind es die Pole Schöpfung, Liebe, Natur, Sein, Schicksal, Tod, immer geht es dem Schriftsteller darum, den Menschen jenen Reichtum kreatürlich-sinnlichen Erlebens zurückzugewinnen, der in einer vom zweckrationalen Denken beherrschten Welt verlorengegangen sei.

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1987
Belletristik

Brecht: Ein Lesebuch für unsere Zeit


 Ausschnitt

Ist ein Stück wie „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ nach der Vertreibung der Gutsbesitzer bei uns noch aktuell?

Es gibt eine liebenswerte Ungeduld, die auf dem Theater jeweils nur den letzten Stand der Dinge in der Wirklichkeit gestaltet haben will. Warum sich bei einem Gutsbesitzer aufhalten? Sind die Gutsbesitzer nicht vertrieben? Warum einen Proleten wie Matti zeigen? Gibt es nicht jetzt schon aktive Kämpfer? Die Ungeduld ist liebenswert, aber es ist falsch, ihr nachzugehen. Warum kann „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ noch als aktuell angesehen werden? Weil man nicht nur aus dem Kampf lernt, sondern auch aus der Geschichte der Kämpfe. Weil die Ablagerungen überwundener Epochen in den Seelen der Menschen noch lange liegen bleiben. Weil im Kampf der Klassen der Sieg auf einem Kampfplatz ausgenutzt werden muß zum Sieg auf einen andern und die Lagen vor dem Sieg ähnliche Züge aufweisen können. Weil das Leben der von ihren Unterdrückern Befreiten eine Zeitlang schwer sein mag wie das aller Pioniere; denn sie haben das System der Unterdrücker gegen ein neues auszuwechseln. Diese und andere Argumente können für die Aktualität von Stücken wie „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ vorgebracht werden.

Bertolt Brecht




Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1967

Brigitte Reimann: Ankunft im Alltag


 Das Internat mit den Rosenbeeten um die Burg und mit dem freundlichen Lehrer Kramer hat sie verlassen, und voll Sehnsucht denkt sie daran zurück, als sie in der Stadt ankommt. Unruhig und ein wenig beklommen, weil sie so allein ist, steht sie auf dem Bahnsteig. Wird ihr die neue Welt des Kombinats mit seinen Kühltürmen und Kränen und riesigen Anlagen je vertraut werden? Und wird sie mit den Arbeitern leben können; die im Kombinat sollen rohe und schlimme Kerle sein?

Und dann sieht Recha die anderen Abiturienten: den forschen, redegewandten Curt und den schweigsamen Nikolaus, nun fühlt sie sich nicht mehr so allein.

Erregend und fremd ist der Alltag, der sie erwartet, erregend und fremd wie die Liebe, die sie hier zum erstenmal erfährt. Aber sie ist entschlossen, nicht zu kapitulieren, nicht vor dem verwirrenden Gefühl, das sie zwischen Curt und Nikolaus schwanken läßt, und nicht vor den Aufgaben und Eindrücken, die sie bedrängen.


Buchgemeinschaft der Freien Deutschen Jugend im Verlag Neues Leben, 1961



Maria Nurowska: Das Mädchen im Elfenbeinturm


 Es ist nicht leicht für Anka. Ihr Leben wird von ihrer Herzkrankheit bestimmt. Bei ihr läuft alles langsamer ab. Strengt sie sich an oder regt sie sich auf, wird das in der Regel sofort mit einem Anfall bestraft. Es gäbe eine Möglichkeit, dem ein Ende zu machen; eine Herz-Operation soll ihr helfen. Aber die Eltern sind noch dagegen. Besonders ihre Mutter ist übervorsichtig mit ihr. Hat ihr eigenes Selbst aufgegeben.

Als Anka Marek kennenlernt und sie Freunde werden, klappt das ganz gut, solange Marek nichts von ihrer Krankheit weiß. Doch eines Tages kommt er dazu, nachdem sie einen Anfall hatte und sich ein alter Mann um sie kümmerte. Seitdem sehnt Anka die Operation herbei.

Als ihre Mutter für einige Zeit ins Ausland verreist, ist das ihre Chance. Gemeinsam mit Marek tüftelt sie einen Plan aus…

Ich habe keine Erinnerung mehr daran, ob mich das Buch damals als Jugendliche vom Hocker gerissen hat. Heute tat es das nicht. Das Spannendste waren die Tochter-Vater-Gespräche. 

Verlag Neues Leben Berlin, 1985

Maxim Gorki – Stefan Zweig: Briefwechsel


 Maxim Gorki (1868-1936) und Stefan Zweig (1881-1942), der große sozialistische Realist und der aufrechte bürgerliche Humanist, haben über ein Dutzend Jahre einen Briefwechsel geführt, der in Gorkis ausgedehnter Korrespondenz mit ausländischen Kollegen zu den nach Umfang und Gehalt bedeutsamsten gehört. „Wir haben niemanden in der deutschen Literatur, der diese Unmittelbarkeit der Wahrheit hätte… Ihre Unmittelbarkeit ist für mich einzig: selbst Tolstoi hatte nicht diese Natürlichkeit des Erzählens. Wie liebe ich Ihre Bücher! Wie ehre ich Ihre menschliche Haltung…“, schrieb Zweig. Und Gorki antwortete: „… die zweite Novelle jedoch erregte mich bis in die Tiefe meines Herzens durch ihren ergreifend aufrichtigen Ton, durch ihre übermenschliche Zartheit im Verhältnis zur Frau, die Originalität des Themas und durch jene magische Darstellungskraft, die nur dem wahren Künstler eigen ist. Als ich diese Novelle las, lachte ich vor Freude – so schön haben Sie das gemacht!“ Als noble Zeugnisse gegenseitiger Wertschätzung stehen diese Briefe hier.

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1973
Biografien und Dokumente, Briefe

19 Juli 2021

Charles Dickens: Der Raritätenladen


 Nell’s Großvater ist Besitzer eines Raritätenladens im London des 19. Jahrhunderts. Nachts ist er stets außer Haus, niemand weiß so recht, wo er ist, doch die 14-jährige Nell wartet (un)geduldig auf seine Rückkehr. Die beiden sind ein liebevolles, aufeinander eingespieltes Team, doch diese Idylle hat Feinde: Quilp, ein kleiner, häßlicher und widerlicher Zwerg, macht ihnen das Leben schwer – so schwer, dass sie schließlich Haus und Stadt verlassen auf der Suche nach einer neuen, ruhigen und friedvollen Heimat – ein neuer Anfang vielleicht? Auf ihrer Wanderung begegnen sie allerlei skurrilen und wunderlichen Personen, erleben viele Abenteuer – kurz, sie lernen die Menschen kennen…

Rütten & Loening Berlin, 1961

I. A. Kolyschkin: In den Tiefen des Nordmeeres

 Held der Sowjetunion I. A. Kolyschkin befehligte während des Großen Vaterländischen Krieges eine U-Boot-Abteilung und später dann eine U-Boot-Brigade der Nordmeerflotte, deren Boote sich ständig im Einsatz befanden. Er gehört zu jenen Angehörigen der sowjetischen Seestreitkräfte, die seit Beginn des Krieges ihr Können und ihre ganze Kraft einsetzten, um dem faschistischen Aggressor den Weg nach Murmansk zu versperren. Bereits in den 30er Jahren führte ihn sein Weg in den hohen Norden. Hier erlebte er mit, wie die Nordmeerflotte aufgebaut wurde und sich die kleine Stadt Poljarny zu einem leistungsfähigen Flottenstützpunkt entwickelte. Die sowjetische Partei- und Staatsführung setzte bei Ausbruch des Krieges alles daran, die nördliche Flanke der Sowjetunion zu verstärken, und schon bald trafen in Poljarny neue, leistungsfähige U-Boote ein. Die Kampfkraft und der Aktionsradius der Nordmeerflotte wuchsen. Gleichzeitig mußten neue Kommandanten ausgebildet und Besatzungen zusammengestellt werden. Doch viel Zeit stand dazu nicht zur Verfügung, denn die U-Boote mußten so schnell wie möglich in See. Zu ihren Aufgaben gehörte der Vorpostendienst in der Kolabucht, die Bekämpfung von U-Booten und Überwasserschiffen, der Schutz alliierter Geleitzüge, die Anlandung von Marineinfanteristen und Aufklärern, das Minenlegen.
Der Dienst an Bord eines U-Bootes ist schwer, müssen die Männer doch tagelang auf engstem Raum zusammenleben, Wache gehen, den Gegner aufspüren und ihn wirksam bekämpfen. Doch der nördliche Seekriegsschauplatz verlangte von den Besatzungen eine besonders hohe Kampfmoral und Einsatzbereitschaft. Stürme und Kälte, Schnee, Nebel und die Polarnacht erschwerten ihnen zusätzlich ihre Aufgaben.
Konteradmiral Kolyschkin hat all das persönlich miterlebt. Er wußte, was Matrosen, Maate und Offiziere dachten, welche Kraft sie trotz aller Schwierigkeiten und Verluste immer wieder anspornte, nach neuen und besseren Kampfmethoden zu suchen, und so gelingt es ihm eindrucksvoll und detailgetreu, über seine Kampfgefährten zu berichten.

Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1987
Ins Deutsche übertragen von Irmgard Zeisler