04 Januar 2021

Valentin Katajew: Es blinkt ein einsam Segel

Klappentext:

Sommer 1905. Der Lehrer Batschej verbringt mit seinen kleinen Söhnen Petja und Pawlik die Ferien auf einem Gutshof bei Odessa. Ein rauschendes Geburtstagsfest, zu dem der Gutsbesitzer alle Sommergäste geladen hat, endet mit einer Brandstiftung unzufriedener Landarbeiter. Um die gleiche Zeit verbreitet sich die Kunde vom meuternden Panzerkreuzer »Potjomkin«, dessen Silhouette Petja von der Küste aus erblickt hat. Einem der flüchtigen Matrosen der »Potjomkin« soll Petja später wiederbegegnen. Mehr instinktiv als bewußt stellt sich der Junge auf die Seite der Aufständischen sein Freund Gawrik hingegen, der sich gemeinsam mit seinem Großvater durch Fischfang einen kärglichen Lebensunterhalt verdient, hat seit frühester Jugend gelernt, zwischen Freund und Feind der Armen zu unterscheiden.
Das bekannte Jugendbuch Valentin Katajews ist mehr als die Geschichte zweier Odessaer Jungen. In poetischer Form spiegelt es aus der kindlichen Sicht seiner Helden die revolutionären Ereignisse jener Zeit und zeigt das Wachsen und Reifen kampferprobter Persönlichkeiten, deren Schicksale der Autor später über Jahrzehnte weiterverfolgt. So entsteht der bekannte Odessaer Zyklus »Schwarzmeerwellen«. Zu ihm gehören die Romane
»Vor den Toren der Stadt« (dt. 1957) und » Winterwind« (dt. 1961), die die jugendlichen Helden Petja und Gawrik in den Jahren vor und nach dem ersten Weltkrieg zeigen, und als Abschluß der im zweiten Weltkrieg spielende, ebenso wie das vorliegende Buch besonders populär gewordene Roman »In den Katakomben von Odessa« (dt. 1955).
Valentin Katajew, geboren 1897 in Odessa, schrieb »Es blinkt ein einsam Segel« 1936. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1946 im SWA-Verlag Berlin. In unserem Verlag erlebte der Roman seit 1951 bereits sechs Auflagen.

Titel der Originalausgabe: Белеет парус одинокий
© Издательство »Художественная литература«, Москва 1970
Aus dem Russischen von Ina Tinzmann
Schutzumschag: Marianne Schäfer

Einband 1951; 1952
Verlag Volk und Welt, Berlin*

1. Auflage 1951 / Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin / Illustrationen von Rudi Lehmann
2. Auflage 1952 / Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin / Illustrationen von Rudi Lehmann
3. verb. Auflage 1954 / Verl. Neues Leben / Illustrationen von Karl Fischer
4. Auflage 1956 / Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin
5. Auflage 1962 / Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin
6. Auflage 1972 / Verlag Volk und Welt, Berlin
7. Auflage 1974 / Verlag Volk und Welt, Berlin
8. Auflage 1975 / Verlag Volk und Welt, Berlin
9. Auflage 1983 / Verlag Volk und Welt, Berlin

Einband ab 1974



*
Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin - Aufgrund eines Beschlusses des SED-Politbüros vom 6. August 1963 zur Profilierung des DDR-Verlagswesens wurde der Verlag schrittweise mit dem Verlag Volk und Welt vereinigt. Bis 1971 erschienen noch Bücher bei Kultur und Fortschritt. Danach wurde in einer Übergangszeit bis etwa 1977 unter der Verlagsbezeichnung „Verlag Volk und Welt/Kultur und Fortschritt“ veröffentlicht.
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Zwei Jungen, Petja und Gawrik, stehen im Mittelpunkt der Erzählung, deren gewaltige Kulisse die spannungsgeladene Atmosphäre von 1905 ist. Im russischen Volk gärt es, und unsere beiden Helden, die völlig verschiedenen Gesellschaftsklassen angehören - Petja lebt materiell frei von Sorgen, während Gawrik als Fischerjunge ein dürftiges Leben fristet -, sind überall da zu finden, wo "etwas los" ist. Als in Odessa die Arbeiter zu den Waffen greifen, helfen Gawrik und auch Petja den Revolutionären als "unverdächtige" Boten und "Munitionsträger". Beide sind rechte Jungen, die vom Geist der Zeit mitgerissen werden und sich in all ihren Abenteuern als ganze Kerle bewähren. Aus ihren Worten spricht unverfälschter Humor. Er macht sie uns liebenswert, ganz gleich, in welcher Situation der Autor sie belauscht.

Berechtigte Ausgabe im Buchclub 65
Volk und Welt, 6. Aufl., 1972

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Verlag der Sowjet. Militärverwaltung in Deutschland, Berlin (SWA-Verl.)
1. Auflage 1946 / Aus dem Russischen übertragen von L. Klementinowskaja
2. Auflage 1949 / Aus dem Russischen neu übertragen von Ina Tinzmann

Jan Petersen: Die Bewährung


 

Jan Petersen beschreibt in dieser Chronik, wie es war in jenen Jahren der Verfolgung und Bewährung. Er schildert Vorgänge und Ereignisse aus der Zeit von 1933 bis 1935, wie nur er sie kannte, der Leiter illegaler antifaschistischer Gruppen des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller in Berlin: Diesen Illegalen anzugehören ist bedrohlich; denn sie tun, was sie wissen, und sie wissen, was sie tun - sie organisieren den Widerstand. Großes Wort für unendlich viele Aktionen, die der graue Alltag fordert: geheime Treffs nach den Regeln der Konspiration; Flugblätter; mühevolle Herstellung und gefahrvoller Vertrieb der Zeitschrift "Stich und Hieb"; abenteuerliche Kurierfahrten ins Ausland; und Verhaftung und Folterung und immer auf der Flucht vor den Häschern der Gestapo... Und dann steht Jan Petersen, der "Mann mit der schwarzen Brille", im Juni 1935 vor dem Weltkongreß "Zur Verteidigung der Kultur" in Paris und darf bekennen: "Es gibt eine illegale Literatur in Deutschland."

Aufbau-Verlag 1975

Wassili Stepanowitsch Petrow: Kanoniere


 Ein sehr interessantes Buch über die ersten Monate des Großen Vaterländischen Krieges, als die faschistische Kriegsmaschinerie das Land überfiel und harte, verlustreiche Kämpfe die Soldaten der Roten Armee erwarteten.

Inhalt:

Im Kloster Simno

Das ist der Krieg

Im 231. Korpsartillerieregiment

Im Maliner Abschnitt

Um jeden Fußbreit Boden

Neuen Gefahren entgegen

Im Gebiet von Radimitschi und Sewerjany

In der Einkreisung


Militärverlag der DDR, Berlin (1977), 1. Auflag
340 Seiten
Ins Deutsche übertragen von Horst Wendt

03 Januar 2021

Honoré de Balzac: Erzählungen aus der Napoleonischen Sphäre


Oberst Chabert
Eine Leidenschaft in der Wüste
Leb wohl!
El Verdugo
Eine dunkle Begebenheit

In Balzacs ,Menschlicher Komödie', die man auch die Komödie der menschlichen Leidenschaften nennen könnte, dürfen neben den großen nicht die kleinen Meisterwerke vergessen werden. Im Mittelpunkt der in diesem Band vereinigten Erzählungen steht unsichtbar die Gestalt des Mannes, von dem Balzac sagte: ,Was er mit dem Degen begann, werde ich mit der Feder vollenden.'

Insel-Verlag, 1962

Rolf Hochhuth: Eine Liebe in Deutschland


 Daß Rolf Hochhuth, der Autor spektakulärer Dramen, 1978 einen Roman veröffentlichte, war eine Überraschung. Würde diese Form, so war zu fragen, seinem literarischen Anliegen, geschichtliche Vorgänge neu aufzuarbeiten und brennend aktuell zu machen, gerecht werden können? Die erste Antwort kam, ehe das Buch erschienen war: Auf Grund eines Zeitungsvorabdrucks verklagte der Ministerpräsident eines bundesdeutschen Landes den Autor Hochhuth wegen Ehrbeleidigung. Hochhuth gewann den Prozeß, und der Kläger, Filbinger, mußte seinen Hut nehmen.
War der Roman also nur eine andere Form politischer Einmischung, die Hochhuth so oft vorgehalten oder deretwegen er so oft gepriesen worden ist? Beides - Tadel oder Lob - war stehts ein Fehlurteil: Hochhuth geht es um die historische Wahrheit. Davon ist auch sein Roman "Eine Liebe in Deutschland" durchdrungen. Mitten in die Kriegsereignisse des Jahres 1940 ist die Liebesnovelle zwischen der deutschen Frau Pauline Kropp und dem polnischen Zwangsarbeiter Stasiek Zasada hineingestellt. Liebe ist eine Form des Widerstands, sagt Rolf Hochhuth, und in diesem Sinne wird die Verbindung der beiden nicht nur zu einer durch Tod und KZ bedrohten Tragödie, sondern zugleich der Versuch zweier Menschen, sich in der Liebe und durch die Liebe zu behaupten, und sei es für einen einzigen, kleinen Augenblick ihres Lebens. Die Größe und Leidenschaftlichkeit der Beziehung zwischen Pauline und Stasiek wächst durch die Gefährdung und die kurze Frist, die ihr gegeben ist, inmitten einer Umwelt, die von Neid und Haß, von Verrat und Denunziation beherrscht wird.
Betroffen zeigt Rolf Hochhuth, ausgehend von einem authentischen Fall, wie sehr die Verhaltensweisen der Bewohner des süddeutschen Dorfes Brombach von faschistischen Denk- und Rechtsnormen durchdrungen sind. Im Alltag findet ein erbarmungsloser Kampf jedes gegen jeden statt. Die faschistische Rassengesetzgebung ist selbstverständliche Praxis.
Freilich bleibt der Autor nicht bei dem Widerstand zweier Liebender stehen. Seine Hoffnung gründet sich zugleich auf die militärische Entwicklung des Jahres 1940, als erstmals ein ganzes Volk, die Engländer, der faschistischen Aggression standhalten konnte. Neben die Liebesnovelle hat Hochhuth eine essayistische Ebene gestellt und in ihr die sogenannte Schlacht um England behandelt. Zwar wird, wie meist bei Hochhuth, einer Person, nämlich Winston Churchill, zugeschrieben, was die Leistung eines ganzen Volkes war, aber entscheidend ist, daß Hochhuth aus der Liebe zweier unbekannter Menschen wie aus seiner Geschichtsanalyse den Hoffnungsfunken schlägt, daß ein unmenschliches Herrschaftssystem wie der Faschismus auch schon auf dem scheinbaren Höhepunkt seiner Macht zum Untergang verurteilt ist.

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1980
Schutzumschlag: Rolf Jubisch unter Verwendung eines Aquarells von Wilhelm Schott

Wassili Iwanowitsch Tschuikow: Die Schlacht des Jahrhunderts

 


Tschuikow wuchs in einer armen Bauernfamilie mit zwölf Kindern auf. Er wurde als achtes Kind und fünfter von acht Brüdern geboren. Er besuchte vier Jahre die Grundschule im Dorf. Im Alter von 12 Jahren ging er nach Sankt Petersburg, wo bereits seine Brüder als einfache Arbeiter lebten. Für fünf Rubel und Verpflegung arbeitete er zuerst zwei Jahre als Pförtnerjunge. Später wurde er zum Schlosser ausgebildet und arbeitete auch in diesem Beruf. Wie drei seiner Brüder war er 1917 in der Baltischen Flotte in Kronstadt. Zwei der Brüder nahmen aktiv am Sturm auf den Winterpalast, damit an der Oktoberrevolution, teil. Er war nur kurz in der Flotte, bevor er mit seinen Brüdern desertierte. Wie seine Brüder war er früh Anhänger der Bolschewiken und 1917 Mitglied der Roten Garde. Er trat 1918 in die Rote Armee ein. Er nahm 1918 an der Bekämpfung des Aufstands der Linken Sozialrevolutionäre in Moskau teil. Danach folgten vier Monate Ausbildung an der Alexejewski-Militärschule.

1919 wurde er als Mitglied in der KPdSU aufgenommen. Während des russischen Bürgerkriegs wurde er Regimentskommandeur und war in Sibirien eingesetzt. 1925 schloss er die Frunse-Militärakademie in Moskau ab. 1929 war er erstmals als Berater in China. Ab September 1929 bis 1933 Chef einer Stabsabteilung der Besonderen Rotbanner-Fernostarmee. Bis 1935 Leiter eines KUKS (Weiterbildungskurs des Truppenkommandos der Roten Armee). 1935 war er für sieben Monate auf der Stalin-Militärakademie in Moskau. 1936 bis 1938 Kommandeur einer mechanisierten Brigade in Bobruisk. Ab 1938 Kommandeur eines Schützenkorps. Anschließend Chef der Brobruisker Armeegruppe, später umbenannt in 4. Armee.

Beim sowjetischen Einmarsch 1939 in Polen war Tschuikow Oberbefehlshaber der 4. sowjetischen Armee. Während des sowjetisch-finnischen Winterkriegs 1939/1940 kommandierte er die 9. sowjetische Armee und musste in der Schlacht von Suomussalmi eine Niederlage hinnehmen. Von Dezember 1940 bis März 1942 war er daraufhin als Militärattaché in der Republik China eingesetzt.[2] Im Juni 1942 wurde er zum Generalleutnant befördert und vom 10. Juli bis 4. August hatte er den Oberbefehl über die 64. Armee im östlichen Don-Bogen. Am 12. September 1942 wurde er Oberbefehlshaber der 62. Armee (später 8. Gardearmee), die er in der Schlacht von Stalingrad befehligte.

Tschuikow war für seine Härte bekannt. Stalins Anweisung 277 gemäß ließ er Ende 1942 Offiziere erschießen, die sich seinen Befehlen widersetzt hatten. Damit sollte den Soldaten vor Augen geführt werden, was in einem solchen Fall geschehen würde. In seinem Buch Stalingrad – Anfang des Weges, seiner Sicht auf die Schlacht von Stalingrad, rechtfertigte Tschuikow im Nachhinein seine Härte mit dem Satz „Zeit ist Blut“ (in Anlehnung an das Motto „Zeit ist Geld“): Er habe seine Offiziere zu schnellen Entschlüssen drängen müssen, da sie anderenfalls durch ihr Zögern das Leben ihrer Untergebenen gefährdet hätten. Mehrere Offiziere erschoss er selbst. Tschuikow schrieb: „Wir wandten sofort die härtesten Maßnahmen auf alle Feiglinge an. Am 14. erschoß ich den Kommandeur und den Kommissar eines Regiments, wenig später erschoß ich auch noch zwei Brigadekommandeure und die Kommissare. Alle waren total verblüfft. Wir brachten das allen Kämpfern, vor allem aber den Offizieren, zur Kenntnis“.[3]:Seite 426 Im Oktober 1942 erteilte Tschuikow dem Kommandeur der 138. Schützendivision den Befehl, den Bahnhof von Stalingrad einzunehmen. Tschuikow: „Ich warne Sie, wenn Sie meinen militärischen Befehl nicht erfüllen, werden Sie vor Gericht gestellt.“ Der Historiker Jörg Baberowski schätzte als Konsequenz dieses Befehls ein, dass Tausende Soldaten sinnlos geopfert wurden. 1945/1946 war Tschuikow Chef der Sowjetischen Militäradministration in Thüringen (SMAT), von 1946 bis März 1949 stellvertretender Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und von März 1949 bis November 1949 deren Kommandeur. Tschuikow war es, der in Berlin-Karlshorst, auf Beschluss der sowjetischen Regierung, die Regierungsgeschäfte offiziell der Regierung der DDR übertrug. 1949 bis 1953 war Armeegeneral Tschuikow Chef der Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) und Oberkommandierender der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland.

Tschuikow war von 1952 bis 1961 Kandidat des Zentralkomitees der KPdSU und wurde 1961 Vollmitglied. Nach dem Tode Stalins wurde Tschuikow (1953 bis 1960) Chef des Militärbezirks Kiew, was für ihn zunächst einen Abstieg bedeutete. 1955 erhielt er jedoch den Rang eines Marschalls der Sowjetunion. Von 1960 bis 1964 war er Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte der UdSSR und stellvertretender Verteidigungsminister der Sowjetunion. 1964 bis 1972 war er Chef der Zivilverteidigung und ab 1972 Generalinspekteur des Verteidigungsministeriums.

Tschuikow schrieb mehrere Bücher, in denen er seine Erlebnisse als Befehlshaber im Zweiten Weltkrieg schilderte. Er ist als einziger Marschall der Sowjetunion in Wolgograd auf dem Mamajew-Hügel und damit als erster außerhalb Moskaus beerdigt, um seine Leistungen während der Schlacht von Stalingrad zu würdigen. - Wikipedia

Militärverlag der DDR, Berlin (1980), 1. Auflage
391 Seiten

Peter Kaiser, Norbert Mochte, Heinze Peter Zierholz: Ein schöner Sarg und keine Leiche - Berliner Pitaval


 

Warum erschlugen vor mehr als sechshundert Jahren aufbegehrende Berliner den Bernauer Propst; weshalb wird der Münzmeister des Kurfürsten in die Folterkammer des Berliner Rathauses gesteckt; was veranlaßt König Friedrich II., sich eines diebischen Rekruten anzunehmen, und wie versucht ein armer Schneider, sich an einer betrügerischen Versicherungsgesellschaft zu rächen?

Die Sachbuchautoren Kaiser, Moc und Zierholz folgen noch einmal den Spuren vergangener Rechtsprechung, rufen die Betroffenen erneut in den Zeugenstand und fällen ihr Plädoyer aus heutiger Erfahrung.

In diesem Pitaval vereinen sie dreizehn Rechtsfälle aus der wechselvollen Geschichte Berlins, die zu ihrer Zeit größtes Aufsehen erregten. Sie bieten nicht nur ein Stück Berliner Kriminal-, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte dieser Stadt.

Der Platz und die Straßen rings um Rathaus und Gerichtslaube waren voll von Menschen, die nur eines im Sinn hatten, sich einen möglichst guten Standort zu erobern, von dem aus die Hinrichtung mit dem Schwert genau zu verfolgen war. Die Gerichtslaube, in deren Obergeschoß es eine Ratsstube gab, besaß an der Vorderfront drei hohe Säulen. An der rechten war eine Phantasiefigur - halb Vogel, halb Mensch - zu sehen, der Kaak. Unmittelbar darunter befand sich der Pranger, an den heute die Frau mit der doppelten Zunge gestellt werden sollte. Gemeinhin schlug man "eynen man oder eyne frouwe to kake di gestolen hebben", und zwar Dinge gestohlen, die weniger als drei Schillinge wert waren. Überstieg das Diebesgut diesen Richtsatz, so drohte bereits der Tod.
Und aus vielen Gesichtern waren die Leidenschaften abzulesen, als der Büttel die Frau in die Hals- und Armlöcher des Prangers steckte und diesen verschloß. Wieviel Wollust angesichts des schrecklichen Schicksals anderer, wieviel Mordgier und Verkommenheit blitzten aus den Augen Tausender, klang aus den Worten und Schmährufen, die über den Platz hallten. Hier putschte man die Menge auf für die noch ausstehenden Ereignisse auf dem Galgenberg. Nur bei einem solchen Erlebnis konnte man für den Augenblick seine Sorgen und Nöte vergessen...

Verlag Tribüne Berlin 1987
Illustrationen: Peter Ruhner