19 Juni 2021

Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas

Alexis Sorbas ist eine der großen Gestalten der modernen Weltliteratur, ein Mann, mit dem man weint und lacht, bei dem sich Optimismus, Nachdenklichkeit, Menschenliebe, Vitalität und manchmal auch ein wenig Misanthropie zu einer Persönlichkeit von fast archaischem Ausmaß zusammenfügen.

Dieser Mann, dem Nikos Kazantzakis in seinem 1946 erschienenen Roman zu Weltruhm verholfen hat, ist eine authentische Figur, die für den Autor von entscheidender Bedeutung wurde. Nicht zufällig stellt er diesem kraftvollen, urwüchsigen Menschen eine „papierverschlingende Maus“, einen weltfremden Schriftsteller gegenüber, der auf seiner Wanderung durch verschiedene philosophische Systeme keinen Zugang zur griechischen Realität der dreißiger Jahre gefunden hat. Was ihm bislang versagt war, Alexis Sorbas, der einfache Mann aus Mazedonien, den es in den verschiedensten Berufen der Welt umhergetrieben hat, kann es ihm vermitteln: das Gefühl und die Erkenntnis, in der Welt zu Hause zu sein.

Auf Kreta lehrt ihn Sorbas, „das Leben zu lieben und den Tod nicht zu fürchten“, lehrt ihn die Sprache des Tanzes, die Leben ausdrückt, lehrt ihn, in schwierigen Situationen Mut zu beweisen: denn keiner ist wie er fähig, die einfachen Dinge zu genießen: die Liebe, das Spiel, die Arbeit.

Das Abenteuer auf Kreta hinterläßt in Kazantzakis unauslöschliche Spuren, so daß er später von Sorbas sagt: „Laß uns alles tun, mein Herz, damit dieser herrliche Esser, Trinker, Arbeiter, Frauenjäger und Landstreicher weiterlebe…“

Verlag Volk und Welt 1978
ex libris

 

Wilhelm Mach: Agnes, Tochter des Kolumbus

Sie heißt Agnes, sie ist jung, und sie hat den schönsten Beruf, den es gibt: Lehrerin. Aber was ist eine Lehrerin ohne Schüler, und was nützen einem alle Ideale, alle guten Vorsätze, alle wohlgemeinten Bemühungen, wenn man sich einer Wand von Feindseligkeit, Aberglauben und Vorurteilen gegenübersieht? Agnes ist nicht mit weltfernen Illusionen in dieses abgelegene Dorf gekommen, sie war auf Widerstände, auf Schwierigkeiten aller Art gefaßt, ja es reizte sie sogar, kühn und unbeirrbar wie Kolumbus auf Entdeckerfahrt zu gehen.

Aber Kolumbus hatte wenigstens einigermaßen verläßliche Gefährten. Sie findet nicht einmal in dem selbstherrlichen, arroganten Bürgermeister eine Stütze, diesem eingebildeten Despoten mit den Cowboymanieren, den sie am liebsten verprügeln würde und zu dem sie sich dennoch unwiderstehlich hingezogen fühlt. Der seelische Konflikt, in den sie dadurch gerät, läßt sie fast verzagen und den Gedanken in ihr aufkommen, mit Stach, ihrem Studienfreund, in die Stadt zurückzukehren, um an seiner Seite ein wohlbehütetes, bequemes Leben zu führen.

Dieser turbulente und an Spannung reiche Roman, der die Geschichte einer jungen Frau kurz nach dem zweiten Weltkrieg erzählt, ist das letzte Buch des bedeutenden polnischen Romanciers Wilhelm Mach.

Schutzumschlag: Ingo Kirchner
Verlag Volk und Welt Berlin 1977

 

E. A. Whitehead: Alpha Beta / Barry Hines: Der Teilhaber – Zwei Stücke

Alltagsbegebenheiten auf der Bühne – und was könnte alltäglicher sein als eine auf den Klippen sozialer und emotionaler Frustration scheiternde Ehe, als ein Kohlentrimmer, dem die Arbeit Spaß macht? „Ich habe jeden Grund zur Scheidung! Ich bin verheiratet!“ verkündet der Möchtegern-Playboy in E. A. Whiteheads Tragikomödie. „Ich bin mein eigner Boß, kann mit meiner Zeit machen, was ich will. Das reicht grade zum Leben, und ich bin zufrieden“ – diese Maxime setzt der Kohlentrimmer Billy im parabel-ähnlichen Stück von Barry Hines der demonstrativen Wohlstandstüchtigkeit entgegen. Alltagsbegebenheiten in einer Welt, in der das Image wichtiger ist als das Wesen, wo die Ehe zur „Farce einer Farce“ wird und wo sich hinter dem Wort „Freizügigkeit“ entwürdigende gesellschaftliche und private Beziehungen verbergen. Dort dauert eine mit aller Raffinesse geführte Eheschlacht, ein zermürbendes Catch-as-catch-can neun Jahre, Zeichen einer Scheinmoral, die den wirklichen Möglichkeiten des Menschen im Weg steht. Und da rettet sich der seines Lebensinhalts beraubte Kohlentrimmer in anarchisches Aufbegehren, weil er sich nicht einreihen lassen will in die endlose Kolonne manipulierter Verbraucher.

Am Beispiel dieser Duodramen wird deutlich: Das englische Theater unserer Zeit ist lebendig und zeitnah, vor allem dann, wenn die Stückeschreiber sich weigern, Vertrautes heiligzusprechen. Witz und Ironie, Einfallsreichtum und Sparsamkeit der Mittel, realistische Präzision der dramatischen Gestaltung, der Dialogführung und des Figurenaufbaus zeichnen diese Stücke aus und machen sie zu einem nicht alltäglichen Leseerlebnis.

Verlag Volk und Welt, Berlin 1975
Spektrum

 

18 Juni 2021

Horst Bastian: Wegelagerer

Deutschland 1945.

Der Krieg zeichnet dieses Land und seine Menschen. Krieg verwandelt Glück in Unglück, raubt den Kindern die Mütter, macht sie elternlos, heimatlos. Hungrig und verwahrlost ziehen sie über die Straßen, üben Recht, wie es die Kriegszeit sie lehrte.

Die Potsdamer Brandnacht nimmt Jörg die Mutter. Die Trümmer des Hauses haben sie begraben. Das Grab des Vaters ist an der Ostfront. Jörg ist allein – ratlos, angstvoll, allein.

Wann ist die Not am schlimmsten? Irgendwo weint ein Kind. Ein leises unablässiges Weinen, das Jörg aus seiner Dumpfheit herausreißt. Er findet und rettet ein Mädchen, anderthalb Jahre alt, dessen Tränen Jörgs Kummer zurückdrängen, ihm keine Zeit lassen für eigene Tränen.

Dann beginnt die Nahrungssuche. Jörg stiehlt Brot, plündert Läden, geht betteln. Die Sorge um das Mädchen wird Liebe zum Mädchen, das Emil heißt.

Dann ist der Krieg zu Ende. Jörg und Emil gehen auf Wanderschaft, die schnell zur Flucht wird. Zur Flucht vor den Erwachsenen. Sie haben Heime geschaffen, die solche Wegelagerer wie Jörg und Emil aufnehmen sollen, notdürftig Heimstatt bieten sollen in diesen bitteren Jahren der Nachkriegszeit.

Aber Jörg flieht – nicht vor den Menschen, er flieht vor der Trennung von Emil. Auf ihrer Wanderung durch Sommer und Winter begegnen sie guten und schlechten Menschen. Menschen, die im Krieg zerbrachen, und solchen, die im Kampf gegen den Krieg erstarkten und nun Kraft genug haben, gegen das Elend des Nachkriegs die Hand zu erheben. Sie sind es auch, die Jörg und Emil das Vertrauen zu den Menschen zurückgeben, aus den Vagabunden der Landstraße zwei glückliche, frohe Menschen werden lassen.

„Mit dem Roman „Wegelagerer“ legt Horst Bastian sein zweites Buch vor. Wie in der „Moral der Banditen“ gestaltet er das Schicksal der Kinder im Nachkriegsdeutschland, weil, wie er sagt, „die Grundfrage unseres Lebens heute die Frage Krieg oder nicht Krieg“ ist.

„Diese Geschichte muß einfach aufrütteln, muß sagen: Sei für den Frieden, zu etwas dafür.“

Der Kinderbuchverlag Berlin, 1982 (9. Auflage)
Illustrationen: Thomas Schleusing

 

Sigfrid Bolling: Was ist das für ein Schiff?


 Buchbeginn

Vorwort

Sehr viele Menschen fühlen sich von allem, was die Begriffe Seefahrt und Schiffbau umschließt, angesprochen und interessieren sich dafür; verbinden sich doch damit für sie die Gedanken an Weite und Ferne, aber auch an besondere Leistungen von einzelnen Männern. Diese Menschen suchen neben anderer, unterhaltender Lektüre, vor allem aus der Segelschiffsromantik, auch seit langem ein Buch über die Schiffe, die heute die Meere befahren, ein Buch, das ihnen einen kurzen Überblick über die modernen Schiffstypen und ihren Einsatz sowie die verschiedenen Antriebsarten gibt…

Urania-Verlag, 1956
Kleine Urania Bücherei

Ivan Vassilev: Aglikas Reise ins Erdbeerdorf

Buchbeginn

Eines Tages kam mir Aglika schon an der Tür entgegen; sie stellte sich auf die Zehenspitzen – aber auch jetzt reichte sie nicht bis an mein Ohr – und bat mich, ich sollte mich zu ihr hinabbeugen. Dann blickte sie sich nach allen Seiten um und flüsterte geheimnisvoll: „Ich sag´s nur dir! Komm mal sehen, was ich gemalt habe!“

Aha, Aglika war also wieder in meinem Atelier gewesen und hatte sich natürlich über meinen Farbkasten hergemacht… Sie faßte mich bei der Hand, öffnete die Tür und blieb glückstrahlend stehen: „Sieh mal! Ist der nicht schön – der Unbekannte Held aus dem Märchen?“

Ich seufzte tief. Aglika hatte meine noch nicht vollendete Zeichnung übermalt. Ihr Werk sollte einen Menschen darstellen, aber es war ein höchst sonderbares Gebilde – seine Arme waren lang, länger als der Körper, seine Beine nur zwei dünne Striche, und seine Augen – seinen Augen erschienen so groß wie die Scheinwerfer eines Autos! In der einen Hand hielt er einen Stock. „Das ist das Schwert des Unbekannten Helden!“ sagte Aglika stolz, als ob sie meine Gedanken erraten hätte.

Ich brause leicht auf, gerate manchmal über die geringsten Kleinigkeiten in Zorn, doch diesmal wurde ich seltsamerweise nicht böse. Ich setzte mich hin und bemühte mich zu lächeln… doch es gelang mir nicht. Ich schüttelte nur betrübt den Kopf…

Illustrationen von Ivan Kirkov
Aus dem Bulgarischen übersetzt von Erika Moskova
Sofia-Press 1974

 

Alexander Ebanoidse: Verlorenes Vaterhaus


 Alexander Ebanoidse (Jahrgang 1939) legt nach „Hochzeit auf imeretisch“ seine zweite Prosaarbeit vor.

Dshano, ein Conferencier, der die Höhe des Ruhms bereits überschritten hat, sucht auf dem väterlichen Hof, den jetzt sein Bruder bewirtschaftet, Ruhe und Kraft für einen Neubeginn. Der plötzliche Unfalltod seines Bruders stellt ihn endgültig vor die Entscheidung, die Weinbauerntradition der Familie fortzusetzen oder weiterhin durch die Kulturhäuser des Landes zu ziehen.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1984