07 Oktober 2021

Eva Lippold: Leben, wo gestorben wird

Die Lyrikerin Eva Lippold hat ihre erregenden Erlebnisse zu einem Prosawerk verdichtet, das eine Lücke in unserer Gegenwartsliteratur ausfüllt. Hier könnte auch das Wort „Widerstandsliteratur“ stehen. Aber „Leben, wo gestorben wird“, ebenso wie ihr erstes Buch „Haus der schweren Tore“, ist heute geschrieben, ein Vierteljahrhundert nach der Zeit des Widerstandes. Aus damaliger und heutiger Sicht. Von einer Autorin, die elf Jahre hinter Hitlers Zuchthausmauern nicht vegetiert, sondern gewacht, gedacht, gehandelt, gelitten und gesiegt – also gelebt hat. Von einer Autorin aber auch, die dieses Vierteljahrhundert mitgestaltet hat. Was sie schreibt, ist damals und ist heute: Es ist Hella Lindau, die Heldin des Romans, damals und Eva Lippold heute. Und gerade das Einfließen heutiger Erkenntnisse, heutiger Sicht in damaliges Geschehen, der von Nachdenken in Handlung und von Handlung in Nachdenken immerwährend hinüber- und herübergleitende Stil packt den Leser von der ersten Seite und entläßt ihn nach der letzten mit dem Wunsch, mehr von Hella Lindau und Eva Lippold zu erfahren.

Dies ist nicht schlechthin das „Erinnerungsbuch“ einer schönen, lebenslustigen jungen Kommunistin, der die braune Barbarei die Jugend stahl, das ist es auch; es ist auch ein psychologisch feinnerviger Bericht über den ihr jahrelang aufgezwungenen Umgang mit Mörderinnen, Prostituierten, Diebinnen, mit Wärterinnen und Gefängnisbeamten, nazistischen und solchen, die es nicht gewesen sein wollen. Vor allem aber sind Eva Lippolds Bücher kluge Bücher, voll Lebensweisheit.

Buchverlag Der Morgen, 1976

 

Tom Crepon: Leben und Tode des Hans Fallada

Der Sohn des Richters Ditzen vom Reichsgericht tötet seinen Freund im Duell, das den beabsichtigten Doppelselbstmord verschleiern soll. Er kommt, als für seine Tat nicht zurechnungsfähig, in ein Sanatorium. Ein reichliches Jahrzehnt später: Der Gutsrendant Ditzen greift in die Kasse, wird zu Gefängnis verurteilt und doch wieder rückfällig.

Hans Fallada, mit Alltagsnamen Rudolf Ditzen, war vieles in seinem einen Leben: Morphinist, Alkoholiker, Gefängnisinsasse, Pechvogel, Glückskind, Welterkenner und Weltverkenner, guter Vater und schwieriger Gatte. Und vor allem: ein großer Erzähler. Sein Wollen war stets stärker als sein Wille. Und er wußte um seine Schwächen und hatte doch nicht die Kraft, sie dauerhaft zu unterdrücken.

Tom Crepon erzählt mit viel Wissen und Einfühlungsvermögen in Zeit und Charakter von Falladas entscheidenden Lebensstationen, von seinem tragischen Ringen mit sich selbst und von seiner Kunst. Das bisher umfassendste Buch über Hans Fallada!

Mitteldeutscher Verlag Halle – Leipzig, 1979

 

Albert Lichanow: Mit guten Absichten


 Nach dem Studium geht Nadja in eine kleine nordrussische Stadt an eine Internatsschule. Doch dort winkt ihr nicht die erträumte Lehrerstelle. Sie wird Erzieherin für elternlose Kinder.

Verlag Neues Leben Berlin, 1984
Illustrationen: Rainer Flieger
Neue Edition für junge Leute

06 Oktober 2021

Jurek Becker: Irreführung der Behörden


 Ein Mann, der Karriere machte, gibt Rechenschaft: Gregor Bieneck, der einst der Jurisprudenz das Nachsehen erteilte, um Schriftsteller zu werden, schildert seine Entwicklung zu einem erfolgreichen Literaten, der glaubt, mit gefälligen Zugeständnissen die Gunst des Publikums sich erhalten und mit kalkulierter Anpassung die „Behörden“ in die Irre führen zu können. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, sieht er sich zugleich am Ende: Schöpfertum und Fähigkeit zum Engagement scheinen verloren, Freunde und Kritiker haben ihn verlassen und sogar die geliebte Frau und das Kind führen ein Leben neben ihm. Ist er am Ende nicht selbst der Irregeführte? Bleibt dem verwöhnten Schriftsteller, der Talent und Charakter aufs Spiel setzte, überhaupt noch eine Chance? Diese Frage wird vor allem Lola, seine Frau, beantworten müssen, die lange Jahre an seiner Seite Erfolge und Enttäuschungen miterlebte.

Jurek Becker stellt den Helden in diesem handlungsreichen und flüssig erzählten Roman vor Fragen, die nicht nur den Künstler angehen, sondern jeden, der seinen Alltag gestallten und Entscheidungen nicht ausweichen will.

Hinstorff Verlag Rostock 1973

Mira von Kühlmann: Frieden ohne Widerruf – Erinnerungen aus meinem Leben

Mira von Kühlmann, eine in der BRD und darüber hinaus bekannte Persönlichkeit, die sich besonders um die Friedens-, Frauen- und Sozialarbeit verdient machte und eine aufrichtige Vertreterin der Völkerverständigung und einer echten Alternative zur imperialistischen Politik der BRD ist sowie großen Anteil hat an einer realistischeren Einstellung der BRD-Öffentlichkeit zur DDR, skizziert in diesem Buch ihren Lebensweg, der sie über die Grenzen ihrer Klasse hinausführte.

Ihre Erinnerungen machen deutlich, welche Breite und Tiefe die Friedensbewegung besonders nach dem zweiten Weltkrieg annahm. Aus ihrer zunächst gefühlsmäßig zum Ausdruck kommenden Friedenssehnsucht erreichte sie eine neue Qualität politisch-ideologischer Überzeugungen und konkreten Engagements. Die Klarheit und Hellsichtigkeit, mit denen sie Anfang der fünfziger Jahre Franz Josef Strauß entgegentrat, waren Ausdruck ihrer neuen Haltung. Zugleich wurde diese zur Ausgangsposition eines Denkens und Handelns, die rasch Zeichen der Zeit gerecht wurden.

Als Mira von Kühlmann die Gefahren der Remilitarisierung und des Antikommunismus in der BRD durchschaute, erkannte sie folgerichtig die Bedeutung unseres Friedensstaates und die des Bruderbundes zwischen der Sowjetunion und der DDR. Wenn sie bereits im April 1967 erklärte, daß Deutschlandpolitik jetzt Außenpolitik sei und die DDR-Beziehungen ins Außenamt gehören, dann stand sie mit dieser klaren und weitsichtigen Formulierung auf der Höhe der Aufgaben jener Zeit.

Mira von Kühlmann kam 1953 zu einem Kongreß der Friedensbewegung zum erstenmal zu uns in die DDR – als unsere Freundin. Und das ist sie in bemerkenswerter Kontinuität und Konsequenz bis heute geblieben.

Union Verlag Berlin, 1975

 

Heinz Glade: Karriere eines Staatsanwalts

April 1945. Hunderte von Gefangenen, von SS bewacht, schleppen sich, zu Tode erschöpft, durch vorfrühlingshafte Fluren in langen Kolonnen zum nächsten Sammelpunkt.

Das Ziel ist überraschend nah: eine Feldscheune, groß genug, die über tausend Menschen aufzunehmen. Ein Dach über dem Kopf, eine dicke Strohschicht auf der Erde, nach den Strapazen der letzten Tage ist das fast ein Stück Geborgenheit. So gut es geht, richten sich die Gefangenen ein.

SS-Hauptscharführer Bräunig steht am Eingang und beobachtet mit haßerfüllten Blicken die Häftlinge. Dann zündet er sich eine Zigarette an, saugt genießerisch den Rauch ein und schnippt lässig das brennende Streichholz von sich…

Mehr als tausend Menschen kämpfen ums Überleben, sterben in Feuer und Qualm. Wer nach draußen flüchten kann, stirbt im Kugelhagel der SS. Feldscheune Isenschnibbe, ein harmloser Name für den Ort eines grauenhaften Verbrechens…

In vierundzwanzig zum Teil erschütternden Beiträgen zeigt der Autor, mit welcher Kraft und Aufopferung die deutsche Arbeiterklasse gegen ihre Unterdrücker gekämpft hat, gegen schamlose Ausbeutung, Erniedrigungen und Verfolgungen.

Hundert Jahre deutscher Geschichte umfaßt dieser Pitaval, der seine Spannung nicht so sehr aus spektakulären Prozessen, sondern aus dem oft weniger bekannten Alltag und der genauen Kenntnis des Geschehens bezieht.

Militärverlag der DDR Berlin, 1985

 

Hildegard und Siegfried Schumacher: Entscheidung in der Schlangenbucht


 Buchbeginn

Mit schnellen Schritten kommt Herr Renner in die Klasse, knallt seine Aktentasche auf den Tisch und stützt sich mit beiden Fäusten darauf. „Was habt ihr euch dabei gedacht?“ – Falsch war es, die Musikstunde bei Herrn Summer zu schwänzen. Das hat Hauruck schon gestern gewußt. Aber die dicke Wolkenhenne brütete ein Gewitter aus. Sie mußten den neuen Fußball ausprobieren, bevor der Regen herabstürzte. Kann Herr Renner das nicht verstehen?…

Der Kinderbuchverlag Berlin
Illustrationen: Kurt Klamann