06 Oktober 2021

ohne AutorIn: Finnen erzählen

Mit dem 1870 publizierten Roman „Die sieben Brüder“ von Aleksis Kivi trat nicht nur ein bemerkenswertes Fabuliertalent in Erscheinung – ein Volk, das über Jahrhunderte politischer Abhängigkeit hin zum Schweigen verurteilt war, hatte seine Sprache gefunden. Für die finnischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, die sich fast ausnahmslos zu dem Kampf um die Souveränität Finnlands bekannten, gab es nur ein nationales Vorbild: die Volksdichtung. So entstand hier eine Prosaliteratur, die bewußt auf die mündlich überlieferten Traditionen der Kalevala-Poesie zurückgriff und den sprachlichen Reichtum der alten finnischen Runengesänge in sich aufnahm. Unbeschadet aller Einflüsse kontinental-europäischer Literaturströmungen, bewahrte sie sich bis hin ins 20. Jahrhundert die enge Bindung an die Gefühls- und Vorstellungswelt der mit einer ungnädigen Natur ringenden Bauern, Holzfäller und Flößer.

Diese Anthologie enthält charakteristische Werke der bedeutendsten finnischen Erzähler vom Ende des 19. bis in die vierziger Jahre unseres Jahrhunderts. Viele von ihnen – Aleksis Kivi, Minna Canth, Johannes Linnankoski, der Nobelpreisträger Frans Eemil Sillanpää, Pentti Haanpää und Mika Waltari – sind weit über die Grenzen Finnlands hinaus bekannt geworden.

VEB Hinstorff Verlag Rostock, 1978

 

05 Oktober 2021

Elizabeth Gurley Flynn: Das Rebellenmädchen – Eine Autobiographie

„Das Rebellenmädchen“, wie Joe Hill, Dichter und Märtyrer der amerikanischen Arbeiterklasse, Elizabeth Gurley Flynn in seinem berühmten Lied genannt hat, war eine der anziehendsten Frauengestalten in der modernen Arbeiterbewegung und in den Reihen derer, die unermüdlich für Frieden und Demokratie kämpfen. Sechzig Jahre diente Elizabeth Gurley Flynn selbstlos der Sache der Arbeiterklasse. Bis zu ihrem Tode im September 1964 kämpfte sie als Vorsitzende der Kommunistischen Partei der USA an der Spitze aller aufrechten Amerikaner gegen das reaktionäre McCarran-Gesetz, das die Kommunisten praktisch für vogelfrei erklärte und letztlich die verfassungsmäßigen Freiheiten des amerikanischen Volkes bedrohte. Die Lebensgeschichte der „Heiligen Johanna von East Side“ (Theodore Dreiser) ist ein Teil der Geschichte der amerikanischen Arbeiterbewegung in unserem Jahrhundert. An unzähligen Kämpfen der fortschrittlichen Kräfte und besonders des Proletariats der Vereinigten Staaten war sie unmittelbar beteiligt, mit vielen Führern dieser Kämpfe wurde sie bekannt oder verband sie herzliche Freundschaft. Das macht ihre Erzählung so lebendig und läßt den Leser einen wichtigen Abschnitt der Geschichte des amerikanischen Volkes nacherleben.

GEWIDMET
dem stets lebendigen Andenken an meinen innig geliebten einzigen Sohn Fred Flynn, der am 29. März 1940 im Alter von neunundzwanzig Jahren starb. Er war mein Freund und Kamerad – liebevoll, immer guten Mutes und voll Humor, aktiv in der fortschrittlichen Politik der Arbeiterklasse –, dem ich versprach, daß dieses Buch einmal geschrieben würde, und dem ich bewußt mein Lebenswerk widmete, vor und nach seinem Tod.

Amerikanischer Originaltitel: I Speak My Own Piece Autobiography of  „The Rebel Girl”
Übersetzt von Rose Gromulat

Dietz Verlag Berlin

Einband der 7. Auflage 1978
 1. Auflage 1958
 2. Auflage 1959
 3. Auflage 1962
 4. Auflage 1963
 5. Auflage 1964
 6. Auflage 1964
 7. Auflage 1978

 

Heinrich Mann: Die kleine Stadt

Wenn in eine italienische Landstadt, die sich langweilt, eine Operntruppe einzieht; wenn nun alle Herzen aufwallen, Liebe, Ehrgeiz, Klassenhaß und Verehrung der Größe, alles sich auf einmal über den Platz und die Gassen ergießt; wenn die aus Musik geborenen Leidenschaften bis zum Bürgerkrieg fortwirken, bis zu Katastrophen der Führer und des Volkes, und weiter zur Versöhnung, zu einem großen Freudenfest; mit stürmischem Impressionismus auf die Beine gestellt und durcheinandergewirbelt, vermöchte alles dies, dieses Brausen der Massenpsyche in einem engen Gefäß, den Zuschauer wohl zu fesseln, auch wenn es weiter nichts bedeutete.

Die Kenner der „Herzogin von Assy“ und des „Professor Unrat“ werden dennoch in einem Roman von Heinrich Mann nach geistigen Absichten suchen. Sie werden bemerken, daß den Bewohnern dieser Stadt von der Eitelkeit bis zur Ränkesucht keine der Schwächen fehlt, die man menschlich nennt, und daß gleichwohl etwas von jener Milde, jener Hilfsbereitschaft, jener Brüderlichkeit aus ihnen herausdrängt, die auch wieder Menschlichkeit heißen.

Ihr großer Mann ist gewiß nur ein kleinstädtischer Advokat, Kirchturmpolitiker, Topfgucker und Wichtigtuer, und doch macht die ehrliche Liebe zu seiner Stadt, daß er eine tragische Stunde erlebt und für Augenblicke um die kahle Stirn einen heroischen Schein trägt.

Welch armes Liebespaar, dieser wandernde Tenor, dieses Landfräulein! Aber haben gefahrvollere Gefühle in der Brust romantischer Fürstenkinder geschlagen? Haben sie schrecklicher und süßer geendet?

Diese kleine Stadt steht für eine große, sie steht für eine durch Liebe geadelte Menschheit. Unrecht erhält hier, wer sich besser glaubt als die Gesamtheit, sich ihr allein und stolz gegenüber sieht. Das Talent, der Geist selbst geben hier kein Recht auf einsame Größe, sie verpflichten zu dienen. Die egoistische Persönlichkeit wird bestraft in einer bösen kleinen Sängerin; in einem herrschsüchtigen Priester dankt sie ab; der Geist findet zurück zum Menschentum. Das Genie gehört dem Volk, es kommt aus ihm, nährt sich von ihm, es ist eins mit seiner Wärme, seiner Liebe.

Man höre hin: was hier klingt, es ist das Hohelied der Demokratie. Es ist da, um zu wirken in einem Deutschland, das ihr endlich zustrebt.

Dieser Roman, so weitab er zu spielen scheint, ist im höchsten Sinn aktuell.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1971
buchclub 65, 1971

 

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow




 Willibald Alexis (1798-1871), Begründer des realistischen historischen Romans in der deutschen Literatur, der zunächst als Nachahmer Walter Scotts begann und seine beiden ersten Werke für Bearbeitungen des schottischen Dichters ausgab, schrieb diese Geschichte aus der Mark Brandenburg, in der die Burgfrau von Hohen-Ziatz ihren Burgherrn vor einer großen Dummheit und einer ebenso großen Gefahr bewahrt, indem sie ihm die Hosen wegnimmt.

Verlag Neues Leben Berlin, 1976
BASAR

04 Oktober 2021

Gerhard Otto: Das Haus am Bodden

Die Jugendherberge liegt auf dem Thorsberg. Man kann von ihr bei schönem Wetter weit über den Bodden blicken. Wer einmal hier war, möchte wiederkommen.

Als Walter Weber Herbergsleiter wird, hat er noch keinerlei Erfahrungen. Die muß er erst sammeln, und das ist nicht ganz einfach. Was macht man zum Beispiel, wenn ein Achtzigjähriger Unterkunft wünscht? Und was macht man, wenn ortsansässige Jugendliche von zweifelhaftem Ruf sich allzusehr für die Herberge interessieren? Oder wenn Gäste nachts durchs Fenster einsteigen und Bruch verursachen?

Der Autor erzählt von den vielfältigen Freuden und Ärgernissen eines Herbergsleiters, von den Bemühungen, ein Aktiv auf die Beine zu stellen und den Jugendlichen zu helfen, von mancherlei Schwierigkeiten, die nur mit Humor und Verständnis zu meistern sind.

Verlag Neues Leben Berlin, 1977
Illustrationen: Karl Fischer

 

Agnes Smedley: China blutet / China kämpft


 Buchbeginn

Wir betraten das altmodische Schandung-Restaurant durch die Küche, wie es Sitte ist, denn die Küche liegt am Eingang, damit die Gäste sehen können, wie die Speisen auf dem aus Lehm gestampften Herd zubereitet werden. So will es der Brauch in einem Land, wo das Kochen eine Kunst ist. Als wir den großen Speiseraum betraten, begrüßte uns ein gellender Ruf, der aus der Kehle eines kräftigen Kellners kam. „Drei Gäste sind angekommen!“ schrie er in den Raum hinein. Auch diese Ankündigung ist nämlich Sitte in den Gaststätten der Mandshurei, in denen das Volk verkehrt…

Dietz Verlag Berlin 1959

Cecil Bodker: Das Haus der Salzhändlerin

Drei Monate lang lebte die renommierte dänische Autorin im äthiopischen Hochland – dreihundert Kilometer von der Hauptstadt des Landes entfernt -, um das erste Buch für äthiopische Kinder zu schreiben.

Im Haus der Salzhändlerin Debiteh, die als Witwe neun Kinder zu versorgen hat, lernt sie die Armut und die Unwissenheit dieser Menschen kennen und dringt Schritt für Schritt in die archaische Welt ein.

Scheinbar improvisierend, aber doch mit hohem künstlerischem Niveau, plaudert sie über ihre Begegnungen mit den Dorfbewohnern und reflektiert das Gesehene. Zurückgekehrt nach Dänemark, adoptiert sie zwei Töchter der Salzhändlerin und erlebt, wie sich diese „kulturvollen Analphabeten“ in kürzester Zeit zu Persönlichkeiten entfalten.

Cecil Bodker ist sowohl durch Erzählungen und Romane als auch durch Hörspiele, Kinderbücher und Lyrik bekannt geworden.

Die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich nach der Publikation des Buches in Äthiopien vollzogen haben, werden in einer Nachbemerkung kommentiert.

VEB Hinstorff Verlag Rostock, 1977