25 Februar 2025

Wolfgang Trampe: Die Kuckucksuhr

Buchanfang:
Brüder
Langsam ging ich auf den Eingang zu. Die Leute glitten an mir vorüber. Der Eingang war schmal und hoch, ich hatte schon viele daraus hervorquellen sehen, die Blicke geradeaus gerichtet, mit Koffern und Taschen.
Die Bahnhofshalle glänzte kalkweiß. Die Fahrkartenschalter waren geschlossen, wie eine Reihe von Vögeln lagen sie da. Vorhänge hingen herab, die die kleinen runden Öffnungen verstopften, und auf den Zahltellern nistete Staub. Es roch nach Urin und Toilettenartikeln, und diese Gerüche mischten sich mit der frischen Luft, wenn die Pendeltür schwang und eine Gruppe von hastenden Leuten hereinkam, blicklos die Treppe meisterte, die Koffer schwingend, mit Gebärden, hinter denen die Lust des Reisens als etwas sehr Anstrengendes erschien.
Die Leute aus dem schmalen Eingang liefen an mir vorbei. Ich wunderte mich, daß sie so sehr sich selbst zugewendet waren. Die Taschen hingen an ihren Händen wie Blei, auf einem festen Kurs steuerten sie durch die Vorhalle, nahmen die Gerüche, das Licht auf ihren Wegen mit. Einen Augenblick schien es mir, als sähe ich anonyme Wesen, die, jedes für sich, auf die Reise gegangen waren, und die, angekommen, sich in den großen Strudel der anderen Städte verloren, als wäre es das verwandelte Zuhaus.
Ich ging auf den Eingang zu. .......

Inhalt:
Brüder 5
Schach 73
Landaufenthalt 90
Lähmung 107
Erna 127
Die Geschichte mit dem Pferd 132
Nachruf auf ein Spiel 141
Theater 152
Frau Pechmann 186
Die Kuckucksuhr 205

Mit 8 Grafiken von Sabine Kahane

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
1. Auflage 1980
2. Auflage 1982

24 Februar 2025

Reinhold Andert

Reinhold Andert singt trocken, etwas heiser manchmal und versteht sich aufs Parodieren. Seine Lieder haben die Leichtigkeit, das Eingängige und vor allem das Informative von Volksliedern.
Franz Josef Degenhardt

Reinhold Andert, geboren am 26. März 1944 in Teplitz (heute Teplice, ČSSR). Grundschulbesuch in Sömmerda, 1958 bis 1962 Bischöfliches Vorseminar in Schöneiche, anschließend Orgelbauerlehre in Gotha; 1964 bis 1969 Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin; bis 1972 Assistent an der Musikhochschule Hanns Eisler; 1967 Gründungsmitglied des Oktoberklubs, Mitgliedschaft bis 1973; 1973/74 Leiter der Liedgruppe beim Organisationskomitee der X. Weltfestspiele, seitdem freiberuflich als Liedermacher; Vortragsreisen in die Sowjetunion, die BRD und nach Österreich.

Umschlagvignette und Grafik: Renate Herfurth

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Poesiealbum 123
1. Auflage 1977

Ferdinand Freiligrath

Seitdem dieser hier zu singen angefangen, sind wir alle Spatzen. Adelbert von Chamisso. Ich schätze denselben hoch, und ich zähle ihn zu den bedeutendsten Dichtern, die seit der Juliusrevolution in Deutschland aufgetreten sind.
Heinrich Heine

Ferdinand Freiligrath, geboren am 17. Juni 1810 in Detmold. Sohn eines Lehrers; Gymnasium in Detmold; 1825-1831 kaufmännische Lehre; 1832-1836 kaufmännischer Angestellter in Amsterdam, dann in Soest, Barmen. Darmstadt; 1842 Übersiedlung nach St. Goar am Rhein; als er sich von der revolutionären Stimmung des deutschen Bürgertums mitgerissen zum politisch engagierten Lyriker zu entwickeln begann, wurden seine Gedichte verboten; verweigerte 1844 die weitere Annahme der 1842 ausgesetzten königlichen Pension; emigrierte nach Belgien, später in die Schweiz und nach England; in Brüssel 1845 Freundschaft mit Karl Marx, in Zürich Bekanntschaft mit Gottfried Keller; Verbindung mit deutschen Demokraten (Follen, Fröbel, Ruge); Mai 1848 nach Düsseldorf, Bekanntschaft mit Ludwig Feuerbach, Robert Blum; schloß sich dem Volksverein an, Ehrenmitglied des Kölner Arbeitervereins; Juli August 1848 Delegierter der Demokratenkongresse in Frankfurt/Main und Köln; wegen des Gedichts Die Toten an die Lebenden Verhaftung und Prozeß, Freispruch unter dem Druck der revolutionären Verhältnisse; Oktober 1848 Eintritt in die Redaktion der Neuen Rheinischen Zeitung: 1849-1853 Mitglied des Bundes der Kommunisten und seiner Zentralbehörde; nach dem Scheitern der bürgerlichen Revolution Differenzen mit Marx und Engels; Flucht nach Holland, Ausweisung; 1851 erneutes Exil in London; 1856-1865 Leiter einer Schweizer Bankfiliale; 1868 (nach Amnestierung und Überreichung einer finanziellen Ehrengabe) Rückkehr nach Cannstatt; lehnte in den letzten Lebensjahren als „alter Achtundvierziger“ und Gegner Bismarcks alle „reichsamtlichen“ Ehrungen ab. Ferdinand Freiligrath starb am 18. März 1876 in Cannstatt. Gedichtbände: Gedichte (1838), Gedichte (1841), Gedichte zum Besten des Kölner Doms (1842, zus. mit E. Duller), Ein Glaubensbekenntnis (1844), Leipzigs Toten (1845), Ça ira (1846), Zwischen den Garben (1847/49), Neuere politische und soziale Gedichte (1849 und 1851, zwei Hefte), Neue Gedichte (1877), Nachgelassenes (1883); Ausgaben: Gesammelte Dichtungen (1870/71), Sämtliche Werke (1907), Werke (1962), Gedichte (1973) und andere.

Auswahl für dieses Heft: Bernd Jentzsch
Umschlagvignette und Grafik: Herbert Sandberg

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Poesiealbum 102
1. Auflage 1976  

23 Februar 2025

Wolfgang Zeiske: Im Rotwildrudel

Einbandtext:
Ein Hirschkalb wird geboren, verbringt die ersten Lebenstage mit der Mutter, dann schließen sich beide wieder dem Rudel an. Das Hirschkalb wächst im Laufe des Jahres zu einem gesunden kräftigen Tier heran.
Während dieser Zeit begleitet der Leser das Rotwildrudel bei vielen Erlebnissen.

Buchanfang:
Als vor vielen Jahrhunderten die ersten Menschen an den Ufern der Seen und des kleinen Flusses siedelten, schaute ihnen der Wald in die hölzernen Hütten.
Abgelegen, wenig erschlossen ist dieses Gebiet im Nordosten Mecklenburgs noch zu unserer Zeit. Selten, daß Ferienreisende oder Urlauber dorthin gelangen.
Und auch heut ist hier mehr Wald als Feld. Es müßte schon ein rüstiger Fußgänger sein, der ihn in fünf Stunden von Süd nach Nord, in einem Tagesmarsch von West nach Ost durchqueren wollte.
Keine feste Straße führt durch den Wald. Breite Sandwege schlängeln sich in vielen Windungen dahin. Von ihnen führen schnurgerade Schneisen weg, scheinen sich zwischen den endlosen Reihen der Bäume zu verlieren. Aus dem Wald ist bewirtschafteter Forst geworden.
Zwischen Kiefern und Fichten ragen hier und da jahrhundertealte Eichen und Buchen. Sie zeigen an, daß einst Laubhölzer überwogen.
Wer allerdings erwartet, eine wohlgepflegte Baumschule zu finden, täuscht sich sehr. Viel Ursprüngliches hat der Wald bewahrt, haben die Menschen gehütet, die ihn nutzen.
Dichte Schonungen bieten vielem Getier Schutz vor Sicht und Feinden; und auch dort, wo im Abstand von vielen Metern starke Kiefernstämme rötlich leuchten, hindert mannshoher Unterwuchs den Blick, weit zu schweifen.
Lichte Birkenschleier längs der Wege lassen das düstere Grün der Nadelbäume freundlicher erscheinen.
Kleine Lichtungen und Blößen, langgestreckte Wiesen sind allenthalben zu finden. Seen umkränzen den Wald; zwei der größten breiten sich mitten zwischen hohen Bäumen und jungen Kulturen.
Der einsame Wanderer oder Pilzsucher erblickt häufig ein Rudel Hirsche, eine Rotte schwarzborstiger Wildschweine, sieht Meister Reineke wie einen roten Schatten über die Schneise gleiten, beobachtet Hasen, die an sonnigen Stellen spielohren und sich den Balg bescheinen lassen – Menschen trifft er nur selten, es sei denn den Förster oder einige Waldarbeiter.
Auch der Angler, der an verborgenem Lauerort zwischen Schilf und Rohr am Seeufer den Schleien oder Brachsen nachstellt, mag den Fischadler erspähen, der über dem Wasser entlangstreicht und Beute sucht; er mag Bleßhühnern und Enten zuschauen, die sich behaglich in flachen Buchten tummeln oder einander aus ihren Revieren vertreiben. Sein Ohr wird den Ruf der Großen Rohrdommel vernehmen, dumpf dröhnend, oder das Meckern der Bekassine – Menschen wird der Angler kaum erblicken, wenn nicht gerade der Fischer sein schweres Boot über den See stakt, um Reusen aufzunehmen oder zu stellen.

Der Frühling kam zeitig. Schon im Februar schmolz Föhnsturm den Schnee. Wenige Wochen später waren nur an dunklen überwindigen Stellen oder an hohen Wegrändern noch einige schmutzigweiße Krusten zu erblicken.
Die Sonne stand länger am Himmel, gewann Kraft. Es wurde warm. Saat schoß empor. Nun, im Mai, stand sie bereits mehr als kniehoch.
Über Nacht hatte es geregnet, doch gegen Morgen drangen die Strahlen der Sonne wieder durch graue Wolkenschleier. Tau glänzte auf Gräsern und Halmen.
Im lichten Altholz zog gemächlich ein Rudel Rotwild, ließ sich die nassen Felle trocknen, nahm hier und da ein Büschel Halme auf. Fünf Alttiere waren es. Zwei von ihnen führten noch das Kalb des Vorjahres.
Seltsam ruppig sahen die Felle aus, nicht nur wegen der Nässe. Langsam wich das Grau des Winterhaares der dünneren roten Behaarung im Sommer.
Höher stieg die Sonne. Langsam trollte das Rudel weiter waldeinwärts, der Fichtenschonung zu, mehr als tausend Schritt vom Altholz entfernt. Dort hatten die Tiere ihren sommerlichen Aufenthalt bezogen.
Ein Alttier blieb stehen und äugte dem davonziehenden Rudel nach, als gehöre es nicht mehr dazu. Das Kalb blieb bei der Alten.
Eine ganze Weile verharrte das Tier, verließ endlich den gewohnten Wechsel, ......

Illustrationen von Heinz Rodewald
Für Leser von 10 Jahren an

Der Kinderbuchverlag, Berlin
1. Auflage 1979
2. Auflage 1982
3. Auflage 1985

Der gestohlene Regen – Die schönsten Pioniergeschichten der letzten dreißig Jahre

Einbandtext:
Jede Nacht gießt es in Strömen, doch morgens enthält das Regenmeßbecken nur 1,4 mm Niederschlag. Die Jungen Meteorologen sind ratlos. Und der Bezirkswetterdienst nennt ihr Meßergebnis schlichtweg einen Humbug. Lagerschwester Liesel könnte helfen, denn sie hat ihn beobachtet, den Regendieb. Aber es dauert noch eine ganze Weile, ehe sie das Geheimnis der Zwillinge lüften kann ... Zwölf bekannte Autoren lassen in ihren Geschichten den Alltag der Pioniere, über drei Jahrzehnte hinweg, lebendig werden. Heiter und nachdenklich erzählen sie von den Wünschen und Sorgen der Kinder in den Jahren des schweren Neubeginns, stimmen sie ein Loblied auf die empfindsamen Kinder an und zeigen, welche Probleme man mit Pionierleitern haben kann.


Inhalt:
Gerhard Holtz-Baumert -- Pflaume und die Dialektik .. .. .. 5
Herbert Friedrich -- Dienst am Sonntag .. .. .. 17
Christamaria Fiedler -- Am Montag kommt Maria .. .. .. 30
Siegfried Weinhold -- Ehrlich fährt am schnellsten .. .. .. 47
Willi Meinck -- Die nächtliche Bootsfahrt .. .. .. 58
Uwe Kant -- Alfred und der Schief-Inspektor .. .. .. 66
Edith Bergner -- Begegnung auf der Halde .. .. .. 79
Lilo Hardel -- Maxel, die Schnee-Eule .. .. .. 89
Joachim Nowotny -- Die Kastanien von Zodel .. .. .. 105
Helga und Hansgeorg Meyer -- Der gestohlene Regen .. .. .. 115
Joachim Nowotny -- Die Riesenrolle .. .. .. 123
Siegfried Weinhold -- Meine liebe Not mit dem Rowdy .. .. .. 130
Lilo Hardel -- Lisbeths großer Auftritt .. .. .. 138
Gunter Preuß -- Ferdi und Ellen lieben sich 1.. .. .. 58
Jens Bahre -- Clemens oder Die große Veränderung .. .. .. 165

Einband und Illustrationen von Ursula Pritzel
Für Leser von 9 Jahren an
   
Der Kinderbuchverlag, Berlin
1. Auflage 1982
2. Auflage 1984  

22 Februar 2025

Paul Elgers: Die Marquise von Brinvilliers – Roman nach Akten der Bastille

Buchanfang:
Herr Claude von Sainte-Croix, Major beim Kavallerieregiment Trossi, erhielt ein geräumiges Zimmer im Mittelbau der Bastille zugewiesen. Die Lettre de cachet befahl für den Geliebten der Marquise von Brinvilliers Gefängnis zweiter Klasse.
In der ersten Klasse befanden sich vornehme, verschwenderische Herren, die der Namenszug Ludwigs XIV. vor dem Schimpf einer öffentlichen Anklage bewahrt hatte. Für sie war die Bastille ein keineswegs ehrenrühriges Gewahrsam. In aller Ruhe konnte man Besuche empfangen und seine zerrütteten Finanzen ordnen. Die Herren bewohnten beinah üppig ausgestattete Wohnungen, hatten das Recht auf eigene Dienerschaft, und der Gouverneur rechnete es sich zur Ehre, diese Gefangenen zum Essen einzuladen. Die Herren erholten sich ausgezeichnet, unternahmen gemeinsame Spaziergänge auf dem Wall, und das Gefühl der absoluten Sicherheit vor ihren Gläubigern und vor dem nicht standesgemäßen öffentlichen Skandal machte sie heiter und sorglos. Ihre Hauptmahlzeit bestand aus drei Gängen, zwei Flaschen Wein und einer Flasche Champagner; letztere wurde oft mit Gästen auf das Wohl des väterlichen Monarchen geleert, der für seine Edelleute ein solch ausgezeichnetes Sanatorium geschaffen hatte. Die Gefangenen der zweiten Klasse kamen mit denen der ersten nicht zusammen. Die zweitklassigen Herren hatten weniger Gelegenheit zum Spazierengehen, durften aber je nach Vermögen ihre Tafel verbessern und sich einen Diener halten. Auch Besuche waren nach vorheriger Rückfrage beim Gouverneur gestattet. Zu seiner Tafel wurden sie nicht gebeten. Verarmte, verschuldete und leichtsinnige Offiziere, die in anvertraute Kassen zu tief gegriffen hatten, Herren vom Hofe, in peinliche Liebesaffären verwickelt, Duellanten, deren zeitweiliges Verschwinden sie vor der Rache der Angehörigen ihres Opfers schützte diese ganze adlige Sippschaft war der Gnade oder Ungnade des Königs ausgeliefert.
Das galt auch für Sainte-Croix. „Ein Jahr Bastille“ lautete der königliche Befehl. Ein Jahr, abgeschlossen von der Welt seiner Vergnügungen, des sorglosen Lebens: Sainte-Croix glaubte es nicht überstehen zu können.
Claude war ein schöner Mann. Als er in Paris eintraf, besaß er nichts; aber weil er nichts besaß, liebte er die Verschwendung und machte arglos Schulden. Claude war ein schöner Mann. Das war sein Kapital.
Die dunkle Lockenperücke ließ seine hohe, breite Stirn voll zur Geltung kommen. Die gerade, feste Nase, darunter das elegante Bärtchen über der sinnlich geschwungenen Oberlippe verliehen ihm ein beinahe energisches Aussehen. Sein Gesicht verschmälerte sich von der Stirn nach unten, endete in einem kleinen, flachen Kinn, das ein dünner Spitzbart verlängerte. Claudes Augen waren von glänzendem Schwarz, wanderten ständig unruhig umher, aber auf einen Punkt oder den Gesprächspartner konzentriert, wirkten sie seltsam bezwingend. Als ausgezeichneter Gesellschafter – er konnte besonders aufmerksam zuhören – und geistreicher Plauderer hatte er in den letzten Jahren seine Stellung in vornehmen Pariser Häusern gefestigt. Die Marquise von Brinvilliers führte ihn dort ein; zuvor hatte sie dem an ihren Gatten verschuldeten Hauptmann Sainte-Croix ein Majorspatent gekauft. Und Claude gewöhnte sich sehr bald daran, das Geld der Marquise mit vollen Händen auszugeben.
Ein Jahr Bastille!
Man wird ihn vergessen – den aus dem Nichts hochgekommenen Abenteurer mit falschem Namen ...
Sainte-Croix lief verbittert auf und ab, stieß an plumpe, ungefüge Möbel, und seine Schritte hallten wider von der hohen, feuchten Decke. Langsam beruhigte er sich. Es hätte schlimmer kommen können: Verbrecher ohne adligen Namen saßen tief in den Türmen der Bastille, und die meisten gingen dort wohl elend zugrunde. ‚Niemand darf meinen wirklichen Namen erfahren’, überlegte Sainte-Croix. ‚Sonst bin ich verloren. Aber nein, ich bin so lange nicht verloren, wie Marie-Madeleine zu mir hält und mich liebt. Und sie wird mich weiterhin lieben, denn ich habe sie die Liebe erst gelehrt. Und somit werde ich genug Geld haben, um mir hier in der Bastille das Leben so angenehm wie möglich zu machen.’ Er nahm das als Tatsache, und schon kehrte seine freche Selbstsicherheit und der Hochmut zurück. Marie-Madeleine wird ihn nicht im Stich lassen. Seine beschämende Verhaftung muß ihren Stolz schwer verletzt haben. In diesem Zustand rast eine leidenschaftliche Frau vor Liebe und Zorn. Ihre Liebe wird er stillen und ihren Zorn lenken müssen.
Sainte-Croix stieß die Tür auf und trat in den dämmerigen Gang. Ein Soldat hockte auf dem Sims eines der beiden hohen Bogenfenster; er hatte die Arme verschränkt und starrte den Major gelangweilt an. Seine blauen Augen blinzelten in schläfriger Mattigkeit. Sainte-Croix fischte ein Goldstück aus der weiten Tasche seines langschößigen Rockes und warf es dem Soldaten zu. „He, der Bursch da“, schnarrte er hochmütig, „ich wünsche Polizeihauptmann Régnier zu sprechen. Beeile dich, oder ich mache dir Beine!“ Der Soldat fing geschickt die Münze auf, grinste frech und schlenderte gähnend den Gang hinunter. ‚Im Elend ist der Herr von seinem Knecht abhängig’, dachte Claude verärgert. Ich darf es also gar nicht erst zum äußeren Elend der Besitzlosigkeit kommen lassen. Er trat zurück ins Zimmer, setzte sich gelassen auf den hochbeinigen Stuhl, warf das rechte Bein über das linke, zupfte an den koketten Spitzenmanschetten der Hose knapp unter dem Knie, stützte den linken Arm in die Hüfte, wartete.

Illustrationen von Walter Nauer
 
Greifenverlag zu Rudolstadt
1. Auflage 1964
2. Auflage 1965
3. Auflage 1966
4. Auflage 1967
5. Auflage 1970
6. Auflage 1978 
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Einbandtext:

Die berüchtigte Giftmischerin, deren Spuren Paul Elgers historischer Roman auf Grund dokumentarischen Materials nachgeht, war eine der schönsten adligen Frauen in der äußerlich so glanzvollen Epoche des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV.
Schuldig befunden des Mordes an ihrem Vater, an den beiden Brüdern und anderen ihr im Weg stehenden Menschen, bestieg die Marquise von Brinvilliers im Jahre 1676 das Schafott.

Greifenverlag zu Rudolstadt
Reihe:
Greifen-Kriminal-Roman
1. Auflage 1984  

Ernesto Cardenal

Dichtung muß in einem Stadium der Weißglut geschrieben werden, mit offenen Eingeweiden, geschüttelt von elektrischen Stößen; nur so werden alle Kräfte der Liebe und des Hasses, der Schönheit und der Schmach freigelegt.
Ernesto Cardenal

Ernesto Cardenal, geboren am 23. Januar 1925 in Granada/Nicaragua. Sohn wohlhabender Eltern, die einer Patrizierfamilie spanischer Abkunft entstammen; Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Mexiko und in den USA; Begegnung mit Ezra Pound; 1954 Rückkehr nach Nicaragua, politische Untergrundarbeit und Teilnahme an der Aprilrebellion gegen die seit 1933 regierende Somoza-Diktatur; Verfolgung; entgeht durch glückliche Umstände der Verhaftung und tritt 1957 in das Trappisten-Kloster Gethsemani in Kentucky/USA ein; nach zweijähriger Klosterzeit als Novize Studium der Theologie in Le Ceja (Antioquia/Kolumbien); Dozent an der Universität Medellin/Kolumbien; Zwischenaufenthalt in Cuernavaca/Mexiko; Rückkehr nach Nicaragua; Promotion (Sehnsucht und Sprache in der neuen Lyrik Nicaraguas); 1965 Priesterweihe; gründet 1966 auf der Insel Mancarrón, die zur Solentiname-Gruppe im Großen See von Nicaragua gehört, eine christliche Kommune, in der er auf genossenschaftlicher Grundlage unter indianischen Bauern lebt; 1973 Reisen nach England, in die BRD und in die DDR. Ernesto Cardenal bildete zusammen mit Carlos Martínez Rivas und Ernesto Mejía Sanchez die maßgebliche Gruppe der Generation von 1940. Gedichtbände: Die Stunde Null (1960), Gethsmani Ky (1960), Epigramme (1961), Psalmen (1964), Gebet für Marilyn Monroe und andere Gedichte (1965), Die ungewisse Meerenge (1966), Für die Indianer Amerikas (1969), Nationallied für Nicaragua (1972), Orakel über Managua (1973), Reise nach New York (1973) und andere; deutschsprachige Ausgaben: Zerschneide den Stacheldraht (1967), Das Buch von der Liebe (1971), Gebet für Marilyn Monroe und andere Gedichte (1972), Für die Indianer Amerikas (1973), Orakel über Managua / Nationallied für Nicaragua / Reise nach New York (1974).

Auswahl für dieses Heft: Bernd Jentzsch
Übertragen von Stefan Baciu und Anneliese Schwarzer de Ruiz
Umschlagvignette und Grafik: Nuria Quevedo

Verlag Neues Leben, Berlin
Reihe:
Poesiealbum 101
1. Auflage 1976