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16 Februar 2025

Günter Grass: Katz und Maus

Verlagstext:
»... doch soll nicht von mir die Rede sein, sondern von Mahlke oder von Mahlke und mir, aber immer im Hinblick auf Mahlke, denn er hatte den Mittelscheitel, er trug hohe Schuhe, er hatte mal dieses mal jenes am Hals hängen, um die ewige Katze von der ewigen Maus abzulenken, er kniete vor dem Marienaltar, war der Taucher mit dem frischen Sonnenbrand, war uns immer, wenn auch häßlich verkrampft, ein Stückchen voraus und wollte, kaum hatte er das Schwimmen gelernt, später einmal, nach der Schule und so weiter, Clown in einem Zirkus werden und die Leute zum Lachen bringen.« Mit sarkastischer Ironie erinnert sich der Ich-Erzähler in dieser Novelle, die der Westberliner Schriftsteller Günter Grass, geboren 1927, im Jahre 1961 schrieb, an den einst bewunderten Gymnasiasten Mahlke und seine Geschichte. Die »ewige Maus« – das war dessen herausfordernd großer Adamsapfel, Symbol frühreifer Männlichkeit. Mahlke suchte nach Möglichkeiten, diese »Maus« tanzen zu lassen, ohne die »ewige Katze« herauszufordern. Im faschistischen Danzig während der Zeit des Krieges bietet sich ihm schließlich das Ritterkreuz als angemessene Deckung. Daß Mahlke sich damit etwas an den Hals geholt hat, was ihn doch noch, wenn auch gegen seinen Willen und auf mörderische Weise, zum Clown werden läßt, erscheint als tragischer Bodensatz der Novelle, die dank der hohen Erzählkunst von Günter Grass auch heute noch als gültige künstlerische Auseinandersetzung mit dem deutschen Kleinbürgertum in seiner Anfälligkeit für den Faschismus zu lesen ist.

Buchanfang:
... und einmal, als Mahlke schon schwimmen konnte, lagen wir neben dem Schlagballfeld im Gras. Ich hätte zum Zahnarzt gehen sollen, aber sie ließen. mich nicht, weil ich als Tickspieler schwer zu ersetzen war. Mein Zahn lärmte. Eine Katze strich diagonal durch die Wiese und wurde nicht beworfen. Einige kauten oder zupften Halme. Die Katze gehörte dem Platzverwalter und war schwarz. Hotten Sonntag rieb sein Schlagholz mit einem Wollstrumpf. Mein Zahn trat auf der Stelle. Das Turnier dauerte schon zwei Stunden. Wir hatten hoch verloren und warteten nun auf das Gegenspiel. Jung war die Katze, aber kein Kätzchen. Im Stadion wurden oft und wechselseitig Handballtore geworfen. Mein Zahn wiederholte ein einziges Wort. Auf der Aschenbahn übten Hundertmeterläufer das Starten oder waren nervös. Die Katze machte Umwege. Über den Himmel kroch langsam und laut ein dreimotoriges Flugzeug, konnte aber meinen Zahn nicht übertönen. Die schwarze Katze des Platzverwalters zeigte hinter Grashalmen ein weißes Lätzchen. Mahlke schlief. Das Krematorium zwischen den Vereinigten Friedhöfen und der Technischen Hochschule arbeitete bei Ostwind. Studienrat Mallenbrandt pfiff: Wechsel Fangball übergetreten. Die Katze übte. Mahlke schlief oder sah so aus. Neben ihm hatte ich Zahnschmerzen. Die Katze kam übend näher. Mahlkes Adamsapfel fiel auf, weil er groß war, immer in Bewegung und einen Schatten warf. Des Platzverwalters schwarze Katze spannte sich zwischen mir und Mahlke zum Sprung. Wir bildeten ein Dreieck. ........

Einbandentwurf: Lothar Reher

Verlag Volk und Welt, Berlin
Reihe:
›Volk und Welt Spektrum‹ 192
1. Auflage 1984  

14 November 2024

Theodor Fontane: L' Adultera – Die Ehebrecherin

Klappentext:
Kaum siebzehnjährig, heiratete die schöne Melanie aus angesehenem, doch unbegütertem Schweizer Adelshause den etwa dreißig Jahre älteren Kommerzienrat van der Straaten. Dessen Leidenschaft – er ist ein bekannter Sammler – gilt der bildenden Kunst. Aus Venedig hat er sich eine Kopie des Tintoretto-Gemäldes  „L'Adultera“ kommen lassen, weil er fühlt, daß seine Ehe auf schwankendem Boden steht. Trotz dieser zynischen Art, die Dinge zu sehen, zeigt sich seine junge Frau noch glücklich und zufrieden; sie hat zwei schöne Kinder, lebt völlig frei von finanziellen Sorgen und gehört zu den Lieblingen der Gesellschaft. Die Launen ihres Mannes erduldet sie, um besser mit ihm spielen und ihre eigenen Interessen wahren zu können.
In das auf diese Weise geordnete Familienleben tritt unversehens der junge Ebenezer Rubehn aus Frankfurt, der, Sohn eines befreundeten Bankiers, in Berlin eine Filiale eröffnen wird. Van der Straaten übernimmt es, ihn in seine Kreise einzuführen, und Melanie genießt die Besuche Rubehns als angenehme Abwechslung. Sie vergleicht den jungen, gefühlvollen Mann mit ihrem Gatten – und kann dessen Eigenarten bald nicht mehr ertragen. So treibt sie unaufhaltsam in die Arme des Jüngeren.
Der Kommerzienrat entdeckt, daß seine Frau mit ihrem Liebhaber fliehen will. Er ist bereit, ihr zu verzeihen. Doch seine sarkastische, die Liebe bagatellisierende Art stößt sie ab – sie geht, um mit dem anderen Mann neu zu beginnen, auch wenn die „gute Gesellschaft“ sie dafür mit Nichtbeachtung straft. Die sich im Unglück bewährende Liebe des jungen Paares bietet allerdings bald Anlaß zur Aussöhnung mit den Standesgenossen ...
Mit dieser Ehegeschichte eröffnete Fontane die Reihe seiner Berliner Gesellschaftsromane. Das Thema der Mißheirat aus Standesdünkel und Repräsentationssucht – hier in liebenswürdiger, geistreicher Art, ohne tragische Tiefe, vorgetragen – beschäftigte ihn noch des öfteren, bis ihm in „Effie Briest“ ein Meisterwerk gelang, das mit seiner schonungslosen Sicht auf den Mechanismus der feudal-bourgeoisen Gesellschaft und mit seiner vollkommenen Menschendarstellung zur Weltliteratur zählt.

Mit 10 Illustrationen von Ingeborg Lenz
Die Anmerkungen entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlages Berlin und Weimar der Ausgabe Theodor Fontane, Romane und Erzählungen in acht Bänden

Greifenverlag zu Rudolstadt
1. Auflage 1973
2. Auflage 1975
3. Auflage 1982
4. Auflage 1988 
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Verlagstext:
Mit Fontanes erstem Berliner Gesellschaftsroman „L' Adultera“ liegen rechtzeitig zum Fontane-Jahr 1998 fünf der beliebtesten Romane innerhalb der Großen Brandenburger Ausgabe vor. Anknüpfend an einen vielberedeten Skandal in Kreisen der Hochfinanz, erzählt „L' Adultera“, erstmals erschienen 1882, die Ehe- und Ehebruchsgeschichte der liebenswerten jungen Bankiersgattin Melanie Van der Straaten. Sie verläßt ihren Mann, die beiden Töchter, das angenehme Heim und geht an der Seite des Geliebten einen ungewöhnlichen Weg. Die Gesellschaft mißbilligt ihren Schritt und brüskiert sie auf schmerzhafte Weise. Doch ewig kann auch sie nicht den Richter spielen, und am Schluß stellt sich eine Balance her, die Weiterleben ermöglicht.

Einbandgestaltung Elli Graetz/Gerhard Kruschel

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
Reihe:
bb-Taschenbuch ; 469
1. Auflage 1981 

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Illustrationen: Regine Schulz
 
Verlag Neues Leben, Berlin
1. Auflage 1988 


06 März 2022

Erik Neutsch: Zwei leere Stühle – Novelle

Zwei Stühle bleiben leer bei einem Absolvententreffen: Uwe Tolls und Wolfgang Lichterfeld sind nicht erschienen. Der Ich-Erzähler, Direktor der Schule, geht den Lebensläufen seiner ehemaligen Schüler nach, fragt sich und andere, was mit ihnen geschehen ist, dem hochbegabten Lichterfeld, dem Klassenbesten, der Medizin studierte, und dem schwarzen Schaf der Klasse, Uwe Tolls, der überraschenderweise Offizier unserer Armee wurde. Aber die Fragen des Erzählers zielen über die Schicksale seiner Helden hinaus. Sie bewegen sich um das Problem der Erziehung als gesellschaftliche Aufgabe. Wie erziehen wir junge Menschen in der Schule? Lassen wir sie nach Zensuren jagen, wie beantworten wir ihre manchmal unbequemen Fragen? Erik Neutsch provoziert wie oft in seinen literarischen Arbeiten das schöpferisch-kritische Mitdenken, die Diskussion um erregende Fragen unseres Lebens.

Mitteldeutscher Verlag Halle – Leipzig, 1979
Kleine Edition

 

18 Oktober 2021

Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe


 "Gottfrieds Keller Erzählung hält, was sie verspricht. Wir entdecken beim Wiederlesen nicht nur mit stiller Begeisterung die alte unvergleichliche Schönheit wieder, welche diese Erzählung auszeichnet, sondern es treten auch stets neue Stellen hervor, die uns in ihrer unverfälschten Poesie bezaubern ... Von der traumhaften Todesfahrt der Liebenden sind wir heute ebenso tief ergriffen wie damals; was also ist in uns geschehen oder ist nicht geschehen, daß sich diese Erzählung trotz der ungeheuerlichen Ereignisse gleichbleiben konnte? Wir suchen nach einer Erklärung ... Können wir zum Beispiel an der Kathedrale von Rouen weiterdichten? Ist eine Bachsche Fuge in uns zu übersteigen? Ich möchte eher annehmen, wir bleiben hinter all diesen Phänomenen mit unserer Phantasie und unserer Erlebniskraft weit, weit zurück. In all diesen Werken ist ein bestimmtes Lebensgefühl zum vollendeten und unwiederholbaren künstlerischen Ausdruck geworden. Wir haben nicht zu ergänzende, abgeschlossene Gestalten vor uns, die jedes ihnen Nachschaffende und nach ihnen Kommende bereits Jahrhunderte vorher überholt haben." (Johannes R. Becher)

Reclams Universal-Bibliothek Band 158
Erzählende Prosa, Novelle

03 August 2021

Emil Koraloff: Perunika

Wer ist Perunika, dieses rätselhafte Mädchen? Eines Tages taucht sie in Sofia auf und findet bei dem Lehrer Draganow eine Anstellung und ein Zuhause. Sie ist bildschön, aber sie tut alles, um ihren Charme zu verbergen. Ihre Augen schauen ernst, sie künden von Geheimnissen, die auf Perunika lasten. Warum verbirgt sie ihre Vergangenheit, ihre Herkunft? Und mehr noch: Sie scheint ein Doppelleben zu führen. Vormittags arbeitet sie bei den Draganows, nachmittags betreut sie irgendwo "ihre Tante". Wer mag diese Tante sein? Der Student Ljudmil Draganow, der dem Zauber dieses Mädchens erliegt, folgt eines Tages ihrer Spur, um das Geheimnis zu lösen. Rätsel über Rätsel. Schlaglichtartig erhellt sich dann die tragische Verstrickung einer jungen Frau, die ihre bitteren Lebenserfahrungen überwindet und am Ende ihrer Vergangenheit einen neuen, sinnvollen Anfang findet.

Dem Autor ist hier eine der reizvollsten Frauengestalten der neueren bulgarischen Literatur gelungen. Eine sozialistische Novelle aus unseren Tagen. Eine Liebesgeschichte, zwei Generationen mit ihrem verfehlten und mit ihrem gewonnenen Glück umschließend.


Buchbeginn

Am steil abfallenden Ufer des Kanals standen zwei Frauen. Zu ihren Füßen schoß das Wasser dahin, als habe man ihm den Weg durch die Stadt eben erst freigegeben. Der Tag ging zu Ende, und das milde, rosige Licht des Himmels ließ die Umrisse der sechsstöckigen Gebäude längs der Boulevards weicher erscheinen; die hohen Häuserwände wirkten weniger kompakt und boten mit den blühenden Topfblumen auf den Balkons und in den Fenstern einen freundlichen Anblick.

Verlag der Nation Berlin 1968
Roman für alle, Band 179
Aus dem Bulgarischen von Hartmut Herboth
Einband und Titelvignette: Ingrid Schuppan

28 Mai 2021

Karl Grünberg: Es begann im Eden


 Der 60jährige Dichter der „Brennenden Ruhr“ und des Romans „Das Schattenquartett“, der auch durch sein Schauspiel „Golden fließt der Stahl“ bekannt geworden ist, läßt uns in Erinnerungsbildern von zwingender Gestaltungskraft das Berlin zwischen den Jahren 1919 und 1945 erleben.

Die Milieuschilderung auch dieser Novellentrilogie ist wieder meisterhaft, da der Dichter nur die Ereignisse sprechen und nur die Menschen handeln läßt.

Das Werk erhält seine besondere Bedeutung durch die authentische Darstellung der Flucht Wilhelm Piecks aus dem Hotel Eden im Jahre 1919.

Verlag Neues Leben Berlin 1958

15 Januar 2021

Maja Ganina: Im Sternbild der Zwillinge


 Krankheit stößt "normale" Wertmaßstäbe um, stellt bisher Gültiges in Frage. Diese Erfahrung, so banal wie wahr, hätte der Kunsthistorikerin Wera noch bis vor kurzem allenfalls ein überlegenes Lächeln entlockt. Nun macht sie sie buchstäblich am eigenen Leib. In einer Herzklinik wartet sie auf ihr Urteil: den ärztlichen Befund. Die knappe Zeitspanne wird ihr, der Beherrschten und Starken, zur Ewigkeit zwischen Hoffnung und elementarer Angst. Der Unzulänglichkeit des eigenen Körpers ausgeliefert und ringsum von Krankheit umgeben, die selbst Jugend und Schönheit nicht verschont, wird sie zunehmender unsicherer. Hat sie recht daran getan, dem Verstand im menschlichen Dasein den Vorrang zu geben? Kann sie, falls sich der schreckliche Verdacht auf eine bösartige Geschwulst bestätigt, ein erfülltes Leben beschließen? Viele Jahre hat sie in Indien verbracht und sich ausschließlich ihren Kunststudien gewidmet, sogar die einzige Liebe hat sie ihrem Hochmut und elitären Anspruch geopfert. Wera ist ratlos, und unter dem übergroßen Leidensdruck entwickelt sie erstmals Verständnis für ihre Mitmenschen. Doch da wendet sich alles zum Guten: Sie wird die Klinik als geheilt verlassen. Mitnehmen wird sie das Wissen um eigene Ohnmacht und fremden Schmerz...

Die russ. Schriftstellerin Maja Ganina (*1927) scheint bei uns recht unbekannt zu sein. Sie arbeitete als Technologin u studierte gleichzeitig am Literaturinstitut "Maxim Gorki". Sie reiste durch die Sowjetunion zu Großbaustellen in Sibirien und im Fernen Osten und besuchte Indien. Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte sie in literarischen Zeitschriften. 

Beginn
Mir hatte etwas geträumt: Lang zog es sich hin, ein herrliches Grün, noch immer wogte es vor meinen Augen, als ich sie aufschlug und blicklos die Zimmerdecke abtastete. Ein grünlicher Himmel, Wolkenstreifen im letzten Sonnenlicht, davor die grünen rauhen Wipfel der Toddypalmen: Indien oder Ceylon.
"Lebt Alka noch?" fragte Anja vom Nebenbett laut.
Anja senkte ihre Stimme nicht, obwohl es erst sieben war und alle versuchten, noch rasch etwas Schlaf aufzuholen: Es war eine schlechte Nacht gewesen. In unserem Zimmer war Anja der schwerste Fall: Mitralfehler, Aortenstenose, dazu noch eine absolute Arrhythmie. Sie lag oft und lange hier, deshalb fühlte sie sich als Hausherrin...

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1977
Edition Neue Texte
Aus dem Russischen übersetzt von Brigitta Schröder.
Mit einer Nachbemerkung von Herbert Krempien.

12 November 2020

Joseph von Eichendorff: Eichendorffs Werke in einem Band


 In diesem Sammelwerk, in dem natürlich nicht alle Werke von Eichendorffs aufgeführt werden konnten, kann man einer großen Auswahl seiner Gedichte von 1807 bis 1857 folgen, die 172 Seiten umfasst, und sich zwei seiner Erzählungen zu Gemüte führen: „Aus dem Leben eines Taugenichts“ und „Das Schloss Dürande“.

Die 1822 erschienene Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ gilt als sein bekanntestes Werk und umfasst zehn Kapitel. Darin schildert von Eichendorff die Abenteuer des jungen und naiv-sorglosen Mannes, der aufgrund seiner Ziellosigkeit und Faulheit von seinem Vater Taugenichts genannt wird und einzig mit seiner Geige im Gepäck in die Welt zieht. Dabei findet er sein Liebesglück.

In „Schloss Dürande“ wird das Grundthema in einen neuen, stärker gesellschaftlich geprägten Zusammenhang gestellt, der die geschichtliche Realität der Französischen Revolution einbezieht.

Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1. Auflage, 1967

Joseph von Eichendorff: Eine Meerfahrt

 Es sind spanische Seefahrer, kühne Gesellen, die sich im Jahre 1540 mit dem Schiff „Fortuna“ auf den Weg nach Übersee begeben. „Sie fuhren immerzu und wollten mit Gewalt neue Länder entdecken“, doch sie stranden vorzeitig und betreten ein fernes, unbekanntes Land.

Eichendorffs Konquistadoren haben tolle Gesichte, erkennen in der Walpurgisnacht die „Frau Venus“, die Inselkönigin, die ihr Volk vor der Herrschaft der Fremden bewahren will, und sie erfahren in der Geschichte des Einsiedlers von noch seltsameren Vorkommnissen.

In dieser historischen Novelle zeigt sich, ähnlich wie in seinem populärsten Werk, dem „Leben eines Taugenichts“, Eichendorffs „romantisches Schweben zwischen Phantasie und Realität“. In der „Meerfahrt“ werden seine Helden weder stilisiert noch harmonisiert, und die Gegensätze zwischen den weißen Eroberern und den Eingeborenen werden nicht romantisch verklärt – all das macht seine Prosa so modern.

Die Erzählung wurde erst in dem Nachlass Joseph von Eichendorffs (1788 – 1857) entdeckt und bisher nur selten veröffentlicht, sie erscheint nun zum 200. Geburtstag des Dichters.

Verlag der Nation, Berlin, 1. Auflage, 1988
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Joachim Lindner
Illustrationen von Brigitte Ullmann.

13 Oktober 2020

Marie von Ebner-Eschenbach: Die Freiherren von Gemperlein


 Die Brüder Friedrich und Ludwig aus dem uralten Geschlecht derer von Gemperlein - beide noch in den besten Jahren - haben sich auf ihr geliebtes Landgut in Mähren zurückgezogen. Der eine kaisertreu und konservativ, der andere Freidenker und Republikaner, verbringen sie ihre Tage damit, sich die Köpfe heiß zu reden und einander das Leben schwer zu machen. Doch als sich beide in ein und dieselbe Frau verlieben, spüren sie, wie sehr sie aneinander hängen, und jeder möchte dem anderen plötzlich den Vorzug lassen. Eine Frau fällt allerdings für keinen von beiden ab. Wie vordem ihre Zwietracht, bietet nun ihre übertriebene Fürsorge Anlaß zum Schmunzeln.

Marie von Ebner-Eschenbach setzt sich in ihren Novellen und Erzählungen kritisch mit der herrschenden Adelsklasse auseinander, die sie aus persönlicher Erfahrung nur zu gut kannte. Ihre Novelle "Die Freiherren von Gemperlein", die erstmals 1878 erschien, ist eine der besten Humoresken der österreichischen Literatur des 19. Jahrhunderts.

Verlag der Nation Berlin, 1. Auflage 1983
Illustrationen: Gerhard Oschatz
Nachwort und Anmerkungen: Fritz Böttger