09 Februar 2022

Interview mit Radio F.R.E.I.

 

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Radio F.R.E.I. Erfurt hat mit mir ein Interview zur Facebook-DDR-Gruppe und diesem Blog geführt. Hier könnt ihr es, wenn es interessiert, nachhören. Es ist der zweite Stream (14-15 Uhr), ab Minute 32:25.

Ich bedanke mich recht herzlich bei Richard Schaefer für das Interesse und das äußerst angenehme Gespräch.


08 Februar 2022

Peter Hacks: Essais

Peter Hacks (geb. 1928): Kunst lebt von den Fehlern der Welt. Ob sie uns lachen oder weinen macht, wir belachen oder beweinen Abschaffenswertes. Ob sie die Welt schön abbildet oder häßlich, sie fordert den Vergleich mit der häßlichen Realität. Das begeistertste Lobgedicht hat seinen Pfeffer daher, daß es den Tadel am Unrühmlichen impliziert. Jedes Kunstwerk ist auf seine eigentümliche Weise vollkommen, und Vollkommenheit, weiß man doch, ist die Schwester der Langeweile. Ästhetische Vollkommenheit aber ist nicht langweilig, sondern eine Beleidigung des Universums.

So ist alle Kunst kritisch, selbst die kritische, bei der freilich die inhaltliche Opposition zu leicht die poetische überlagert. Gerade die allgemeinsten Züge des künstlerischen Tuns, das Vermenschlichen des Stoffs, das Erzeugen von Nichtgewesenem, das Befolgen selbstgegebener Gesetze, das In-den-Griff-Kriegen des Störrischen und Stimmigmachen des Widerstreitenden bewirken das Interesse, das die Menschheit nicht aufhört, an der Kunst zu nehmen: als an dem Vorschlag eines unentfremdeten, produktiven, freien, bewältigten, durch gegenwirkende Interessen nicht mehr entzweiten Lebens.

 Reclams Universal-Bibliothek Band 999, 1. Auflage

Andreas Klotsch: Erkundungen - 24 chilenische Erzähler

Chile ist uns in den letzten Jahren nahegerückt. Der Sieg der Unidad Popular und der von der Regierung Salvador Allende eingeleitete revolutionäre Prozeß weckten weltweite Sympathie für diese Andenrepublik und ihre Menschen. Um so härter traf alle fortschrittlichen Menschen der blutige Putsch vom Herbst 1973, der die progressive Entwicklung unterbrach und großes Leid über das Land brachte.

Im Rahmen seiner Reihe "Erkundungen" legt der Verlag eine Sammlung moderner chilenischer Kurzprosa vor. In ihr kommen vor allem junge Autoren zu Wort, mit Beiträgen, die zwischen 1960 und 1972 entstanden. Ursprünglich wollte die Anthologie Gründe und Voraussetzungen für jene Veränderungen sichtbar machen, die ab 1970 das Leben in Chile bestimmten. Nun, da in Santiago, Antofagasta und Punta Arenas abermals die Vergangenheit regiert, behält die Auswahl erst recht ihre Gültigkeit, denn was manch eine der Erzählungen berichtet, ist heute wieder Wirklichkeit.

In den Texten dominiert der kritische Ton. Die Autoren setzen sich mit einer Realität auseinander, die voll von Widersprüchen ist, in der es noch viel Not, Unrecht, Spießigkeit und Bigotterie gibt. So gezielt ihre Angriffe jedoch sein mögen, sie meiden das Vordergründige und Klischeehafte. Ihre Prosa ist frisch, unbefangen burschikos, grotesk humorig, hintergründig satirisch, poetisch verspielt oder aber von entwaffnender Nüchternheit - bestes Zeugnis einer künstlerisch selbstbewußten engagierten Literatur.

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1974
 

Tischlein deck dich - Salatbuch für Kinder

Buchbeginn

Fischlein, streck dich
Kapitel 1

"Es war einmal", so fangen viele Märchen an.
Sicher gab es auch einmal einen Koch, der mit einem Fisch viele hungrige Mäuler stopfen mußte. "Fischlein, streck dich" wird er gedacht und dann das gekochte Fischfleisch mit allerlei Gemüse und einer Soße zu einem schmackhaften Fischsalat vermischt haben. Mit Phantasie hat er aus der Not eine Tugend gemacht.
Salate sind nicht nur wohlschmeckend, sondern auch gesund. Heute wissen wir auch, warum das so ist.
Längst haben die Wissenschaftler herausgefunden, daß unsere Nahrung in der Hauptsache aus Eiweiß, Fett, Kohlenhydraten, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Wasser besteht.
Sie haben errechnet, wie viele von diesen Bestandteilen unser Körper täglich zur Erhaltung seiner Lebensfunktionen braucht. Leider kommt das nicht alles zum Beispiel in der Schokolade vor, nicht einmal im Brot oder in der Kartoffel. Deshalb müssen wir uns abwechslungsreich ernähren. Salate sind, da sie viele Lebensmittel in einer Schüssel vereinen, eine gute Möglichkeit dazu.
Die Rezepte dieses Buches zeigen dir etwas von der Vielseitigkeit der Salatzubereitung.
Sie sollen dich anregen, mit dem einen oder anderen selbstbereiteten Salat die Familie oder deine Freunde zu überraschen.
Alle Rezepte sind für vier Personen berechnet. Ist deine Familie größer oder erwartet ihr Gäste, mußt du von allen Zutaten entsprechend mehr nehmen.
Viel Spaß zum Ausprobieren und gutes Gelingen wünscht dir

Rainer Kroboth

Verlag Junge Welt Berlin, 2. Auflage 1988

 

02 Februar 2022

Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo

Ich habe zeitgenössische Romane geschrieben und historische. Ich darf, nach schärfster Gewissensprüfung, erklären, daß ich in meinen historischen Romanen die gleichen Inhalte zu geben beabsichtige wie in den zeitgenössischen. Ich habe nie daran gedacht, Geschichte um ihrer selbst willen zu gestalten, ich habe im Kostüm, in der historischen Einkleidung, immer nur ein Stilisierungsmittel gesehen, ein Mittel, auf die einfachste Art die Illusionen der Realität zu erzielen. Andere haben ihr Weltbild, um es klarer aus sich heraus zu projizieren, in eine größere räumliche Entfernung gerückt, es in irgendeiner exotischen Gegend angesiedelt. Ich habe mein (natürlich zeitgenössisches) Weltbild zum gleichen Zwecke zeitlich distanziert, das ist alles.

Lion Feuchtwanger

 Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1979
Taschenbibliothek der Weltliteratur (TdW)
 Abbildung: David Beck 1621-1656 Porträt der Königin Christina (Ausschnitt)

Doris Kilias: Erkundungen - 32 ägyptische Erzähler

Einunddreißig schöne grüne Bäume säumten die Straße. Sie wurden abgehackt, ausgerissen und auf die Schutthalde geworfen. An ihrer Stelle erhoben sich Wälder aus grauem und braunem Zement. Die Nachkommen würden keine Blumen mehr sehen oder auch nur die Bedeutung dieses Wortes kennen, denn "am Horizont begann sich ein Unwetter zusammenzubrauen, das sich auf die Menschen und Dinge, auf die Tiere und Pflanzen auswirkte".

Beunruhigung geht nicht nur von der Erzählung der ägyptischen Schriftstellerin Salwa Bakr aus. Viele, vor allem jüngere Autoren spüren seismographisch Veränderungen auf, die sich im Zusammenleben der Menschen, in der Politik und im Städtebild vollzogen haben: Krieg und Nahost und politischer Mord; die Zuwanderung der Landbewohner in die 13-Millionen-Stadt Kairo; die Islamisierung und die Wiederkehr düsterer feudaler Sitten; der Schleier als Symbol für die Unterwerfung der Frau und ihr Traum von Sinnengenuß und Liebe; das Leiharbeiter-Problem und das Streben nach dem schnellen Reichtum im Ausland.

Themen und Handschriften in der heutigen ägyptischen Kurzprosa sind vielfältig. Moderne Erzählweisen haben Einzug gehalten, um der Komplexität des Lebens und der Gefühle beikommen zu können. Der Band stellt 32 Autoren dreier Schriftstellergenerationen mit Texten aus den siebziger und achtziger Jahren vor. Die schreibenden Frauen spielen darin eine besonders interessante Rolle.

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1989
Aus dem Arabischen von Dagmar Börnert, Martin Grzeskowiak, Cornelia Höhling, Gerhard Höpp, Regina Karachouli, Doris Kilias, Erika Pabst, Holger Preißler, Wiebke Walther
Mit einem Nachwort und Anmerkungen von Doris Kilias
 

Maxim Gorki: Die Stadt des gelben Teufels

Buchanfang:

Die Stadt des gelben Teufels

... Nebel, dicht durchsetzt mit Rauchschwaden, hing über Ozean und Land, träger Fadenregen fiel auf die unfreundlichen Gebäude der Stadt und das trübe Wasser der Reede.

An der Reling hatten sich die Einwanderer versammelt; schweigend betrachteten sie alles ringsum mit forschenden Augen, in denen sich Hoffnungen und Befürchtungen, Angst und Freude spiegelten.

"Wer ist das?" fragte ganz leise ein Mädchen aus Polen und deutete erstaunt auf die Freiheitsstatue. Jemand antwortete:

"Der Gott Amerikas ..."

Die massive bronzene Frauengestalt ist von Kopf bis Fuß mit Patina bedeckt. Blind schaut ihr kaltes Antlitz durch den Nebel hinaus in die Öde des Meeres, als harre die Bronze des Sonnenballs, damit er ihre toten Augen zum Leben erwecke. Die Freiheit hat wenig Boden unter den Füßen, sie ist gleichsam aus dem Meer emporgestiegen, und als Sockel scheinen ihr erstarrte Wellen zu dienen. Ihr Arm, hoch emporgereckt über das Meer und die Schiffsmasten, verleiht ihrer Pose eine stolze Majestät und Schönheit. Man glaubt, gleich werde die Fackel in ihrer fest zusammengepreßten Hand hell auflodern, den grauen Rauch vertreiben und ...

Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8334 C, 2. Auflage