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29 Juni 2025

Jutta Hecker: Wieland

Einbandtext:
Das Leichte, das Graziöse, das Scharmante, es ist erreicht. Aber nur ganz wenige erkennen, daß diese frivolen, verwegen deutlichen Verse aus einem Kopf und aus einem Herzen aufgestiegen sind, die Sturm laufen wollten gegen das starre, dumpfe, spießbürgerliche Denken der Zeit.

Klappentext:
Wer zur Zeit Goethes und Schillers nach Weimar kam, pflegte meist auch den geistvollen, lebhaften, liebenswürdigen Dichter Wieland aufzusuchen. Mit dem Roman «Agathon» war er zur europäischen Berühmtheit geworden, «Oberon» und andere Werke von ihm entzückten die Leser vollends; Witz und Anmut zeichnete sie alle aus. Jutta Hecker gestaltet Leben und Entwicklung dieses Dichters, der auch als Übersetzer vor allem Shakespeares Hervorragendes geleistet hat. Sie erzählt von seiner Kindheit im Biberacher Pfarrhaus, von seiner ersten, lebenslangen Liebe zu der späteren Schriftstellerin Sophie von La Roche, von einem zweiten, ebenfalls in die Brüche gegangenen Verlöbnis, von seinem Aufenthalt bei Bodmer in Zürich, wo er emphatisch für Tugend und Askese schwärmte, von seiner abrupten Hinwendung zum heiteren Sinnengenuß und vor allem von seinem Leben und Schaffen in Weimar. Rührend und liebenswert erscheint uns der Dichter in all seinen Äußerungen, vor allem in der Art, wie er hinter den beiden Größeren, hinter Goethe und Schiller, zurücktritt.

Buchanfang:
Seit Tagen weht ununterbrochen ein föhniger Westwind. Auch an diesem Donnerstag, dem 18. Februar 1813. Der Himmel ist bedeckt; graue leichte Gespinste treiben, vom Sturme zerfetzt, vor schweren dunklen Wolkenballen im Winde dahin. Ab und zu regnet es. Auf dem Erdboden hält sich hie und da noch verharschter Schnee. Die Ilm führt Hochwasser. Sie rauscht mächtig im Anprall einer plötzlichen Biegung nach Süden an der Steinmauer des Gutes Oßmannstedt vorbei. Ihr lehmig-gelbes Wasser nagt an den Steilufern und unterspült die mächtigen Wurzeln der Bäume, die weit in ihr Bett hineinragen. Am Ende der Gutsmauer öffnet sich eine kleine Lichtung mitten in einem Waldstück: Ein Denkmal erhebt sich dort, eine obeliskenhaft schmale, dreiseitige Pyramide in grauem Sandstein. Jede Seite trägt eine Inschrift, davor wölbt sich ein Erdhügel. Schon ein wenig verwittert sind die eingegrabenen Worte, schon ein wenig verblaßt das Blau und Rot und Gold der Bilder darüber. Nur auf der einen Seite, unter der auf Fittichen schwebenden Lyra, ist die zweite Zeile deutlich vor kurzem erst eingemeißelt. Unter dem Namen Christoph Martin Wieland steht außer dem Geburtsdatum nun noch: «gestorben den 20. Januar 1813». Der Hügel davor zeigt braune, frisch aufgeworfene Erde, während die beiden anderen unter einer Decke von grobkörnigem getautem und oftmals wieder gefrorenem Schnee ruhen. Ringsum bis weit in das Waldstück hinein ist der Platz von vielen Tritten zerstampft. Das Dunkel der Nacht lagert über dem abseitigen Ort, die Ilm rauscht laut, .......

Schutzumschlag, Einband: Ernst Lewinger

Verlag der Nation, Berlin
1. Auflage 1975
2. Auflage 1980
3. veränd. Auflage 1984
4. Auflage 1990

weitere Ausgaben

Jutta Hecker
Wieland – Die Geschichte eines Menschen in der Zeit

Hinter dem mächtigen Dioskurenpaar Goethe und Schiller ist die liebenswürdige Gestalt Christoph Martin Wielands besonders im Gedenken der Nachwelt immer mehr zurückgetreten. Auch er stand und steht gewissermaßen im Schatten der Titanen, und doch war der Pfarrerssohn aus Biberach in Württemberg weit mehr als nur der ehedem gefeierte Autor leicht tändelnder Rokokoromane, sinnenfroher Versepen und moralisierender Bildungsbriefe. Dank seiner Kunst gewann die deutsche Sprache erst Leichtigkeit und Eleganz. Sein immer reger, weltoffener Geist vermittelte kulturelle Schätze aus allen Zeiten und Nationen; sein ständig junges Herz blieb bis ins Alter aufgeschlossen für jede neue Geistesströmung, für jedes junge Genie, und nur wenig Bedeutendes im ausgehenden achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jh gibt es, dem nicht seine Zeitschrift „Der deutsche Merkur“ Schrittmacherdienste geleistet hätte.
Jutta Hecker ist dem langen Leben ihres Helden in allen Stationen nachgegangen, von der Knabenzeit im schwäbischen Elternhaus, dem für seine Entwicklung so bedeutsamen Schweizer Intermezzo bei Bodmer in Zürich, der Stadtschreiberzeit in Biberach mit der ersten großen, bitter-schmerzlich endenden Liebe, dem kurzen Zwischenspiel als Professor in Erfurt bis hin zu der längsten und erfolgreichsten Lebensepoche, seinem Leben und Wirken in Weimar und Oßmannstedt. Dabei wird nicht die geheime Tragik verschwiegen, die gerade die Weimarer Jahre Wielands durchzieht, dieses immer wieder Verzichten-, immer wieder Zurücktreten-Müssen hinter den großen Gestirnen Goethes, Schillers und Herders. Aber nicht minder wird auch das viele Schöne gezeigt, mit dem die Musen ihren Liebling immer wieder bedachten.
Den festlichen Ausklang dieses Buches, das nicht nur ein höchst lebendiges Porträt einer bedeutenden Persönlichkeit, sondern zugleich auch ein überaus farbiges Gemälde einer der wesentlichsten Epochen der deutschen Kulturgeschichte ist, bildet die Totenfeier für Wieland mit dem so ergreifenden Nekrolog, den Goethe seinem langjährigen Freunde widmete.

Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar
1. Auflage 1958 [1. - 10. Tsd.]
2. Auflage 1959 [11. - 20. Tsd.]
3. Auflage 1960 [21. - 30. Tsd.]
4. Auflage 1963 [31. - 40. Tsd.]
5. Auflage 1966 [41. - 50. Tsd.]
6. Auflage 1971 [51. - 57. Tsd.]

09 April 2025

Wolfgang Genschorek: Fremde Länder - Wilde Tiere – Das Leben des "Tiervaters" Brehm

Klappentext:
Beim Namen Alfred Brehm fällt fast jedem zunächst sein weltbekanntes „Tierleben“ ein. Dieses Werk, Belehrung und Vermittler von Freude an der Natur zugleich, ist durch seine lebendige und eindringliche Darstellungsweise zum wahren Volksbuch geworden, fand aber wegen seiner umfassenden wissenschaftlichen Beschreibung ebenso Anerkennung in Fachkreisen.
Ein Ornithologenkollege charakterisierte Alfred Edmund Brehm folgendermaßen: „... Ein Mann mit ausgezeichnetem Können, ausgestattet mit Geistesgesundheit, voll Ursprünglichkeit, wie sie dem Volk eigen sein kann, und mit dem sachlich umfassenden Wissen und der sachlich kritischen Begabung des Gelehrten – diese Mischung, die so einzig ist, war in Brehm zu völligem Ausgleich gelangt. Und auf dieser Mischung beruhte es allein, daß er oft so schwierige Probleme des Tierlebens mit vollendeter Klarheit und überdies lebensvoll fesselnd darzustellen vermochte.“
Vor Brehms Zeiten hatte die Zoologie sich im wesentlichen auf die Berichte von Reisenden gestützt. Er aber ging selbst auf Reisen. Auf entbehrungsreichen Expeditionen durch Wüsten, Tropen, Polargebiete und die Gebirge Zentralasiens erwarb er sein Wissen. Diese Pioniertat Brehms und die Ergebnisse seiner Expeditionen veranlaßten Wolfgang Genschorek, zum 100. Todestag 1984 eine Biographie dieses Gelehrten vorzulegen, der weltweit anerkannt und zugleich in der Bevölkerung allgemein beliebt war.
Die Leistungen Brehms als geographischer Forscher wurden bis jetzt weitgehend ignoriert. Brehm schildert in seinen Reiseberichten ebenso die Pflanzenwelt, Landschaften, die, Bevölkerung der jeweiligen Gebiete, ihre Wirtschaft, Kultur und Geschichte.
Es ist Genschoreks Verdienst, diese Seite in Brehms Wirken mit der vorliegenden Brockhaus-Biographie einem breiten Leserkreis zugänglich zu machen. Er läßt den Leser miterleben, wie der junge Brehm, der eigentlich Architekt werden. sollte, eher zufällig auf seine erste große Expedition nach Nordostafrika geht und dann fast sein ganzes Leben lang „auf Reisen“ ist. Nach seiner Rückkehr von der Afrikareise studierte Brehm Naturwissenschaften in Jena und promovierte mit einem Teil seines Reiseberichts zum Dr. phil. Eine Reise quer durch Norwegen, über das Nordkap hinaus bis an den Varangerfjord sollte ihm Überblick über die nordische Vogelwelt verschaffen. Das Angebot Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg Gotha, ihn auf einer Jagdexpedition zu begleiten, brachte Brehm ein zweites Mal nach Afrika, wo ihn die reiche Tier- und Pflanzenwelt Eritreas sehr beeindruckte, und er wohl auch den Plan zu seinem „Tierleben“ faßte. Als Begleiter Otto Finschs reiste Brehm nach Westsibirien, gelangte bis zum Altai und den Ob abwärts bis ans Nördliche Eismeer. Er führte aufs genaueste Tagebuch, dem wir vor allem auch ethnologisch wertvolle Beschreibungen verdanken.

Buchanfang:
Geleitwort
Wenn 100 Jahre nach dem Tode eines Menschen seiner noch unentwegt gedacht wird und sein Name noch Klang hat, dann muß es sich um eine bedeutende Persönlichkeit handeln mit nachhaltiger Wirkung. Dr. Alfred Edmund Brehm ist eine solche. Zufällig Forschungsreisender geworden, der nur durch seine Zähigkeit und Energie die selbstgestellten Ziele erreichte, schriftstellerisch hochbegabt, gewann er seine höchste Wirksamkeit durch sein »Tierleben«, das ebenso im Palast wie in der Hütte alsbald gelesen, ja verschlungen wurde. Zahlreiche Auflagen und Bearbeitungen, auch Kurzfassungen überstand dieses einmalige Werk, ohne daß Ergänzungen und Abstriche letztlich dem Charme dieser Schilderungen völlig Abbruch tun konnten. Brehm hat die Tierwelt dem deutschen Volk nahegebracht, so daß jeder, der nur halbwegs an Tieren Interesse hegt, auch »Brehms Tierleben« kennt. Kein anderes mit gleichem Ziele angelegtes Werk konnte Brehms Leistung verdrängen.
Brehms Persönlichkeit schwankte in der Beurteilung sowohl seiner Zeitgenossen wie der Nachwelt speziell deswegen, weil er sowohl als Direktor des Hamburger Zoologischen Gartens wie auch als Gründer und Direktor des Berliner Aquariums in Unfrieden aus seinem Amte schied. Man muß das selbst erlebt haben, wie alle Welt glaubt, über Tierhaltung mitreden zu können, wenn sie nur eine Katze daheim haben oder eine populärwissenschaftliche Zeitschrift halten, um zu begreifen, daß ein Kenner und Könner wie Alfred Brehm, der solchem Halbwissen in seinen Vorständen ausgeliefert war, sich nicht derartigem Ansinnen beugen konnte und wollte. Er zog sich in sein idyllisches Heimatdorf zurück und widmete sich im Schoße seiner Familie der zoologischen Schriftstellerei. Nur zu Vortragszwecken verließ er schließlich sein Tusculum. Sein Ruhm folgte ihm auch nach Renthendorf.
Einer der Vorwürfe, die man Brehm machte und bisweilen noch macht, bezieht sich auf seine Formulierungen, mit denen er das Wesen der Tiere schildert. Man sagt, er vermenschliche das Tier. Es ist sicher, daß Brehm aus den Tieren nicht kleine Menschen machen wollte, er brachte aber mit seinen Darstellungen das Leben der Tiere den Lesern nahe und löste damit die sterile morphologische und anatomische Beschreibung ab. Man muß Brehm aus seiner Zeit heraus verstehen. Mit anderen Worten, Alfred Brehm ist auch 100 Jahre nach seinem Tode noch aktuell und alles andere als veraltet. Er hat ja erst vielen Forschern Lust gemacht, sich den Lebensregungen der Tiere zuzuwenden. Es lohnt auch heute noch, bei auftauchenden Fragen den »Brehm« zur Hand zu nehmen. Er schöpfte als Forschungsreisender und als Tiergärtner eben aus frischen Quellen. Er beobachtete manches, etwa die Symbiose zwischen Nilkrokodil und Krokodilwächter, die oft bezweifelt, aber nach Jahrzehnten von prominenter Seite doch bestätigt wurde. Wie sehr Brehms Werk bei den Tierfreunden ankam, mag auch daraus hervorgehen, daß es in viele Sprachen übersetzt wurde und damit Eingang in andere Kulturkreise fand. Alfred Brehm hat für zahllose Menschen, denen die Beschäftigung mit Tieren Lebensinhalt ist, den Zugang zum Tierreich geschaffen, eine Tat, die ihn für immer unter die Großen unseres Volkes einreihte. Das vorliegende Buch aber wird allen, die mehr über den Menschen Brehm wissen wollen, hochwillkommen sein.

Tierpark Berlin
Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe

Inhalt:
    Geleitwort .. .. .. 7
Das Vorbild des Vaters
    »Vogelpastor« Brehm .. .. .. 9
    Schulzeit, Lehre, Studium .. .. .. 17
Reise ins Herz Afrikas
    Neue Eindrücke .. .. .. 21
    In Begleitung von Missionaren .. .. .. 27
    Ausflug zu den Pyramiden .. .. .. 28
    Beginn der Nilfahrt .. .. .. 29
    Auf den Spuren Napoleons .. .. .. 32
    Muhammad Ali - Vizekönig von Ägypten .. .. .. 36
    Wüstenreise .. .. .. 41
    Khartum Zentrum des Sudan .. .. .. 44
    Reise nach Kordofan .. .. .. 48
    Rückkehr nach Kairo .. .. .. 54
Zweite Sudanexpedition
    Ein verwegener Plan .. .. .. 58
    Last der Verantwortung .. .. .. 61
    Erneut durch die Wüste .. .. .. 66
    Vergebliches Warten .. .. .. 67
    Zauber tropischer Urwälder .. .. .. 72
    Verraten und vergessen .. .. .. 75
    Abschied .. .. .. 78
    Auf der Sinai-Halbinsel .. .. .. 80
Jahre des Suchens
    Studium in Jena .. .. .. 84
    Vereine und Gesellschaften .. .. .. 90
    Spanienreise .. .. .. 96
    Freund und Berater Roßmäßler .. .. .. 97
    Im hohen Norden .. .. .. 104
    Lehrer für »höhere Töchter« .. .. .. 111
    Mit Herzog Ernst in Eritrea .. .. .. 113
Direktor des Zoologischen Gartens Hamburg und des Berliner Aquariums
    Neue Vorhaben .. .. .. 122
    Menagerien und Zoologische Gärten .. .. .. 126
    Der Abschluß des »Contracts« .. .. .. 129
    Tiergärtner mit Leib und Seele .. .. .. 130
    Konflikte mit dem Verwaltungsrat .. .. .. 134
    Kündigung .. .. .. 137
    Aquarium von Weltruf .. .. .. 140
    Wegbereiter der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft .. .. .. 145
Vom Altai ins Land der Chanten
    Die Erkundung Sibiriens .. .. .. 149
    Durch das »steinerne Tor« .. .. .. 157
    In der Steppe .. .. .. 160
    Zum »Land der gelben Erde« .. .. .. 164
    Der Altai und seine Bewohner .. .. .. 173
    Schiffsreise auf dem Ob .. .. .. 182
    Mühsal der Tundra .. .. .. 186
    Heimkehr .. .. .. 192
»Tiervater« Brehm
    Brehms Tierleben .. .. .. 197
    Im Dienste des Entwicklungsgedankens .. .. .. 209
    Sprache der Tierbilder .. .. .. 211
    Freundschaft mit Kronprinz Rudolf .. .. .. 213
    Vortragsreisen .. .. .. 222
    Ein schwerer Verlust .. .. .. 224
Anhang
    Literatur .. .. .. 228
    Personen- und Ortsregister .. .. .. 229

Auf der Innenseite des Schutzumschlags zwei Übersichtskarten der Reisen Brehms
Kartenzeichnung: Gerhard Pippig

VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig
Reihe:
Pioniere der Menschheit; Brockhaus-Biographien
1. Auflage 1984
2. Auflage 1988 

weitere Ausgaben

auch erschienen bei
Edition Leipzig, Verlag für Kunst und Wissenschaft, Leipzig
1. Auflage 1984

08 April 2025

P. Werner Lange: Ich war am Rande des Paradieses ... – Das Leben des Christoph Kolumbus

Klappentext:
Don Cristóbal Colón wähnte, den Rand des Paradieses erreicht zu haben, als er während seiner dritten. Reise 1498 die Insel Trinidad gefunden hatte und eine im Golf von Paria auf Erkundung ausgesandte Karavelle ihm die Nachricht brachte, daß ein gewaltiger Fluß (der Orinoco) mit vier Mündungen sich in den Golf ergieße. Hieß es nicht im 1. Buch Mose: »Und es ging aus von Eden ein Strom, zu wässern den Garten, und teilte sich von da in vier Hauptwasser. Das erste heißt Pison, das fließt um das ganze Land Hevila; und daselbst findet man Gold. Und das Gold des Landes ist köstlich...«? Kolumbus, von seinem Sendungsglauben erfüllt, davon überzeugt, die göttliche Vorsehung habe ihn auserwählt, Gold und Silber von fernen Inseln herbeizuschaffen, das irdische Paradies zu finden, hielt dies auch für die Bestätigung seiner These, im äußersten Osten angekommen zu sein. Hatten doch die Kirchenväter gerade dort das Paradies angenommen. Kolumbus ahnte nicht, daß an Backbord die Küste des südamerikanischen Kontinents lag, als seine Karavellen den Südosten Trinidads umrundeten.
P. Werner Lange bezieht in seine Darstellung des Lebens Kolumbus' auch ein allgemein-historisches Bild des Entdeckungszeitalters mit ein. Es ist dies die Zeit der »Katholischen Majestäten« Ferdinand und Isabella, Kaiser Friedrich III. und seines Sohnes Maximilian I., die Zeit der Inquisition und der Judenverfolgung. Die »Neue Welt« wird entdeckt, der Seeweg nach Indien gefunden. Es ist die Zeit Kolumbus', des Entdeckers schlechthin, dessen Name sprichwörtlich geworden ist. Seine Unternehmungen gehören zu den wichtigsten und folgenreichsten Taten der menschlichen Geschichte, wenn auch der »Großadmiral des Weltmeeres« nicht erkannte – oder nicht erkennen wollte –, daß er nicht den West weg nach Indien, nach Ostasien, sondern einen neuen Erdteil gefunden hatte. (In der Bezeichnung Westindische Inseln für die Inselwelt im amerikanischen Mittelmeer und Indios (Indianer) für deren Bewohner ist der historische Irrtum des Entdeckers heute noch lebendig.) Seine seemännischen Fähigkeiten indessen werden heute nicht mehr bestritten.
Kolumbus' Auftraggebern war vor allem um den Zugang zu neuen Reichtümern und um die Ausbreitung des Christentums zu tun. Der Autor gibt eine realistische Einschätzung vom Vorgehen der Spanier gegen die Bewohner der entdeckten Inseln und versucht auch, die Haltung des Kolumbus bei diesen Vorgängen zu werten, die rigorose Ausbeutung, schließlich grausame Verfolgung und Vernichtung zeitigten.

Buchanfang:
Vorwort

Es wird die Rede sein vom Leben eines Mannes, dessen Fähigkeiten, Handlungen und Charakter schon häufig und in sehr kontrastreicher Weise beschrieben wurden. Von seinen Biographen entworfene Persönlichkeitsbilder zeigten ihn einmal als genialen, strahlenden Renaissancehelden, einmal als gemütskranken Dilettanten, der 1492 nicht in Amerika, sondern auf den Kanarischen Inseln landete und diese für Indien hielt, oder gar als mittels Diebstahl oder Mord in den Besitz geheimer Vorkenntnis vom westwärtigen Kontinent gelangten Finsterling. Acht Nationen stritten um die Ehre, Kolumbus habe die ersten Schritte auf ihrem Boden getan; noch heute vermeinen die einen, er sei sephardischer Jude gewesen, andere wollen sichere Kunde besitzen, daß seine Wiege im festländischen Refugium französischer Seeräuber stand. Indes: Das vorgebliche Dunkel um Cristóbal Colóns Lebensweg ist eine vom zweifelhaften Originalitätsstreben mancher Biographen genährte Mär.
Die folgende knappe Schilderung bleibt beschränkt auf nachweisbare Fakten. Sofern Zitate verwendet werden – der Autor fühlte sich nicht berechtigt, diese oftmals bewegenden und nahezu poetischen Zeitdokumente dem Bemühen um geschlossene Darstellung zu opfern – geschieht es mit dem Hinweis auf ihren Urheber; Zitate ohne Namensnennung stammen von Colón. Benutzte Literatur wird in der Bibliographie aufgeführt, doch wäre es unredlich, wenn hier nicht auf den bestimmenden und hilfreichen Einfluß hingewiesen würde, den die Werke hervorragender Gelehrter wie Henri Harisse, Richard Hennig, Samuel Eliot Morison und Oscar Peschel auf alle um Wahrhaftigkeit bemühte Kolumbusliteratur ausüben.
Zur Handlung: Cristóbal Colón war nicht der erste Entdecker Amerikas. Außer den im späten 10. und frühen 11. Jahrhundert manchen Teil der amerikanischen Küste kurzzeitig betretenden und besiedelnden Seeleuten aus Nordeuropa mögen andere ihm zuvorgekommen sein – für Colóns Fahrten blieb das belanglos. Sein Verdienst besteht nicht nur in der kühnen Durchquerung unerschlossener Breitenbereiche, vielmehr in der historischen Konsequenz seiner Unternehmungen. Wir lernen ihn kennen als beharrlichen Autodidakten, entschlossenen Entdecker und genialen Navigator, der den amerikanischen Ureinwohnern menschlich zu begegnen sucht und die privaten Bereicherungsabsichten seiner Gefährten gesellschaftlich bedeutsamen Prozessen unterordnen möchte, als hervorragenden Vertreter einer großartigen Epoche, die treffend als eine Zeit charakterisiert wurde, in der man vermeinte, der Geschwänzte gehe hökernd um und biete für eine Seele das irdische Himmelreich.
Doch offenbart er zudem zwiespältige Züge: wie alle von ihrer Mission Überzeugten ist er ungerecht gegen Andersdenkende, vermag er vorgefaßte Meinungen nicht aufzugeben, seine Überredungskunst ist das Produkt von Selbsttäuschungen. Religiosität und Sendungsbewußtsein hindern ihn häufig an der richtigen Deutung geographischer Realitäten, seine Frömmigkeit ist nicht frei von Spekulativem, Krankheit und Enttäuschung bewegen ihn schließlich sogar zur geistigen Flucht in den Bereich des Mystischen. Bedingungsloser Glaube an kirchliche und weltliche Autoritäten überschattet nicht selten die während der ersten Entdeckerjahre offenbarten Fähigkeiten wissenschaftlicher Gründlichkeit und empirischer Beobachtungsgabe.
Kein sinnenfroher, strahlender Renaissanceheroe – doch was für ein Gigant an Wagemut und Energie! Er beeinflußt vieles: die Fahrten da Gamas und Magalhães', die Ideen Mores, die Geschicke ganzer Kontinente. Dem ungestümen Drängen des anbrechenden Zeitalters erschließt er eine ganze Welt, verfolgt die von der Geschichte vorgezeichnete Aufgabe bis zum – nicht nur für ihn – bitteren Ende. Die Bedeutung seines Handelns kann gar nicht überschätzt werden, schon deshalb, weil, wie Oscar Peschel es einmal nannte, »Tat an Tat sich entzündet«.
Im Verlauf der Schilderung werden Wertungen wie »Goldgier« und »Grausamkeit« sich dem Leser aufdrängen sie wurzeln in heutigen sittlichen Normen, die dem Menschen nicht von vornherein angeboren sind. Es wird hier deshalb der Versuch unternommen, ein in der Literatur häufiger anzutreffendes verzerrtes Colónbild von solchen Klischees zu befreien und auf den jene Motivationen antreibenden Mechanismus hinzudeuten, denn was damals aus dem Schoß der Zeit kroch, ist noch immer Bestandteil der Gegenwart.
Darüber hinaus bleibt nicht mehr zu sagen, als es Alexander von Humboldt vor nunmehr anderthalb Jahrhunderten tat: »Der Ruhm des Columbus beruht gleich dem sämtlicher außerordentlichen Männer, welche durch Schriften oder Handlungen den Kreis des Wissens erweitert haben, eben so sehr auf den Fähigkeiten des Geistes und der Stärke des Charakters, deren Antrieb den Erfolg ins Werk stellt, als auf dem mächtigen Einfluß, welchen sie, fast immer ohne es zu wollen, auf die Bestimmungen des Menschengeschlechtes ausgeübt haben ... Der Erfolg, welchen er erlangte, war eine Eroberung durch Nachdenken. Schon aus diesem einzigen Gesichtspunkt betrachtet erhebt sich Columbus bei weitem über die Seefahrer, welche es unternommen hatten, die Südspitze von Afrika zu umschiffen...«
Dieses Buch möchte derlei Erkenntnis fördern. Ich widme es dem Andenken meines Vaters.
P. Werner Lange

Inhalt:
Vorwort .. .. .. 7
Genova la Superba .. .. .. 10
Portugal .. .. .. 16
Westwärts nach Osten? .. .. .. 29
Spanien .. .. .. 37
Der Fall Granadas .. .. .. 52
Am Kai zur Neuen Welt .. .. .. 57
Morgendämmerung: Europa 1492 .. .. .. 74
Palos, 3. August .. .. .. 77
Oeste, oeste! .. .. .. 82
San Salvador, Fernandina, Juana .. .. .. 91
La Isla Española .. .. .. 105
Schrecken der Rückkehr .. .. .. 116
Triumph .. .. .. 125
Alexander teilt die Welt .. .. .. 133
Exodus .. .. .. 137
Auf der Suche nach Indien .. .. .. 158
Inferno .. .. .. 167
»Nur Widerstand und Klage...« .. .. .. 173
Zum Rande des Paradieses .. .. .. 178
Erniedrigung .. .. .. 187
Neue Hoffnung, neue Pläne .. .. .. 201
El alto viaje .. .. .. 218
Veragua .. .. .. 221
Die »Hölle von Jamaika« .. .. .. 228
Konquista .. .. .. 236
Agonie .. .. .. 244
Epilog .. .. .. 250
Zeittafel .. .. .. 257
Bibliographie .. .. .. 261
Bildquellen .. .. .. 264
Register .. .. .. 264

Auf der Innenseite des Schutzumschlags eine Übersichtskarte von Kolumbus' erster Reise

Pioniere der Menschheit.
Hervorragende Forscher und Entdecker
Herausgegeben von Dr. Wolfgang Genschorek (Leipzig) und Doz. Dr. habil. Max Linke (Weißenfels)
Kartenzeichnung: Helga Paditz

VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig
Reihe:
Pioniere der Menschheit; Brockhaus-Biographien
1. Auflage 1980
2. Auflage 1982

06 März 2025

Werner Schendell: Wilhelm von Oranien – Befreier der Niederlande

Buchanfang:

EINLEITUNG
DAS DREIECK AN DER NORDSEE
Niederland – das kleine, zwischen Deutschland, Frankreich und Nordsee gelegene Dreieck, das Mündungsgebiet von Rhein, Maas und Schelde, war einst ein sumpfiges, kaum bewohnbares Gebiet.
Teilweise unter der Höhe des Meeres gelegen, wurde es von Sturmfluten zerrissen und von den anschwellenden Flüssen überschwemmt. Erst nach dem harten Ringen zahlloser Geschlechterfolgen wird es ein bewohnbares Land, bis dann dem späten Nachfahren fruchtbare Äcker und gesunde Weiden einen auskömmlichen Unterhalt gewähren, bis das Meer seinen Reichtum willig dazu gibt und bis endlich das Wasser die Einwohner nicht mehr abtrennt, sondern durch Flüsse und Kanäle weit, rasch und leicht mit aller Welt verbindet.
Rom unterwirft sich das von Kelten und Germanen bewohnte Gebiet, es vernichtet die Gallier und schließt mit den Batavern ein Bündnis, die nun ihre Männer und Söhne als Soldaten in die römischen Heere entsenden. Ihre Reiterei erwirbt sich auf allen Schlachtfeldern hohen Ruhm. Die Bataver zeichnen sich auch in dem Rachefeldzug des Germanicus aus gegen die ihnen stammverwandten Germanen. Rom hat sie gerufen, nicht anders als fünfzehnhundert Jahre später die spanische Weltmacht deutsche Söldner, Stammverwandte aus dem Reiche, in ihren Truppenverbänden gegen die Niederlande entsendet.
Ein edler Bataver, mit römischem Namen Claudius Civilis geheißen, der fünfundzwanzig Jahre lang in römischen Diensten seine Erfahrungen sammelte, erhebt sich gegen das römische Reich, nachdem er durch sein Freiheitsfeuer und seine beredte Diplomatie ein gemeinsames Bündnis aller keltischen und germanischen Stämme des Landes geschaffen hat. Er unterliegt nach heroischem Kampfe.
Dann stürzt das Weströmische Reich. Am Ende der Völkerwanderungen ist auf die römische die Herrschaft der Franken gefolgt. Karl der Große vereinigt die Länder unter seiner kaiserlichen Krone nur kurze Zeit, denn nach ihm zerbricht die Einheit von neuem. Die Niederlande sind für fünf Jahrhunderte einem traurigen Feudalismus überlassen, bis endlich Burgund sie an sich reißt und alle wieder in einer Hand vereinigt. Mit der berühmten burgundischen Heirat gelangt das Land jetzt an Habsburg. Karl V. bindet die Niederlande an das neu erstandene Weltreich, Karl V., Deutscher Kaiser, König von Spanien, Sizilien und Jerusalem, Herzog von Mailand, Herrscher in Asien und Afrika der Herr über die halbe Wert, machte die Niederlande zu einer Provinz seiner Monarchie, er verband damit Spanien und die Niederlande, zwei Länder, die in allen wesentlichen Dingen Gegensätze waren.
In den eng besiedelten und dicht bebauten Niederlanden hatten sich hochkultivierte Land- und Viehwirtschaft und ergiebige Seefischerei, blühende Städte und reiche Gemeinden, rege Schiffahrt und lebhafte Industrie entwickelt. Aufstrebender Handel und Wandel, geistiges Leben, kulturelle Bedürfnisse und das Dasein bejahende Lebensfreude waren bei dem Volke zu Hause, das gern und fleißig arbeitete und leichten Verdienst fand. Mit ihren Schiffen vermittelten die Niederlande schon damals einen Teil des Weltverkehrs, die Bürger erwarben Reichtum und gaben ihn in königlichem Luxus wieder aus. Die Städte besaßen politischen Einfluß und schützten ihr Recht mit tüchtigen Soldaten und eigenen Kriegsschiffen. Und die aus Selbständigkeit, Selbstachtung und Unabhängigkeitsgefühl erwachsene Freiheitsliebe war ihre hervorstechendste Eigenschaft. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts besaß Europa kein Land, das reicher und glücklicher genannt werden konnte als jenes Dreieck zwischen Deutschland, Frankreich und der Nordsee.
Der erwähnte Aufstand des Claudius Civilis gegen eine übermächtige Weltmacht sollte sich fünfzehnhundert Jahre später mit merkwürdigen Parallelen wiederholen, als die neue Weltmacht die Niederlande unterdrücken wollte. Claudius Civilis – hatte wie auch der germanische Befreier Arminius – Roms überlegene gewaltige Kriegs- und Friedensmacht lange genug studiert, ehe er sein Schwert zog, und auch Wilhelm von Nassau, Prinz von Oranien, war am Habsburgischen Hofe in aller Praktik und Taktik, in allen Künsten und Ränken des landfremden stolzen Systems unterrichtet worden, ehe er dieser Macht den Kampf ansagte.
Einmal sank das Land zurück ins Chaos unbekannter Wirren, und der Führer verschwindet im Dunkel, das andere Mal fällt der Führer zwar vorzeitig, aber er hat sein Werk vollbracht, denn das Volk wird frei und erobert sich seine Welt. ......

Inhalt:
Einleitung
Das Dreieck an der Nordsee .. .. .. 7
I. In Kaisers Gnaden
      1. Der Herr der Welt ist müde .. .. .. 17
      2. Ein junger Deutscher in Niederland .. .. .. 31
      3. Kriegsdienst und junge Ehe .. .. .. 52
II. Junge Meisterschaft
      4. Mehr Bistümer – Mehr Unterdrückung .. .. .. 74
      5. Philipp findet seinen Gegenspieler .. .. .. 90
      6. Die Sächsische Heirat .. .. .. 113
      7. Hirten und Herde .. .. .. 128
      8. Der Adel spielt ein neues Stück .. .. .. 149
III. Der Emigrant
      9. Gegen Spanier und Bilderstürmer .. .. .. 170
      10. Flucht nach Deutschland vor der Reaktion .. .. .. 189
      11. Als Emigrant im alten Vaterlande .. .. .. 208
      12. Herzog Alba gegen Prinz Oranien .. .. .. 229
IV. Führer aus eigenem Recht
      13. Holland ist treu .. .. .. 247
      14. Die Bartholomäusnacht .. .. .. 261
      15. Führerwechsel und Meuterei .. .. .. 275
      16. Triumph in Brüssel .. .. .. 295
      17. Schachspiel mit Statthaltern .. .. .. 309
      18. Norden und Süden .. .. .. 322
V. Spanischer Meuchelmord
      19. Ächtung und Anjou .. .. .. 336
      20. Gott erbarme sich des armen Landes! .. .. .. 352

Mit 21 Abbildungen nach zeitgenössischen Stichen
Einband Kurt Tillessen

Gustav Kiepenheuer Verlag GmbH, Weimar
1. Auflage 1935 [1.-10. Tsd.]
2. Auflage 1950 [11.-15. Tsd.]
3. Auflage 1951 [16.-20. Tsd.]

13 Februar 2025

Siegfried Wolgast u. Siegfried Marx: Johannes Kepler

Klappentext:
Kepler verdient als einer der Größten betrachtet zu werden, die auf der Erde erschienen. Er hat das Gebäude der Alten zerstört, um ein neues zu gründen, das stabiler und höher ist. Er ist der wahre Gründer der modernen Astronomic. Sie ist ein Geschenk, das Europa erhielt. Mit diesen Worten würdigte im 18. Jahrhundert der Franzose Jean Silvain Bailly den Wissenschaftler und Humanisten Johannes Kepler (1571-1630). Heute ehren wir Kepler nicht nur als Astronomen, wir wissen auch, daß sein Werk nicht nur für Europa, sondern für die gesamte Welt von außerordentlicher Bedeutung ist. Ohne Zweifel sind seine astronomischen Leistungen die bedeutendsten, so hat er doch mit der Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegung, den sogenannten Keplerschen Gesetzen, der von Copernicus eingeleiteten Revolutionierung des modernen Weltbildes eine neue Qualität verliehen. Aber nicht minder bedeutend sind Keplers Arbeiten über Optik, Mathematik und Kristallographie. In einer theologisch-religiös überformten Zeit verfolgte er kompromißlos einen als richtig erkannten wissenschaftlichen Weg, der ihn zum Mitbegründer der modernen Naturwissenschaft werden ließ. Gleichzeitig führte ihn dieser Weg zu einer philosophisch-weltanschaulichen Haltung, die, trotz wesentlicher materialistischer Elemente, noch idealistisch-pantheistisch ist. Mit dieser Weltanschauung ist er jedoch im 17. Jahrhundert ein ausgesprochen progressiver Vertreter seiner Zeit.

Buchanfang:
Einleitung
JOHANNES Kepler ist allgemein als Entdecker der drei Planetengesetze, als bedeutender Astronom bekannt. Was wissen wir über sein Leben, seine sonstigen Entdeckungen, seine Zeit? Unter welchen Bedingungen vollzog sich sein Schaffen?
Er verfaßte mathematische, physikalische, optische, chronologische, philosophische und religiöse Schriften. Er schrieb für das Volk und für die gelehrte Welt. Während in den Hauptwerken die Arbeit vieler Jahre steckt, sind andere Werke, darunter höchst bedeutsame, in wenigen Wochen oder Monaten entstanden. Zirka 400 Briefe von Kepler sind erhalten geblieben Briefe zu wissenschaftlichen Problemen und persönlichen Fragen seines Lebens. Dazu besitzen wir etwa 700 Briefe an ihn und einige hundert Dokumente über sein Leben und Wirken.
Die verschiedensten Ereignisse gaben Kepler Anlaß zu eigenen Schriften: das Erscheinen von Kometen oder das Aufleuchten eines neuen Sterns, Beobachtungen mit dem neu entwickelten Fernrohr, die Erfindung der Logarithmen, das Erscheinen eines interessanten Buches. Kepler war immer voller Einfälle. Sein Stil ist, wie er selbst wußte, oft unklar, sei es, daß ihm zuviel auf einmal einfiel, sei es, daß er rang, seinen Gedanken die geeignete Fassung zu geben. Nur einige Aspekte des an Erlebnissen, Enttäuschungen, Ergebnissen und Kämpfen reichen Lebens des großen Naturwissenschaftlers können wir hier andeutend nachzeichnen.
Der Astronom, Mathematiker, Kristallograph und Physiker Johannes Kepler hat unvergängliche Erkenntnisse für das Arsenal der Wissenschaft gewonnen. Keplers Weltanschauung bezeichnet eine wichtige Etappe zwischen dem philosophischen Denken der Renaissance und dem mechanistischen Materialismus. Wissenschaft war ihm Lebenselement, Kampf um die Durchsetzung ihrer Ergebnisse, Berufung.

Dresden und Jena im Mai 1975
Siegfried Wollgast
Siegfried Marx

Inhalt:
Einleitung .. .. .. 7
An der Schwelle der Neuzeit .. .. .. 9
Kindheit, Jugend und Studium .. .. .. 19
Vom Kalendermacher zum Astronomen .. .. .. 28
Begründung der geometrischen Optik .. .. .. 35
Himmelsphilosophie anstelle von Himmelstheologie .. .. .. 47
     Die Gesetze der Planetenbewegung .. .. .. 52
     Gravitation cine Eigenschaft der Materie .. .. .. 64
Von astronomischen Problemen zu mathematischen Fragen .. .. .. 68
Warum ist der Schnee sechseckig? .. .. .. 70
Chronologische und meßkundliche Arbeiten .. .. .. 71
Kometen sind Himmelskörper .. .. .. 77
Der Hexenprozeß der Mutter .. .. .. 82
Die Rudolphinischen Tafeln .. .. .. 87
Im Dienste Wallensteins .. .. .. 96
Die letzten Monate .. .. .. 100
Mit Kepler beginnt die klassische Naturwissenschaft .. .. .. 104
Kepler verdient als einer der Größten betrachtet zu werden. .. .. .. 112
Quellennachweis .. .. .. 117
Hauptwerke bzw. erwähnte Arbeiten Keplers .. .. .. 119
Bildnachweis .. .. .. 120

Schutzumschlag und Einband: Egon Hunger

Urania-Verlag Leipzig,Jena,Berlin
Urania Biographiereihe
1. Auflage 1976 [1. - 8. Tsd.]
2. durchges. Auflage 1980 

16 Januar 2025

E. A. Stepanowa: Friedrich Engels – Sein Leben u. Werk

Buchanfang:
Kindheit und Jugend
Friedrich Engels wurde am 28. November 1820 als Sohn eines Textilfabrikanten in Barmen geboren.
Engels’ Heimat, die preußische Rheinprovinz, war zu jener Zeit das industriell entwickeltste Gebiet Deutschlands. Während im übrigen Deutschland noch die Manufaktur, das Handwerk und die Handarbeit weit verbreitet waren, zeigten sich hier bereits die ersten Maschinen und entstanden Fabriken. Von der Rheinprovinz trat die kapitalistische große Industrie, die zuerst in England aufgekommen war, ihren Siegeszug durch Deutschland an.
Das findet seine Erklärung darin, daß in der Rheinprovinz die Entwicklung der Industrie durch das Vorhandensein von Bodenschätzen, Eisenerz- und Kohlevorkommen, begünstigt wurde: andererseits hatte sich hier stärker als im übrigen Deutschland der Einfluß der französischen bürgerlichen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts ausgewirkt. Am linken Rheinufer waren die Feudalverhältnisse, war die Leibeigenschaft beseitigt. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der kapitalistischen großen Industrie hatte sich in der Rheinprovinz bereits ein Stamm von Industrieproletariern herausgebildet und traten die der kapitalistischen Gesellschaft eigenen Widersprüche zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie immer krasser zutage.
Das kapitalistische Fabriksystem brachte den werktätigen Massen neue schwere Leiden, noch größere Not und verstärkte Ausbeutung. Die Maschinen ermöglichten es den Fabrikanten, in einem früher nie dagewesenen Ausmaß Frauen- und Kinderarbeit zu verwenden; die Konkurrenz der schlechtbezahlten Frauen- und Kinderarbeit drückte den Lohn der männlichen erwachsenen Arbeiter. Die Entwicklung des Kapitalismus war – wie überall – auch am Rhein von einem Ruin der Bauernschaft, der Handwerker und des städtischen Kleinbürgertums begleitet.

Inhalt:
I. Kindheit und Jugend .. .. ..5
II. Beginn der politischen Tätigkeit – Engels, ein revolutionärer Demokrat .. .. ..11
III. Der Übergang zum Materialismus und Kommunismus .. .. ..23
IV. Das Bündnis mit Marx. Die Ausarbeitung der Grundlagen des wissenschaftlichen Kommunismus.
     Der Kampf für die Gründung einer proletarischen Partei (1844-1848) .. .. ..38
V. Engels in der Revolution 1848/49 .. .. ..67
VI. Engels in der Periode der Reaktion und des neuen Aufschwungs der bürgerlich-demokratischen
     Bewegungen .. .. ..114
VII. Engels in der Periode der I. Internationale und der Pariser Kommune .. .. ..138
VIII. Engels nach der Pariser Kommune und der I. Internationale. Marx’ Tod (1883) .. .. ..177
IX. Engels nach dem Tode von Marx (1883-1895) .. .. ..210

Russischer Originaltitel:
Е. А. Степанова Фридрих Энгельс, Второе, дополненное издание, Москва 1956
Übersetzt von Else Zaisser
Mit 9 Bildbeilagen und 9 Faksimiles

Dietz Verlag, Berlin
1. Auflage 1958 (1.-10. Tsd.)

13 Januar 2025

Helga Bemmann: Ick wundre mir über jarnischt mehr – Eine Otto-Reuter-Biographie

Mehr als 30 Jahre war Otto Reutter der Star der Varietés und der Unterhaltungsbühnen. Über seine witzigen Einfälle, seine schlagfertigen Pointen und eingängigen Melodien amüsierten sich berühmte Schriftsteller wie Frank Wedekind und Kurt Tucholsky. Die großen Schauspieler Hans Albers und Paul Graetz guckten bei ihm ab, wie man es machen muß mit der Komik auf der Bühne. Für sie wie für ungezählte andere Komödianten von Theater, Film und Kabarett war das Reutter-Couplet die handwerkliche hohe Schule für die Kunst der Heiterkeit und Lebensfreude. Heute sind abermals bei 17- wie bei 70jährigen sein »Maurer«, sein »Überzieher«, sein »Blusenkauf« und sein Couplet »In fünfzig Jahren ist alles vorbei« ebenso beliebte Schlager wie damals, als Otto Reutter von Millionen auf der Bühne bejubelt wurde, wenn er mit leicht geneigtem Kopf, die Hände vor dem Bauch, Lachstürme mit seinen Liedern entfesselte: »Ick wundre mir über jarnischt mehr.«
Wie aus Otto Pfützenreuter, der nach dem Willen seines Vaters den ehrbaren Beruf eines Heringsbändigers erlernen und ausüben sollte, der berühmte Volkshumorist Otto Reutter wurde, zeichnet das vorliegende Buch nach.
Vom theaterbesessenen Schuljungen aus Gardelegen bis zu den Glanzauftritten im größten deutschen Varieté, dem Berliner Wintergarten, wird der bewegte Lebenslauf und die großartige künstlerische Leistung lebendig dargestellt.
»Welch ein Könner auf seinem Gebiets, urteilte Tucholsky. Diese Begabung für die Darstellung lebenswahrer Komik stellt ihn in eine Reihe mit Claire Waldoff, Heinrich Zille, Erich Carow, Karl Valentin, Wilhelm Bendow und Max Pallenberg. Reutter hinterließ weit über 1000 Couplets, die nicht nur eine souveräne Lektion des Lachens sind, sondern auch Maßstäbe setzen für ein zeitverbundenes Repertoire.
In diesem Buch wird gleichzeitig anhand von persönlichen Erinnerungen, Kritiken, Anekdoten und rund 150 Fotos die tiefe Verwurzlung Reutters in den besten Traditionen des Volkshumors und seine besondere Beziehung zum schlagfertigen Berliner Volkswitz anschaulich gemacht, so daß der Band, dem 5 klassische Stücke mit Text und Noten aus dem Repertoire Reutters beigegeben sind, zu einer anregenden und unterhaltsamen Lektüre für alle Freunde des Humors und der geistvollen Unterhaltung wird.

Inhalt:
Ein Wort zuvor .. .. 5
Er war aus Gardelegen in der Mark .. .. 7
Vom »Heringsbändiger« zum Bühnenstatisten .. .. 14
Die Volkssänger - Reutters Schauspielschule .. .. 24
Im »Wintergarten« in Berlin .. .. 36
Wie wird man Humorist? .. .. 57
Reutter und der Zensor .. .. 68
Zeitkritik im Reutter-Couplet vor 1914 .. .. 74
Musik und Musikalität bei Reutter .. .. 87
Alles weg'n de Leut' .. .. 96
Otto Reutter und der Berliner Humor .. .. 108
»Er konnte Couplets schreiben wie keiner« .. .. 121
Die lachenden Erben .. .. 134
Notenbeispiele und Verzeichnisse
Der Überzieher .. .. 141
Der Blusenkauf .. .. 144
In fünfzig Jahren ist alles vorbei .. .. 147
Der gewissenhafte Maurer .. .. 149
Mit der Uhr in der Hand .. .. 152
Benutzte Literatur .. .. 155

VEB Lied der Zeit, Musikverlag, Berlin
1. Auflage 1977
2. Auflage 1980

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weitere Ausgaben:

Im arani-Verlag, Berlin (West) als Lizenzausgabe des VEB Lied der Zeit, Musikverlag, Berlin

unter dem Titel: Otto Reutter - ick wundre mir über jarnischt mehr – eine Bildbiographie

1. Auflage 1978
2. Auflage 1985

30 April 2024

Jürgen Kuczynski: Abraham Lincoln – Eine Biographie

Vorbemerkung
Im Herbst und Winter 1926/27 studierte ich in Washington mit großer Begeisterung amerikanische Geschichte und Kultur. Besonderes Interesse hatte ich für den Bürgerkrieg 1861/65 und die Glanzperiode amerikanischen Geisteslebens 1835–1865 mit Emerson und Thoreau, Melville und Hawthorne, Holmes und vielen anderen.
Wenn ich aus dem Gebäude der Brookings Graduate School in das gegenüberliegende Internat, in dem meine spätere Frau wohnte, ging, sah ich öfter zwei alte Männer Arm in Arm die Straße herunterkommen, der jüngere, der siebzigjährige Louis Demnitz Brandeis, den älteren, fünfundachtzigjährigen Oliver Wendell Holmes stützend, auf dem Wege vom Obersten Gerichtshof zur wenige Häuser von der School gelegenen Wohnung des letzteren. Brandeis, einen entfernten Verwandten, kannte ich persönlich. Von Holmes hörte ich Persönliches nur durch seinen Privatsekretär, der in der School wohnte.
Holmes war für mich eine ganz besondere Erscheinung. Trug er doch noch eine Kugel aus dem Bürgerkrieg, der damals schon vor mehr als 60 Jahren geendet hatte, im Bein und hatte Lincoln gesehen. Ja mehr, er hatte einst Lincoln angeschrien, als dieser sich bei einer Truppenbesichtigung am 12. Juli 1864, am Tage des Angriffs auf Fort Stevens an der Ostfront, den Schüssen des Gegners aussetzte. Lincoln war dem Kommando des jungen Holmes sofort gefolgt.
Und weiter bewunderte ich das Glück des Schülers und Studenten Holmes: bewegte er sich doch als Sohn von Oliver Wendell Holmes dem Älteren in jenem hervorragenden Kreis amerikanischen Geisteslebens, war vertraut mit Emerson, Thoreau und all den anderen aufgewachsen.
So lebhaft erinnere ich mich an den vor nun mehr als 140 Jahren geborenen Holmes, daß ich in der Nacht, bevor ich die Vorbemerkung zu dieser Lincoln-Biographie schrieb, träumte, er habe mir auf der Straße die Hand gegeben, und ich hätte diese daraufhin untersucht, ob sie noch Spuren eines Händedrucks von Lincoln aufzuweisen habe.
Ich glaube, wenn man ein Buch wie dieses schreibt, ist zumindest im Traum auch solche Art von „Quellensuche“ erlaubt. Und wenn sie mit all dem Ernst, dessen man im Traum fähig ist, betrieben wird, kann sie dazu beitragen, ein Leben so zu schildern, daß es der Leser wirklich mitlebt.
Natürlich bedarf es auch noch anderer Quellen. Da ist vor allem die vorzügliche Ausgabe der „Collected Works of Abraham Lincoln“, die Roy P. Basler herausgegeben hat. Nach ihr wurden alle Schriften, Reden und sonstigen von Lincoln verfaßten Dokumente zitiert, mit Ausnahme der großen Debatte mit Douglas im Jahre 1858, für die ich die Sonderausgabe „Created Equal?“ von Paul M. Angle benutzte.
Aus der überaus reichen Literatur über Lincoln seien hier nur drei ungewöhnliche Werke genannt: Eine sogenannte Standardbiographie zu den Jahren 1809–1858, die von Senator Albert J. Beveridge am Ende der zwanziger Jahre verfaßt wurde; die auf großartiger lokaler Dokumentensuche und Befragungen von Menschen, die entweder noch selbst oder durch ältere Verwandte Lincoln kannten, beruhende Biographie von William E. Barton; und schließlich das sechsbändige Werk des Dichters Carl Sandburg, das er später in drei Bänden und danach in einem Band zusammenfaßte. Ich habe aus der 1958 beim Paul Zsolnay Verlag Hamburg-Wien in so guter und schöner Übersetzung erschienenen Lincoln-Biographie zitiert. Beim Vergleich mit der dreibändigen amerikanischen Ausgabe fand ich aber einige Unstimmigkeiten in der Übersetzung, die ich mit freundlicher Erlaubnis des Zsolnay Verlages hier korrigiert habe. Die Biographie von Sand- burg, die im einzelnen faktenmäßig nicht so zuverlässig ist wie die von Barton und mit deren Einschätzungen ich keineswegs immer übereinstimme, ist das wunderbare Werk eines Dichters, und es ist nur natürlich, daß ein Wissenschaftler öfter das Bedürfnis hat zu schweigen, um einen solchen Dichter zu Worte kommen zu lassen. Außerdem zitiert Sandburg viele Zeitungen jener Jahre, die mir nicht zugänglich sind, so daß ich auch seine Forschung eifrig benutzte. Was ist neu an dieser Biographie, die im übrigen, auch wenn sie nichts Neues brächte, nützlich wäre, da in unserem Land keine biographische Literatur über diesen großen Mann des Fortschritts existiert?
Neu gegenüber anderen Biographien ist die Einarbeitung wichtiger Äußerungen von Marx und Engels über Lincoln und den Bürgerkrieg in die Lebensbeschreibung. Neu sind die Akzentuierung mancher Urteile und auch einige Urteile über Lincoln. Neu vor allem aber ist eine Quelle über Lincoln und den Bürgerkrieg, die hier wohl zum ersten Male erschlossen wird: die Berichte von Konsuln über jene Zeit. In unserem Falle habe ich rein willkürlich die Berichte der Konsuln des Königreichs Sachsen ausgewählt, weil das Archiv in der schönen Stadt Dresden liegt, in der es sich so gut arbeiten läßt. Unter den Hunderttausenden von Seiten, die die Konsuln zahlreicher anderer Länder zu jener Zeit über Lincoln und den Bürgerkrieg schrieben, hätte man ebensogut die Berichte des spanischen Konsuls in New York, des französischen in New Orleans, eines englischen in einem Südstaat oder eines russischen anderswo in den USA wählen können. Es ist merkwürdig, aber in den weit mehr als tausend Biographien von hervorragenden Männern des 19. und 20. Jahrhunderts, die ich gelesen habe, sind nirgends Konsularberichte erwähnt worden, und doch sind sie m. E. als zusätzliche Quelle nicht unergiebig. So ist diese Lincoln-Biographie vielleicht aus mehreren Gründen nützlich und nicht unwillkommen.
1120 Berlin-Weißensee Parkstraße 94
Jürgen Kuczynski


Inhalt:
Vorbemerkung ....... 7
Einleitung. Der große Mensch und Revolutionär ....... 15
1. Teil. Vorbereitung ....... 15
            Kindheit und Jugend ....... 15
            Die Welt der USA um 1830 ....... 21
            Der Weg in die Politik ....... 24
            Auf dem Weg aus der Politik ....... 35
            Die Sklavenfrage ....... 46
            Die große Debatte ....... 55
            Auf dem Weg zur Präsidentschaft ....... 71
2. Teil. Die Präsidentschaft ....... 95
            Die ersten sieben Wochen ....... 95
            Militärisches und Gesellschaftliches ....... 108
            Die Befreiung der Sklaven ....... 143
            Die politische Lage ....... 155
            1865 ....... 163
Zeittafel ....... 173
Literatur ....... 175
Abbildungsnachweis ....... 177
Personenverzeichnis ....... 179

Einbandgestaltung: Rolf Kunze

Akademie-Verlag Berlin
Reihe:
tb
1. Auflage 1985