04 Oktober 2024

Angela Stachowa: Geschichten für Majka

Klappentext:
Irgendwo, irgendwann geschieht etwas, das der Anfang vom Ende sein könnte. Da haben zwei ihre Probleme Wohnung, Eifersucht, Eltern. In einer Kneipe wird die Frau beschimpft. Ein Betrunkener, freilich. Schlimmer ist die Reaktion der anderen, die nichts hören wollen.
Am schlimmsten aber die Hilflosigkeit des Mannes.
Minutiös wird in einer anderen Geschichte dieses Bandes das letzte Stadium einer zerstörten Ehe analysiert. Die Partner verbringen noch einmal einen gemeinsamen Urlaub, des Kindes wegen. Entspringt diesem Ende der Neuanfang oder ist es die totale Kapitulation?
Angela Stachowas Geschichten erzählen von der Liebe und von ihrem Scheitern. Es sind bittere Geschichten, die in ihrer Konsequenz betroffen machen. Aber die Verabschiedung von Täuschungen und Selbsttäuschungen wie schmerzlich auch immer schließt Hoffnung nicht aus. Und so wird hier behauptet: Es sind Geschichten für Liebende.

Inhalt:
Geschichten für Majka .......... 6
Australische Romanze .......... 30
Sommerspiele .......... 65
Die Meerschweinchen unserer Kindheit .......... 116
In diesem Winter .......... 131
Das Fräulein Bärbel .......... 140
Viraika – Ein Märchen .......... 167

Schutzumschlag, Einband und Illustrationen: G. Ruth Mossner

Mitteldeutscher Verlag, Halle-Leipzig
1. Auflage 1978
2. Auflage 1980
3. Auflage 1982 

Angelika Vahlen: Weltwunder der Antike

Einbandtext:
Die legendären Sieben Weltwunder – die Pyramiden von Gizeh, die Mauern von Babylon, die »Hängenden Gärten« der Semiramis, das Zeusbild des Phidias, das Artemision von Ephesos, das Maussolleion von Halikarnassos und der Koloß von Rhodos – Größe, Schönheit, Kostbarkeit, Einzigartigkeit zeichneten sie aus.
Wo entstanden sie, wie sahen sie aus, wie wurden diese »Wunder« vollbracht?

Inhalt:
Die Sieben Weltwunder .......... 7
Die Pyramiden von Gizeh .......... 13
Rätselhafte Steinkolosse 13 Tod und Auferstehung des Osiris .......... 16
Die »Berge Pharaonis« .......... 18
Wie das »Wunder« vollbracht wurde .......... 24
Die Mauern von Babylon .......... 31
Geschichte der Stadt und ihrer Kultur .......... 31
Babylon und seine Befestigungen .......... 36
Die »Hängenden Gärten« der Semiramis .......... 48
Was uns Strabon berichtet .......... 48
»... die Mühe des Landbaues über den Köpfen der staunenden Besucher« .......... 52
Das Zeusbild des Phidias in Olympia .......... 59
Ein kurzes Kapitel griechischer Geschichte .......... 59
Heiliges Olympia .......... 64
Der Tempel des Zeus .......... 65
Die Werkstatt des Phidias .......... 67
»Der Gott, aus Gold und Elfenbein gebildet... « .......... 71
Das Artemision von Ephesos .......... 79
Die Stadt Ephesos .......... 79
Heiligtum der Göttin Artemis .......... 81
»Groß ist die Artemis der Ephesier!« .......... 89

Illustrationen von Jutta Hellgrewe
Einbandreihenentwurf: Helmut Selle

Urania-Verlag Leipzig,Jena,Berlin
Reihe:
akzent ; Nr.68
1. Auflage 1983 - 1. / 20. Tsd.
2. durchges. Auflage 1986 / 21. - 50. Tsd.
3. Auflage 1988

03 Oktober 2024

Helmuth M. Böttcher: Der Affe Waldemar – Eine heitere Geschichte

Buchanfang:
Es ist nicht hübsch, gleich mit höchstpersönlichen Angelegenheiten anzufangen und von Dingen und Tatsachen zu berichten, die andere Leute – vorsichtigere Leute, besser erzogene Leute – ihr Leben lang schön für sich behalten. Aber Milla hat nichts dagegen. Außerdem gehört es zur Geschichte. Und darum sei es also bekannt: Wir haben uns durch ein Zeitungsinserat kennengelernt. Wem das nicht paßt, der braucht nicht weiterzulesen. Er schützt sich auf diese Weise am sichersten davor, noch mehr Ungehörigkeiten zu erfahren.
So kam es also: Ich bin Landarzt, und Sie wissen, Frauenbekanntschaften hat man da genug. Übergenug! Aber soll man eine seiner Patientinnen heiraten? Folglich blieb mir gar keine andere Wahl. Und Milla ist Gemeindeschwester. Wissen Sie, was das bedeutet, Gemeindeschwester ausgerechnet in der üppigsten Weingegend am Rhein zu sein – genau zwischen dem goldenen Johannisberger, dem Teufelskädricher und dem Scharlachberger? Gehen Sie einmal hin, schauen Sie sich die Jungens an – nicht bloß einmal, sondern siebenmal oder siebzigmal und überdies als Gemeindeschwester – und dann sagen Sie mir, für wen Sie sich entschlossen haben:
So also ging es Milla, und so ging es mir. Und wir entschlossen uns zu dem zwar längst nicht mehr ungewöhnlichen, immer aber noch „gesellschaftlich unmöglichen“ Wege des Kennenlernens für 7,30 DM und 9,80 DM. Der höhere Preis wurde von Milla aufgewandt. Denn Frauen pflegen in solchen Fällen mehr zu sagen als Männer. Außerdem ist es auch nur gerecht; denn in Zukunft muß der Mann ja doch alles bezahlen. Und wenn's eine richtig anpackt, kommen die erhöhten Unkosten noch immer wieder heraus. So oder so!
Bei Milla jedenfalls hat sich's gemacht. Sie hat mich bekommen. Ob so ein Erfolg indes wirklich lohnt, ist eine andere Frage, die ich nicht entscheiden möchte, zumal jeder mich mit Recht wegen Befangenheit ablehnen könnte. Das nähere darüber steht in der Zivilprozeß- oder Strafprozeßordnung an der Stelle, wo vom Mißtrauen gegen die Unparteilichkeit eines Richters, Schöffen oder Gerichtsschreibers die Rede ist. Es gehört also nicht hierher.
Hierher gehört, daß Milla ein entzückendes Mädel ist. Da auch sie mich vorläufig noch ertragbar findet, so scheint das Experiment geglückt und nacheiferungswert. Ich jedenfalls habe mir fest vorgenommen, in Zukunft meine Frauen nur noch durch Zeitungsanzeigen zu suchen. Es gibt übrigens bei allen anständigen Blättern einen Wiederholungsrabatt, den man vorsorglicherweise am besten gleich bei dem ersten Inserat vereinbart. Man geht dabei selber kein Risiko ein. Nur die Zeitung ist verpflichtet. Selbst kann man noch immer heiraten, wen man will.
Das hat Milla mir gleich noch am ersten Nachmittag unserer Bekanntschaft eingestanden. Ich war zu taktvoll, ihr mit der gleichen Münze heimzuzahlen. Männer sind sowieso taktvoller als Frauen. Auch feiger! Aber gemerkt hab' ich es mir. Und vorgemerkt! Und über kurz oder lang ... ich will's nicht gerade hoffen, doch der Himmel wird schon helfen. So oder so!
Nun wird es eigentlich Zeit, mit der eigentlichen Geschichte zu beginnen. Weder Milla noch ich sind darin die Hauptpersonen, sondern ... Nun Sie werden schon sehen.
Um gleich einen kleinen Schwindel aufzudecken: ich habe mit den Sachen, die hier erzählt werden sollen, persönlich nichts zu tun. Richtiger gesagt: ich hatte von Anfang an nicht die geringste Absicht, mich in diese Dinge zu mischen, von denen ich mit gutem Recht annehmen durfte, daß sie mich nichts angehen könnten. Denn die kleine Liebesgeschichte mit Milla – das ist die scheußlichste Abkürzung des unverkürzt auch nicht hübscheren Namens Ludmilla – bandelte sich damals gerade an, und ich wußte noch nicht einmal, daß mein mutmaßlicher Schwiegeronkel Werckenthin heißen werde, Werckenthin wie ... Aber berichten wir der Reihe nach!
Daß sich die Geschehnisse dann schließlich überhaupt anreihten, daran trug niemand anderes die Schuld als der alte Oberkellner in der „Krone“ von Aßmannshausen und meine eigene Talentlosigkeit, mit der Gegenwart in einem Zeitpunkt fertig zu werden, wo sie noch Zukunft ist. Ich hätte mir zum Beispiel bloß mein Horoskop stellen zu lassen brauchen. „Seien Sie vorsichtig mit Bekanntschaften am frühen Morgen!“ Oder ich hätte an jenem Maimorgen im „Alten Haus“ frühstücken sollen, wie ich's eigentlich vorgehabt hatte. Auch eine Segelfahrt zum Loreleifelsen hätte alles anders fügen können. Leider fiel mir das alles zu spät ein.

Buchausstattung: Hans Jordan

Greifenverlag zu Rudolstadt
1. Auflage 1954 

02 Oktober 2024

Stefan Heym: Die Augen der Vernunft

Klappentext:
Stefan Heym erlangte durch seinen Roman „Kreuzfahrer von heute“ einen weltweiten literarischen Ruf. Unbekannt war bei uns bisher das Buch, das er unmittelbar auf die „Kreuzfahrer von heute“ folgen ließ und das inzwischen ebenfalls bereits Weltgeltung gewonnen hat, der 1951 noch in den USA erschienene Roman „Die Augen der Vernunft“. Dieser Roman kann nunmehr in einer deutschen Ausgabe vorgelegt und damit endlich auch breitesten Kreisen der deutschen Leserschaf zugänglich gemacht werden.
„Die Augen der Vernunft“ führen uns in die Tschechoslowakei nach dem Jahre 1945. Die drei Brüder Benda, Söhne eines Glasfabrikanten, sind sich einig gewesen im Kampf um die Befreiung ihres Landes. Jetzt, nachdem die Freiheit gewonnen ist, trennen sich ihre Wege. Der älteste, Joseph, glaubt mit der Wiederherstellung der früheren Zustände seinen eigenen Interessen und denen des Landes am besten zu dienen; Karel, der Arzt, steht treu zu seinen ehemaligen Mitkämpfern gegen den Faschismus und sieht das Heil für sein Land und Volk in einer völligen Neuordnung der Verhältnisse, während Thomas endlich, der Intellektuelle und Schriftsteller, sich aus theoretischen Bedenken um die Freiheit der Persönlichkeit zu keiner der beiden Richtungen bekennen will und an der unerbittlichen Wirklichkeit scheitert. So spiegelt die Auseinandersetzung der drei Brüder ein tragisches Dilemma des Bürgertums unserer Zeit wider.
Es ist die Größe des Romans als Kunstwerk, daß er unsere lebhafteste Anteilnahme für das Schicksal der drei Brüder Benda und der mit ihnen verbundenen, vom Dichter hervorragend gezeichneten Frauengestalten erregt und uns doch dabei sein zentrales Problem nicht aus den Augen verlieren läßt.
Stefan Heym schrieb mit den „Augen der Vernunft“ einen mitreißenden Roman und zugleich ein reifes Kunstwerk voll umfassender Menschlichkeit, in dessen eindrucksvollen Charakteren sich die widerstreitenden Kräfte und Mächte unseres Jahrhunderts in dichterischer Gestaltung verkörpern.

Vom Autor revidierte Übersetzung von Ellen Zunk
Titel der Originalausgabe: „The Eyes of Reason"

Schutzumschlag und Einband von Karl Wernicke

Paul List Verlag, Leipzig
1. Auflage 1955
2. Auflage 1956
3. Auflage 1957
4. Auflage 1959
5. Auflage 1960
6. Auflage 1961
7. Auflage 1963
8. Auflage 1964
9. Auflage 1966

01 Oktober 2024

Manfred Weinert: Selgo

Buchanfang:
Selgos Geschichte begann, als er noch gar nicht geboren war, und doch lebte er schon. Sie begann fast wie ein Märchen. Es war einmal ein Mädchen.
Es lebte in einer sehr kleinen Stadt. Jedermann kannte die Lustige, denn wenn sie lachte, hatten die Leute Spaß, und wenn sie lernte, bekam sie nur sehr gute Zensuren. Sie träumte davon, einmal als Ärztin den Schmerz aus der Welt zu vertreiben. Sie glaubte, ohne Schmerz wären die Menschen glücklich. So kam sie in die zehnte, elfte und zwölfte Klasse.
Sie tanzte gern. Einmal tanzte sie mit einem jungen Mann, den sie noch nie gesehen hatte. Ihr war aber, als hätte sie bereits von ihm geträumt. Sie verliebten sich, und weil sie sich wie Erwachsene liebten, blieben sie die ganze Nacht über zusammen. Doch wie das Mädchen am Morgen erwachte, war sie allein.
Eines Tages erschrak sie. Sie bekam ein Kind. Sie wollte nicht traurig sein. Sie glaubte, unbefangen zur Schule zu gehen, arglos wie immer zu lachen, und sie wollte ausgelassen wie jeden Tag sein. Doch die anderen merkten die Veränderung, lachten nicht mehr so heiter mit, blickten besorgt, wie andere die Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Da wurde das Mädchen unsicher und verlernte nach und nach zu lachen.
Ihre Eltern waren untröstlich und von ihrer Tochter tief enttäuscht. Sie redeten kaum mit ihr. Die Menschen in den Straßen blickten seltsam vorwurfsvoll, und es gab Mädchen und Jungen in ihrer Klasse, die nicht mehr mit der Kameradin sprachen.
Ein Arzt hielt zu ihr. Zwei Lehrer bemühten sich, sie zu ermutigen. Drei, vier Freundinnen ihrer Klasse besuchten sie zu Hause, wobei eine jede bat, es niemandem zu verraten. Das machte das Mädchen noch mutloser. Sie packte ihre Sachen in zwei Koffer und nahm alles Geld, das ihr gehörte. In ihr wuchs ein Kind heran, und sie dachte: Hier sieht mich niemand wieder! Sie verließ ihre Eltern heimlich, und sie trug die schweren Koffer ganz allein. Sie begegnete vielen Menschen. Keiner hielt sie auf.
Die Frau hinter dem Bahnhofsschalter lächelte, als wollte sie sagen: So ist es recht! – Das Mädchen zählte ihr alles Geld hin und fragte: „Wie weit kann ich dafür reisen?“
Die Frau hinter dem Schalter blätterte in einem dicken Buch und begann die Namen aller Orte vorzulesen, bis zu denen das Mädchen für ihr Geld fahren konnte: „Angertal, Auergrund, Dittelheim, Eulsenstuhl, Fallenbruch, Groß-Waldhalde ...“
„Nach Groß-Waldhalde“, bat die junge Auswanderin, denn der Name gefiel ihr. Er klang, als sei die Landschaft dort dem Menschen freundlich und als wären die Menschen nicht wie in dieser kleinen Stadt.
Dann saß das Mädchen im Zug und dachte an ihr Kind. Sie sagte sich: Ich habe ein neues Ziel. Das russische Wort für Ziel ist sel. Der Weg bis zu diesem Ziel wird mir schwer wie der Aufstieg auf einen Berg werden. Das russische Wort für Berg ist gora. Wenn mein Kind ein Mädchen wird, soll es Selgora heißen. Wird es ein Junge, nenne ich ihn Selgo.
So begann Selgos Geschichte, obwohl er noch gar nicht geboren war. Deshalb konnte er auch nicht rufen: Fahr nicht nach Groß-Waldhalde! Dort sind die Menschen wie in dieser kleinen Stadt. Du findest freundliche und andere. Bleib hier. Bitte! Selgo mußte sich den Anfang seiner Geschichte ganz einfach gefallen lassen.

Illustrationen und Umschlagentwurf von Hans Wiegandt
Für Leser von 10 Jahren an

Gebrüder Knabe Verlag, Weimar
Reihe:
Knabes Jugendbücherei
1. Auflage 1979
2. Auflage 1981

Auch erschienen bei:
Postreiter-Verlag, Halle
Reihe: Kleine Jugendbücherei
1. Auflage 1985

28 September 2024

Entlang dem Goldenen Ring Rußlands – Bildreisführer

Buchanfang:
Die Schönheit altehrwürdiger Städte, der unvergängliche Wert von Geschichts- und Baudenkmälern, die goldenen Kuppeln von Kirchen, das herbstliche Gold der Wälder und Fehler sowie die lebendige, unlösliche Verbundenheit der Städte, entstanden an uralten, von Moskau gen Norden und Osten führenden Wegen, haben die gehaltreiche Metapher „Goldener Ring“ hervorgebracht. Hier ist von alters her die russische Kultur verwurzelt. In den Städten des „Goldenen Rings“ sind bis in unsere Tage Denkmäler aus dem 12. bis 17. Jahrhundert erhaltengeblieben: Erdwälle der Städte und Festungsmauern alter Klöster, Kirchen aus weißem Stein und Meisterwerke der Holzbaukunst, Fresken und Ikonen, Vielfarbmajolika und Holzschnitzereien. Der „Goldene Ring“, eine der beliebtesten Reiserouten von Touristen, führt durch mehrere Gebiete der sogenannten Nichtschwarzerdezone.
In den ländlichen Gegenden sind großangelegte Meliorationsarbeiten in Angriff genommen worden. Die hiesigen Ortschaften vergrößern sich, die Agrarproduktion wird mechanisiert.
Auch die alten Städte des „Goldenen Rings“ sind vom stürmischen Wachstum ergriffen. Errichtet werden Betriebe und Forschungsinstitute, Kulturhäuser und allgemeinbildende Schulen, Hochschulen und Fachschulen, Fernsehstudios und Druckereien. Für den Touristenstrom werden Servicezentren geschaffen. Hier pulsiert das dynamische, von alltäglichen Sorgen und Freuden erfüllte Leben unserer Zeit.
Unter all den Aufgaben in dieser Region steht mit obenan, die alten Städte des „Goldenen Rings" in ihrer historischen Urwüchsigkeit zu bewahren.

Inhalt:
Sagorsk .......... 16
Pereslawl-Salesski .......... 56
Rostow Weliki .......... 88
Jaroslawl .......... 124
Wladimir .......... 162
Susdal .......... 190
Iwanowo .......... 228

Text: Juri Bytschkow und Wladimir Dessjatnikow
Aus dem Russischen von Harry Naujoks
Fotos. Wadim Tushikow, Lew Weismann, Wadim Gippenreiter, Vitali Doroshinski, Lew Raskin, Jewgeni Rjabow

Planeta-Verlag Moskau
1. Auflage 1980
2. Auflage 1984
3. Auflage 1988

Rosemarie Klaus: Der böse Geist des Niagarafalls – Märchen nordamerikanischer Indianer

Buchanfang:
Der böse Geist des Niagarafalls
Hell funkelten die Sterne über Wälder und Blumen, über Hügel und schlafende Felder. Die Winde ruhten aus in den Höhlen der Felsen, und ruhig strömten die Wasser des breiten Flusses dahin. Aus dem Dunkel des Waldes traten ein Jüngling und ein Mädchen ins Freie. Grimmig wie ein Wolf schaute der junge Indianer drein, aber mild wurde sein Blick, als er sich an seine Begleiterin wandte:
„Ruhe nun aus, Anutha, hier sind wir sicher. Deine Sippe hat die Verfolgung aufgegeben. Streck die müden Glieder, indes ich ein Kanu suche, das uns ans andere Ufer zu meinen Stammesbrüdern bringen soll. Dort werde ich für uns ein Haus bauen, und jeder Tag wird neue Freude für uns beide sein.“ Aber das Herz des Mädchens war von bangen Ahnungen erfüllt:
„Laß mich nicht allein, Moscharr! Horch, wie böse das Wasser rauscht!“
„Schließ die Augen und ängstige dich nicht“, beruhigte Moscharr das Mädchen, „bald bin ich wieder bei dir.“ Leichtfüßig eilte er davon, doch Anutha fand keine Ruhe. Ihre Hände bebten vor Furcht, und immer noch flüsterte sie: „Laß mich nicht allein, laß mich nicht allein!“
Aber nicht lange dauerte es, da hörte sie den festen Tritt des Geliebten. Lachenden Auges stand er vor ihr und sagte:
„Ich bin's. Sei frohen Mutes. Am Ufer wartet ein Kanu, das uns schnell und sicher in die Heimat führen wird.“ Befreit von aller Angst sprang Anutha ins Boot, der Jüngling hinterdrein, und ruhig glitten sie stromabwärts.
Aber bald fragte das Mädchen verwundert ihren Begleiter: „Sag, Moscharr, wohin führst du das Kanu? Merkst du nicht, wie die Strömung uns fortreißt?"
„Sei unbesorgt, Anutha, wir treiben ans Ufer.“
Nun drang es wie Donnergrollen an ihr Ohr.
„Moscharr, wohin führst du das Boot? Was wir hören, kann der Donner nicht sein, denn ich sehe keine Wolken am Himmel. Es kann auch die erzürnte Stimme des Großen Geistes nicht sein, denn er ist den Irokesenmädchen freundlich gesinnt.“
„Bleib ruhig, Anutha, die Nacht ist schön, laß uns ein wenig stromab treiben. Ich vermag das Boot jederzeit ans sichere Ufer zu lenken.“
Pfeilschnell glitten sie unter den glitzernden Sternen dahin. „Moscharr, was bedeutet das Tosen und Krachen, das immer näher kommt?“
„Es ist der Sturm, der durch die Wipfel der hohen Bäume braust.“
Immer lauter wird das Donnern und Tosen, immer schneller wird die Fahrt. So treibt das Kanu dem furchtbaren Wasserfall, dem wilden Oniagarah zu. Keine Träne dringt aus den Augen des Mädchens, keine Klage kommt über ihre Lippen. Moscharr ist ja bei ihr. An seiner Seite kann sie der Tod nicht schrecken.
Als aber das Boot an einem Uferfelsen vorüberfliegt, der weit in den Strom hineinragt, stößt Anutha einen gellenden Schrei aus. Denn oben, am Rande des Felsens, sieht sie den Geliebten stehen. Entsetzen verzerrt sein Gesicht. Verzweifelt streckt er die Arme nach ihr aus und ruft ihren Namen. Aber der Strom reißt das Boot mit sich fort. In wilder Angst schaut Anutha auf ihren Begleiter:
„Wer bist du, der du die Gestalt Moscharrs angenommen hast? Was willst du von mir?“
Der andere schweigt, aber in seinen Augen leuchtet es unheimlich auf. Und schon wird das Kanu vom Strudel gepackt, dreht sich wild im Kreis und stürzt dann mit den donnernden Wassern in die Tiefe.
Auf dem Uferfelsen aber steht Moscharr, als wäre er zu Stein erstarrt, und sieht, wie das Boot seinen Blicken entschwindet. Wer war es, der seine Gestalt angenommen und Anutha entführt hat? Nur einer ist solch böser Zauberei fähig! Der gefürchtete Geist des Niagarafalls! Niemals mehr wird Moscharr die Geliebte wiedersehen.

Inhalt:
Der böse Geist des Niagarafalls
       Märchen der Irokesen .......... 5
Die Rache des Sokumapi
       Märchen der Algonkin .......... 12
Die dankbare Steinriesin
       Märchen der Irokesen .......... 18
Die heilenden Wasser
       Märchen der Irokesen .......... 25
Bärenfell und die sieben Brüder
       Märchen der Algonkin .......... 31
Die Geschichte von Kutoyis
       Märchen der Algonkin .......... 38
Algon und das Sternenmädchen
       Märchen der Algonkin .......... 48
Die Menschenschlangen
       Märchen der Dakota .......... 57
Großkopf und die zehn Brüder
       Märchen der Irokesen .......... 64
Mon-da-min, die Gabe Manitus
       Märchen der Algonkin .......... 72
Wie der Biberzauber zu den Algonkin kam
       Märchen der Algonkin .......... 76
Glooskap, der Schöpfer der Welt
       Märchen der Algonkin .......... 85
Sayado und die Donnermänner
       Märchen der Irokesen .......... 94
Die Weidenmänner
       Märchen der Irokesen .......... 102
Schildkröte und das gelbe Büffelkalb
       Märchen der Caddo .......... 112
Napi und der Büffeldieb
       Märchen der Algonkin .......... 120
Biber und Stachelschwein
       Märchen der Athapasken .......... 127
Schwarzfalke und der Wunderrappe
       Märchen der Caddo .......... 135
Das Steinerne Kanu
       Märchen der Athapasken .......... 144
Genetaska, die Hüterin des Friedens
       Märchen der Irokesen .......... 151

Einband und Illustrationen von Günther Lehmann

Alfred Holz Verlag, Berlin
1. Auflage 1960
2. Auflage 1961
3. Auflage 1965
4. Auflage 1973
5. Auflage 1976
6. Auflage 1983



Cover der 1. und 2 Auflage; Illustration: Ruprecht Haller
Cover der 3. Auflage; Illustrationen: Günther Lehmann


Cover der 4. bis 6. Auflage;
Illustrationen: Viera Bombová;
ersch. in der Edition Holz im Kinderbuchverlag