04 April 2022

Edgar Wallace: Der Pfeifer

Edgar Wallace, bis heute einer der Spitzenreiter unter den Kriminalschriftstellern des 20. Jahrhunderts, sechzehn Jahre jünger als Sir Arthur Conan Doyle und sechzehn Jahre älter als Agatha Christie, unterscheidet sich sehr wesentlich von seinen beiden berühmten Landsleuten und Berufskollegen. Seine Krimis sind nicht mehr so einschichtig-bieder und in ihrer Struktur durchschaubar wie die Sir Arthurs, aber auch nicht so raffiniert und artistisch pointiert wie die der First Lady of Crime. Sir Arthurs gemächlichem Schritt und Agathas zwar langsam anlaufender, sich dann aber zunehmend beschleunigender Handlung setzt Wallace ein durchgehend atemberaubendes Tempo entgegen, Sir Arthurs viktorianischer Wohlanständigkeit und Agathas ein wenig snobistischem Faible für die höheren Schichten eine unverhohlene Vorliebe für den gefährlichen Dschungel der Londoner Unterwelt, deren Stützpunkte die Spelunken und Verbrecherhöhlen des Eastends und die Themsedocks sind, aber auch die komfortablen Villen scheinbar ehrenwerter Geschäftsleute. Was dieses Milieu betrifft, so verfügte der Mann mit dem Pokergesicht und der superlangen Zigarettenspitze über Spezialkenntnisse, deren Sir Arthur und Agatha sich nicht rühmen konnten: seine jahrelange Tätigkeit als Gerichtsreporter hatte ihn mit der dunklen Kehrseite der glanzvollen Metropole wohlvertraut gemacht und ihm schier unerschöpflichen Rohstoff für seine Thriller geliefert. (Kein Wunder auch, daß Kriminalreporter in seinem Werk als findige Spürhunde eine wichtige Rolle spielen!)

Zu Edgar Wallaces bekanntesten Krimis gehört "Der Pfeifer" - in früheren Übersetzungen "Der Zinker" - aus dem Jahre 1928. Er weist alle typischen Wallace-Attribute auf: turbulente "action", zwielichtige Persönlichkeiten, deren wahres Wesen sich erst am Schluß enthüllt, überraschende Wendungen, die ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse werfen, schurkische, aber äußerst profitable Machenschaften, ein unschuldiges junges Mädchen, das um ein Haar in die Netze des Verbrechens gerät, ein aufmerksamer Kriminalreporter, dem die Sympathie des Autors gehört, und schließlich der Vertreter Scotland Yards in einer hochgefährlichen, aber zu guter Letzt erfolgreichen Mission. Die Wallace-Welt ist schon im Jahre 1928 alles andere als heil, doch im "Pfeifer" wie in seinen übrigen Krimis gilt noch immer die Devise "Crime doesn't pay, Verbrechen zahlt sich nicht aus" - es sei denn für den, der Romane darüber schreibt!

Edgar Wallace (1875-1932) wurde in Greenwich geboren, wuchs elternlos in einer Fischerfamilie auf; war in seiner Jugend Laufbursche, Zeitungsverkäufer, Drucker- und Maurergehilfe; trat mit achtzehn in die Armee ein; bildete sich autodidaktisch weiter; war Berichterstatter im Burenkrieg, später Gerichtsreporter in London; veröffentlichte 1905 seinen ersten Kriminalroman im Selbstverlag; verfaßte etwa 200 Kriminal- und Sensationsromane, fast 1000 Kurzgeschichten und dramatisierte einige seiner Bücher; starb in Hollywood.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1984
bb Nr. 539
Einbandgestaltung: Günter Lerch, Erich Rohde
 

Alfred Antkowiak: 22 schwedische Erzähler

"Ich vermisse Brücken nach Europa." Lars Gyllensten, einer der bekanntesten jüngeren Schriftsteller Schwedens, sagte das in einem Interview der Tageszeitung "Ny Dag". "Es kann doch kein Vermögen kosten", meinte er, "wenn man versucht, in die Sprachmauer, die Skandinavien von der Welt trennt, ein Loch zu schlagen." Diese Anthologie soll dazu beitragen. Wenn sie auch nicht den Anspruch erhebt, die ganze schwedische Literatur unseres Jahrhunderts zu repräsentieren - ein Brückenschlag ist sie auf jeden Fall, und sie lädt ein, ein Land zu betrachten, das uns so nah und doch so fremd ist. Ob die hier versammelten 22 Autoren Liebesgeschichten moderner junger Menschen oder humorvoll Erlebnisse zweier Landstreicher erzählen, ob sie von den letzten Tagen eines Landarbeiters berichten oder mit äußerster Präzision einer fast wissenschaftlichen psychologischen Studie das Leben eines Werbefachmannes analysieren - immer versuchen sie, eine Welt zu erkunden und dem Leser durchschaubar zu machen, die materiell total gesichert scheint, deren Menschen aber innerlich gefährdet sind durch Lebensangst und Überdruß an den genormten Bahnen des Alltags.
Inhalt
Agnes von Krusenstjerna - Bitteschön! Danke!
Eyvind Johnson - Ein Wintertag
Artur Lundkvist - Bauerndrama
Ivar Lo-Johansson - Der Tod des Landarbeiters
Jan Fridegård - Das weise Frauchen
Thorsten Jonsson - Stiller Abend
Fritiof Nilsson Piraten - Yankee Fashion
Tage Aurell - Unterhaltung erwünscht
Lars Ahlin - Das wundervolle Nachthemd
Stig Dagerman - Der nächtliche Badeort
Per E. Rundquist - Nur nicht jetzt
Lars Göransson - Der Morgen
Willy Kyrklund - Solange
Lars Gyllensten - Mit den Augen des Gewissens
Pär Rådström - Das Milchgeschäft
Per Olof Sundman - Übernachtung
Margareta Ekström - Eheleben
Christer Dahl - The Sleepy Bear
Rune Olausson - Der Pfeifer
Stig O. Carlsson - Die Karre
Per Christian Jersild - Schliemanns Mühe
Ulf Stark - Die Fälschungen
Nachwort
Biographische Notizen

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1967
 

Wolf Durian: Der Mann im Biberbau

Die Schwarzfüße stimmten das Kriegsgeschrei an.

Sie suchten das Flußufer ab. Sieben oder acht Mann sprangen ins Wasser. Da, in höchster Gefahr, entdeckte Colter in einer Bucht einen alten Biberbau. Das Schlupfloch unter Wasser war weit genug. Er kroch hinein, stieg auf in den trockenen Raum unter der Kuppel, warf sich hin und rührte sich nicht. Ganz in seiner Nähe hörte er die aufgeregten Rufe der Indianer.

Es schoß ihm durch den Kopf, die Schwarzfüße könnten den Biberbau anzünden. Stundenlang quälte ihn der furchtbare Gedanke.

Der Kinderbuchverlag Berlin 1987
Illustrationen Gerhard Goßmann
ATB Buch Nr 119

Stig Dagermann: Der Mann, der nicht weinen wollte

Stig Dagerman (1923-1954). Seine Mutter ging aus dem kleinen schwedischen Älvkarleby und kehrte nicht wieder, ließ ihren eben geborenen Sohn zurück.

Zurückgelassen, zum Leben verurteilt, entsetzlich einsam fühlte sich der 16jährige, als er durch 17 Messerstiche eines Verrückten den Großvater und durch den erlittenen Schock die Großmutter verlor und während einer Ferienreise ins Gebirge den Freund. "Ich mußte Schriftsteller werden, und ich wußte, was ich schreiben mußte: das Buch meiner Toten."

Ekstatisch, besessen, leidenschaftlich widmet der junge Schriftsteller sein Werk seinen Toten, den zurückgelassenen entsetzlich Einsamen, vor deren Kummer die rücksichtsvollen Leute die Tür geschlossen halten, den zum Tode Verurteilten - allen ohne wattierte Schultern, die sich so wahnsinnig dem Leben verschrieben haben und die vor Lauter Wahnsinn zugrunde gehen. Er wollte, "daß sie einem vernünftigen Zweck dienen sollten, sei es auch nur als Pfahl".

Aber seine Kraft reichte nicht; Dagerman wich, 31jährig, aus dem Leben, uns ein frühes, geniales Werk übergebend, das erschüttert.

Reclam UB Nr.378, 1975

03 April 2022

Bruno Kress: Erkundungen - 27 isländische Erzähler

Vielleicht hat Islands großer Schriftsteller Halldór Laxness, Nobel- und Weltfriedenspreisträger, nicht übertrieben, als er voller Stolz erklärte, auf jedem isländischen Hof gebe es einen Dichter. Denn immerhin gehören dem isländischen Schriftstellerverband 220 eingeschriebene Mitglieder an - eine imponierende Zahl, setzt man sie ins Verhältnis zu den 220.000 Einwohnern der nordatlantischen Inselrepublik. Tatsache ist jedenfalls, daß die isländische Literatur auf eine sehr lange und fruchtbare Tradition zurückblicken kann und mit den berühmten Sagas schon im Mittelalter Prosawerke hervorbrachte, die für die damalige Zeit eine beispiellose künstlerische Leistung darstellten und auch im Vergleich mit modernen Erzählungen ehrenvoll bestehen.

Dieser literarischen Überlieferung mag es zuzuschreiben sein, daß bis in unsere Tage das Genre der Erzählung von vielen isländischen Autoren bevorzugt wird. Die in der Anthologie zusammengestellten 27 Texte, überwiegend während der letzten 20 Jahre veröffentlicht, vermitteln davon einen reichhaltigen Eindruck. Sie widerspiegeln Lebensweise und Denkhaltung eines kleinen Volkes, das von ungewöhnlich starker Spannung zwischen geschichtsbewußter bäuerlicher Traditionspflege und den neuen Ansprüchen einer zunehmend urbanisierten Bevölkerung geprägt wird. Daraus erklären sich die Kontraste der Erzählungen, in denen Ehe- und Liebeskonflikte von Stadtbewohnern, das harte Dasein des Bauern und Fischers, die milieubedingte enge Beziehung zwischen Mensch und Natur geschildert werden. Sage, Mystik und Aberglaube bilden einen weiteren Themenkreis. Auch er gehört zum reizvollen Gesamtbild dieser herben, mitunter exotisch anmutenden kurzen Prosa eines Landes, dessen Literatur - mit Ausnahme von Laxness' Romanen - bisher nur sporadisch in der DDR verlegt wurde.

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1980
Aus dem Isländischen von Bruno Kress, Hartmut Mittelstädt, Ernst Walter
Mit einem Nachwort von Bruno Kress
 

Heinz Odermann, Wolfgang Skillandat: Erkundungen - 16 palästinensische Erzähler

Die palästinensische Kurzprosa der Gegenwart, die in diesem Band mit 16 Autoren erstmalig im deutschsprachigen Raum vorgestellt wird, entstand unter tragischen und komplizierten Bedngungen. Exil und Vertreibung, Leben unter israelischer Besatzung und in Flüchtlingslagern, schwieriges Heimischwerden in der Fremde und die Frage nach der Identität des einzelnen, Verfolgung und Massenvernichtung durch die israelische Kriegsmaschinerie. In dieser Situation stehen die Schriftsteller an der Seite des arabischen Volkes von Palästina, das um sein Land und die Verwirklichung seines Rechtes auf Selbstbestimmung kämpft.

Vielstimmig sind die Erzählhaltungen, Themen und Konflikte; mancher Text wählt die Form der Legende und des Märchens. Allen gemeinsam ist die menschliche Ausstrahlungskraft der Literatur eines Volkes, das nicht nachläßt in der Frage nach der Gestaltung seiner eigenen Zukunft.

Die Anthologie versucht hinter den Schlagzeilen aktueller politischer Berichte das gewöhnliche Leben im Alltag aufzuspüren.

Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1983
Aus dem Arabischen von Dagmar Börnert, Doris Erpenbeck, Martin Grzeskowiak, Johanna und Moustapha Haikal, Cornelia Höhling, Erika Pabst, Wiebke Walther
Aus dem Französischen von Ortrud und Bernd Schirmer
Mit einem Nachwort von Heinz Odermann
Anmerkungen am Schluß des Bandes
 

Martial: Epigramme

MARTIAL (um 40-102). Kein anderer Dichter hat im antiken Rom einen solchen Bucherfolg gehabt wie Martial. Seine zwölf Bücher "Epigramme" gingen von Hand zu Hand, seine Gedichte – wegen ihrer bisweilen derben Anspielungen oftmals nur hinter vorgehaltener Hand weitergesagt – machten die Runde; er, der große Meister der Epigrammdichtung, mußte sich zahlreicher dilettantischer Nachahmer erwehren.

Martial stammt aus dem spanischen Bilbilis, als 24jähriger kam er nach Rom. Einflußreiche Gönner, der Philosoph Seneca und der Dichter Lucan, die sich seiner angenommen hatten, wurden i. J. 65 im Zusammenhang mit einer gegen das zügellose Regime des Kaisers Nero gerichteten Verschwörung zum Tode verurteilt. Ganz auf sich gestellt, mag es für Martial auch unter den folgenden Kaisern, den Flaviern, nicht leicht gewesen sein, sich als Dichter zu behaupten. Mit schonungsloser Offenheit legte er die Gebrechen des großstädtischen Lebens bloß. Genußsucht, moralische Verkommenheit, Lebensüberdruß sowie bitterste Armut, Rechtlosigkeit und entwürdigendes Sklavenlos geißelt er in seinen scharfpointierten, meisterlich geschliffenen Versen.

Reclams Universal-Bibliothek Band 298, 3. Auflage 1976
Übersetzung nach: M. Val. Martialis Epigrammaton libri ed. Lindsay, Oxford 1902, et Heraeus, Leipzig 1925